Ev. Kirchentag 2005 in Hannover - Veranstaltungsberichte und Hintergrundtexte
Gesichter
des Islam in Afrika
Zunächst
ist festzuhalten, dass es “den” Islam nicht gibt - weder in
geographischer oder kultureller, noch in politischer, und auch nicht in
religiöser, theologischer oder ideologischer Hinsicht. Das gilt auch für
den Islam in Afrika: Über Jahrhunderte hin hat der Islam hier neben
verschiedenen afrikanischen Religionen gelebt und ist mit
unterschiedlichen lokalen afrikanischen Kulturen enge Symbiosen
eingegangen. Deshalb weist der Islam in Afrika eine besondere Vielfalt
auf. Schon in seiner frühen Phase zeigt er in Nordafrika eine
Vielgestaltigkeit, die sich später, als er sich nach und nach in Regionen
südlich der Sahara ausbreitet, weiter ausdifferenziert. Seine Bandbreite
reicht von gesetzesorientierten Traditionen bis hin zum volkstümlichen
Mystizismus. Auch die unterschiedlichen Formen und Träger der
Islamisierung haben dazu beigetragen, dass der Islam in den verschiedenen
Regionen Afrikas eine außerordentliche Vielfalt ausbilden konnte. So gibt
es heute viele unterschiedliche, auch gegenläufige und widersprüchliche
Entwicklungen, die sehr schwer einzuschätzen sind und es ratsam
erscheinen lassen, sich mit Aussagen über “den” Islam in Afrika zurückzuhalten.
Im
Folgenden will ich zunächst die Geschichte des Islams in Afrika
skizzieren (1). Anschließend werde ich versuchen, die schier unendliche
Vielfalt des afrikanischen Islams grob zu ordnen und in seinen Hauptströmungen
stichwortartig zu charakterisieren. Dabei konzentriere ich mich auf jüngeren
Entwicklungen, die ich an einigen Beispielen illustrieren will (2).
1.
Islam in Afrika - afrikanischer Islam: historische Entwicklungen
1.1.
Nordafrika und der Sudan
Im
Gefolge der arabischen Eroberungen kann der Islam bereits im 7. Jh.
christlicher Zeitrechnung in Nordafrika Fuß fassen. Dabei erlangten zunächst
islamische Sondergemeinschaften maßgeblichen Einfluss; erst ab dem 11.
Jh. ist eine von Sunniten getragene umfassende Islamisierung der Region zu
verzeichnen. Bis weit in das 19. Jh. hinein sichern zunächst kleinere
Dynastien bzw. eine - oft nur nominelle - Oberherrschaft des Osmanischen
Reiches die Unabhängigkeit der Region von den europäischen Mächten,
denen es aber schließlich doch gelingt, nach und nach das Gebiet unter
ihre Kontrolle zu bekommen. Der antikoloniale Kampf wird in Nordafrika ab
dem 19. Jh. vornehmlich unter dem Banner des säkularen Nationalismus geführt.
Erst viele Jahre nach der Unabhängigkeit formieren sich im Rahmen des
weltweiten islamischen Aufbruchs der 70er Jahre des 20. Jh.s politische
Bewegungen zunehmend unter Bezug auf islamische Symbolik, und verschiedene
Formen des politischen Islams gewinnen an Einfluss. Darüber hinaus
bleiben bis in die Gegenwart hinein jedoch auch noch andere
Ausdrucksformen des Islams für den nordafrikanischen Raum bestimmend,
namentlich volksreligiöse Traditionen der Heiligenverehrung sowie ein
urban geprägter “Gelehrten-Islam”.
Bereits
im ersten Jh. seiner Geschichte dringt der Islam von Ägypten aus auch
nilaufwärts in die Region des östlichen Sudangürtel vor, kann jedoch
nur im Nordteil Fuß fassen. Im 19. Jh. führt das Scheitern des zunächst
erfolgreichen sog. Mahdi-Aufstandes dazu, dass die Region unter britische
Kontrolle gerät. In der Folge legen die Briten mit ihrer Religionspolitik
letztlich den Grundstein für die Spaltung des Landes in einen arabisch
geprägten, islamischen Nordsudan und einen afrikanisch geprägten,
teilchristianisierten Südsudan. Damit hinterlassen sie dem jungen
Nationalstaat ein schweres, bis in die Gegenwart spürbares Erbe.
1.2.
