Donnerstag, 30. März 2017

Kommentar von Uwe-Karsten Plisch

Alt und Neu:
Betrachtung zu den Jahreslosungen 2013 und 2014


13.01.2014

Das gerade zu Ende gegangene Jahr stand unter der Losung aus dem Hebräerbrief:
Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. (Hebr. 13,14)

Was hat es mit der zukünftigen Stadt auf sich, von der der Autor oder die Autorin des Hebräerbriefes schreibt? Ist das das alte „Eiapopeia vom Himmel“, über das sich Heinrich Heine so scharfzüngig lustig gemacht hat? Die Vertröstung auf eine ferne Belohnung. wenn das hiesige Elend, das „irdische Jammertal“ endlich überstanden ist?
Keineswegs. Was die Lutherbibel mit „zukünftig“ übersetzt, meint tatsächlich etwas, das unmittelbar bevorsteht, das, was im Begriff ist, sich zu ereignen. Auch das himmlische Jerusalem der Offenbarung, meint ja keine Stadt im Himmel, sondern eine, die vom Himmel herabkommt auf die Erde. Eine Stadt in der es weder Tempel noch Kirche gibt, weil Gott selbst bei den Menschen wohnt (Offb. 21,2-4.22). Das ist immerhin so ziemlich das letzte Wort der christlichen Bibel!
Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern suchen, was im Begriff ist zu erscheinen!

Das ist - auch - ein überraschend adventlicher Text! Weil er von dem spricht, was unmittelbar bevorsteht und die Verhältnisse gänzlich umwenden wird. Er spricht von der Grundspannung, die die Adventszeit ausmacht, die wir ja auch in uns haben, wir richten sie bloß oft auf das Falsche. Die Adventszeit, ursprünglich eine Fastenzeit, dient dazu, sich auf den Kommenden vorzubereiten, das Christkind zu empfangen, das keine Geschenke bringt, sondern selbst das Geschenk ist. Das Lukasevangelium nennt ihn Retter, Messias, König, er ist der Gegenentwurf zum römischen Kaiser, der Gegenentwurf zum herrschenden Imperium, gewissermaßen der Antiimperialist schlechthin. Und er kommt zu uns.  

Die Jahreslosung für das neue Jahr schlägt überraschend eine Brücke zur Jahreslosung des alten Jahres, das ist nicht immer so. Als Scharnier zwischen beiden kann folgende kleine Geschichte dienen:

aus: Andere Zeiten: Oh!

An der Geschichte ist nicht so sehr überraschend, dass Gott in einem Kind begegnet - das hat, nicht erst seit dem hl. Christophorus eine lange christliche Tradition; auch dass Gott eine Frau sein sölle, kann nach einigen Jahrzehnten feministisch-theologischen Diskurses nicht mehr überraschen, aber dass Gott Cola trinkt, schon. Hand aufs Herz: wir hätten zumindest Bionade erwartet.

Die neue Jahreslosung steht am Ende von Psalm 73. Sie lautet, zumindest in der offiziellen Übersetzung:

Gott nahe zu sein, ist mein Glück.

Als ich diesen Vers zum ersten Mal als Jahreslosung las, war mein erster, spontaner Gedanke: Was für eine blöde Übersetzung! Gott nahe zu sein, ist mein Glück - kuscheliger geht’s nicht! Die Basisbibel übersetzt: Gott nahe zu sein, ist gut für mich.

Das ist besser, weil wortgetreuer, aber nicht gut. Nachdem ich mich ausreichend geärgert hatte, war meine Neugier geweckt - und dann wurde es kompliziert. Die Losung, die uns das ganze Jahr über begleiten soll, hat aber ein bisschen theologische Sorgfalt verdient.

Das Wort, das die meisten Übersetzungen mit „nahe sein“ übersetzen, kommt im ganzen Alten Testament nur zwei Mal vor und stammt von einen Verb, das „sich nähern“ bedeutet.

Es ist ein dynamischer Begriff, kein statischer, es geht um Bewegung, nicht ums Kuscheln. Ganz wörtlich könnte man übersetzen: Die Annäherung Gottes ist gut für mich. Aber wer ist dann Subjekt, wer ist Objekt? Nähert sich Gott mir an oder nähere ich mich Gott? Der vorausgehende Psalmvers scheint letzteres nahezulegen: Wer sich von dir, Gott, abwendet, geht zu Grunde. - Ich aber, was mich betrifft, Meine Annäherung an Gott ist gut für mich. Aber so einfach ist es nicht. Die kühne Annahme, ich könnte mich, wenn ich wollte, Gott nähern, ist auch kurz vor selbstgerecht. Dass der Mensch sich von Gott entfernt, ist gewissermaßen der menschliche Normalzustand, gerade im Advent, dass sich das einfach und nach Belieben umkehren ließe, ist, theologisch gesprochen, nicht wahr.
Ein Blick auf die zweite biblische Stelle, an der die schwierige Sache mit der Annäherung Gottes besprochen wird, zeigt, um welche Richtung es geht. In Jesaja 58,2 heißt es: Sie begehren, das Gott sich naht (Lutherbibel), wörtlich: Sie begehren die Annäherung Gottes.

Und das ist genau, was zu Weihnachten passiert: Gott kommt uns nahe. Und das ist unser Glück.


Amen.