zuletzt aktualisiert: 06.04.2007
Initiative Kirche von unten

Ev.  Kirchentag 2005 in Hannover - Veranstaltungsberichte und Hintergrundtexte


Andreas Heuser

Afrika Zentrum: Thementag: „Zusammen leben – Christen und Muslime in den Umbrüchen Afrikas“

Religion in Afrika spielte als Thema eine recht bescheidene Rolle im Verlaufe des diesjährigen Kirchentages. Eine Durchsicht des Programmangebots fördert zu Tage, dass allein das Afrika Zentrum sich in konzentrierter Form mit Fragen von Religion in Afrika befasste. Das Afrika Zentrum gestaltete einen Thementag, um die facettenreichen Gesichter von zwei maßgeblichen Religionen in Afrika, dem Christentum und dem Islam, zu beschreiben. Die Veranstaltung befragte die gegenwärtigen Gestaltungsräume beider Religionen im politischen Leben, setzte sich mit unterschiedlichen Erscheinungsformen des afrikanischen Christentums wie Islams auseinander, und beabsichtigte, unsere Wahrnehmung dieser religiösen Vielgestalt differenzierter voran zu treiben. Das Afrika Zentrum stellte den Tag unter das Motto: „ Zusammen leben – Christen und Muslime in den Umbrüchen Afrikas“. Der Vormittag gewichtete die Tradition des Christentums stärker, der Nachmittag fokussierte auf Erscheinungsformen und die Geschichte des afrikanischen Islams.

Zunächst einige Gedanken zum Tagesthema selbst, bevor wir einen intensiveren Blick werfen auf den ersten größeren Themenblock des Tages, der sich den verschiedenen Formen des afrikanischen Christentums zumindest annäherte. Die Tagesüberschrift „Zusammen leben“ muss vielen als Provokation erscheinen, denn zu sehr ist unser Bild von „Afrika“ vom Gegenteil geprägt: Im Blick auf die politische Kultur etwa stehen uns manch Schreckensgemälde vor Augen; wir sprechen von  Staatszerfall, von rechtsfreien Räumen, die von „war lords“ beherrscht werden, und von Genoziden, bei denen ethnisch motivierte Gewalt zum Tragen kommt. Und in vielen dieser Verfallsmomente drängt sich Religion auf als ein Element, das Konflikte eher schürt denn hemmt. Die Auflösung nationalstaatlicher Gebilde wird vielfach gar verknüpft mit der Darstellung von aggressiven Religionsformen in Afrika: man spricht von einem Wiederaufleben des „Okkultismus“, von „spiritueller Mobilmachung“ oder beobachtet eine Instrumentalisierung von Religion etwa im Blick auf einen vermeintlichen „christlichen Süden“ und einen vermeintlichen „muslimischen Norden“, wie etwa jüngst in der durch einen Bürgerkrieg geteilten Elfenbeinküste. Der Gebrauch von Religion dient zur politischen Territorialiserung, verhilft zu neuen Grenzziehungen, verlangt nach sozial-räumlicher Abgrenzung. In ungeschminkter Lesart könnte man sagen, dass Religion und Konfliktverschärfung als untrennbares Paar erscheinen, dass religiöse Motive sogar die sogenannten „ethnischen Säuberungen“ im wahrsten Sinne des Wortes befeuern. Auslöschung also erscheint als ordre du jour, keineswegs aber die in unserem Thema angesprochene Konvivenz, also das Ertragen und Begehen von religiöser Andersheit, um ein Zusammen leben auf tragfähiger Grundlage zu ermöglichen.

Zudem zählen unter ökonomischer Perspektive recht viele Länder des afrikanischen Kontinents zu den Armutsregionen der Welt. Angesichts der Armutsproblematik wäre es wohl angemessener und vielleicht sogar drängender von Techniken des Überlebens zu sprechen als von einem „Zusammen leben“. Dies sind einige der Bilder, die immer wieder in den Medien auftauchen. Sie verdichten sich in der Floskel vom „geschundenen Afrika“, die große Teile der bei uns gängigen Berichterstattung zu Afrika bestimmen.