Westafrika
Der
Islam erreicht die südlich der Sahara gelegenen Gebiete über die großen
Karawanenstraßen der Sahara und des Niltals sowie über die Seerouten
entlang der ostafrikanischen Küste. In Westafrika findet der Islam
bereits im 8. Jh. Eingang, und zwar durch nordafrikanische Händler. Seine
Präsenz beschränkt sich aber zunächst vornehmlich auf die städtischen
Zentren der großen Sahel- und Sudan-Reiche. So ist der Aufstieg des Königreichs
Mali, (11. bis 16. Jh.) eng mit dem Islam verknüpft. Weiter östlich am
Nigerbogen erlangte ab dem 16. Jh. der Islam bei den Herrschern des
Reiches von Songhai an Bedeutung, und noch weiter im Osten, in der Region
um den Tschad-See, hatte sich bereits im 11. Jh. christlicher Zeitrechnung
der Herrscher von Kanem-Bornu zum Islam bekehrt. Doch in allen diesen
Reichen konnte der Islam zunächst nur am Hofe und in recht oberflächlicher
Form Fuß fassen, als Herrscher- und Oberschichten-Religion in Gestalt
eines “imperialen Kultes”, bei dem die Herrscher die Dienste der
islamischen Gelehrten für administrative Zwecke nutzten, unter der
islamischen Oberfläche jedoch den afrikanischen Traditionen huldigten.
Erst
ab dem 16. Jh. dringt der Islam in Westafrika allmählich in ländliche
Gebiete vor. Auch dort vermischt er sich mit traditionellen Praktiken.
Immer wieder polemisieren islamische Gelehrte gegen diese Formen des
“synkretistischen” Islam. Doch erst die sog. jihâd-Bewegungen des 17. und 18. Jh.s markieren hier einen gewissen
Umschwung. Dabei handelt es sich um radikale Reformbewegungen, die mit dem
Anspruch auftreten, den Islam vor Vermischung zu schützen bzw. von allem
„Unislamischen“ zu reinigen. Die Aktionen wenden sich dabei
vornehmlich gegen das Establishment und die traditionellen Herrscher,
denen der Vorwurf gemacht wird, den wahren Islam preisgegeben zu haben.
Das bekannteste Beispiel dieser Bewegungen ist der sog. Fulani-jihâd
des Usman dan Fodio (1754-1817), dessen Sohn Muhammad Bello im 19. Jh. das
Sultanat von Sokoto (im heutigen Nordnigeria) gründet. Bemühungen, eine
striktere Beachtung des islamischen Rechts durchzusetzen, sind allerdings
nur teilweise erfolgreich. Immerhin bewirken die jihâd-Bewegungen, dass sich der Islam in Westafrika weiter
konsolidieren kann, wenngleich seine Akteure letztlich hinter dem
selbstgesteckten Ziel zurückbleiben, den Islam von allen nichtislamischen
Elementen zu reinigen. Die Verwurzelung des Islams im afrikanischen
Kontext ist auch in den vom jihâd
geprägten Regionen weiterhin dem mystisch geprägten Volksislam zu
verdanken.
Zur
Kolonialzeit zeigt sich der westafrikanische Islam in seinen politischen
Intentionen durchaus widersprüchlich: Einerseits gilt er als Religion des
anti-kolonialen Widerstands, andererseits gibt es Beispiele enger
Kooperation mit den Kolonialverwaltungen. Auffällig ist jedenfalls, dass
sich der Islam zur Kolonialzeit schneller und erfolgreicher als je zuvor
verbreiten kann. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen. So bewirkte
unter anderem das System der sog. “Indirekten Herrschaft” in einigen
Regionen, insbesondere in Nordnigeria, eine Konsolidierung der
traditionellen islamischen Systeme und der kulturellen Hegemonie des
Islams, indem die traditionellen islamischen Strukturen - beispielsweise
die des Emirat-Systems im Sokoto-Sultanat - gestärkt wurde.
In
der Frühphase der Unabhängigkeit spielt der Islam in Westafrika eine nur
untergeordnete Bedeutung. Erst in den letzten Jahrzehnten versucht sich
das wachsende religiöse, kulturelle und politische Selbstbewusstsein der
Muslime auch in dieser Region mehr Gehör zu verschaffen. Das zeigt sich
etwa an der seit längerem in Nigeria geführten shari‘a-Debatte:
Hier fordert eine wachsende Anzahl von Muslimen, dem islamischen Recht
eine verfassungsmäßige Geltung einzuräumen. Damit wird der seit dem
Ende der Kolonialzeit bestehende Konsens über den säkularen
Nationalstaat grundsätzlich in Frage gestellt.
1.3.
Ostafrika und Südafrika
Am
Horn von Afrika kann der Islam nur in jenen Gebieten Fuß fassen, die
nicht dem christlichen Königreich unterstehen. Südlich davon bildet sich
an der Küste aus arabisch-persisch-afrikanischen Elementen die
Swahili-Kultur, die nach der Vertreibung der Portugiesen insbesondere im
18. und 19. Jh. ihre Blütezeit erlebt. Erst in der modernen Kolonialzeit
jedoch kann sich der Islam entlang der großen Handelsrouten auch ins
Landesinnere ausbreiten.
