Mittwoch, 24. Mai 2017

Kommentar von Uwe-Karsten Plisch

Opa, erzähl uns vom Krieg

Kritische Anmerkungen zum offenen Brief der acht evangelischen Alt-Bischöfe.1

 

Mai 2011

 

Wahrscheinlich ist es eine gute Idee, sich ab einem bestimmten Alter, wenn man nicht gerade Helmut Schmidt oder Richard von Weizsäcker oder vielmehr Hans Jonas oder Annemarie Schimmel heißt, öffentlich nur noch zu Wort zu melden, wenn man ausdrücklich darum gebeten wird und ansonsten die Jungen machen zu lassen – im Vertrauen darauf, dass sie es schon gut machen werden und im Wissen darum, dass man selbst früher auch nur mit Wasser gekocht hat. Acht evangelische Alt-Bischöfe haben dies nicht beherzigt, sondern sich bemüßigt gefühlt, den Mitgliedern evangelischer Landessynoden gute Ratschläge für ihr Abstimmungsverhalten zu erteilen. Bei Ulrich Wilckens hat man gar den Eindruck, er fühle sich seit einiger Zeit zum evangelischen Großinquisitor berufen, hat er doch erst kürzlich die Bibel in gerechter Sprache (die doch nicht mehr ist als ein exegetischer Diskussionsbeitrag) unter Häresieverdacht gestellt. Nun sind also, mal wieder, die Homos an der Reihe.

Am offenen Brief der acht Alt-Bischöfe sind drei Dinge besonders ärgerlich. Erstens ist der Brief gar kein Debattenbeitrag (und wahrscheinlich auch nicht so gemeint), da er jedes etwaige Gegenüber systematisch und a priori ins Unrecht setzt. Hier wir Bibeltreuen - da die anderen. Wer die Dinge anders sieht als wir, sieht sie falsch. Das ist jeder andersartigen (widernatürlichen?) Suche nach einem vertieften Bibelverständnis gegenüber anmaßend und unverschämt. Die Kritik könnte hier zu Ende sein, denn wer sich deren Sicht nicht zu eigen machen kann, muss das Schreiben der alten Männer eigentlich dem Papierkorb überantworten.  Ärgerlich ist diese Haltung besonders deshalb, weil es einem gestandenen Neutestamentler wie Ulrich Wilckens natürlich klar sein muss, dass es eine "an sich" bibeltreue, voraussetzungslose Schriftauslegung gar nicht gibt. Wie man an der theologischen Argumentation des Briefes auch sehr schön sehen kann. 

 

Diese ist, zweitens, überraschend dürftig, was angesichts der versammelten Man-Power doch verwundert. Möglicherweise lohnt es sich aber trotzdem, dem homophoben Subtext im Brief der alten Männer ein wenig auf die Spur zu kommen.

 

Drittens ist die abschließende Anbiederung an die römisch-katholische Kirche der Höhepunkt der Peinlichkeit. Nicht, weil Rücksichtnahme auf befreundete Konfessionen etwas Schlechtes wäre, und nicht, weil alles, was Benedikt XVI. in Richtung auf den Protestantismus öffentlich sagt, den ökumenischen Dialog, evangelische Selbstachtung vorausgesetzt, nahezu unmöglich macht. Sondern weil diese Anbiederung der zuvor so vehement eingeforderten Schrifttreue zuwiderläuft. Wenigen nennenswerten Kirchen dürfte in ihrer Organisationsform die Eigenschaft der Schrifttreue ja sosehr abgehen wie der römischen.

 

Betrachtet man den Brief im Detail, entdeckt man eine erstaunliche Anhäufung von Unsinn aller Art. Bei der verengenden Auslegung von §39.1 des Pfarrdienstgesetzes kommt es den alten Herren offenbar gar nicht in den Sinn, dass es auch homosexuelle Ehepaare (im Sinne der juristischen Gleichstellung) geben könne, die wiederum eigene Kinder haben (sei es aus früheren Beziehungen, sei es durch Adoption) und diese liebe- und verantwortungsvoll großziehen. Umgekehrt gibt es natürlich auch heterosexuelle Ehepaare, die, gewollt oder ungewollt, keine Kinder haben – werden jene künftig mit Schimpf und Schande aus dem Pfarrhaus gejagt? Dass die Heilige Schrift „alleinige Grundlage und Norm alles christlichen und kirchlichen Lebens“ sei, ist schlicht Unfug, denn als Körperschaft öffentlichen Rechts steht die Kirche natürlich auch auf dem Boden des Bürgerlichen Gesetzbuches und verhält sich letztlich verfassungskonform, wie ja gelegentlich evangelische Bischöfe sich auch nicht enthalten können, Verfassungstreue von anderen Religionen einzufordern.