Aber es werden auch andere, ungewohnte Stimmen laut. Und hier kommt wiederum Religion ins Spiel: seit einigen Jahren lässt sich beobachten, dass Religion dabei ist, Ideologie als Hauptbeweggrund für menschliches Handeln abzulösen. Derzeit gewinnt hinsichtlich des uns interessierenden Verhältnisses von Christentum und Islam in Afrika eine These des in Philadelphia lehrenden Philip Jenkins publizistisches Terrain. Für Jenkins spricht einiges dafür, dass das Christentum die Religion des 21. Jahrhunderts sein wird – weniger der Islam.

In diesem religiösen Panorama hat Afrika einen besonderen Status. Afrika wird innerhalb weniger Jahrzehnte das spirituelle Zentrum der Weltchristenheit sein – und die Formen, die dieses afrikanische Christentum annimmt, werden nicht mehr vom Norden diktiert.

Ein kursorischer Blick auf Zahlen bestätigt, dass sich gegenwärtig ein enormer religionsdemographischer Wandel vollzieht: Derzeit sind 48% der afrikanischen Bevölkerung, d.h. mehr als 390 Millionen Menschen, Christen. Im Jahr 2025 werden 50% aller Christen in Afrika und Lateinamerika leben. Die „südliche Christenheit“, so Jenkins, werde sich auszeichnen als eine “Dritte Kirche”: “Southern Christianity, the third Church, is not just a transplanted version of the familiar religion of the older Christian states; the New Christendom is no mirror image of the old. It is a truly and developing entity. Just how different from its predecessor remains to be seen.” (Jenkins: The Next Christendom: The Coming of Global Christianity, New York 2002, S. 75, 214, vgl. auch S. 216.)

Um zu beschreiben, was sich in der religiösen Landschaft Afrikas derzeit entfaltet, verweist Jenkins also auf eine sog. Dritte Kirche. Er nimmt damit eine Kategorie auf, die auf den katholischen Missionswissenschaftler Walbert Bühlmann zurückgeht. Er bezeichnete als „Dritte Kirche“ eine Kirche, die sich weder in unserer okzidentalen noch in der orthodoxen Ausprägung des Christentums spiegelt.

Der große Vormittagsblock widmete sich diesen sich abzeichnenden neuen Ausformungen eines afrikanischen Christentums. Als „main speaker“ war der Generalsekretär der Allafrikanischen Kirchenkonferenz (All African Conference of Churches), Rev. Dr. Mvume Dandala, eingeladen. Die All African Conference of Churches hat ihren Sitz in Nairobi und vertritt als ökumenischer Zusammenschluss von afrikanischen Kirchen mehr als 120 Millionen Christen aus 39 Ländern. Dandala, der selbst aus Südafrika stammt und der Methodistischen Kirche angehört, behandelte in seinem Vortrag zu den „Gesichtern des Christentums in Afrika“ mehrere Themenbereiche. Er formulierte erstens die These, dass christliche Ausdrucksformen relevant seien, um Nationen/Gesellschaften (nations) zu heilen und zu versöhnen. Er verschwieg nicht die Brisanz dieser These und belegte einige „shortcomings“ der Kirche in Afrika, also ihre historische und politische Verwobenheit mit Ethnizität, mit Kolonialismus. Aber das Christentum in Afrika, so postulierte er, habe immer wieder seine „Kapazitäten der Selbstkorrektur“ bewiesen. Zweitens sehne sich auch das Christentum in Afrika nach Einheit und leide unter Zersplitterung. Es gehe theologisch darum, eine gemeinsame christliche Identität zu formulieren. Wenn die heutige junge Generation in Afrika zwischen vielen verschiedenen Traditionen des Christentums wählen könne, sei dies nicht als Traditionsbruch zu verstehen, sondern als Zugewinn christlicher Freiheit. Die afrikanische Kirche könne nicht mehr von traditionellen Kirchenvermächtnissen ausgehen, von historischen, durch die Missionsgeschichte geprägten Kirchenregionen, sondern stehe vor der Aufgabe einer theologischen Alphabetisierung, um zwischen den unterschiedlichen christlichen Denominationen unterscheiden zu lernen bzw. Gemeinsames zu entdecken. Dennoch: in erster Linie gehe es darum, sich als Christen zu verstehen und eben nicht als „champions of denominationalism“. Drittens hob Dandala die große Herausforderung der afrikanischen Kirche hervor, die darin  bestehe, gemeinsame Institutionen zu schaffen, um sich in der Globalisierung zu verorten. Zu den Aufgaben dieser zu schaffenden Institutionen zähle es, ökonomische, politische und sozio-kulturelle Tendenzen in einer zusammen gerückten Welt zu lesen, um sich gegen die Übergriffe globaler Prozesse zu wehren und auch, um sich entschieden auf bestimmte Reize der Globalisierung einzulassen und sich mit der weiteren Welt zu vernetzen. Mit einem Seitenblick auf das umfassende Tagesthema beschloss er seinen Vortrag, indem er auf das Verhältnis von Christentum und Islam einging. Ihm zu Folge bestimmt die Auseinandersetzung der Kirchen mit den unterschiedlichen Ausprägungen des Islam in Afrika zunehmend das Krisenmanagement der Kirchen.