Ein
völlig anderes Gepräge hat der südafrikanische Islam: Seit dem späten
17. Jh. werden aus Südostasien und Bengalen muslimische Sklaven ins südliche
Afrika deportiert, und im 19. Jh. siedeln sich große Immigrantengruppen
aus Indien in Südafrika an, unter ihnen auch viele Muslime. Somit ist der
Islam in dieser Region stärker von süd- und südostasiatischen
Traditionen beeinflusst und hat - nicht zuletzt auch in der
Auseinandersetzung mit dem Apartheitssystem - ganz eigenständige
Ausdrucksformen entwickelt, die sich von anderen Ausprägungen des
afrikanischen Islams deutlich unterscheiden.
2.
Die Vielfalt des afrikanischen Islams
Aufgrund
der Vielfalt seiner Herkunftsregionen und der Vielfalt der kulturellen
Kontexte, wo er Fuß fassen konnte, hat der Verlauf der Islamisierung in
Afrika viele “afrikanischen Islame” hervorgebracht. Wie einer meiner
Kollegen, Prof. Roman Loimeier, einmal treffend festgestellt hat, ist
alleine schon der afrikanische Kontinent “zu groß, um nur eine
Interpretation von Islam zu beherbergen; aber afrikanische historische
Erfahrungen mit dem Islam sind auch viel zu unterschiedlich, um die
Vorstellung eines einzigen ‘Afrikanischen Islam’ zu unterstützen.
Islam in Afrika verkörpert heute ein verwirrendes Spektrum der vielfältigsten
Interpretationen und Zusammenhänge von Islam”.
Hinzu
kommt noch etwas anderes: Seit den letzten drei oder vier Jahrzehnten können
wir im afrikanischen Islam - wie auch in anderen Regionen der Welt - eine
neue Vitalität des Islams beobachten: das Entstehen rigider Formen von Frömmigkeit
und Glaubenseifer wie auch ein Erstarken des politischen Islam, die
Dynamik neuer Reformbewegungen ebenso wie das Aufkommen militanter Formen
des Islams. Dabei handelt es sich durchweg um moderne Phänomene,
wenngleich ihre historischen Wurzeln weit in die islamische Geschichte zurückreichen
mögen. Die überwältigende Mehrheit der afrikanischen Musliminnen und
Muslime jedoch gehört nach wie vor eher “traditionellen” Formen des
Islams an, wie sie sich im Laufe der jahrhundertelangen
Islamisierungsgeschichte herausgebildet haben.
Ganz
grob lassen sich in der Vielfalt des Islams in Afrika zwei Hauptströmungen
unterscheiden:
1. Ein traditioneller afrikanischer Islam, der Islam der Afrikanischen
Tradition, und
2. Ein neuer afrikanischer Islam, der Islam der dynamischen Vitalisierung
muslimischen Selbstbewusstseins.
2.1.
Der traditionelle afrikanische Islam, der Islam der Afrikanischen
Tradition
Zunächst
zum traditionellen afrikanischen Islam. Er hat sich im Laufe der
Islamisierungsgeschichte Afrikas herausgebildet, die vornehmlich von drei
Gruppen getragen war:
- nomadischen bzw. halbnomadischen Ethnien,
- muslimischen Händlern, und
- islamischen “religiösen Experten”.
Diese
Träger der Islamisierung brachten den Islam in die verschiedenen Regionen
Afrikas, wo er zwei spezifische Ausprägungen entwickelte:
Zum
einen ist der afrikanische traditionelle Islam durch sein ethnische
Vielfalt charakterisiert, da er von verschiedenen ethnischen Gruppen
auch auf ganz verschiedene Weise adaptiert wurde. Konsequenterweise hat
der traditionelle afrikanische Islam die Gestalt eines
“Bindestrich-Islams” angenommen: als Hausa-Islam, Fulani-Islam,
Swahili-Islam, usw.
Zum
anderen sollte bald den Bruderschaften eine der tragenden Rollen,
wenn nicht gar die tragende
Rolle im afrikanischen Islam zufallen. Heute gehört die überwältigende
Mehrheit der afrikanischen Muslime einer der Bruderschaften an oder ist
ihnen eng verbunden. Obgleich die Bruderschaften kein spezifisch
afrikanisches Phänomen sind, wurden sie doch das Rückgrat und der
Lebensnerv des afrikanischen Islam, als sie im späten 17./frühen 18. Jh.
in Westafrika und im 19. Jh. in Ostafrika von Nordafrika und den
islamischen Kernlanden her auch in den Regionen südlich der Sahara Fuß
fassen konnten:
So
haben sie sich etwa von Beginn an um die religiöse Unterweisung gekümmert.
