Montag, 20. November 2017

Antijüdische Schmähung beenden – Luthers Judenfeindschaft aufklären

Protestkundgebung mit Micha Brumlik, Ulrich Hentschel und Uwe-Karsten Plisch am 28.10.2017 in Lutherstadt Wittenberg

Ansprache von Uwe-Karsten Plisch mit Lesung von Luther-Texten
Ich bin in Wittenberg, der Lutherstadt, geboren und aufgewachsen.
Im Paul-Gerhardt-Stift wurde ich entbunden, in der Lutherstraße habe ich gewohnt und an der Melanchthon-Schule das Abitur gemacht.
In Luthers Predigtkirche, der Stadtpfarrkirche St. Marien, wurde ich getauft und konfirmiert. In keiner anderen Kirche habe ich mehr Gottesdienste besucht.
Im Konfirmandenunterricht haben wir die „Judensau“ am Ostchor der Stadtkirche nicht behandelt.
Aufmerksam gemacht hat mich ein Mitschüler auf die sogenannte Judensau und ich konnte seitdem nicht mehr daran vorbeigehen ohne verstohlen hochzublicken, in dem Bewusstsein, dass das „Ding“ dort doch eigentlich gar nicht hängen dürfte, verbunden mit dem eigentümlichen Kitzel etwas Verbotenes und Ungehöriges zu passieren.
Genau so ist die „Judensau“ auch gemeint: Wer als Wittenberger Jude vom Holzmarkt in die Jüdengasse wollte, musste daran vorbeigehen – und WUSSTE, dass das Ding dort oben hing – und WUSSTE: Du, Saujud, du bist gemeint! Jeder Gang eine Verhöhnung, jeder Gang eine Beleidigung.
Als Anfang der 1980er Jahre meine Heimatgemeinde eine Debatte über den Umgang mit dem Schmährelief begann, war ich nicht beteiligt, denn ich hatte Wittenberg gerade verlassen. Ich bin froh und dankbar, dass Wittenberg und die Stadtkirchengemeinde hier eine Vorreiterrolle eingenommen haben. Aber ich finde NICHT, dass die Debatte damit zu Ende ist oder zu Ende sein sollte. Dafür gibt es mehrere Gründe:

Erstens: Eine Debatte über den Umgang mit den Hinterlassenschaften der Geschichte ist nie zu Ende. Zum einen, weil es gar keine endgültigen Antworten geben kann, zum anderen, weil jede Generation aufs Neue das Recht hat, Antworten einzufordern und nach dem angemessenen Umgang mit solchen Relikten zu fragen.

Zweitens: Die Wittenberger „Judensau“ ist keineswegs die einzige, die an einer deutschen Kirche hängt. Die nächste ist gar nicht weit von hier, in Zerbst. Sie hängt noch an vielen anderen Kirchen in Deutschland: in Regensburg, in Köln, in Magdeburg und harrt einer geschichtlichen Aufarbeitung. Im 16. Jahrhundert war Wittenberg für kurze Zeit der Nabel der Welt. In diesem Jahr hat Wittenberg zumindest einen Hauch davon verspürt, wie es ist, wenn man der Welt etwas zu sagen hat. Besucher aus aller Welt, auch Juden, kommen nach Wittenberg und besuchen die Stadtkirche samt Schandmal. Stadt und Kirchengemeinde täten gut daran, ihre Vorreiterrolle offensiv nach außen zu tragen und anderen Städten und Gemeinden zu helfen, sich ihrer Geschichte zu stellen. Beispiel geben! Nicht einigeln in einer verschämt-selbstzufriedenen Haltung nach der Melodie: Wir haben doch unsere Hausaufgaben schon gemacht.

Drittens: Die bisherige Wittenberger Aufarbeitung berücksichtigt überhaupt nicht den Zusammenhang zwischen Wittenberger „Judensau“ und Martin Luthers antijüdischer Hetze. Das Relief selbst ist mittelalterlich. Die Inschrift daran stammt aber aus nachreformatorischer Zeit und bezieht sich ausdrücklich auf Luthers widerlichste Hetzschrift gegen die Juden. Wir werden nachher noch Auszüge aus dieser Schrift hören. Luther selbst bezieht sich in seiner Hetzschrift explizit auf das Relief an seiner Predigtkirche und schildert das Bildprogramm lustvoll in den schillerndsten Farben. Im 500. Jahr der Reformation ist es allerhöchste Zeit, auch diesen Zusammenhang in den Fokus zu rücken.

