Andreas Seiverth, "Jugend ohne Ende"
Mit dem Impulspapier des Rates
der EKD „Kirche der Freiheit - Perspektiven für die evangelische
Kirche im 21. Jahrhundert“ ist in der EKD ein neuer Ton der entschlossenen
Entschiedenheit angestimmt und eine neue Form und
ein beachtliches Niveau rationaler
strategischer Argumentation eingeführt worden. Und wenn man
sich einmal auf die Logik und Zielsetzung dieses Strategieentwurfs
eingelassen und sie verstanden hat, dann irritiert eigentlich nur
noch der Titel des Impulspapiers: Wo jeder Gedanke von der puren
Notwendigkeit bestimmt ist, eine existenzielle Krise der
„Organisation Kirche“
abzuwenden, ist
die Rede von einer „Kirche der Freiheit“
mit viel Wohlwollen als erster
Schritt zur Selbstermutigung zu
verstehen, aber nicht als überzeugende Programmatik. In einer ersten
Anmerkung zu diesem Impulspapier habe ich es denn auch als
einen „Strategieentwurf für den deutschen Protestantismus“
interpretiert,
der im Geiste einer „Revolution von oben“
und mit der Haltung eines „imaginären Souveräns“
den Status quo der kirchlichen Verfassung (im doppelten Sinn des
Wortes) mit ziemlihc radikaler Konsequenz zur Disposition stellt.
(vgl.:
Andreas Seiverth:
„Kirche der Freiheit“
und "Revolution von oben“
- Ein Strategieentwurf
für den deutschen Protestantismus.
In:
DEAE (Hrsg.): Forum Erwachsenenbildung; H 2/2006, S. 33 - 34)
Strategiediskurse zeichnen sich
aber gerade dadurch aus, dass sie
auf normatives Gepäck und ethische Reflexionen verzichten; daraus
erklärt sich dann auch sehr
einfach der - meines
Erachtens - oberflächliche
Vorwurf, der gegen den
Text vielfach erhoben worden ist,
er folge einem rein „betriebswirtschaftlichen
Denken“.
Dem Rat
der EKD geht es aber nicht um Betriebswirtschaft, sondern um die Etablierung
eines politischen Führungsanspruchs
und eines Legitimationszwangs
aller bestehenden kirchlichen
Organisationsformen.
Ehe ich meine Anfrage im Kontext
des aktuellen EKD/ESG/ aej-Prozesses
vortrage, sind zwei Hinweise notwendig, die das in meinen
Augen beträchtliche argumentative
und politische Selbstbewusstsein und den daraus resultierenden
Gestaltungsimpetus des Rates
erkennen lassen. Vor diesem hier
nur angedeuteten Hintergrund hat der Text für mich auch den
Charme
eines Befreiungsschlages aus einer objektiv prekären, in nicht
geringem Maße dazu noch selbstverschuldeten
Krisensituation; denn wann hat man schon einmal eine so handfeste
Selbstkritik des „obersten
Managements“
der Kirche über seine vorausgegangene Personalpolitk
gelesen wie die im Abschnitt
„Zur Analyse kirchlicher Schwachstellen“.
In ihm heißt es:
„Über Jahrzehnte hinweg -
gleichsam
in den ,sieben fetten Jahren’ (vgl 1. Mose 4l) - wurden mehr oder weniger
alle Bewerberinnen und Bewerber in den Dienst genommen,
zukünftige Entwicklungen wurden dabei ebenso wenig berücksichtigt
wie spezifische Qualitätsansprüche.
Der Bedarf wurde zu stark aus der aktuellen Situation abgeleitet und
zu wenig auf
künftige Anforderungen bezogen.
Das hatte nicht nur begründete Zweifel
an der Qualität und Motivation
mancher Mitarbeitenden zur Folge,
sondern führte auch zu einer strukturellen
Überbesetzung“.
Im gleichen Abschnitt findet
sich dann freilich auch die (protestantische?)
