Dienstag, 22. August 2017

Kommentar von Bernd Hans Göhrig

Ökumene muss gefährlich sein

08.06.2007

 

Manchmal wird es einem wirklich leichtgemacht - schon der schöne Name des kleinen Ortes weist auf etwas hin, das uns angeht: Heiligendamm – klingt es nicht wie eine forsche Einladung an wache Christinnen und Christen, die nur mit Gesichtsverlust abgelehnt werden kann?

 

Zeitgleich zum Treffen der Großen Acht findet auch in Köln ein scharfes Ereignis statt: Der 31. evangelische Kirchentag meldet sich „lebendig und kräftig und schärfer“ zu Wort – so das Motto aus dem Hebräerbrief. Dafür sorgt schon die Parallelität zum Gipfel, und in Köln werden die Themen des G8-Treffens sicher schärfer und ehrlicher verhandelt als an der Ostsee, zum Beispiel in der Werkstatt Afrika, vorbereitet von ESG, KASA, IKvu und vielen anderen Basisorganisationen. Wichtige Themen also, die die globalisierte Welt bewegen – Themen, die Christinnen und Christen bei ihrer politischen Verantwortung packen und scharfe Lösungen provozieren – Heiligendamm eben!

 

Doch dieser Kirchentag findet im katholischen Köln statt, wo Ortsbischof Meisner vom rechten Rand der Bischofskonferenz über die wahre Lehre wacht. Und da an diesem Kirchentag – auf halbem Weg vom 1. Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin zum nächsten ÖKT 2010 in München – selbstverständlich auch katholische Christinnen und Christen teilnehmen werden, ist man in Köln und anderswo wachsam. „Deutliche ökumenische Akzente“ kündigte der Präses der rheinischen Landeskirche Nikolaus Schneider an – und lud alle Katholiken zum Abendmahl ein. Damit war der Ball im katholischen Feld, und nach den römischen Regeln muss dieser Verstoß mit der Räumung des Stadions geahndet werden: Von der „unreifen Frucht“ der gemeinsamen Abendmahlsfeier fabulierte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Karl Lehmann, zuvor müssten „theologische Grunddifferenzen“ überwunden werden – die Teilnahme am Abendmahl ist den katholischen Christinnen und Christen untersagt.

 

Ist es nicht im höchsten Grad obszön, angesichts von Klimakatastrophe, AIDS und Kriegen den Streit der Ewiggestrigen um das Abendmahl in den Vordergrund zu schieben? Ein Realitätsabgleich tut Not, ein Geraderücken der Maßstäbe, in denen wir denken und wohl auch leben. Theologisch gesprochen: Das Bekenntnis zu unserem Gott, der höchstpersönlich für die Armen und Leidenden Partei ergreift – das ist der Dreh- und Angelpunkt kirchlichen Lebens und der Ausgangspunkt theologischer Reflexion und pastoralen Handelns aller christlichen Kirchen. Aus der Gemeinschaft im Abendmahl im Gedächtnis an Jesus Christus erwachsen die Kraft und der Mut - Christinnen- und Christenmut! - für das politische Engagement.

 

Nur wenige haben den Zusammenhang von Globalisierung und ökumenischem Engagement so früh so klar gesehen wie Martin Luther King 1961:

 

"Durch unsere technischen Fähigkeiten haben wir diese Welt zu einem Dorf gemacht; jetzt müssen wir daraus kraft unserer Moral und unserer geistigen Entwicklung eine Geschwisterschaft machen. Wir müssen im direkten Wortsinn lernen, als Geschwister zusammenzuleben, oder wir werden alle zusammen als Narren untergehen. Wir müssen erkennen, dass kein Individuum allein überleben kann. Wir müssen zusammenleben, wir müssen uns umeinander kümmern."

 

King hatte erkannt, dass das global village uns verpflichtet. Als ihn diese Erkenntnis über den Kampf gegen Rassismus hinausführte und er die Strukturen des Kapitalismus selbst unter Anklage stellte, wurde er erst wirklich gefährlich. Seine Hinrichtung war eine direkte Reaktion auf seinen Protest gegen den Vietnamkrieg und gegen die kolonisatorische Politik der US-Regierung, die zur Einschränkung der Bürgerrechte und zu Armut im eigenen Land führte.