Eine
wichtige Rolle spielt dabei auch ein komplexes System der Initiation, der
Einweihung in die religiöse Gemeinschaft, durch die der Adept ein
spirituelles Band zum Gründer der Bruderschaft knüpft; die Bruderschaft
bietet auf diese Weise ein geistliches Zuhause.
Zudem
hat der Marabout, wie die Gestalt des religiösen Experten genannt wird,
der einer Bruderschaft mehr oder weniger verbundenen ist, in vielerlei
Hinsicht die Rolle und die Funktionen der traditionellen afrikanischen
religiösen Spezialisten übernommen.
Auf
diese Weise wurden die Bruderschaften zu den bedeutsamsten Akteuren der
Islamisierung Afrikas. Noch heute speilen sie eine zentrale Rolle im
Bereich der “islamischen Katechese”, der muslimischen religiösen
Unterweisung, tragen auf diese Weise zur Vertiefung islamischer Frömmigkeit
bei und stärken den Zusammenhalt der Muslime.
Trotz
aller Kritik seitens radikaler islamischer Bewegungen sind die mystischen
Bruderschaften nach wie vor ein, vielleicht sogar der bedeutsamste religiöse
Faktor im afrikanischen Islam. Die Stärke dieser Bruderschaften verdankt
sich - zumindest teilweise - der Tatsache, dass sie Raum für die Adaption
traditioneller afrikanischer Vorstellungen und Praktiken lassen. Dadurch
wurde die Entwicklung eines volkstümlichen Islam gefördert, der durch
Heiligenverehrung, religiös-therapeutische Praktiken, Techniken des
Umgangs mit Geisterbesessenheit und ähnlichen Phänomenen gekennzeichnet
ist, die in Afrika noch weit verbreitet sind.
Typisch
für den afrikanischen Islam südlich der Sahara ist, dass der Prozess der
Islamisierung nicht generell mit einem Prozess der Arabisierung verbreitet
war - von Ausnahmen wie dem Sudan und Teilen des Horns von Afrika einmal
abgesehen. Mit der Entstehung moderner islamischer Bewegungen in Afrika
hat sich dies jedoch verändert.
2.2.
Der neue afrikanische Islam, der Islam der dynamischen
Vitalisierung muslimischen Selbstbewusstseins
Damit
komme ich zur zweiten Richtung, die sich heute im afrikanischen Islam
findet. Sie verdankt sich, wie gesagt, einer verstärkten Hinwendung
afrikanischer Musliminnen und Muslime zum Islam. Die dadurch neu
aufgebrochene Vitalität des Islams hat während der letzten Jahre und
Jahrzehnte in einer Vielfalt von Formen und Aktivitäten Ausdruck
gefunden. Was ich als “neuen afrikanischen Islam” bezeichnet habe, ist
ein Konglomerat von Trends und Tendenzen, die anderweitig “Islamisches
Wiedererwachen”, “Reformismus”, “Wiedererstarken”,
“Re-Islamisierung”, “Islamischer Fundamentalismus”, “Islamischer
Radikalismus” oder “Islamismus” genannt werden.
Im
Blick auf die breite Vielfalt der hier beobachtbaren Phänomene möchte
ich zwischen zwei “idealtypischen” Formen unterscheiden, in denen
diese Dynamisierung des afrikanischen Islams Ausdruck findet, wenngleich
diese idealtypischen Formen durchaus vielfach ineinander verwoben sein mögen.
Einerseits
gibt es ganz generell eine wachsende Zuwendung zum Islam und ein
zunehmendes islamisches Selbstbewusstsein unter den afrikanischen
Musliminnen und Muslimen. Dies spiegelt sich beispielsweise in der
wachsenden Beachtung religiöser Verhaltensweisen, in einer Zunahme des
Interesse an religiöser Bildung, und im Bemühen darum, islamische Werte
und Traditionen zu vertiefen und zu pflegen, wozu dann auch gehört, sie
von allen synkretistischen, tatsächlich oder vermeintlich
nicht-islamischen Elementen zu reinigen.
Auf
der anderen Seite gibt es aber auch Bemühungen von verschiedenen Gruppen
und Bewegungen, den Islam als ein totales, alle Lebensbereiche umfassendes
und regulierendes System den afrikanischen Gesellschaften aufzuerlegen.
Entsprechend diesem islamischen “Integrismus” sollen alle Facetten des
Lebens in striktester Übereinstimmung mit islamischen Vorgaben geregelt
werden. Der Islam wird damit in eine Ideologie verwandelt, die alle
Aspekte des Lebens umfasst.