Viertens: Martin Luther wusste wohl und hat dies auch bekannt, „dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“. Das ist sein bleibendes Verdienst. Was mir als Theologen, vor allem aber als Christ nicht einleuchtet: Wie kann drinnen in der Kirche vor dem Altar der gekreuzigte Jude Jesus von Nazareth als Messias und Retter aller Welt glaubwürdig bekannt und verkündigt werden, wenn draußen, am selben Raum, Juden, also auch Jesus, verhöhnt und geschmäht werden? Dieser Widerspruch lässt sich durch keinen theologischen, historischen oder pragmatischen Hakenschlag auflösen. Man muss sich ihm stellen oder man duckt sich weg.

Fünftens: Was mich am allermeisten stört: Der aktuelle Umgang von Stadtrat und Kirchgemeinderat, jedenfalls in ihrer Mehrheitsmeinung, schreibt den Verhöhnten und Geschmähten vor, wann sie beleidigt sein dürfen und wann nicht. Wenn wir die nicht fragen, die mit dem Schmährelief eigentlich gemeint sind, dann läuft es eben darauf hinaus: Nun habt euch mal nicht so, das ist doch Mittelalter, aber wir lassen es uns als Mahnung gerne dran. Kein Mensch käme auf die Idee, auf diese Weise, wie es jetzt geschieht, für den Erhalt des Reliefs zu plädieren, wenn das Relief aus der Nazizeit stammte und neben der Sau noch ein Hakenkreuz prangte. Es ist aber nicht nur ein Gebot des Anstands, es ist auch Christenpflicht, sich die Perspektive der Verhöhnten und Geschmähten, der Verfolgten und Vertriebenen, der Angehörigen der Ermordeten zu eigen zu machen und für deren Sache, nicht für die eigene, zu streiten. Das bekannte Wort Jesu: Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan, dieses Wort lässt sich auch umdrehen: Was ihr einem meiner geringsten Brüder ANGETAN habt, das habt ihr mir ANGETAN.  


Martin Luther und die Juden

Lesung 1

1523, als die Reformation noch in vollem Schwung war, schrieb Martin Luther eine Schrift mit dem Titel „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“. Luther räumt darin mit gängigen mittelalterlichen Vorurteilen gegen Juden auf, widerlegt diese Vorurteile und weist sie zurück. Luthers Ansatz ist für die Zeit vergleichsweise emanzipatorisch, gleichzeitig ist bereits diese Schrift doppelgesichtig. Luther hofft, die Juden als Anhänger der Reformation zu gewinnen. Da er, Luther, jetzt das Wort Gottes unverfälscht und rein predige, gebe es für die Juden ja keinen Grund mehr, sich nicht zum Christentum zu bekehren. DAS ist Luthers eigentlicher Ansatz, deswegen hat die Schrift in Wirklichkeit einen doppelt so langen Titel:
„Daß Jesus Christus ein geborner Jüde sei und wie mit den Jüden sie zu bekehren zu handeln sei.“
Wir hören Auszüge aus beiden Teilen der Schrift:

Denn sie (die Christen) haben mit den Jüden gehandelt, als wären es Hunde, und nicht Menschen; haben nichts anderes tun können, als sie schelten, und ihr Gut nehmen, wenn man sie getauft hat, keine christliche Lehre und kein christliches Leben hat man ihnen bewiesen, sondern nur der Päpsterei und Möncherei unterworfen. Wenn sie (die Juden) nun gesehen haben, daß der Jüden Sache so starke Argumente aus der Heiligen Schrift für sich hat, und der Christen Sache ein bloßes Geschwätz gewesen ist, ohne alle Heilige Schrift, wie hätten sie ihr Herz beruhigen können, und recht gute Christen werden? Ich habe es selbst gehört von frommen, getauften Jüden, daß wenn sie nicht zu unserer Zeit das Evangelium gehört hätten, sie wären ihr Leben lang Jüden unter dem Christenmantel geblieben. Denn sie bekennen, daß sie noch niemals etwas von Christus gehört haben bei ihren Täufern und Meistern.
Ich hoffe, wenn man mit den Jüden freundlich handelt und aus der heiligen Schrift sie gründlich unterweist, so sollten aus ihnen viele rechte Christen werden, ... wovon sie nur weiter abgeschreckt werden, wenn man ... nur mit Hochmuth und Verachtung gegen sie handelt. Wenn die Apostel, die auch Jüden waren, so mit uns Heiden gehandelt hätten, wie wir Heiden mit den Jüden, es wäre niemals jemand ein Christ unter den Heiden geworden. Haben sie denn mit uns Heiden so brüderlich gehandelt, so sollen wir wiederum brüderlich mit den Jüden handeln, ob wir etliche bekehren möchten: denn wir sind auch selbst noch nicht alle hinan, schweig denn hinüber.
Und wenn wir gleich hoch uns rühmen, so sind wir dennoch Heiden, und die Jüden von dem Geblüt Christi: wir sind Schwäger und Fremdlinge; sie sind Blutsverwandte, Vettern und Brüder unsers Herrn. Darum: wenn man sich des Bluts und Fleischs rühmen sollte, so gehören die Jüden Christus näher zu als wir.
Darum wäre mein Bitte und mein Rat, daß man säuberlich mit ihnen umginge, und aus der Schrift sie unterrichtet, so möchten etliche von ihnen herbei kommen. Aber wenn wir sie nur mit Gewalt treiben und gehen mit Verleumdungen um, beschuldigen sie, sie müssen Christenblut haben, daß sie nicht stinken, und weiß nicht was des Narrenwerks mehr ist, daß man sie gleich für Hunde hält; was sollten wir Gutes an ihnen schaffen? Ebenso, daß man ihnen verbietet unter uns zu arbeiten, hantieren, und andere menschliche Gemeinschaft zu haben, damit man sie zu wuchern treibt; wie sollte sie das bessern?
Ob etliche halsstarrig sind, was liegt daran? sind wir doch auch nicht alle gute Christen.

Lesung 2

1536 ließ Kurfürst Friedrich der Weise die Juden aus Kursachsen vertreiben. 1537 wandte sich Josel von Rosheim, der Sprecher der Juden im Heiligen Römischen Reich, mit der Bitte an Martin Luther, sich für die Verbesserung der Lage der Juden in Kursachsen einzusetzen. Luther weigerte sich, ihn zu empfangen und wies ihn mit einem rüden Brief zurück. Hatte er 1523 noch selbstkritisch bemerkt, die Christen würden die Juden wie Hunde behandeln, dreht er den Spieß jetzt um. Er wirft den Juden vor, die Christen wie Hunde zu behandeln und wiederholt mehrfach die Mär von den Juden als Christusmördern.
Hatte er 1523 noch gehofft, die Juden bekehren zu können, hat er diese Hoffnung nun aufgegeben. In seinen beiden Judenschriften von 1543 steigert er sich vielmehr in die irrationale Furcht hinein, die Juden könnten nun ihrerseits die Christen zu bekehren versuchen.
In der Schrift „Von den Jüden und ihren Lügen“ erhebt er sieben Forderungen für den Umgang mit Juden:

Synagogen verbrennen
Häuser zerstören
Verbrennung religiöser Bücher  
Lehrverbot für Rabbiner
Keine Bewegungsfreiheit
Enteignung
Zwangsarbeit

Wir hören Luthers eigene Worte:

Ich habe nicht vor, mich mit den Juden zu streiten oder von ihnen die Art und Weise zu lernen, wie sie die Heilige Schrift auslegen. Das kenne ich zur Genüge. Noch weniger habe ich im Sinn, die Juden bekehren zu wollen, denn das ist unmöglich.
Was wollen wir Christen nun mit diesem verworfenen und verdammten Volk der Juden anfangen?
Erstens, dass man ihre Synagogen und Schulen anzünde und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und überschütte, sodass kein Mensch für alle Zeiten weder Stein noch Schlacke davon sehe.
Zweitens soll man auch ihre Häuser abbrechen und zerstören. denn sie treiben darin das gleiche wie in ihren Synagogen. Stattdessen mag man sie etwa unter ein Dach oder in einen Stall tun wie die Zigeuner, damit sie wissen, dass sie nicht Herren in unserem Land sind.
Zu dritten möge man ihnen alle ihre Gebetbüchlein und Talmudausgaben nehmen.
Zum vierten soll man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbieten, weiterhin zu lehren.
Zum fünften soll man den Juden das freie Geleit auf den Straßen ganz und gar verwehren und verbieten. Denn sie haben nichts im Land zu suchen, weil sie weder Herren, noch Amtsleute noch Händler oder dergleichen sind. Sie sollen daheimbleiben.
Zum sechsten soll man ihnen Wucher zu treiben verbieten, was ihnen schon Mose verboten hat. Da sie nicht in ihrem eigenen Land sind, können sie nicht Herren über ein fremdes sein. Und man nehme ihnen alle Barschaft und Wertsachen wie Silber und Gold und lege es zur Verwahrung beiseite. Grund dafür ist, dass sie uns alles, was sie haben, durch ihren Wucherzins gestohlen und geraubt haben, weil sie sonst keinen anderen Erwerb haben.
Siebtens soll man den jungen und starken Juden und Jüdinnen Flegel, Axt, Hacke, Spaten, Spinnrocken und Spindel in die Hand geben und sie ihr Brot verdienen lassen im Schweiße ihres Angesichts, wie es Adams Kindern auferlegt ist. Denn das kann nicht sein, dass sie uns verfluchte Gojjim im Schweiße unseres Angesichts arbeiten lassen und sie, die heiligen Leute, das Ergebnis unserer Arbeit hinter dem Ofen in Müßiggang mit Rülpsen und Furzen verzehren wollen. ...
Man müsste sie notfalls zur Arbeit prügeln.

