Mittwoch, 24. Mai 2017

Spurensuche in der zweiten Reihe

Die Zeuginnen der Reformation

Am Anfang das Wort „Lutherdekade“! In der von 2008?–?2017 laufenden Dekade zeigt dieses Wort vor allem eines an, nämlich was gesucht wird in dieser Dekade, in der es um 500 Jahre Reformation geht. Gesucht wird das Genius, das dieses reformatorische Wissen erzeugt hat. Nur dieses Genius ist geeignet, unserem Handeln und unseren Überzeugungen in der Gegenwart Verlässlichkeit zu geben. Kurz: gesucht wird nach den Machern der Reformation! Sie haben ein Wissen erschaffen, das es rechtfertigt, auch heute nach 500 Jahren von diesem Wissen Impulse für unsere Gegenwart zu erwarten. In der Fixierung auf den Namen Luther wird somit vor allem deutlich, wie wir es gegenwärtig mit dem Wissen – besonders mit jenem Wissen aus der Vergangenheit – halten, welches für uns heute noch Geltung haben soll. Wissen, dem wir vertrauen, muss identifizierbar sein hinsichtlich der Frage, wer hat dieses Wissen erzeugt und warum. Denn zu wissen heißt: wissen warum. Zur Rechtfertigung dieses „Warum“ eröffnen sich nur zwei Möglichkeiten: man weiß etwas entweder durch eigene unmittelbare Erfahrung oder durch schlussfol­gerndes Denken. Besonders die Person ­Martin Luther ist geeignet, diese beiden Quellen des Wissens aufs Neue zu inthronisieren. Ist es doch gerade Luther, der durch eigenes schlussfolgerndes Denken die reformatorischen Grund­­überzeugungen gewonnen hat?–?und die durch seine rege Schreibtätigkeit auch bis heute für alle einsichtig sind. Doch Luther ist nicht nur der große Denker reformatorischer Grund­überzeugungen, sondern er ist es auch, der aus existentieller Betroffenheit dieses Wissen erlangt hat. Aus eigener Betroffenheit heraus emanzipierte er sich von einer Kirche, die sich als alleinige Heilsmittlerin verstand. So gelangte er durch eigene Erfahrung zu der refor­matorischen Grundüberzeugung, dass jede und jeder mit seinem/ihrem Gewissen unmittelbar vor Gott stand.

Als Erkenntnisquellen, denen wir trauen, kommt somit nur die Wahrnehmung und Erfahrung sowie das eigene Schlussfolgern in den Blick. Im Schulterschluss mit Luther gelingt es vermeintlich, an diese Wissensquellen direkt anzuknüpfen, wenn mit der Lutherdekade an 500 Jahre Reformation erinnert wird. So suggeriert das Wort „Lutherdekade“ die Illusion, als wären wir ganz nah dran an dem Wissen, welches durch Luther erzeugt wurde. Eine kurze Suche und wir sind am Ziel!

Doch Reformation ist weit mehr als Luther & Co. und ihre Erkenntnisse. Wenn wir über die bekannten „Macher“ der Reformation hinausgehen, wird die Spurensuche jedoch komplizierter, denn es ist eine Suche in der zweiten, dritten Reihe, manchmal der letzten Reihe. Spurensuche auf den hinteren Bänken der Reformationsschauplätze ist vor allem Spurensuche nach den Frauen der Reformationszeit. Doch erst, wenn es gelingt, zu einer positiven Wertschätzung derer zu kommen, die nicht als die großen Macher der Reformation angesehen werden, die einzig legitimes Reformationswissen für die nachfolgenden Generationen erzeugt haben, erst dann sind wir in der Lage, auch die Rolle der Frauen in der Reformationszeit zu erkennen und positiv zu würdigen. Allein schon unser Sprachgebrauch hat nur der ersten Reihe der Reformationsakteure einen sprachlichen Platz eingeräumt, nämlich als „Reformatoren“. Alle übrigen versinken fast gleichförmig im Heer der Namenlosigkeit, denn es existiert kein Begriff, ihr Wirken für die Reformation sprachlich zu würdigen.