Um
die beiden Ausdrucksformen dieses “neuen afrikanischen Islams” zu
verstehen, muss ich zunächst noch einen kurzen Blick in seine
Entstehungsgeschichte werfen: Als fast die gesamte islamische Welt im Zuge
der kolonialen Expansion Europas direkt oder indirekt unter europäische
Herrschaft geriet, überkam viele Muslime das Gefühl, “dass mit der
islamischen Geschichte irgendetwas nicht ganz stimmt”. In den
islamischen Kernlanden gab es bereits im 19. Jh. verschiedene Bemühungen,
in kritischer Auseinandersetzung mit dem westlichen Abendland authentische
islamische Werte wiederzuentdecken und sich an ihnen zu orientieren. Dies
erhielt im subsaharischen Afrika jedoch eigentlich erst in den 1960er
Jahren, also nach dem Ende der Kolonialzeit, seine eigentliche
Dringlichkeit und Schärfe. Denn erst nach Erreichen der politischen Unabhängigkeit
wurde den Muslimen die ganze Tragweite der Veränderungen bewusst, die das
koloniale Zwischenspiel mit sich gebracht hatte: die Auflösung
traditioneller islamischer Institutionen, eine gewisse Abgeschiedenheit
von Entwicklungen in der weiteren islamischen Welt, der wachsende Einfluss
westlicher Denk- und Lebensformen, die wirtschaftliche Orientierung an
Europa sowie eine daraus resultierende Ausrichtung der Ökonomie auf die
davon profitierenden Regionen, die politische Schicksalsgemeinschaft der
Nation, zu denen die Muslime mit Nichtmuslimen in modernen Nationalstaaten
nach westlichem Zuschnitt auf Gedeih und Verderben zusammengeschweißt
waren, um nur einige Dinge zu nennen.
Eine
mögliche Reaktion hierauf bestand darin, den Islam selbst zu
modernisieren und zu reformieren. Das stärkte Trends, die bereits in früheren
historischen Phasen auf die Entwicklung des afrikanischen Islams immer
wieder Einfluss genommen hatten:
Ende
des 18. Jh.s beispielsweise war auf der arabischen Halbinsel eine Bewegung
entstanden, die zunächst in Nordafrika, dann auch in Afrika südlich der
Sahara wachsenden Einfluss gewann: die Wahhabiyya, so genannt nach ihrem Gründer Muhammad Ibn Abd
al-Wahhab (1703-91), der sich insbesondere gegen die mystischen
Bruderschaften wandte und alle volkstümlichen Praktiken als unislamische
Neuerungen (arabisch. bida‘,
sg. bid'a) verwarf.
Eine
weitere Richtung, die zunächst in Nordafrika, später auch im
subsaharischen Afrika Fuß fassen konnte, gehörte in den Dunstkreis einer
modernistischen Reformbewegung, die um die Wende vom 19. zum 20. Jh. als Salafiyya
bekannt wurde. Nach Ansicht der Salafiyya
ist der Verfall des Islams und der Aufstieg des europäischen
Kolonialismus nur dadurch aufzuhalten, dass die Muslime zu den Wurzeln des
Islams zurückkehren - eben zum reinen Glauben der Altvordern (arabisch. salaf),
zur Praxis der ersten Generation der Muslime. Im 20. Jh. differenzierte
sich die Salafiyya dann in
unterschiedliche Zweige und Bewegungen aus und entwickelte ein breites
Spektrum von Strömungen, die von einem liberalen, sogar säkularen
Reformflügel bis hin zu radikalen politischen Bewegungen wie
beispielsweise der der Muslim-Brüder und anderen, z.T. militanten Gruppen
reichte.
Alle
diese Trends fanden ab der frühen Unabhängigkeit auch in den
afrikanischen Islam verstärkt Eingang, wo sich afrikanische Muslime darum
bemühten, ihre Identität und ihr Verhältnis zu den kulturellen Werten
und Normen des Abendlandes neu zu definieren und eigenständige Konzepte für
die politischen und sozialen Rahmenbedingungen zu entwickeln. Inzwischen
vollziehen sich diese Überlegungen in einem veränderten historischen
Kontext: Die afrikanischen Muslime sind aus dem Bannkreis des kolonialen
Traumas herausgetreten und machen sich daran, die Auswirkungen des
Einbruchs der Moderne auf die islamischen Gemeinschaften in Afrika
selbstbewusst zu analysieren. Im Zentrum ihrer Kritik stehen dabei
insbesondere Instrumente, Institutionen und Organisationen
nicht-islamischer Herkunft: Ob UNO oder Afrikanische Union, ob
Nationalstaat oder regionaler Staatenverbund, ob Bundes-, Landes- oder
Bezirksregierungen, ob Gewerkschaften oder Arbeitgeberverbände - sie alle
haben auf die Herausforderungen der nachkolonialen Zeit, falls überhaupt,
nur mit mäßigem Erfolg reagieren können - Herausforderungen wie:
zwischenstaatliche und innergesellschaftliche Konflikte, soziale
Ungerechtigkeit und ungleiche Verteilung des Reichtums, Verfall des
staatlichen Erziehungs- und Gesundheitswesens, Arbeitslosigkeit, Gewalt
und Kriminalität , Diktatur, Ausbeutung und Unterdrückung, die
pandemische Ausbreitung von Malaria und AIDS... kurz: alles, was Afrika
als Kontinent der Krise erscheinen lässt.
