Montag, 26. Juni 2017

AGDF Pressemitteilung vom 17.05.2017

Kirchentag 1967 war Auslöser zur Gründung der AGDF

Vor 50 Jahren ging es in Hannover um den "Friedensdienst mit und ohne Waffen" – AGDF-Vorsitzender Horst Scheffler: Auch heute sind Friedensthemen weiter aktuell


"Der Frieden ist unter uns", so lautete das Motto des 12. Deutschen Evangelischen Kirchentages 1967 in Hannover. Erstmals stand vor 50 Jahren damit das Thema Frieden im Mittelpunkt eines Kirchentages. Der Vietnamkrieg, der Sechstagekrieg im Nahen Osten, die Studentenproteste in Berlin mit dem Tod von Benno Ohnesorg, das war das Umfeld, in dem rund 15.000 Menschen in Hannover zusammenkamen.

Eine Veranstaltung, die damals große Aufmerksamkeit erregte, war ein Podium zur Kompromissformel "Friedensdienst mit und ohne Waffen". Brigadegeneral Rolf Juergens und der Studentenpfarrer und spätere Vorsitzende der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden, Martin Schröter, stritten bei dieser Podiumsveranstaltung heftig über die Frage, welcher Weg für Christen der richtige ist.

Die irreführende Formulierung vom Friedensdienst mit und ohne Waffen erweckt den Eindruck, als ging es hier um gleichrangige, gleichwertige Ausdrucksformen für Christen. Doch das stimmte schon in Hannover nicht. Denn die militärische Sicherung genoss nicht nur 1967 den klaren politischen Vorrang vor einer zivilen Konfliktbearbeitung, es ist bis heute so geblieben, betont Horst Scheffler, der Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF).

Der Kirchentag habe hier versucht, die in den "Heidelberger Thesen" der Evangelischen Kirche in Deutschland 1959 nach heftigen Diskussionen gefundene Komplementärformel, wonach sowohl der Dienst mit der Waffe wie auch der Waffenverzicht als eine von der Kirche angesichts des Schreckens der Atomwaffen nach wie vor christliche Handlungsweise anerkannt wurde, allgemeinverständlich zu übersetzen, sagt Horst Scheffler. Dabei ging verloren, dass diese Komplementarität asymmetrisch verstanden wurde. Die Friedenssicherung mit Waffen sollte nur noch für eine Übergangszeit gelten. "Im Verständnis der Heidelberger Thesen bereitet sich der am Frieden engagierte Soldat nicht auf den Krieg vor. Er ist bemüht, ihn zu verhindern, gemeinsam mit dem Menschen, der den Waffendienst verweigert. Die Formel vom Friedensdienst mit und ohne Waffen suggeriert ein dauerhaftes Nebeneinander der Entscheidungen, die sich bestenfalls respektieren. Sie zeigt aber nicht an, dass wir eine Ethik des Waffenverzichts und der zivilen Konfliktbearbeitung benötigen", macht der AGDF-Vorsitzende deutlich.

Der Kirchentag in Hannover wurde mit dieser Thematik zur Initialzündung für die Gründung der AGDF ein Jahr später. "Hier wurde deutlich, dass es wichtig ist, dass der Friedensdienst ohne Waffen nicht das Anliegen einer kleinen Gruppe bleiben darf, sondern dass es wichtig ist, gemeinsame Ansätze eines solchen gewaltfreien Friedensdienstes aufzubauen. Dies führte dann 1968 mit zur Gründung der AGDF", erinnert Horst Scheffler. Die AGDF will dieses Jubiläum im nächsten Jahr feiern.

Der 1998 verstorbene erste Vorsitzende der AGDF, Wolfgang von Eschborn, gab später zu bedenken, dass diese Formel vom "Friedensdienst mit und ohne Waffen" dem Gedanken des Friedensdienstes allerdings eher geschadet habe, da sie weder von der Bundeswehr noch von der Kirchentagsleitung vor 50 Jahren in Umlauf gebracht worden sei, sondern von Kriegsdienstverweigerern, die eine öffentliche Diskussion in Gang bringen wollten, was aber nicht gelungen sei. Die Bundeswehr habe sich dadurch nicht herausfordern lassen, und die Kernfrage, in welchem Verhältnis die beiden Formen von Friedensdienst zueinander stünden, sei nicht als Problem anerkannt worden.

Dennoch: "Der Hannoveraner Kirchentag vor 50 Jahren war für die Gründung der AGDF und auch für den Aufbau von festeren Strukturen für einen christlichen Friedensdienst immens wichtig", ist der heutige AGDF-Vorsitzende Horst Scheffler überzeugt. Und er hält das Anliegen von 1967 auch heute noch für unverändert wichtig. "Ist es denn heute nicht auch so, dass nach wie vor militärische Interventionen den Vorrang vor zivilen Konfliktlösungen genießen und in Konflikten in der Welt immer wieder in erster Linie nach dem Militär gerufen wird? Die schon lange bewährten Formen einer zivilen Konfliktbearbeitung werden dagegen übersehen, ignoriert oder totgeschwiegen", macht Scheffler deutlich. Schon in den 1959 veröffentlichten Heidelberger Thesen sei betont worden, dass der Waffendienst einen vorläufigen Charakter habe und nur noch für eine Übergangszeit gelten solle. "Davon sind wir weit entfernt", kritisiert der AGDF-Vorsitzende.

Der nun kommende Deutsche Evangelische Kirchentag in Berlin soll diese Fragen daher auch wieder aufnehmen. "Wir wollen in Berlin deutlich machen, dass es gute und sinnvolle Alternativen zu Gewalt und Krieg gibt", unterstreicht Jan Gildemeister, der AGDF-Geschäftsführer. Dies erfolge im offiziellen Programm des Kirchentags beispielsweise mit der Podienreihe Frieden, aber auch mit einer Friedenswerkstatt in Pankow, wo 15 Friedensorganisationen drei Tage lang zeigen wollen, dass Gewaltfreiheit und Versöhnung kraftvolle Alternativen zum Militär sind. "1967 war Frieden ein zentraler Gegenstand eines Kirchentages, nun, 50 Jahre später, hat sich daran nichts geändert. Das Thema ist nach wie vor hochaktuell", ist Gildemeister überzeugt.