Dienstag, 22. August 2017

Kommentar von Bernd Hans Göhring

Tumber Provinzialismus: Fürstin und Kardinal im Gespräch

 

11.09.2008

 

Während noch alle Welt den sonntäglichen Niedergang der ältesten deutschen Partei bekalauerte und genüsslich alle Detailfragen der Rücktrittsliturgie des Parteivorsitzenden ans Licht gezerrt wurden, konnten sich 2 Tage danach, am späten Dienstagabend, Freunde des verwegenen „Polit“-Talks an einem Schauspiel ergötzen, das dem Spektakel vom Sonntag in nichts nachstand:

Präsentiert wurde der Zwischenbericht des Projektes „Talfahrt deutscher Katholizismus“ unter der Überschrift „Adel und höherer Klerus“: Sandra Maischberger moderierte das Autorinnenduo Joachim Meisner, Kardinal und Bischof in Köln am Rhein, und Gloria, Fürstin von Thurn und Taxis, die mit vereinten Kräften ein Buch zustande gebracht hatten – das jedoch an diesem Abend keine Rolle spielte. Mit Grund? Wir werden es nicht mehr erfahren.

An diesem Abend feierte der katholische Provinzialismus, die beschränkte Geist(l)igkeit eines scharf rechts stehenden und vorkonziliar orientierten Katholizismus sich selbst. Wobei „Kirche“ in diesen Kreisen stets dem schlichten Leitbild eines ordinären Hühnerzüchtervereins genügen muss: Wer sich unseren Regeln nicht anpasst, fliegt! – womit nichts gegen das Huhn als Hobby gesagt sein soll. Es gab eine Zeit vor etwa 100 Jahren, da war das Bildungsdefizit des katholischen Milieus in Deutschland sprichwörtlich – am Dienstagabend wurde deutlich, dass die Sehnsucht nach diesem goldenen katholischen Zeitalter in gewissen Spitzen des katholischen Personals tief verankert ist.

Nicht die Tatsache, dass die üblichen Themen abgehakt wurden, machte diesen Abend unvergesslich – sondern die originellen Antworten und die Art ihrer Verpackung:

Da sinnierte Joachim Meisner über zwei wunderbare neue katholische Verhütungsmethoden, die ihm partout nicht einfallen wollten. Da präsentierte die Fürstin Enthaltsamkeit als Patentrezepte gegen AIDS und Abtreibung und beschuldigte die Moderatorin des Rassismus, da Afrikanern sehr wohl die katholische Sexuallehre zu vermitteln sei – als ob das Problem nicht vielmehr in deren absurder Verlogenheit bestehe. Zur Verdammung von Schwulen und Lesben in die „Hölle“ war es dann nur noch ein kleiner Schritt.

All dies war als tumber Provinzialismus sofort durchschaubar und bestenfalls exotisch-unterhaltsam. Rätselhaft bleibt jedoch, warum beide zu glauben schienen, dieses hohle Geschwätz der Öffentlichkeit als eine ernstzunehmende katholische Position im 21. Jahrhundert offerieren zu können. Hier erhob ein mittelmäßiges Autorinnenduo einen Führungsanspruch über katholische Leiber und Seelen, der schon gefährlich realitätsverzerrt genannt werden muss.

Intelligenter Konservatismus ist anders. Es braucht nicht viel Phantasie, sich die wütenden Reaktionen in ZdK und Bischofskonferenz vorzustellen. Der Versuch, diesen Fehlschlag der Moderatorin anzulasten, weil sie auf Glaubensfragen schlecht vorbereitet gewesen sei, wie es Joachim Meisner tags darauf versuchte, schlägt schallend auf ihn selbst zurück.