Doch dass sich jenseits der ersten Reihe die Dinge nicht so einfach auf den Begriff bringen lassen, ist weniger ein sprachliches Problem, als vielmehr ein Erkenntnisproblem. Und zwar ein Erkenntnisproblem unserer Generation, denn durch unseren verengten Wissensbegriff, der Wissen auf Erfahrungstatsachen oder eigenes schlussfolgerndes Denken eingrenzt, kommen andere Wissensformen nicht in den Blick. Aber gibt es nicht noch ein anderes Wissen? Wenn wir eine Sprache lernen, wenn wir Kenntnis davon haben, wann und wo wir geboren wurden, wenn wir uns durch die Nachrichten von Tagesereignissen informieren lassen, wenn wir ein Lexikon aufschlagen, um zu verstehen, was „Reformation“ heißt, wenn wir überhaupt irgendetwas erfahren oder erlernen durch mündliche oder schriftliche Unterrichtung: dann erwerben wir immer ein Wissen durch die Worte anderer. Ja, die Frage ist mehr als berechtigt: Können wir uns überhaupt Kenntnisse vorstellen, die auskommen ohne die Mitteilungen anderer? Was wüssten wir über die „Reformation“ ohne die Mitteilungen anderer? Wieviel von dem, was wir für Erfahrungstatsachen halten, haben wir tatsächlich erfahren?–?und nicht etwa „nur“ gehört oder gelesen?

Dass die Reformation auf eine 500-jährige Wirkungsgeschichte zurückblicken kann, ja dass sich die Reformation überhaupt als ein weltumspannendes Ereignis vollzogen hat, ist nicht denkbar, ohne dass die reformatorischen Überzeugungen und Annahmen vermittelt wurden. Indem die reformatorischen Überzeugungen weitergetragen wurden an andere, nur deshalb konnte sich die Reformation überhaupt vollziehen und nur deshalb blicken wir heute auf 500 Jahre Reformation und ihre Geschichte zurück. Sich auf Informationen, Wissen und Annahmen zu verlassen, die nicht von uns ermittelt, sondern uns übermittelt wurden, bildet die Grundlage unserer Weltorientierung: das gilt für unseren Alltag nicht weniger als für unsere Glaubensüberzeugungen. Es handelt sich dabei um ein Wissen, welches wir durch das Zeugnisgeben durch andere erhalten. Das Wissen durch Zeugnis anderer ist ein ubiquitäres Phänomen. Doch merkwürdiger Weise: Dieses Wissen gilt gar nicht als Wissen. Besonders in unserer westlichen Welt wird mit einem Wissenskonzept gearbeitet, die der am weitesten verbreiteten Art, Kenntnisse zu gewinnen, nämlich indem mir ein Wissen übermittelt wurde, eine Absage erteilt.

Es sind besonders die Frauen der Reformationszeit, die dieses Wissenskonzept, nämlich Wissen zu vermitteln, für sich als ihren genuinen Beitrag zur reformatorischen Bewegung in Anspruch genommen haben. Und an ihnen ist vor allem eines zu lernen: die Wiederent­deckung dieser Wissensform, ohne die 500 Jahre Reformation undenkbar wäre. Frauen haben aktiv Reformation mitgestaltet, indem sie die reformatorischen Grundüberzeugungen bezeugt haben. Indem sie Zeugnis gegeben haben für die Reformation und ihre Ideen, ­haben sie als Zeuginnen dieses Wissen von den reformatorischen Ideen vermittelt. Und sie haben das Bezeugen als eine genuine, nicht weiter reduzierbare Erkenntnisquelle für sich erschlossen und damit Reformationsgeschichte geschrieben. Eine Reformationsgeschichte, die noch auf ihre Entdeckung wartet.

Nicht nur an jene vielen namenlosen Frauen aus der Reformationszeit ist an dieser Stelle zu erinnern, die die reformatorischen Überzeugungen in ihren Wirkungsbereichen und innerhalb ihrer sozialen Beziehungen bezeugt haben, ohne dass irgendwelche Quellen davon erhalten geblieben sind. Oft ist es nur ein kurzer Hinweis in den Quellen auf eine weiter unbekannte Frau, die als Zeugin für die reformatorischen Ideen auftrat, ohne dass sie ein Gesicht oder einen Namen erhält.

