Montag, 26. Juni 2017

Kommentar von Bernd Hans Göhrig

Zwei Päpste in Polen

31.05.06

 

Auf den Spuren Johannes Paul II. bewegte sich Benedikt XVI., der deutsche Papst, in Polen - und wurde auf seiner Reise überall mit einer Vergangenheit konfrontiert, die sein eigenes Herkunftsland bis heute von der Heimat seines Vorgängers trennt: durch Krieg und Besetzung, rassistische Unterdrückung und Völkermord. War Joseph Ratzinger bewusst, dass es diese Vergangenheit ist, die ihn auch von Karol Wojtyła trennt?

 

Es muss ihm klar gewesen sein, denn bei aller Begeisterung, die ihm im katholischsten aller europäischen Länder entgegengebracht wurde: Polen ist ein geschichtsbewusstes Land, zutiefst geprägt von einer fragilen Nationalgeschichte, weil es durch die Jahrhunderte immer wieder Teilungen unterworfen war, die vornehmlich von deutschen Staaten ausgingen - zuletzt 1939. Und Karol Wojtyła war nicht nur ein polnischer Papst, sondern ebenfalls zutiefst geprägt von seinen Erfahrungen während der Besetzung und im Widerstand.

 

Dass Joseph Ratzinger dieser Konfrontation nicht ausweichen wollte, war offensichtlich - er hätte um die Vernichtungslager in Auschwitz einen großen Bogen machen können, doch er hat es nicht getan. Und er fand in seiner Rede an diesem Ort Worte, die hier und aus seinem Mund wichtig waren. Doch das, was er nicht sagte, wog weit schwerer als anderswo, und durch die Art und Weise seiner historischen Einordnung des Geschehenen zog er erneut Gräben, während er von Versöhnung sprach - es provozierte zu Recht entschiedenen Widerspruch nicht nur jüdischer Gemeinden.

 

Denn es war keine "Schar von Verbrechern", die "unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und missbraucht" haben - das ist Rechtfertigungshistorie reinsten Wassers, wie sie nach 1945 etabliert wurde und lange Zeit Gültigkeit hatte: Wie Außerirdische von einem anderen Stern seien die Nazis über das deutsche Volk hergefallen und hätten seine Gutmütigkeit für ihre verbrecherischen Absichten missbraucht.

 

Es ist schon auffällig, dass diese Argumentation nahezu identisch mit der Leitlinie ist, die in dem "Gemeinsamen Hirtenbrief nach beendetem Krieg" vom 23. August 1945 von den deutschen Bischöfen festgeschrieben wurde:

 

1. Die Mehrheit der Katholiken hat sich in der Zeit des NS nichts zuschulden kommen lassen und sich hervorragend verhalten, und 
2. allenfalls Einzelne haben versagt, die Kirche in ihrer Gesamtheit jedoch keinesfalls.

 

Joseph Ratzinger stellte schon vor seinem Besuch in Auschwitz noch einmal klar, dass diese Position nach wie vor Gültigkeit besitzt: "Wir glauben, dass die Kirche heilig ist, aber es gibt Sünder unter ihren Mitgliedern."

 

Nicht nur über 50 Jahre historische Forschung zum Nationalsozialismus sind an Herrn Ratzinger offensichtlich spurlos vorübergegangen - er vermochte zudem nicht, über seinen eigenen biographischen Schatten zu springen. Als Katholik deutscher Herkunft, der 1945 gerade 18 Jahre alt war, wartete auf den Papst in Polen eine doppelte Herausforderung - er hat sie nicht bestanden.