Die folgende Aussprache fügte dem von Dandala aufgerissenen Spektrum an Themen ein weiteres hinzu: das Aufkommen und die weite Verbreitung von Pfingstkirchen in Afrika. Dandala stellte sich der Diskussion und bestätigte z.B. die Frage, ob eine Konkurrenz zwischen Pfingstkirchen und mainline-Kirchen bestehe, nach kurzem Zögern mit „Ja“.

Der Gestus seiner Antwort lässt erkennen, dass nicht der inter-religiöse Dialog zwischen Christentum und Islam, sondern vielmehr der innerchristliche Dialog in nicht wenigen Fällen der schwierigere ist.

Die an das Referat von Dandala anschließende zweite Hälfte der Einheit zum afrikanischen Christentum bildete eine Podiumsdiskussion zu dem Leitthema: „Unruhe und Versöhnung – was hat das Christentum Afrika heute zu geben?“ Natürlich bestätigte bereits die vorherige Aussprache über den Vortrag Dandalas, dass das Christentum in Afrika keine standardisierte, keine homogen Größe ist. Daher scheint auch die Beschreibung zu grob geraten, mit der Bühlmann von einer „Dritten Kirche“ spricht, die sich in Afrika heraus bilde. In geradezu euphorischer Erwartung weist Jenkins dieser „Dritten Kirche“ an anderer Stelle gar „mit großer Wahrscheinlichkeit eine Führungsrolle innerhalb der christlichen Glaubensgemeinschaft“ zu! Allerdings scheint der Prozess einer Ausdifferenzierung im afrikanischen Christentum wesentlich komplexer zu sein, um von einer kompakten „Dritten Kirche“ sprechen zu können.

Es gibt scharfe Abgrenzungen zwischen kirchlichen Traditionen, beispielsweise zwischen historischen oder mainline Kirchen und sog. Neuen Kirchen, den charismatischen und (neo-) pentekostalen Bewegungen. Es gibt regionale Unterschiede und anders gelagerte sozialethische Herausforderungen. Diese Vielfalt verlangt geradezu danach, Differenzen genau wahrzunehmen und unterschiedliche kirchliche Konturen zu beschreiben. Dies spiegelte sich ein wenig in der Zusammensetzung des Diskussionsforums. Die Teilnehmenden waren, neben dem Südafrikaner Dandala, die aus Äthiopien stammende Aberash Dinsa. Sie kommt aus der Frauenarbeit der lutherischen Mekane Yesu Kirche. Aberash Dinsa äußerte sich u.a. zu der Frage, wie Frauen in Äthiopien den kulturellen Wandel bewältigen, der sich durch ihre Hinwendung zum christlichen Glauben ergibt. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählt des Weiteren die Aufklärung über HIV/AIDS wie die Betreuung von Hinterbliebenen der Opfer der Pandemie in den ländlichen Regionen Äthiopiens. Aber sie steht auch in Auseinandersetzung mit einem Thema, das auch in Deutschland in jüngster Zeit Schlagzeilen hervorbrachte, die Beschneidung von jungen Frauen und Mädchen. Schließlich sprach Dr. Pialo Maditoma, Pfarrerin der Église Presbyterienne de Togo, zu den Herausforderungen von charismatischen und Pfingstkirchen in Togo. Als Stipendiatin an der Missionsakademie an der Universität Hamburg  stellte sie einige Ergebnisse ihrer Studie zu diesem Kirchenspektrum vor. Es ist dies eine der ersten Beschreibungen des durch Pfingstkirchen angestoßenen religiösen Wandels in einem frankophon geprägten afrikanischen Land.