Auch jene Frauen der Reformationszeit, über die wir zumindest etwas wissen, verstanden sich als Zeuginnen für die Ideen der Reforma­tion, welche sie zu vermitteln hatten. So ist es bezeichnend, dass besonders die Frauen, die mit Flug- und Streitschriften die reformatorischen Bestrebungen zu Beginn der Reformation unterstützten, sich durch ein prophetisches Selbstverständnis legitimierten. Ist doch das prophetische Amt ein Mittleramt par excellence. Das, was Prophetinnen und Propheten tun, ist, ein Wissen von Gott und seinem Wort zu vermitteln.

Ihr prophetisches Selbstbewusstsein gewannen die Frauen der Reformationszeit durch ­biblische Vorbilder?–?Frauengestalten wie Judith, Esther oder Susanna spielten eine Rolle –, und anhand von Bibelversen, die auf die durch Gott gegebene Gabe der Vermittlung der göttlichen Weisung fokussieren. So stellt Ursula Weyda (geboren um 1504 in Altenburg, gestorben 1570 in Altenburg) in ihrer Flugschrift ein biblisches Zitat aus dem Joelbuch voran: „Es soll geschehen in den letzten Tagen spricht Gott / Ich will ausgiessen von meinem Geist auf alles Fleisch / und eure Jünglinge sollen Gesichter sehen / und eure Töchter sollen weissagen / und auf meine Knechte / und auf meine Mägde will ich in den selbigen Tagen von meinem Geist ausgiessen und sie sollen weissagen“ (Joel 3,1 – 2). Auch Katharina Zell (geboren um 1497 in Straßburg, gestorben 1562 in Straßburg) setzt sich nicht nur bibelfest mit den paulinischen Aussagen zum Schweigegebot der Frauen auseinander, sondern zeigt in dem folgenden Zitat, dass sie ihre Rolle als Vermittlerin von Wissen sieht: „Paulus sagt: Die Weiber sollen schweigen. Antworte ich: Weißt du aber auch, dass er sagt Galater 3: in Christo ist weder Mann noch Weib; und dass Gott im Propheten Joel sagt im 2. Kapitel: Ich werde ausgießen von meinem Geist über alles Fleisch und eure Söhne und Töchter werden weissagen etc. Und weißt du, da Zacharias ein Stummer ward, hat Elisabeth Maria, die Jungfrau, gebenedeit?… Also?…?ich begehr nicht, dass man auf mich höre als wie auf Elisabeth oder Johannes den Täufer oder Nathan, den Propheten, der David sein Übel angezeigt, noch als einen anderen Propheten, sondern nur als (wie auf) den Esel, (auf) den doch der falsche Prophet Bileam hörte. Denn ich doch nicht anders begehre, als dass wir möchten selig miteinander werden. Dazu helfe uns Gott durch Christus, seinen lieben Sohn, Amen“.

So wie die Prophetinnen und Propheten der biblischen Zeit das Wort Gottes bezeugt haben, so bezeugen die Frauen der Reformationszeit aufs Neue ebenso das Wort Gottes, welches ihrem vermittelnden Zeugnisgeben in der Öffentlichkeit Handlungsgrund ist. Argula von Grumbach rechtfertigt ihr öffentliches Auftreten mit den Worten: „Auch wenn es dazu kommen sollte, wovor Gott sei, dass Luther widerruft, so soll es mir nichts zu schaffen machen. Ich baue nicht auf sein, mein oder sonst eines Menschen Verstand, sondern allein auf den wahren Felsen Christus selber.“

Argula von Grumbach, die im Spätsommer des Jahres 1523 zu Tinte und Papier greift, um sich für den 18-jährigen Magister Seehofer einzusetzen, der für die reformatorischen Ideen an seiner Universität in Ingolstadt Werbung macht, rechtfertigt ihr Auftreten gegenüber der Ingolstädter Gelehrtenschar als ein notwendiges Zeugnisgeben vom Wort Gottes. Am Ende ihres Briefes an die Ingolstädter Gelehrten, schreibt sie: „Ich habe euch kein Weibergeschwätz geschrieben, sondern das Wort Gottes als ein Glied der christlichen Kirche.“ Argula tritt hier als Zeugin des Wortes Gottes auf, welches sie bezeugt und vor der Ingolstädter Gelehrtenschar übermittelt.

