Mittwoch, 24. Mai 2017

Kommentar von Bernd Hans Göhring

„Finger weg von meinem Besteck!"

oder: Warum auch Bischof Huber keine neuen Feiertage mag.  

14.10.2009

 

„Ein Bestandteil der christlich geprägten Kultur
sind Feiertage wie Ostern und Weihnachten.
Sollte es künftig in Deutschland auch
einen muslimischen Feiertag geben?“

„Das halte ich für eine sehr überlegenswerte Idee.
Wenn zum Beispiel das islamische Opferfest bei uns
Feiertag würde, wäre das ein Zeichen, dass dieser Staat
die Muslime in ihrer Andersheit als Gleiche annimmt.“

Ernst-Wolfgang Böckenförde
taz-Interview 23.9.2009

 

Der „Fall Sarrazin“ beherrscht noch die Schlagzeilen – da bringt Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, eine Idee in die Integrationsdebatte ein, die angesichts der peinlich-dummen Sarrazin-Debatte in diesem Moment geradezu als konstruktiv und versöhnlich bezeichnet werden muss: Warum nicht allen Kindern einen schulfreien Tag ermöglichen – einen muslimischen Feiertag, so wie alle Kinder Weihnachten, Ostern und Pfingsten feiern? Die Idee ist genial, sie stammt ursprünglich von Christian Ströbele, dem man religiöse Ambitionen am wenigsten nachsagen kann. Und sie wird dankenswerterweise sogleich unterstützt und um einen jüdischen Feiertag ergänzt von Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland. Alles wunderbar – beginnt Erziehung zu Respekt und Toleranz nicht am besten so früh als möglich und so „wertvoll“ als möglich?

 

Weit gefehlt – in Deutschland rangieren Erziehung und Bildung nicht an erster Stelle: Also wird diese Idee erstmal ruppig abgebügelt – wo kämen wir hin, wenn jeder Migrant uns vorschreiben würde … zuerst gilt es, Rücksichten zu nehmen:

 

Da wäre zunächst die Wirtschaft – lieber schaffen wir Feiertage ab und führen Sonntagsarbeit flächendeckend ein, als zusätzliche ökonomische Belastungen durch die Hintertür einer angeblichen „Integration“ einzuführen: „Das ist Klamauk à la Kolat.“, ordnet der nordrhein-westfälische Integrationsminister (sic!) Armin Laschet (CDU) den Vorgang ein, denn in der Integrationspolitik geht es schließlich um wichtigere Fragen: „Wir müssen Bildungs- und Aufstiegschancen und Deutschkenntnisse für Zuwandererkinder verbessern, statt neue Feiertage einzuführen.“ Kann man boshafterweise so hören: „Industrie und Dienstleistung brauchen fehlerfreie Rechtschreibung und potente Steuerzahler, keine gläubigen Arbeitnehmer.“ Dass Lernen etwas mit positiven sozialpsychologischen Rahmenbedingungen zu tun hat, in einer Umwelt, die als die eigene wahrgenommen wird …?

 

Dann wären da die christlichen Kirchen – eigentlich könnte man vermuten, dass gerade hier der Vorschlag der abrahamitischen Schwesterreligionen auf große Zustimmung fällt. Doch weit gefehlt: Beide Großkirchen befinden sich in einem komplexen und hochdifferenzierten Abwehrkampf gegen das säkulare Umfeld – da können religiöse Gemeinsamkeiten schon mal aus dem Blick geraten.

 

Zudem geht es im Zweifelfall zuerst um das Eigene: Die aggressive Reaktion des scheidenden EKD-Ratsvorsitzenden Bischof Wolfgang Huber etwa erklärt sich auch aus dem Desaster der Abschaffung des Buß- und Bettags 1994 zwecks Entlastung der Arbeitgeberseite zur Finanzierung der neu eingeführten Pflegeversicherung: "Im Rückblick muss man die Abschaffung in einer Nacht- und- Nebel-Aktion sehr bedauern", so Huber in einem epd-Gespräch im vergangenen Jahr. Die Gründe sah er in der schlechten politischen Lobbyarbeit seiner Kirche, und weiter: "Es wäre angezeigt, einen anderen evangelischen Feiertag, nämlich den Reformationstag, überall zum Feiertag zu machen.“ Im Klartext: Wenn ein neuer Feiertag eingeführt werden soll, muss zuerst die evangelische Kirche für den Buß- und Bettag entschädigt werden!

 

Und der Bischof geht noch weiter: Schon allein die "jahrtausendelange christliche Prägung Deutschlands" steht einer Weiterentwicklung unserer Feiertagskultur im Weg. Die Deutsche Bischofskonferenz sekundiert. Da überrascht es nicht, wenn die bayerische Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) sofort beispringt: „Wir sollten die Kirche im Dorf lassen. Bei uns gilt die christlich-abendländische Kultur und das soll auch so bleiben.“ – das christliche Abendland in größter Not!

 

Die öffentliche Meinung rückt wieder mal nach rechts – Thilo Sarrazin formuliert öffentlich, was viele denken, und auch die Kirchen, von denen in den vergangenen Jahren manches kluge Wort gegen Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz zu hören war, sortieren zunächst ihr eigenes Besteck. Darüber wird eine integrationspolitische Chance vergeben, wie sie nicht größer sein könnte:

 

Gesetzlichen Feiertagen liegt nicht in jedem Fall eine über Jahrhunderte entstandene Tradition zugrunde, sei sie religiöser oder profankultureller Provenienz – mitunter entscheiden sich moderne Staaten auch bewusst für oder gegen die Einführung bzw. Abschaffung eines besonderen Tages im offiziellen Festkalender.

 

So kennt etwa Frankreich den Gedenktag zum Ende des 1. Weltkrieges (Armistice 1918) am 11. November und insgesamt vier regionale Feiertage zur Abschaffung der Sklaverei (Abolition de l´esclavage) in den Überseedepartements Martinique (22. Mai), Guadeloupe (27. Mai), Guyane (10. Juni) und La Réunion (20. Dezember). In den USA musste die Einführung des „Martin Luther King Day“, der seit 1986 an jedem dritten Montag im Januar auch in den Kirchen gefeiert wird, mühsam seit der Ermordung des Bürgerrechtsaktivisten 1968 erkämpft werden. Heute ist dieser Tag aus dem öffentlichen Bewusstsein der USA nicht mehr wegzudenken. Wer einmal die feierliche Ernsthaftigkeit erlebt hat, mit der etwa in Gemeinden und Schulen mit diesem Tag gearbeitet wird, könnte verstehen lernen, welche Wirkung die Einführung eines neuen bundesweiten Feiertages entfalten könnte.

 

Es ist an der Zeit, Integration neu zu buchstabieren – die „Mehrheitsgesellschaft“ wird über kurz oder lang einsehen müssen, dass sich ihre Welt längst verändert hat: erweitert, bereichert und offener. Neue Feiertage gehören im gesellschaftlichen Miteinander dazu. Die Frage ist jetzt, wie heftig sie erkämpft werden müssen und wie sehr diese Auseinandersetzung das Zusammenleben unserer Kulturen und Religionen belastet. Der Stil dieser Debatten signalisiert Ausschluss oder Integration für lange Zeit. Die Kirchen müssen hier Vorbild sein.