Im selben Jahr 1543, nur wenige Wochen nach der Schrift „Von den Jüden und ihren Lügen“ steigert sich Luther in der Schrift „Vom schem hamphoras und vom Geschlecht Christi“ in obszöne Hasstiraden gegen die Juden, die selbst für die Reformationszeit ungewöhnlich grob sind und, da ohne jede theologische Begründung, die Grenze zum Antisemitismus überschreiten. Ausdrücklich bezieht sich Luther in dieser Schrift auf die Judensau am Ostchor der Wittenberger Stadtkirche.

Luthers eigene Worte:

Wo sind sie nun, die zügellosen Christen, die Juden geworden sind oder werden wollen? Hierher zum Kuss hat der Teufel in die Hosen geschissen und den Bauch abermals geleert. Das ist ein rechtes Heiligtum, das die Juden und was Jude sein will, küssen, fressen saufen und anbeten sollen. Und wiederum soll auch der Teufel fressen und saufen, was diese seine Jünger ausspeien, nämlich oben und unten auswerfen können.
Wohlan, ich weiß nicht genau, wo sie ihre Weisheit her haben, will es aber wohl erraten. Es ist hier zu Wittenberg an unserer Pfarrkirche eine Sau in Stein gehauen, da liegen junge Ferkel und Juden drunter, die saugen. Hinter der Sau steht ein Rabbiner, der hebt der Sau das rechte Bein empor, und mit seiner linken Hand zieht er den Bürzel über sich, bückt sich und guckt mit großem Fleiß der Sau unter dem Schwanz in den Talmud hinein als wollte er etwas Scharfsinniges und Besonderes lesen und ersehen. Daselbsther haben sie gewiss ihren Schem Hamphoras (also den eigentlichen Namen Gottes). Denn es sind vor Zeiten viel Juden in diesen Landen gewesen, das beweisen die Namen der Flecken und Dörfer, auch der Bürger und Bauern, die Hebräisch sind, noch heutigen Tags, dass etwa ein gelehrter ehrlicher Mann solch Bild hat angeben lassen, der den unflätigen Lügen der Juden feind gewesen ist. Denn so redet man bei den Deutschen über einen, der große Klugheit ohne Grund vorgibt: Wo hat er’s gelesen? Grob heraus: Der Sau im Arsch.

Den Wittenbergern haben diese Tiraden so gefallen, dass sie die mittelalterliche Judensau 1570 mit einer Inschrift versehen haben, die sich ausdrücklich auf Luthers Schrift bezieht: Rabbini Schem HaMphoras: Des Rabbiners Schem HaMphoras.

Kurz vor seinem Tode 1546 in Eisleben schrieb Luther an seine Frau Katharina:

Ich bin ja schwach gewesen auf dem Weg kurz vor Eisleben. Das war meine Schuld. Aber wenn du da gewesen wärest, hättest du gesagt, es wäre der Juden oder ihres Gottes Schuld gewesen. Denn wir mussten durch ein Dorf kurz vor Eisleben, darin viele Juden wohnen, vielleicht haben sie mich so hart angeblasen. Und wahr ist es: Als ich an dem Dorf vorbeifuhr, ging mir ein solch kalter Wind von hinten zum Wagen hinein auf meinen Kopf, als wollte mir’s das Hirn zu Eis machen. Wenn die Hauptsache erledigt ist, muss ich mich daran machen, die Juden zu vertreiben.