Das Recht, Zeugnis zu geben, gründet für die Frauen der Reformationszeit in der reformatorischen Grundüberzeugung, dass jede und jeder unmittelbar vor Gott steht. Dieses unmittelbare Verhältnis zu Gott schließt gerade ein, dass jede und jeder Zeugnis geben kann und soll über ihren Glauben. Zeugnis geben gehört somit genuin zur Idee der Reformation und es sind gerade die Frauen jener Zeit, die diese Wissensform in Geltung gesetzt haben. Wer Zeugnis gibt, unterrichtet, bekräftigt oder widerlegt nicht nur, sondern bildet mit dem Wissen, das durch das Zeugnisgeben ermöglicht wird, zugleich auch eine Grundlage von Gemeinschaft. Dieser Gemeinschaftsgedanke findet sich in der reformatorischen Grund­überzeugung vom Priestertum aller Getauften ausgedrückt. Der Gedanke vom Priestertum aller Getauften ist nicht einfach nur eine persönliche Ermutigung für die Frauen der Reformationszeit, sich zu Wort zu melden, sondern begründet eine spezifische Grammatik der Zeugenschaft. Gerade weil es nicht der priesterlichen Weihe bedarf, um die Welt im Lichte des Glaubens zu deuten und zu verstehen, sind alle Christinnen und Christen geradezu aufgefordert, vom Wort Gottes Zeugnis zu geben. Die zentrale reformatorische Grundüberzeugung des durch die Taufe begründeten Priestertums aller Glaubenden ist der Ermöglichungsgrund und auch der Auftrag, durch Akte des Bezeugens an den theologischen und kirchenpolitischen Auseinandersetzungen der ­Reformationszeit zu partizipieren. Es ist der Gedanke vom Priestertum aller Getauften, der nicht so sehr die Einzelne oder den Einzelnen im Blick hat, sondern in seiner sozialen Dimension wiederzuentdecken ist. Priestertum aller Getauften bedeutet vor allem: Partizipation. Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt: Priestertum aller Getauften heißt: Christliche Existenz realisiert sich nicht nur im Binnenraum der Kirche, sondern mit gleichem Recht und gleichwertig auch in außerkirchlichen Bezügen. Es ist der von Luther formulierte Gedanke, dass jede und jeder in ihrem bzw. seinem Amt oder Aufgabe „dem anderen nutzbar und dienstbar sein soll, so dass die vielen Werke aller auf ein gemeinsames gerichtet sind: die Leiber und Seelen zu fördern“. Was hier gerade anerkannt wird, ist, dass wir in unserem Wissen unentrinnbar auf andere angewiesen sind. Nur indem wir das Wissen, über das wir verfügen, dem anderen dienst- und nutzbar machen mit dem Ziel, die Leiber und Seelen zu fördern, kann Gemeinschaft wachsen.

Priesterinnen sind die Frauen der Reformation nicht in erster Linie als Kirchenmitglieder oder Gottesdienstteilnehmerinnen, sondern als Zeuginnen für das Wort Gottes, für das Evangelium, indem sie das Wort Gottes vermitteln. Ihre Zeugenschaft ist Zeugenschaft für das Wort Gottes mit dem Ziel, durch ihre Zeugenschaft „Leiber und Seelen fördern“. Der Gedanke vom Priestertum aller Getauften ­impliziert also eine soziale Epistemologie, die die Frauen der Reformationszeit durch ihr „Zeugin-Sein“ ausfüllten.

Nur mit Hilfe eines sozialen Bandes, das zwischen den AdressatInnen und den ZeugnisgeberInnen existiert, ist eine Übertragung von Wissen möglich. Dieses soziale Band konkretisiert sich als „Glauben schenken“. Einem Zeugnis Glauben schenken impliziert, an die Integrität seiner Person zu glauben. Genau dies wurde den Frauen nicht nur der Reformationszeit verweigert. Und so ist die Suche nach den Frauen der Reformationszeit nicht nur eine Suche nach der verlorenen Wissensform der Zeugenschaft, sondern auch eine Suche nach der reformatorischen Idee von gelingender Gemeinschaft, in der nicht eine/einer vordenkt, sondern alle mitdenken.