Samstag, 23. September 2017

Neujahrsgruß der IKvu 2016

When I was thirty-five, it was a very good year

von Sebastian Dittrich


Liebe Freundinnen und Freunde,schon ist das Jahr 2015 vorbei, in dem wir den 35. Geburtstag der IKvu begehen konnten. Wie geht es „uns“ nun, zum Beginn des 36. Jahres? Schon so, wie in Frank Sinatras „A very good year“?

 

When I was thirty-five, it was a very good year
It was a very good year for blue-blooded girls
Of independent means
We'd ride in limousines
Their chauffeurs would drive
When I was thirty-five

But now the days are short, I'm in the autumn of my years
And I think of my life as vintage wine
From fine old kegs
From the brim to the dregs
It poured sweet and clear
It was a very good year.
Als ich 35 war, war es ein sehr gutes Jahr
Es war ein sehr gutes Jahr für blaublütige Mädchen
Mit eigenem Geld
Wir fuhren in Limousinen
Die ihre Chauffeure steuerten
Als Ich 35 war

Aber nun sind die Tage kurz, ich bin im Herbst meiner Jahre
Und ich denke von meinem Leben als einem Jahrgangswein
Aus guten alten Fässern
Vom Rand bis zur Neige
Floss er süß und klar
- Es war ein sehr gutes Jahr.


(Text: Ervin Drake © The songwriters guild of America; Übertragung: S. Dittrich)


Nein, ganz soweit ist es noch nicht. Aber ein gutes Jahr? Das war es doch. Wer hätte Anfang 2015 gedacht, dass aus der Jahreslosung „Nehmt einander an, so wie Christus euch angenommen hat, damit die Herrlichkeit Gottes noch größer wird.“ (Römer 15,7) tatsächlich Ernst werden würde … 

Wache Beobachterinnen und Beobachter haben es geahnt, haben auch immer wieder prophetisch gemahnt. Nun war es soweit. Flüchtlinge, Krisen, Kriege: das meiste kam und kommt nicht überraschend. Vernünftige, menschliche Antworten fehlen noch oder verharren oft in Parolen. Das „einander annehmen“ stößt an Grenzen, wird eingeengt durch Vorurteile, Hass, opportunistischen Populismus. Aber dennoch bestimmt bis jetzt noch Mitleid den Umgang mit den Flüchtlingen in den Unterkünften, haben die stillen Helferinnen und Helfer eine Routine gefunden, die den Medien schon kaum noch der Rede wert ist. Schreien und marschieren, das tun andere. Vor allem montags in Dresden.

Wo stehen wir in der IKvu? An sich ganz am Puls der Zeit. Unser Engagement in der Ökumenischen BAG Asyl in der Kirche bleibt wichtig: Wo per Verordnung Drittländer als „sicher“ eingestuft werden, droht weiterhin das „Verfrachten“ von Menschen, für die es eben nicht „sicher“ ist. Und ein Eintreten für einen offenen Umgang mit dem Islam, für interreligiösen Dialog – aktueller denn je.

Was ist aber nun mit den Kirchen? Standen die Zeichen zunächst für schläfrige Langeweile, sind die Kirchen nun auch nah dran – zumindest bei den Flüchtlingen. Man könnte sich freuen; landauf, landab sind katholische und evangelische Gemeinden, Bistümer und Landeskirchen eng vernetzt mit zahllosen Initiativen. Oft wird auch das richtige gesagt, lässt man sich (meistens) nicht vereinnahmen für Islamophobie und ein so genanntes christliches Abendland.

– Aber reicht das?

In den vergangenen Jahren fehlten kritische Einlassungen etwa zur derzeitigen globalen und nationalen Wirtschaftsordnung. Diese Quelle für Armut und Ungerechtigkeit ist eben auch eine Fluchtursache. So leben die Kirchenleitungen mit der Absurdität, dass kirchliche Hilfswerke Bauern Hilfe zur Selbsthilfe leisten – etwas Hühnerzüchtern und Tomatenbauern – die aber gegen übermächtige Agrarkonzerne und deren subventionierte Produkte nicht bestehen können. So begeben sich beispielsweise Menschen aus afrikanischen Ländern nach Europa, und sie ernten dann hier jene billigen Tomaten, die auch Kirchengemeinden günstig bei Discountern oder im Großhandel einkaufen.