 

Bei der biblischen Begründung ihrer homophoben Haltung vermeiden es die Altbischöfe klugerweise, auf Lev 18,22 und 20,13 zu rekurrieren, da sie sich dann, bibeltreu wie sie nun einmal sind, auch zu der dort geforderten Todesstrafe verhalten müssten. Aber natürlich möchten sie nicht als vollends durchgeknallte Spinner in die Randnotizen der Kirchengeschichte eingehen. Die biblische Begründung beschränkt sich daher im Kern auf Röm 1,26f, wobei der Begründungszusammenhang der Pauluspassage exegetisch grob fahrlässig in sein Gegenteil verkehrt wird. In Röm 1,18-32 geht es dem Apostel Paulus ja darum zu zeigen, dass, neben den Juden, die durch das Gesetz der Sünde überführt sind, auch alle übrigen Menschen (einschließlich alter evangelischer Bischöfe!) unter der Macht der Sünde und damit unter dem Zorn Gottes sind und sie keine Entschuldigung haben. Religiöser Kern der menschlichen Sünde ist die Verehrung des Geschöpfes anstelle des Schöpfers (Röm 1,25). Ausdruck dessen, Strafe ihrer Gottferne, ist – unter anderem –, dass Männer und Frauen ungezügelten, verantwortungslosen Sex praktizieren, Frauen, indem sie beim Sex oben liegen wollen (so eine mögliche Deutung von Röm 1,26), Männer, indem sie ihre Frauen verlassen (also wohl eigentlich Heteros?) und es stattdessen mit Männern treiben. Von Homosexualität im Sinne einer sexuellen Präferenz und liebevoller Partnerwahl auf Augenhöhe ist hier nicht die Rede und kann es in der Zeit des Paulus auch gar nicht sein. Was Paulus an konkreten Praktiken im Sinn hat, steht 1Kor 6,9: männliche Prostitution, also gleichgeschlechtlicher kommerzieller Sex mit einem klaren Machtgefälle, aber auch Ehebruch und Götzendienst. Erkennbar ist die Gottferne des Menschen weiterhin – aufgemerkt, verehrte Alt-Bischöfe! – an Bosheit, Niedertracht, Verleumdung, Unbarmherzigkeit und Unvernunft (Röm 1,29ff). Die Behauptung, dass „gleichgeschlechtliches Zusammenleben in exemplarischer Weise zu den gottwidrigen Verhaltensweisen [gehört], denen ‚die Offenbarung des Zorn(-gerichts) Gottes‘ gilt“, wie es die Bischöfe behaupten, erscheint als eine geradezu böswillige Verdrehung der paulinischen Argumentation. Angesichts der täglichen Gewalt gegen homosexuell liebende Menschen weltweit, aber auch in unserem Land, ist die Forderung der Bischöfe, ihre Position doch bitte in einer gewaltfreien Atmosphäre zu diskutieren, eine unfassbare Ungeheuerlichkeit.

 

Es ist wohl keine zu weit hergeholte Arbeitshypothese, davon auszugehen, dass Homophobie in der Regel der primäre Affekt ist, der sich seine ideologische Rechtfertigung in dem jeweiligen kulturellen und religiösen Kontext sucht, der gerade bereitliegt. Ist dieser christlich, dann ist die Begründung eben biblisch-christlich. Religiös muss sie nicht sein (oft ergeben sich im religiösen Kontext aber interessante Allianzen), Homophobie lässt sich auch philosophisch oder, wie im Dritten Reich, „wissenschaftlich“ absichern.

