Montag, 20. November 2017

Seit' an Seit' gehen wir zu Grunde

Besichtigungen christlicher Schwundstufen am Reformationsjubiläum


Von Sebastian Dittrich

Dresden, 31.10.2017 - 11:20 Uhr

Ich weiß, was ich jetzt tue, ist ungerecht. Es ist eine Unsitte, sich über Gottesdienste zu ecchauffieren, ohne persönlich mit den Gestaltenden geredet zu haben. Aber in diesem Moment, kaum 20 min nach Ende, da muss es raus. Selten bin ich derart aggressiv aus einem Gottesdienst herausgegangen. Selten war ich so negativ aufgewühlt, dass ich nicht wusste, ob ich ich nun laut lachen oder in Tränen ausbrechen sollte. Aber der Reihe nach...

Gottesdienst-Beginn ist 9:30 Uhr. Gegen 9:15 treffe ich an der schon gut gefüllten Kirche ein. Vorn rechts stimmen sich die MusikerInnen ein, vorn links sortieren die SängerInnen des Chors ihre Noten. Am Eingang bekomme ich zunächst einen DIN A5-Zettel gereicht. Ich kann lesen, was an klassischer Musik geboten wird: Merkel, Telemann, Pachelbel. Schön. Gesangbuch gibt es dann auch noch. Ein Paar Gemeindelieder sind ja auch angetafelt.

Weiter hinten nehme ich Platz. Und schon geht’s los. Auftritt evangelische Pastorin in Albe mit bunter Stola (und man denkt sogleich an F.W. Graf: die „Phantasiegewänder“ - um so schön auszusehen wie die katholischem Amtsbrüder). Auch der römisch-katholische Pfarrer der Schwestergemeinde ist zu sehen; jene Stola sieht irgendwie besser aus. Ach ja, das Reformationsjubiläum soll ja heute ökumenisch begangen werden.

Wie das „ökumenisch“ aussehen soll, lernen wir schon bei der Begrüßung: So verkündet die Pastorin, Herr B. aus dem Kirchenvorstand habe sich als Zeichen der Versöhnung gewünscht, dass sich doch alle nach katholischer Art bekreuzigen mögen. Danke Herr B. - denke ich. Meine Hände bleiben unten. Ach ja: Wer mit der Liturgie nicht vertraut sei, könne im grünen Gesangbuch nachschlagen, dort sei die Liturgie „B“ abgedruckt. Ich habe ein blaues Gesangbuch abbekommen. Aber für das bisschen Liturgie reicht’s auch so: Eigentlich nur ein entfaltetes Kyrie, und dann noch das Rahmstück „Ehr sei dir Herr... Lob sei dir oh Christus“ für die Epistel-Lesung (1. Korinther 12). Diese einzige biblische Lesung wird im weiteren Verlauf keine Rolle spielen.

Weil „wir“ ja  ökumenisch feiern, darf der römisch-katholische Pfarrer predigen. Das  ist ganz nett und persönlich gehalten. Zu hören ist eine Jugendgeschichte, wonach er Ökumene zunächst als „Rückkehr-Ökumene“ erklärt bekommen habe. Heute sehe er das nicht mehr so. Allgemeine Erheiterung. Alles andere relativ bekannt (Tenor: Rückbesinnung auf Christus, Versöhnung, ...gähn...). Dann noch eine ganz neue Erkenntnis: das Glaubensbekenntnis (hier: Apostolicum) unterscheide sich ja bei evangelischen und katholischen nur ganz wenig. Man fragt sich: War da nicht noch ein Bibeltext? Ja, aber man will ja ökumenisch sein. Da wäre eine gehaltvolle Textauslegung wohl zu viel verlangt gewesen.

Gesprochen wird das Apostolicum dann doch nicht, stattdessen singen wir EG 184 (Wir glauben Gott im höchsten Trohn...“). Die beteiligten Gemeinden haben Punkte formuliert, die sie sich als ChristInnen gemeinsam ökumenisch vorgenommen haben. Diese werden nun vorgetragen: Man will friedlich sein, sich am Stadtteilleben beteiligen, mehr voneinander lernen, nach Taizé fahren und auch gemeinsam Abendmahl feiern... (Ach ja, wir sind ja in Dresden – war da nicht noch was, seit über 3 Jahren?). Wir haben uns gemeinsam/ökumenisch viel Nettes zu sagen, der Welt anscheinend kaum etwas  - das griechische oikumene meinte doch eigentlich viel mehr. Aber immerhin darf für jedes Anliegen ein Teelicht entzündet werden. Und „Sonne der Gerechtigkeit“ ist ja schon am Anfang gesungen worden.

Auch die Fürbitte soll ökumenisch gestaltet sein. Dazu hat man sich noch etwas ausgedacht: JedeR Betende legt nach der Gebetsstrophe ein Weihrauch-Bröckchen in eine Kohleschale. Hat der römisch-katholische Pfarrer so erklärt: Weil der Psalmist doch gesagt habe, dass das Wort zu Gott aufsteigen soll wie Weihrauch. Einen Psalm haben wir übrigens gar nicht gebetet. Wir schließen mit dem Vaterunser, der Weihrauch-Duft breitet sich wohlig aus. In der Zwischenzeit kommen die Kinder zurück vom Kindergottesdienst, ein wenig aufgekratzt. Das stört dann aber auch nicht weiter (ob der Weihrauch schon seine Wirkung tut?).

Nun ist der Gottesdienst aber noch nicht vorbei: Denn es soll ja noch ein Baum gepflanzt werden. Man will dazu in einer Prozession zum Pflanzort ziehen und dort den Gottesdienst beenden. Aber vielleicht kann oder will ja jemand den Weg nicht gehen (ja, ich!), für diese Menschen gibt es den Segen schon jetzt (danke!). - „Und das Kreuzzeichen nicht vergessen!“.  Die Menschen verlassen nun im Gefolge der Geistlichen den Kirchenraum. Es geht hinaus, auf den nahen Friedhof. Denn dort soll die Versöhnungs-Eiche ihren Platz finden.

Ich bekomme einen Ohrwurm (EG 346): „Such wer da will ein ander Ziel... hilf mir mein Leiden tragen. / Hilf mir zur Freud nach diesem Leid; hilf, daß ich mag nach dieser Klag / dort ewig dir Lob sagen“. Und dabei frage ich mich: Welcher Tag ist heute?
Reformationstag!