Wie ließe sich der Vormittag zu den Gesichtern des Christentums in Afrika zusammenfassen? Dazu gab es zwei inhaltliche Angebote in der Schlussmoderation: Erstens ergibt sich das Bild einer allmählichen Charismatisierung von historischen Kirchen in Afrika. Man kann so etwas wie eine Hybridisierung, das Verschmelzen von theologischen Traditionsbeständen durch die gelebte Frömmigkeit von Christen und Christinnen beobachten. Dadurch nehmen auch die sog. historischen Kirchen Elemente auf, die das – im weitesten Sinne – „charismatische“ Christentum ausmachen. Zu den spirituellen Anregungen zählen etwa Gebetsheilungen oder eine besondere Gewichtung von Frauengebetskreisen, die Einzug in das Frömmigkeitserbe von mainline-Kirchen erhalten. Dadurch werden u.a. Kirchenspaltungen und massenhafte Mitgliederwanderungen verhindert. Die enormen Herausforderungen, die das theologische Profil von charismatischen und pfingstlichen Kirchen an die historischen Kirchen stellen, lassen sich aber deutlich erahnen, wenn man eine Vergleichsstudie von Paul Freston heranzieht. Freston  macht vier charakteristische Konstanten von “Evangelikalen” (also charismatischen Kirchen etc.) weltweit aus (in: Evangelicals and Politics in Asia, Africa and Latin America, Cambridge, 2001: 2):
Konversion / conversion (emphasis on the need for change of life)
Evangelisation / activism (emphasis on evangelistic and missionary efforts)
Bibelzentriertheit / biblicism (a special importance attached to the Bible)
Erlösungsglaube / crucicentrism (centrality of Christ`s sacrifice on the Cross)

Hinzuzufügen wäre noch – in Verbindung mit Mission – die Erwartung des Kommens des Auferstandenen, also die Eschatologie (allerdings in unterschiedlichsten Versionen).

Daran anschließend ergibt sich zweitens die Frage, die den Schlussteil des Vormittags einnahm, ob es denn so etwas wie ein „afrikanisches“ Christentum überhaupt gibt und wie es sich charakterisieren ließe? Vielleicht beantwortet sich diese Frage annäherungsweise mit einem Seitenblick auf afrikanische Kirchen in Deutschland. M.E. ist – konfessionsübergreifend – festzustellen:
im afrikanischen Glauben ist die rituelle Begehung wichtig. Während für uns, (deutsche) Protestanten zumal, die Predigt zum entscheidenden Kriterium des Gottesdienstes gehört, spielt der Ritus im afrikanischen Glaubensleben eine hervorragende Rolle.

Afrikanische ChristInnen betonen einen gemeinschaftsbezogenen Glauben, also nicht so sehr (jedoch auch) einen individuell gelebten und erfahrenen Glauben. Dies äußert sich z.B. auch in der Haltung des „öffentlichen“ Individualgebets, des nach außen gekehrten und laut gesprochenen Einzelgebets im Gottesdienst.

Der Lobpreis Gottes spielt eine eminente Rolle, d.h. die Betonung der Angewiesenheit auf eine göttliche Macht, und die dankbare Annahme dieser Geschöpflichkeit. Aufgrund dieses Wissens um Abhängigkeit von der Macht Gottes gibt es keine Scheu, im öffentlichen Auftreten Gott und seine Menschenliebe zu bekennen.

Afrikanische Theologie könnte man auch als eine Gedächtnistheologie bezeichnen. Gedächtnistheologie bedeutet eine – sicherlich unterschiedlich ausgebildete –Ahnentheologie. Zumal in der europäischen Diaspora spielt der Rückbezug afrikanischer Christen auf die kulturellen und biblischen Wurzeln eine zentrale Rolle. Wo kommen wir her und wo sind wir? „Unser Glaube bezeugt keine Unterschiede der Rassen und Nationalitäten, unser Gedächtnis an Jesus Christus eint die Christenheit und macht uns zu Geschwistern im Herrn“ – so äußerten sich afrikanische Stimmen aus dem Zuhörerraum.

Diese Elemente fügen sich ein in eine Theologie des Lebens, die sich in jedem afrikanischen Gottesdienst ansteckend offenbart und Wege eines „Zusammenlebens“ eröffnen könnten.

Dr. Andreas Heuser
Profilstelle Ökumene und Bildung
Haus der Kirche
Frankfurter Str. 32
65549 Limburg