 

Dahinter steckt letztlich die Angst des heterosexuellen Mannes, gefickt zu werden, also unten zu liegen und zur Frau gemacht zu werden, also zu einem minderwertigen Geschöpf ohne Seele, wie die mittelalterliche Theologie glaubte und einige Neoscholastiker vielleicht immer noch glauben. Dass es gar keine Seele gibt, ist eine andere Geschichte. „Gefäße“ – so nannten schon im 2. Jahrhundert christliche Theologen die Frauen, nämlich zur Aufnahme des männlichen Samens und DAS will der arme Mann ums Verrecken nicht sein. „Ficken“ ist daher im Bewusstsein der von Zwangsvorstellungen geplagten heterosexuellen Männer ein Transitivum: ich ficke jemanden/ich werde gefickt, Bezeichnung einer Subjekt-Objekt-Beziehung, mithin ein Ausdruck der Verdinglichung. Sachlich und sprachlich richtig, nämlich intransitiv und damit ohne Passiv, muss es heißen: ich ficke mit dir – du fickst mit mir. Freilich, Geschlechtsverkehr als Begegnung zweier autonomer Subjekte ist eine Idealvorstellung und niemand wird ernsthaft bestreiten, dass es Sex als Subjekt-Objekt-Beziehung, als Ausdruck eines Machtgefälles, ebenfalls gibt, ob als Regelfall, sollen die Statistiker herausfinden.

 

Woher aber rührt diese ausgeprägte Angst in der Generation 80+?

 

Die deutsche Nachkriegszeit ist u.a. geprägt von drei sexuellen Tabus. Das erste sexuelle Tabu ist die massenhafte Vergewaltigung deutscher Frauen insbesondere durch sowjetische Soldaten. Ob die Überredung mit Schokolade und Zigaretten Ausdruck einer souveränen Beziehung zweier Subjekte ist, können wir hier unerörtert lassen. Als Tatsache waren die Massenvergewaltigungen natürlich im kollektiven Bewusstsein präsent – in der DDR wurde sie aus politischen Gründen tabuisiert, in der Bundesrepublik  vor allem individuell, denn zur erlittenen Traumatisierung durch die Erfahrung sexueller Gewalt kam bei den betroffenen Frauen noch die Stigmatisierung durch die Umwelt, zur Schmach die Schande. Die Frau war für den Mann unbrauchbar geworden – nicht umsonst sind Massenvergewaltigungen bis heute ein probates Mittel der Kriegsführung.

 

Das zweite – und viel stärkere – sexuelle Tabu betrifft das Sexualverhalten deutscher Männer im Zweiten Weltkrieg, als Angehörige der Wehrmacht etwa oder der SS. Dass auch deutsche Soldaten sich in besetzten Gebieten, insbesondere nach moralischer Erosion durch mehrjährige Kriegserfahrung, so verhalten haben, wie Soldaten im Krieg sich eben verhalten, versteht sich eigentlich von selbst. Gesprochen haben sie nach dem Krieg darüber nicht. Die ersten wissenschaftlichen Studien dazu erschienen erst in diesem Jahrtausend – durch zwei Autorinnen.2

 

Das dritte – und mächtigste – sexuelle Tabu betrifft die sexuellen Erfahrungen deutscher Soldaten während ihrer Kriegsgefangenschaft. Darüber gibt es – nichts. Es bedarf aber keiner großen Phantasie, sich klarzumachen, dass kriegsgefangene Soldaten ihre Sexualität nicht einfach am Lagertor abgeben konnten. Und innerhalb der Mauern dürfte es so zugegangen sein, wie es eben in Gefängnissen zugeht: die Starken ficken die Schwachen. Dass solche Erfahrungen homophobe Einstellungen, latent oder manifest, befördern, und dass diese Haltungen das geistige Klima der Nachkriegszeit beeinflusst haben, ist zumindest nicht unplausibel. Ob unsere acht Bischöfe solche Erfahrungen gemacht haben, wissen wir nicht und es tut auch nichts zur Sache. Als (ehemals) leitende Geistliche sind sie, wenn sie öffentlich reden, zur vorherigen Reflexion verpflichtet. Tun sie das nicht, haben sie – dankenswerterweise – das Stichwort für ihre Haltung selbst geliefert: „starrsinnige Traditionalität“.

 

Der Autor ist glücklich verheiratet und hat mit seiner Frau zwei entzückende  Kinder.

 

1 In: Christ & Welt 3/2011, S. 3. die Unterzeichner sind: Eduard Berger, Heinrich Hermanns, Jürgen Johannesdotter, Werner Leich, Gerhard Maier, Gerhard Müller, Theo Sorg, Ulrich Wilckens.

 

2 Birgit Beck, Wehrmacht und sexuelle Gewalt. Sexualverbrechen vor deutschen Militärgerichten 1939-1945, Paderborn 2004; Regina Mühlhäuser, Eroberungen. Sexuelle Gewalttaten und intime Beziehungen deutscher Soldaten in der Sowjetunion 1941-1945, Hamburger Edition 2010.