Samstag, 23. September 2017

Grusswort

„Ich bin noch sehr jung und weiß nicht, wie ich mich als König verhalten soll.“ (1 Kön 3,7)

 
von P. Klaus Mertes SJ
 
Als ich jung war, hatte ich eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie sich meine Vorgesetzten verhalten sollten. Im Kritisieren von und Schimpfen über Fehlentscheidungen oder Entscheidungsschwächen meiner Lehrer, Vorgesetzten und Oberen war ich ziemlich gut. Ich hatte auch eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was ich selbst machen würde, wenn ich in eine verantwortliche Position hineinkäme. Und dann kam ich tatsächlich in verantwortliche Positionen, und stellte fest: Ich musste mein Selbstbild verändern. Seitdem bin ich vorsichtiger geworden mit meinen klaren Vorstellungen über das, was andere tun sollen – vor allem diejenigen, die wie Könige in ganz hohen Verantwortungspositionen stehen.
 
Deswegen berührt mich der Satz von Salomo. Er jubelt nicht nach dem Motto: „Endlich bin König und kann alles richtig machen, was die Alten falsch gemacht haben!“ Salomo hat schon in jungen Jahren den Narzissmus, der ja eigentlich das Vorrecht der Jugend ist, hinter sich gelassen. Das könnte ihm allerdings auch Probleme bringen. Die Leute schätzen Könige nicht, die Unsicherheiten zugeben und Schwächen eingestehen. Tyrannen entstehen bekanntlich im Zusammenspiel zwischen einem Volk, das einen starken Herrscher will, und einem Narziss, der auf genau diese Erwartungen eingeht. Im Evangelium wird diese Situation nach der Brotvermehrung geschildert: Die Leute wollten Jesus zum König machen. Jesus aber entzog sich ihnen. Er bestreitet, dass das Bild, das sie von ihm haben, richtig ist.
 
In den Worten von Salomo schwingt auch das Wissen darum mit, dass junge Menschen noch nicht viele Erfahrungen haben. Es stimmt. Erfahrungswissen wächst erst mit den Jahren. Eine noch so gute Ausbildung ersetzt Erfahrung nicht. Deswegen ist es klug, wenn Junge die Erfahrungen der Alten anhören – übrigens auch im Zeitalter der Beschleunigung, das die Alten gerne frühzeitig zum alten Eisen wirft. Erfahrene Alte können einem auch erzählen, wie es war, als sie selbst jung waren. Es gibt nämlich solche und solche Alte. Ich erinnere mich an meine Zeit, als ich junger Lehrer war und die Schule umkrempeln wollte. Es gab Alte, die sich auf Gespräche einließen und mit Rat zur Seite standen, und es gab Alte, die bloß sagten: „Haben wir schon probiert, klappt aber nicht.“ Oder die sich gekränkt fühlten, weil sie eine neue Idee als Abwertung der Tradition erlebten. Oder die traditionalistisch verhärtet sagten: „Weil es neu ist, ist es falsch.“ Erfahrung kann auch blockieren – je nachdem, wie man damit umgeht.
 
Noch ein Punkt, der mir den Satz von Salomo sympathisch macht: Es ist ein Unterschied, ob ich eine Fragestellung aus einer verantwortlichen Position heraus entscheiden muss, oder als Zuschauer. Salomo spürt mit einem Mal das Gewicht der Verantwortung. Wer einmal in die Verantwortungsposition hineinkommt, kann nicht mehr so sprechen wie vorher. Wir erleben das bei fast jedem Regierungswechsel, wenn die vormals laute Opposition plötzlich selbst an der Macht ist und kleinlauter wird, während die vormalige Regierung in der Opposition nun ihrerseits wieder schrille Töne anhebt. Salomo tritt nicht lautstark an. Vielleicht ist es in Demokratien nicht möglich, Wahlen zu gewinnen, ohne lautstark absolute Sicherheiten vor sich her zu posaunen. Ich würde mir aber eher den Salomo-Typus als Politiker wünschen, und eine Gesellschaft, die ein Ohr für leise, differenzierte Töne hat und diese zu schätzen weiß.
 
Denn das ist die andere Seite der Medaille: Die Unsicherheit hat nicht das letzte Wort. Salomo wird Entscheidungen treffen müssen. Der kritische Blick auf sich selbst hilft, um mit der Wirklichkeit in Kontakt zu bleiben. Wer Unsicherheit zugibt, gewinnt dann aber auch eine andere Art von Sicherheit. Erst wenn ich in leitender Position spüre, dass mein Urteil in dieser oder jener komplexen Angelegenheit nicht bloß durch äußeren Druck oder durch ein überzogenes Selbstbild zustande gekommen ist, gewinne ich Standfestigkeit – ein „weises Herz“. Das weise Herz wird in der Bibel oft auch ein „festes Herz“ genannt. Ein starkes Herz, nicht ein hartes Herz. Stark ist nicht, wer Schwäche nicht zugeben kann. Die schwachen Typen auf Königsthronen erkennt man daran, dass sie keine Schwächen eingestehen können und deswegen hart werden.
 
Ist die IKvu alt oder jung? Gemessen an den Jahren, die sie hinter sich hat, ist vielleicht manches vom stürmischen Anfang ruhiger und auch kompromissfähiger geworden, also "älter", reifer. Gemessen am Alter der Kirche ist sie aber immer noch nicht sehr jung. In der gegenwärtigen Phase der Kirchengeschichte entscheidet sich vieles für das Verhältnis von Kirche und Moderne neu. Das 2. Vatikanum war eine Ouvertüre. Bewegungen wie die IKvu haben im frischen Wind der 60er und 70er Jahre dann Themen aufgegriffen, die das 2. Vatikanum noch vermied. Darin bleibt die IKvu jung – denn ihre Themen sind noch lange nicht abgearbeitet.

P. Klaus Mertes SJ
Im März 2015