Variante von der „funktionalen Insuffizienz demokratischer
Entscheidungsstrukturen und -prozesse“:
„Die jetzigen synodalen
Strukturen, die
ganz überwiegend den Gedanken
der Partizipation und Beteiligung
in die Mitte stellen, sind in bewusster
Auseinandersetzung mit
der gesellschaftlichen Umwelt entstanden
und bedürfen - wie andere kirchlichen Handlungsfelder auch
- einer kritischen Prüfung im Blick auf ihre Zielorientierung und Effektivität.
"
Mit welcher argumentativen Eleganz
hier auch gegen protestantische
Obrigkeiten erkämpfte demokratische
Steuerungsformen und
eine Konkretisierungsform des „Priestertums
aller Gläubigen“ auf dem
Altar einer reinen Effizienzlehre
dargeboten werden, hat schon auch
einen besonderen Charme.
Der Rat der EKD hat durch einen
Beschluss im Dezember 2005
Verhandlungen zwischen
der aej und der ESG veranlasst mit der Vorgabe, dass letztere in die
Arbeitsgemeinschaft der evangelischen Jugend in Deutschland organisatorisch
eingegliedert wird.
Unabhängig von den inzwischen
möglicherweise im Konsens erreichten Ergebnissen habe ich
erhebliche Zweifel, ob diese Grundsatzentscheidung des Rates seinen
eigenen Rationalitätsnormen entspricht,
und zwar der formalen Forderung,
Entscheidungen müssen
„den jeweiligen sachlichen Erfordernissen“
entsprechen und der inhaltlich-strategischen Zielvorstellung
„Bildungsarbeit (als) eines
der wichtigsten Arbeitsfelder der
evangelischen Kirche“
zu entwickeln.
In der Erläuterung zum 7. Leuchtfeuer findet sich der wunderbare
Satz: „Bildung ist nach evangelischem
Verständnis immer Bildung des ganzen Menschen. Sie zielt darauf,
dass Menschen Möglichkeiten
dazu entwickeln können, Subjekt der eigenen Lebensgeschichte
werden zu können.“
Wenn man noch Bonhoeffers ebenso faszinierende Formulierung dazu nimmt,
Bildung sei nur denkbar
als „Spielraum der Freiheit“
(in seinem
Brief aus der Haft vom 23. Januar
1943) hätte man wahrscheinlich die vollendete protestantische Bildungsdefmition.
Nun bietet aber eben dieses „Bildungs-Leuchtfeuer“
ein Musterbeispiel
dafür, wie den strategischen,
auf die bloße Selbsterhaltung
der Organisation bezogenen
Interessen das geopfert wird, was den Zweck der Organisation bestimmt
und ausmacht. „Evangelische
Bildung als Zeugnisdienst
in der Welt zu verstehen“
und gleichzeitig als „Subjektwerdung“
steht, vorsichtig formuliert, in
dem „berühmten Spannungsverhältnis“,
mit dem heute faktische und
logische Widersprüche stehen.
Es ist diese Spannungsverhältnis-Formel, mit der man aber die tatsächliche
Bewältigung von realen Widersprüchen
eskamotiert, sie so
präsentiert, dass am Ende doch nur
die leidende Hinnahme dessen, was ist, herauskommt. Im Falle des Bildungskapitels
ist es aber darüber hinaus nichts anderes als die faktische
Indienstnahme von Bildung für den anstehenden „Mentalitäts-
und Paradigmenwechsel“.
Die Argumentation zum Bildungs-Leuchtfeuer
unterläuft die Forderungen und widerspricht schlicht der Einsicht,
die der Rat in seiner vor
kurzem veröffentlichten Denkschrift „Gerechte Teilhabe - Zur Armut
in Deutschland“
im Blick auf
„Bildung als Instrument von Armutsprävention“
einleuchtend bekräftigt und darauf
dann seine empirische
Beschreibung der praktischen
Funktion von Bildung aufgebaut hat.