Die
Instrumente und Instrumentarien “westlicher” Herkunft haben jedoch
nach islamischer Meinung keine Antwort auf alle diese Probleme geben können
- mehr noch: sie selbst erscheinen inzwischen vielen afrikanischen
Muslimen als Teil des Problems. So blicken viele afrikanische Muslime
heute nicht mehr neidvoll-ehrfürchtig auf die Errungenschaften des
Abendlandes, sondern orientieren sich an einem Referenzrahmen, der ihnen
Authentizität, Identität und Selbstbewusstsein vermittelt: dem Islam.
Dieser Perspektivenwechsel ist dadurch erleichtert worden, dass eine Reihe
von islamisch geprägten Staaten einen Teil des Überschusses aus ihren
Erdöleinnahmen dafür eingesetzt hat, ihre Beziehungen zu muslimischen
Gemeinschaften in verschiedenen Regionen der Welt und insbesondere in
Afrika zu intensivieren. So ist auch der afrikanische Islam an
Entwicklungen in der weiteren islamischen Welt heute stärker eingebunden
als je zuvor.
2.3.
Aspekte des “neuen afrikanischen Islams”
Auch
die von mir als “neuer afrikanischer Islam” bezeichnete Gestalt des
Islams in Afrika, der Islam der dynamischen Vitalisierung islamischen
Selbstbewusstseins, bleibt bei allen Gemeinsamkeiten noch recht vielfältig.
Ich will im Folgenden lediglich drei Aspekte herausgreifen, die einige
Trends dieses “neuen afrikanischen Islams” illustrieren, ohne dass er
damit in seiner Gänze und Vielfalt auch nur annähernd beschrieben wäre;
aber die Beispiele stehe doch für einige ganz signifikante Entwicklungen,
die indirekt auch für die christlich-islamischen Beziehungen ihre
Auswirkung haben:
2.3.1.
Islamischer Internationalismus.
Bereits
in vorkolonialer Zeit hat zwischen den muslimischen Gemeinschaften in
Afrika und der weiteren islamischen Welt ein enger kultureller Austausch
bestanden. Die Institution des hajj, der Pilgerfahrt, hat entsprechende Kontakte ebenso ermöglicht
wie die Netzwerke der Händler oder der muslimischen Bruderschaften oder
das Studium an Zentren der islamischen Bildung. Seit der Unabhängigkeit
sind große internationale Organisationen darum bemüht, diese Beziehungen
zu verstetigen und zu institutionalisieren, wie z.B. die Liga
der Islamischen Welt, die 1989 im nigerianischen Abuja gegründete Islam-in-Afrika-Organisation
oder die Organisation der
Islamischen Konferenz. Indem der islamische Internationalismus die
Beziehungen der afrikanischen Muslime zur weiteren islamischen Welt fördert,
stärkt er zugleich ihre religiöse Identität und ihre politische
Artikulationsfähigkeit.
2.3.2.
Islamisierung des Bildungswesens.
Auf
dem Gebiet der Bildung und Erziehung ist der afrikanische Islam während
der letzten Jahrzehnte in die Offensive gegangen und besinnt sich
zunehmend auf seine eigenen Kräfte: Zunächst waren viele afrikanische
Muslime davon ausgegangen, dass das Ideal der islamischen Emanzipation
durch westliche Schulbildung zu erreichen sei. Doch inzwischen erscheint
ihnen die Vermittlung von islamischen Grundwerten als Schlüssel zum
Erreichen sozialer Gerechtigkeit und kultureller Gleichberechtigung. Auch
die Pflege des Arabischen hat in diesem Zusammenhang an Bedeutung gewonnen
und gilt vielen afrikanischen Muslimen als Bedingung der Möglichkeit
einer authentischen Verständigung im Geiste des Islams über alle
ethnischen Grenzen hinweg. Nun hat die Islamisierung des Erziehungswesens
in den verschiedenen Ländern Afrikas durchaus unterschiedliche Formen
angenommen. Dennoch trägt sie überall in ähnlicher Weise zur
Profilierung der muslimischen Gemeinschaften bei und stärkt das
kulturelle, religiöse und politische Selbstbewusstsein der afrikanischen
Muslime in ihren jeweiligen regionalen und lokalen Kontexten. Dabei sind
die islamischen Bildungsinstitutionen in den meisten afrikanischen Ländern
nur ansatzweise in das öffentliche Erziehungssystem integriert. Doch das
spielt kaum eine Rolle; entscheidend ist vielmehr, dass sie einen
konstitutiven Faktor für die Ausbildung einer islamischen Identität der
jeweiligen muslimischen Gemeinschaften darstellen.
