Mittwoch, 24. Mai 2017

Kommentar von Wolf Gunter Brügmann-Friedborn

Wärmestrom mit heiligem Zorn

Erfahrungen aus der Aufnahme von Flüchtlingen am Beispiel der Frankfurter Wicherngemeinde


Seit dem 20. November 2013 beherbergt und betreut die Evangelische Wicherngemeinde in Frankfurt-Praunheim zwei junge Flüchtlinge aus Afrika. Hassan, 22, aus Niger, Vollwaise, und Richard, 31, aus Ghana, Familienvater mit Frau und Kind in Ghana. Beide sind über Lampedusa gekommen. Kirchenvorsteher Wolf Gunter Brügmann-Friedeborn berichtet von Erfahrungen, die Mut machen sollen, sich für Flüchtlinge zu engagieren.


Redemanuskript für die Synode des Evangelischen Stadtdekanates Frankfurt am Main am 31. März 2014. Aus Zeitgründen sehr verkürzt vorgetragen: Anfang, Inhalt von „Drittens“, Wildnis-Zitat von Albert Schweitzer, Schluss.

 


Ich spreche hier als Präses des ehemaligen Dekanats Frankfurt Nord und als Kirchenvorsteher der Wicherngemeinde, der von Anfang an in beiden Unterstützerkreisen mitwirkt. In dem für die 22 Flüchtlinge aus Cantate Domino/Gutleutkirche und in dem für die zwei Flüchtlinge in der Wicherngemeinde. Ich möchte Ihnen einige Erfahrungen davon mitgeben, wie es ist, wenn die Weltpolitik direkt zu uns in die Idylle am Stadtrand kommt und in Gestalt hilfsbedürftiger Menschen an unsere Türen klopft. Wir sehen Flüchtlinge nicht mehr nur im Fernsehen. Sie leben bei uns und wir leben mit ihnen zusammen. Nur einige Tage noch, dann werden wir ein letztes Mal mit unseren Wintergästen Hassan und Richard gemeinsam essen, sie mit wohl feuchten Augen im Gottesdienst verabschieden und mit einer gewissen Menge Überlebensgeld ausgestattet zum Bus nach Neapel begleiten. Was haben wir Hassan und Richard bieten können? Einen sicheren Ort. Begegnung mit Anteilnahme und Respekt. Eine Auszeit von der ewigen Flucht und Ungewissheit. Ein temporäres Zuhause, in dem sie zur Ruhe kommen und wieder Kraft tanken konnten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Denn sie sind und bleiben, daran können wir leider nichts ändern, heimatlos herumschweifende entwurzelte Menschen. Wir bleiben zurück in unserer sozialen Sicherheit, mit schönen Erlebnissen, die wir nicht vergessen werden, aber auch mit Erfahrungen, die sich als seelische Wunde in unsere Lebensgeschichte einbrennen werden. Das intensive Zusammensein mit Hassan und Richard und den weiteren Flüchtlingen in der Gutleutkirche hat viele auch ganz neu bewegt, sich mit politischen Angelegenheiten zu befassen.

 

Erstens: Wir haben erfahren, wie gut es war, dass wir uns anfangs selbst kritische Fragen dazu gestellt haben, was wir leisten und verantworten können.

Die Fragen, die wir uns in einer Sondersitzung des KV gestellt haben, beleuchten die Problematik: Begnügen wir uns mit Gewährung von Obdach? Können wir mehr leisten, als eine Grundversorgung mit Bett, Kleidung und Essen? Können wir ehrenamtlich gewährleisten, dass wir mit den Flüchtlingen schauen, ob und wie Sie ihren Aufenthalt in Deutschland stabilisieren, rechtlich absichern können? Können wir ihnen Begleitung zu Behörden, Ämtern stellen? Sind wir willens, sie auch sozial nicht alleine zu lassen? Können wir ihnen helfen, nicht in Einsamkeitsdepression zu verfallen? Sind wir bereit, sie in das Gemeindeleben einzubeziehen, auch wenn es mit der sprachlichen  Verständigung schwierig ist? Können wir es aushalten, wenn wir nach geraumer Zeit feststellen, dass wir ihnen nicht wirklich weiter helfen können und sie unser Land doch wieder verlassen müssen? Für wie lange Zeit können wir sie überhaupt aufnehmen? Über den ganzen Winter, bis ins Frühjahr? Kürzer? Länger? Wie bestimmen wir ein mögliches Ende unserer Gastfreundschaft und wie vermitteln wir ihnen dann, wenn es keine andere Lösung gibt, dass sie wieder „auf die Straße“ müssen und sich selbst überlassen sind? Viele Fragen, die nicht von Hilfe abschrecken sollten, aber das Bewusstsein für die Dimension der Verantwortung schärfte, die wir zu übernehmen bereit sein wollten, wenn wir Menschen aufnehmen, die uns zunächst völlig unbekannt sind.

Zweitens: Wir haben erfahren, wie befreiend es ist, Kirche an der Basis mal wieder so spektakulär als Gemeinschaft zu erleben, die sich nicht nur mit sich selbst, mit Organisations- und Personalfragen und Sparzwängen befasst, sondern zeigt, wofür wir uns als Christen berufen fühlen, wenn es drauf ankommt. Gespeist aus dem inneren Wärmestrom des Mitgefühls waren und sind wir mit nüchterner Analyse und praktischer Hilfe für Hassan und Richard da und erleben die beiden als Bereicherung unseres Lebens. Wir haben erfahren, wie ein solches Zeugnis tätiger Nächstenliebe ausstrahlt. Es war beeindruckend und überwältigend, wie viele ganz verschiedene Leute sich persönlich eingebracht haben. Schnell bildete sich ein Unterstützerkreis von gut 20 Personen. Für Wäsche waschen bis zu Deutschunterricht, vom Begleiten zum Familienmarkt für Bekleidung bis zu Spielabenden. Einen Flyer mit Bitte um praktisches Mittun und Geldspenden verteilten wir, vor allem Jugendliche aus der Gemeinde, an alle Haushalte. Wir waren erfreut und erstaunt, welchen Erfolg dieser hatte und wie viele Menschen sich auch meldeten, die sonst mit Kirche bislang eher wenig am Hut hatten.