 

Beim Kirchentag in Hannover spitzte der namibianische Bischof Zephania Kameeta die Verantwortung der Kirchen bei einem zentralen Tabu radikal zu: „Die Kirche hat AIDS“ lautete seine Botschaft – das diskreditiert jedes machtsymbolische Geplänkel um die Interpretationsshoheit im Abendmahlsstreit. Doch statt diese Verantwortung energisch und gemeinsam zu übernehmen und der Welt ein Beispiel der Einheit zu geben, huscht das Wort von der „Ökumene der Profile“ durch kirchenoffizielle Texte und verdeckt kaum, was eigentlich gemeint ist: Konfessionelle Profilierung, flankiert durch den beschwörenden Rückzug auf zeichenhafte Handlungen wie das Taufsakrament, das doch erstmal als gemeinsame Basis genüge – eine Vermeidungsstrategie. Auch Zwischenschritte anderer Art – etwa eine gemeinsame Handauflegung statt Abendmahl oder eine intensivere Gestaltung des Friedensgrußes – sind nicht nur hilflose Versuche, den Bremsern entgegenzukommen – sie bremsen denjenigen aus, der der eigentlich Einladende des Abendmahls ist: Jesus von Nazareth. Der Skandal liegt darin: Die Unfähigkeit der kirchlichen Amtsträger zu ökumenischer Kreativität und Mut und emanzipativer Selbstüberwindung auf beiden Seiten wird extrapoliert zur Unmöglichkeit von Ökumene schlechthin, zu einem grauenhaft schlechten Verständnis von Ökumene. Vielleicht ist es auch schlicht naiv, in Zeiten von Bistumspleiten und einer verdeckten Sehnsucht nach Führung diese reflexive Fähigkeit zu erwarten.

 

Doch Ökumene wächst bekanntlich von unten – sie ist längst gewachsen in Jahrzehnten auch einschneidender Erfahrungen: sie beginnt mit den Carepaketen amerikanischer Kirchengemeinden kurz nach Kriegsende und geht über das Engagement im Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung bis hin zu ökumenischen Gemeindepartnerschaften. Die evangelische Kirche verfügt wegen ihrer synodalen Verfassung hier über einen strategischen Vorteil – sie ist näher an dieser Ökumene von unten. Trotzdem folgt sie der römischen Kirche unverständlicherweise immer weiter auf das dünne Eis der „Ökumene von oben“, droht sie diesen Vorteil zu verspielen: Dann wird Ökumene zum Event, zum dekorativen aber inhaltsleeren Element besonderer Anlässe – und das Ziel rückt in weite Ferne. Der Versuch einer Übernahme des Ökumeneprozesses durch die Kirchen, wie wir ihn derzeit erleben,  bedeutet Festschreibung eines bestimmten Niveaus, das das Bewusstsein der Protagonisten abbildet – Ökumene aber ist eine Beziehungsgeschichte, und Beziehungen sind ständig in Fluss und auf Gelingen angelegt. Der Versuch ihrer Reglementierung führt zu Stillstand und damit zum Beziehungstod.

 

Man mag es drehen, wie man will: Die reichen Kirchen in der BRD tragen Verantwortung dafür, dass der ökumenische Diskurs nicht selbstreferentiell in einer Endlosschleife vor sich hin plätschert, sondern auf das Ziel der Einheit zusteuert – und zwar durch ein Engagement in der Welt, das einem aufgrund seines Zeugnischarakters den Atem nimmt! Davon sind wir weit entfernt, doch das gilt es mitzubedenken bei allem, wie Ökumene bei uns betrieben wird.

 

Vor 35 Jahren wagte Karl Rahner einen kühnen Entwurf für eine ökumenische Kirche. Statt theologische Klärungen abzuwarten, lautete Rahners Vorschlag: Ziehen wir doch die institutionelle Einigung vor – die theologische Einheit wird sich als Konsequenz dann einstellen. Abgesehen davon, dass die theologische Aufarbeitung des einmal Trennenden längst geleistet wurde – die Entwicklung gibt Rahner recht, wenn auch unter Umgehung einer offiziellen institutionellen Wiedervereinigung. Denn tatsächlich sind die katholischen Bischöfe in ihren öffentlichen Aussagen vom ökumenischen Leben an der Kirchenbasis längst abgekoppelt – die Gemeinden sind ihnen meilenweit voraus, die ökumenischen Früchte sind längst bunt und saftig. Das zeigen nicht nur gemeinsame Reformationstage und Fronleichnamsprozessionen, auch die sakramentalen Grundvollzüge beider Kirchen weisen heute schon eine gemeinsame Praxis auf, die endlich auch zur Kenntnis zu nehmen ist – von der Taufe über Trauungen bis hin zur Teilnahme an Priesterweihen resp. Ordinationen – das gemeinsame Abendmahl ist da längst geübte Praxis. Was die Kirchenoberen unter Ausschluss der Öffentlichkeit sagen, steht wiederum auf einem anderen Blatt. Sätze wie „Wenn Ihr mich fragt, muss ich nein sagen – tut es einfach!“, die nicht nur von Kardinal Lehmann kolportiert werden, provozieren daher berechtigten Ärger. Doch sie weisen paradoxer Weise in die richtige Richtung: Die hellsichtigeren unter den deutschen Oberhirten lassen sich von Rom – noch! – die Hände binden, also müssen es die richten, die es angeht: die mündigen Christinnen und Christen. Es wäre doch absurd, den Weg wieder zurückzugehen, um ausgerechnet das kirchliche Leitungspersonal nicht zu überfordern  … die Bischöfe werden schon folgen.