Es ist nun aber - das ist meine
These und Grundlage für meine Anfrage - dieses im Kern (und darauf
soll man ja auch sein Denken und Tun zukünftig nur noch ausrichten,
„Kernkompetenz“,
„Kernprogramm“)
funktionalistische und damit völlig willkürliche
Verständnis von Bildung, das den „logischen Grund“
dafür abgibt, um die ESG der aej faktisch zu
inkorporieren. Dass die aej und ihre regionalen Einrichtungen für eine
vorzügliche Kinder- und Jugendarbeit
stehen, in der natürlich auch
wirkliche Persönlichkeitsbildung stattfindet, steht für mich außer
Frage. Warum aber nun ein Verband oder die Gemeinde der Studierenden
einem Jugendverband
angeschlossen werden soll, ist entweder
ein Rätsel oder Willkür. Es
könnte aber auch bedeuten, dass das Bewusstsein für Bedeutung des Studiums
und der entsprechenden Lebensphase für das Erwachsenwerden
völlig abhanden gekommen
und bedeutungslos geworden ist.
Und eine zweite kritische Einsicht ergibt sich aus dieser „Bindung
an die Jugend“
dadurch, dass im Protestantismus offensichtlich tatsächlich
das „Verhältnis von Glaube
und Vernunft“
durch einen Hiatus
(eine Kluft, einen Abgrund) getrennt ist, der nur durch einen mutigen
„Sprung“
überwunden werden kann. Mit einem solchen Verständnis
brauchen sich evangelische Studierende in der Tat auf dem Campus
allerdings nicht blicken lassen, geschweige denn „ihren
Glauben zu bekennen“.
Dass es eine eminente Lern- und herausfordernde
Bildungsaufgabe ist,
den Glauben intellektuell und praktisch
rechtfertigen („ vertreten“)
zu können, und dass dies gerade
in den Verunsicherungen und
Abenteuern wissenschaftlicher Bildung
dran ist und bewältigt werden
muss, verlangt dann aber auch eine
andere organisationspolitische Konsequenz
und Unterstützung als
die, evangelische (und andere) Studierende
in eine nun auch noch kirchlich
sanktionierte „verlängerte
Adoleszenzphase“
zu bannen.
Das Impulspapier formuliert im
Bildungs-Leuchtfeuer ja ganz zu Recht: „Protestantische Eliten (...)
sind ein
Segen für die Kirche wie
für die Gesellschaft; sie sollten in ihrem Einsatz und in ihrer Beziehung
zur evangelischen Kirche bewusst gefördert werden“.
Solche
richtigen Einsichten und Forderungen werden durch falsche
Strategieentscheidungen zu Nichte gemacht. Die ESG ist Mitglied in der
Dachorganisation der evangelischen
Erwachsenenbildung (DEAE) - warum sollte es nicht möglich
sein, bessere Alternativen
zu
entwickeln und praktisch zu erproben.
Die DEAE befindet sich in
ihrem Kooperationsprozess mit dem
Comenius-Institut ihrerseits in
einem produktiven Erfahrungs- und
Entwicklungskontext. Organisatorische Entscheidungen sind revidierbar, sie
müssten es zumindest sein,
wenn denn richtig bleiben soll, was
das Impulspapier feststellt: „Die
Zukunftschancen einer jeden Institution
hängen an ihrer Lernfähigkeit.“
Der Rat der EKD sollte daher
seine Vorgabe zur Integration der
ESG in die aej überprüfen und seine
finanzielle Ressourcenmacht und Orientierungskompetenz dazu einsetzen,
organisatorische Phantasie und bildungspolitische Kompetenz
zu entwickeln.
zuerst in: Des Kaisers neue
Kleider! - Gemeinsame Ausgabe der esg-nachrichten Ansätze 4-5/2006 und des
Querblick 15. Rundbrief der IKvu, November 2006.