2.3.3.
Islamische “pressure groups” und neue islamische Eliten.
Von
besonderer Bedeutung für den afrikanischen Islam ist die Entstehung einer
Schicht von Gelehrten und Intellektuellen, die als politische
Interessengruppe die Führungsrolle in ihren muslimischen Gemeinschaften
beanspruchen. Seit Ende der 1970er Jahre betritt eine neue Generation von
Muslimen die politische Bühne. Als intellektuelle Avantgarde verfügen
sie großteils nicht nur über eine solide westliche Bildung, sondern
besitzen auch eine fundierte islamische Erziehung und glauben aufgrund
ihrer Doppelqualifikation gegenüber den traditionellen Gelehrten oder den
nur westlich ausgebildeten Intellektuellen über die besseren Führungsqualitäten
zu verfügen. Zudem gelten sie in den Augen ihrer muslimischen Landsleute
als bestens gerüstet, sowohl gegen die zerstörerischen Einflüsse des
modernen Säkularismus vorzugehen als auch die lähmende Stagnation des
traditionellen Islam überwinden zu können. Schließlich verdankt sich
die Hochschätzung dieser politischen Interessengruppen auch der Tatsache,
dass sie angesichts des wachsenden Individualismus, der im Zuge der großen
gesellschaftlichen Wandlungsprozesse auch im Kontext des afrikanischen
Islam immer mehr an Bedeutung gewonnen hat, Halt und Orientierung bieten.
Vielen afrikanischen Muslimen gelten sie als Prototypen einer islamischen
Moderne jenseits westlicher Lebensformen.
3.
Schluss
Der
afrikanische Islam hat nichts von seiner Vielfalt eingebüßt, doch
konnten in den letzten Jahren und Jahrzehnten neue islamische Bewegungen
an Bedeutung gewinnen. Diese wenden sich gegen den Einfluss von
Verwestlichung und Säkularisierung, brandmarken das Versagen der
Regierungen, ziehen mit heftigen Attacken gegen die Repräsentanten des
traditionellen islamischen Establishments zu Felde und stellen die tatsächliche
oder vermeintliche Rückständigkeit der mystischen Bruderschaften und der
Volksreligiosität an den Pranger. Doch nicht nur für diese neuen
islamischen Bewegungen, sondern für den afrikanischen Islam insgesamt ist
festzustellen, dass die Muslime in engagierter Weise versuchen, im Kampf
um kulturelle Selbstbehauptung, soziale Akzeptanz und politische
Einflussnahme neue Strategien zu entwickeln, die sich explizit an
islamischen Werten und Normen orientieren. Dies geschieht vor dem
Hintergrund vielfältiger Herausforderungen und krisenhafter Entwicklungen
auf dem afrikanischen Kontinent sowie im Lichte neuer Perspektiven, die
sich für den afrikanischen Islam in den letzten Jahren aufgrund
unterschiedlicher interner und externer Entwicklungen ergeben haben - und
ich habe zur Illustration hierfür den islamischen Internationalismus, die
an islamischen Werten orientierten Bildungsoffensive und die Profilierung
einer neuen Generation muslimischer Intellektueller angeführt.
Afrikanische
Muslime entwickeln ihre eigene Vision von der Zukunft des afrikanischen
Kontinents. Sie agieren auf der politischen Bühne Afrikas als ganz
bewusste und selbstbewusste Muslime. Das berührt selbstverständlich auch
Fragen der christlich-muslimischen Beziehungen und bringt bisweilen
Probleme für das interreligiöse Zusammenleben mit sich, birgt jedoch
auch große Chancen für die Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft. Ich
will diesbezüglich auf lediglich drei Problemfelder hinweisen, und
vielleicht ist es ja möglich, das wir später auf dem Podium auf die eine
oder andere sich daraus ergebende Frage eingehen.
Das
erste Problemfeld betrifft die Frage von Gewalt, Frieden und
Konfliktbearbeitung - und zwar sowohl hinsichtlich der Beziehungen
zwischen Christen und Muslimen als auch im Blick auf das Versöhnungspotential,
das beide Religionen im konkreten Falle durchaus freizusetzen vermögen.