Wer allerdings – wie in der ökumenischen Sozialinitiative von 2014 – solche Fehlentwicklungen nur als extreme Ausnahmen sieht, nicht aber als system-immanent, wird auch keine Kraft aufbringen, etwas daran zu ändern, und nur immer reagieren und notdürftig aushelfen. Politikberatung darf sich nicht im guten Zureden erschöpfen. Das nun  mit Reinhard Marx und Heinrich Bedford-Strohm jene Mitautoren auf katholischer wie evangelischer Seite in die Kirchenleitungen aufgerückt sind, lässt zumindest auf dem Feld der Ökonomie mittelfristig keine starken Einlassungen erwarten.  

Und das ist es doch, was jetzt fehlt: Prophetie, ein grundsätzliches Reden über das, was ist und werden soll. Es reicht eigentlich, bei den großen Propheten nachzuschlagen, etwa bei jenem Autorenkollektiv das hinter „Jesaja“ steht. So etwa bei Jesaja 33, 14-16 (Luther-Übersetzung):

In Zion sind die Sünder erschrocken, Zittern hat die Heuchler befallen und sie sprechen: »Wer ist unter uns, der bei verzehrendem Feuer wohnen kann? Wer ist unter uns, der bei ewiger Glut wohnen kann?«
Wer in Gerechtigkeit wandelt und redet, was recht ist; wer schändlichen Gewinn hasst und seine Hände bewahrt, dass er nicht Geschenke nehme; wer seine Ohren zustopft, dass er nichts von Blutschuld höre, und seine Augen zuhält, dass er nichts Arges sehe: der wird in der Höhe wohnen, und Felsen werden seine Feste und Schutz sein. Sein Brot wird ihm gegeben, sein Wasser hat er gewiss.


Wäre das vielleicht etwas – sich einmal kurz abwenden von immer gleichen Bildern, die abstumpfen, nerven, zum Gaffen animieren. „Nichts arges sehen“ – das mag wie eine Weltverweigerung daherkommen. Ist es aber nicht. Denn auch das Innehalten kann wichtig sein, bereitet die Umkehr vor. Aber was kann da warten, wenn die Augen geschlossen sind?

Deine Augen werden den König sehen in seiner Schönheit; du wirst ein weites Land sehen.
Dein Herz wird an den Schrecken zurückdenken und sagen: »Wo sind nun die Schreiber? Wo sind die Vögte? Wo sind, die die Türme zählten?«
Du wirst das freche Volk nicht mehr sehen, das Volk von dunkler Sprache, die man nicht verstehen kann, und von stammelnder Zunge, die unverständlich bleibt.
Schaue auf Zion, die Stadt unsrer Feiern! Deine Augen werden Jerusalem sehen, eine sichere Wohnung, ein Zelt, das nicht mehr abgebrochen wird. Seine Pflöcke sollen nie mehr herausgezogen und keines seiner Seile zerrissen werden. (Jesaja 33, 17-20)


Diese jenseitige, post-apokalyptische Vision ist eine Absage an das „keine Alternative“ im Jetzt. Ein weites Land neuer Möglichkeiten, neuer Wege, von Fantasie und Freiheit, ja, auch Sicherheit. Und mittendrin ein himmlisches Jerusalem – ohne Mauern. Keine nationalen menschengemachten Grenzen – sondern ein großes Menschheitszelt. Ohne Ausgrenzung, Zäune, Mauern. Was wäre das einmal für ein Fingerzeig für jene christ-sozialen Leitkulturisten, für die Monstranzhalter christlich-jüdischen Erbes? – Aber auch eine Mahnung für die Propagandisten der Wachstums- und Gier-Ökonomie, die hier nicht die Heimstatt einer Abgrasungs-Kultur findet. Nein, dieses Zelt steht denn auch für eine Wirtschaftsordnung, die endlich das Wort „genug“ kennt. Und gerade deshalb ewig besteht.  

Und nun wieder Augen auf – und vielleicht mit neuen Ideen ins Jetzt. Was kann unser „weites Land“ sein? Was hatten wir vielleicht schon? Wenn wir die Kraft finden, wieder das eine oder andere zu sagen, neu zu entdecken, oder gar neu zu denken (?), dann ginge es uns vielleicht irgendwann einmal auch so wie dem älteren Frank Sinatra:

„Ich denke von meinem Leben als einem Jahrgangswein
Aus guten alten Fässern
Vom Rand bis zur Neige
Floss er süß und klar
– Es war ein sehr gutes Jahr.“


Und wo kommt der Wein her, schöpfen wir Kraft und Zuversicht? Da lohnt es sich, noch ein bisschen weiter zu blättern:

Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt
(Johannes 15,4).


Ihnen und Euch allen ein fröhliches Jahr 2016!  

Sebastian Dittrich