 

Drittens: Schmerzhaft haben wir erfahren, wie es ist, wenn unsere Freude an dieser Hilfe immer wieder auch von einem schalen Beigeschmack begleitet wird. Nämlich durch das Gefühl einer Ohnmacht, die einem angesichts der Not der Menschen die Seele zu zerreißen droht. Wegen der Erkenntnis, dass wir nicht  mehr für diese beiden Menschen erreichen können, was ihnen einen Einstieg in ein sicheres Leben ermöglicht. Wir haben aber auch erfahren, wie wir aus dieser Ohnmacht herauskommen. Nämlich mit der Beschäftigung, warum die Lage so ist wie sie ist, mit den politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen. Und dabei ist in vielen der Unterstützerinnen und Unterstützer etwas gewachsen, was sie vorher bei sich nicht kannten: Zorn. Ein Zorn von der Art etwa, der Jesus dazu trieb, die Händler und Wechsler aus dem Tempel zu vertreiben: Welch Schande, dass ein so reiches Land wie Deutschland Menschen in Not sehenden Auges vor die Hunde gehen lässt. Wir haben erfahren, wie fürsorgliche  Zuwendung zum Nächsten in Not, praktische Hilfe, heiliger Zorn und nüchterne Analyse der Situation Geschwister sein können, die einander gut tragen.

 

Viertens: Ich persönlich habe auch erfahren und schon mehreren  Orts vermitteln können, wie lebensnah, wie bestärkend und hilfreich die Wechselspannung von Kyrie und Gloria, von Sündenbekenntnis und Zuspruch, für unser Tun auch außerhalb des Gottesdienstes ist.


Mein Kyrie ist ein Befund der Schriftstellerin Christa Wolf: „Es geht wohl über die Kraft eines Menschen,  heute zu leben und nicht schuldig zu werden.“ Ich lege ihn so aus: Man kann sich gewiss nicht direkt um alle Mühseligen und Beladenen in der Welt kümmern, aber man darf auch nicht nichts tun, wenn man was tun kann. Nichts zu tun, wegschauen, macht schuldig. Die Einsicht, wie begrenzt Hilfe sein kann, bereitet Unbehagen, belastet Gemüt und Gewissen und kann davon abschrecken, überhaupt etwas zu tun. Aber es gibt für uns Situationen, da kann man sich vor einem entschiedenen Handeln nicht drücken, auch wenn man weiß, dass man in gewisser Weise  scheitern kann. Das Gloria fand ich im Schaukasten der Hoffnungsgemeinde am Eingang der Gutleutkirche, dem Gruppenquartier für 22 Flüchtlinge, in dort aushängenden Zitaten von Albert Schweitzer: „Dass jeder in der Lage , in der er sich befindet, darum ringt, wahres Menschentum an Menschen zu betätigen, davon hängt die Zukunft der Menschheit ab.“ Und passend für unser Engagement für Flüchtlinge:  „Ethisches Handeln findet nicht in einem Park mit planvoll angelegten und gut unterhaltenen Wegen statt, sondern in einer Wildnis, in der jeder seinen eigenen Pfad finden muss.“ So unwegsam er auch sein mag und so wenig wir wissen, wohin er führt, füge ich hinzu. Beide Wegweisungen verstehe ich auch als Auslegungen des Bibelwortes „Seid nicht allein Hörer, seid Täter des Wortes“ und der Verheißung „Selig sind, die Gottes Wort hören und danach handeln“. Glorie und Kyrie fließen im Kollektengebet zusammen: „Gott, gib uns die Kraft und den Mut, dass wir offen werden auch für das Wagnis des Ungewissen.“  

 

Was bleibt? Was kommt?  Das Erlebnis mit Hassan und Richard wird für uns keine Episode bleiben. Was an geschärftem Bewusstsein gewachsen ist, wird über den Tag hinaus reichen. Wir wissen zwar noch nicht, wie wir uns weiter für Flüchtlinge engagieren werden, aber wir werden. Meine Bitte auch an Siel alle hier in der Synode: Überlassen wir eine gelebte Willkommenskultur nicht allein unseren übergemeindlichen kirchlichen Einrichtungen und Diensten und denen, die darin hauptamtlich beschäftigt sind. Möge jede Gemeinde sich des Schicksals entwurzelter Menschen in unserer Stadt annehmen. Jede nach ihren Möglichkeiten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Danke

 

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Autor:
Wolf Gunter Brügmann-Friedeborn, Am Ebelfeld 268, 60488 Frankfurt
Telefon 069 762739, mobil 0176 72232106, E-Mail: wgbruegmann@uni-bremen.de
Kirchenvorstand Ev. Wicherngemeinde Frankfurt am Main
Vorstand Ev. Stadtdekanat Frankfurt am Main
Vorstand Ev. Regionalverband Frankfurt am Main
Kuratorium Dorothee-Sölle-Preis für den aufrechten Gang
Kuratorium Eugen-Kogon-Preis für gelebte Demokratie
Leitung ökumenisches Netzwerk Initiative Kirche von unten (IKvu)