Nun gibt es eine ganze Reihe von Beispielen dafür, dass in vielen
Gegenden Afrikas Muslime und Christen - und zwar gemeinsam - eine vorzügliche
Konfliktpräventionsarbeit leisten (Nordghana), im Falle gewaltsamer
Zusammenstöße Wege aus der Krise finden (Nordnigeria 2001), und nach dem
Ende von blutigen Auseinandersetzungen Versöhnungsarbeit leisten, die über
das Verbinden der einander geschlagenen Wunden hinausgeht (Kaduna). Doch
insbesondere nach dem 11. September scheinen in Afrika die gewaltsamen
Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen eher zugenommen zu
haben und nach und nach auch solche Regionen zu erfassen, in denen die Anhänger
beider Religionen bislang friedlich zusammengelebt haben. Sind Islam und
Christentum in Afrika inzwischen zu einer Bedrohung des friedlichen
Zusammenlebens geworden?
Das
zweite Problemfeld bezieht sich auf die Frage der religiösen Verkündigung
und des interreligiösen Dialogs: Beide Religionen, Islam und Christentum,
stehen im Wettbewerb; christliche Missionsarbeit findet ihr Pendant in der
islamischen da‘wa, im
“Ruf”, mit dem zum Islam eingeladen wird, und es besteht Konsens darüber,
dass “Mission” wie “da‘wa”
zur Identität beider Religionen gehört. Doch die Form, in der dieser
Wettbewerb ausgetragen wird, gibt immer wieder Anlass zu Konflikten:
Muslimische und christliche Akteure sind oft nicht zimperlich in ihrer
Wortwahl, wenn sie die Vorzüge der eigenen mit den Irrungen der anderen
Religion vergleichen, und die Entstehung neuer radikaler Gruppierungen in
beiden Religionen hat die Atmosphäre hier weiter aufgeheizt. Der
interreligiöse Dialog scheint frei zu sein von solchen Problemen - aber
es scheint eben nur so. Zudem stellt sich die Frage: Wer soll diesen
Dialog mit wem betreiben? Was ist seine Perspektive? Welches Ziel hat er?
Und: hat er überhaupt eine Chance angesichts der fast überall auf dem
Kontinent beobachtbaren Zunahme der Spannungen zwischen Christen und
Muslimen?
Das
dritte Problemfeld schließlich betrifft den Bereich des Politischen. Ich
habe darauf hingewiesen, dass in manchen Ländern Afrikas seitens einiger
islamischer Gruppierungen der seit dem Ende der Kolonialzeit bestehende
Konsens über den säkularen Nationalstaat grundsätzlich in Frage
gestellt wird. Dies äußert sich nicht nur in Kontroversen über die Einführung
der sharî‘a, in Debatten über
den säkularen Charakter des Staates, oder in Auseinandersetzungen über
die Mitgliedschaft in der Organisation der Islamischen Konferenz; das power struggle, der Machtkampf um die Besetzung politischer Schlüsselpositionen
mit den Angehörigen der “richtigen” Religionszugehörigkeit - die
selbstverständlich immer nur die zur eigenen Religion ist - scheint in
vielen afrikanischen Ländern immer mehr zur Signatur des politischen
Alltags zu gehören. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung stellt sich
die Frage: Können Islam und Christentum zur Entwicklung der Gesellschaft
und zum Aufbau einer zukunftsfähigen staatlichen Gemeinwesens überhaupt
einen positiven Beitrag leisten, oder sind beide Religionen inzwischen nur
noch Teil des Problems?
Der
afrikanische Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Wole Soyinka
hat diesbezüglich einmal deutliche Worte gefunden; angesichts des
wachsenden religiösen Radikalismus geißelte er - und ich zitiere: -
“Afrikas gegenwärtiges Ekzem von wiedergeborenen Christen, auf der
einen Seite, und ihren Mitspielern im islamischen Extremismus, auf der
anderen Seite”. Seine Attacke galt dabei weniger den Religionen als
solchen, sondern den Formen der Bigotterie und der Barbarei, die
inspiriert sind von den “Krämern der Bedrängnis” und ihren
“unberechenbaren Wallfahrern”, wie er die frommen Eiferer nennt.
Schließlich rät er angesichts des religiösen Fanatismus der beiden
konkurrierenden Religionen dazu, sich den inneren Kräften der
afrikanischen religiösen Traditionen zu öffnen: “Geht zu den orisha; lernt von ihnen, und werdet weise.”
Ich denke, es wäre ein Missverständnis, diese Aussage als nostalgischen Aufruf zur Rückkehr in die “gute alte Welt” der afrikanischen Religionen zu lesen. Aber er verweist auf einen möglichen Ausweg aus den vielen Dilemmata, die das angespannte Verhältnis zwischen Christentum und Islam mit sich bringt: die (Wieder-)Entdeckung der - Christen und Muslimen gemeinsamen - afrikanischen Herkunftsgeschichte und die Nutzung der afrikanischen Traditionen als Quelle der Inspiration für die Gestaltung ihres künftigen Zusammenlebens.
Klaus
Hock
