Montag, 26. Juni 2017

Neujahrsgruss


Liebe Freundinnen und Freunde in den Mitgliedsgruppen,
liebe Einzelmitglieder und Interessierte der IKvu,
 
euch allen ein gesegnetes, spannendes und anregendes Jahr 2011!
 
„Draußen tobt der KONSENS, während ich hier drinnen versuche, TRADITION und ANARACHIE aufrecht zu erhalten.“
 
So lässt Rene Pollesch, Autor und ehemaliger Intendant der Berliner Volksbühne, eine seiner Figuren von der Bühne ins Publikum hinein rufen. Wenn wir Konsens mit der von kirchlichen Autoritäten vertretenen dogmatischen Lehre und ihrem selbstbezüglichen Kirchen- und Amtsverständnis und Anarchie als Rebellion gegen dogmatische Erstarrung verstehen, so wie Jesus gegen die Pharisäer wider den Stachel gelöckt hat, dann, so denke ich, erfassen wir den Gehalt der jesuanischen Tradition, wie wir sie als Gruppe, Gemeinde oder als Einzelmitglieder im Denken und Handeln für kirchliches Handeln hoch halten.
 
Als die IKvu vor gut 30 Jahren im status nascendi war, zirkulierte unter Christen ein „Gruß an die Menschen“, verfasst von dem im Herbst 2010 im Alter von 80 Jahren verstorbenen Volksprediger Johannes Hansen, der nach wie vor gut zu diesem Verständnis passt. Er ist auf den Einzelnen gemünzt, kann aber auch gut auf die Gruppe übertragen werden.
 
Ein Gruß an die Menschen
 
Ein Gruß dem Menschen,
der aus der Reihe tanzt.
und nicht
dem Trend der Mehrheitsmeinung folgt,
sondern täglich nach Gottes Willen fragt.
 
Ein Gruß dem Menschen,
der den Widerspruch wagt
und nicht
längst verschlissene Phrasen wiederholt,
sondern seine Ohren öffnet für neue Worte.
 
Ein Gruß dem Menschen,
der in guter Hoffnung lebt
und nicht
im Kreise grinsender Leute sitzt,
sondern von Gott Überraschungen erwartet.
 
Er ist ein Mensch in Gottes Hand
und wird
Ein Beispiel der Hoffnung sein für viele
Die für sich und diese Erde
Nichts mehr erwarten.
 
Durch Jesus sind wir befreit, zur Freiheit des eigenen Urteilsvermögens, zur Freiheit für Eigensinn gegen dogmatische Verengung. Wie wir diese Freiheit in Anspruch nehmen können, hat Albert Schweitzer in ein Bekenntnisgedicht gefasst, das sich auch gut verstehen lässt, wenn wir „Bürger“ durch „Christ“ und „Staat“ durch „Kirche“ ersetzen,
 
Freiheit
Ich will unter keinen Umständen ein Allerweltsmensch sein.
Ich habe ein Recht darauf, aus dem Rahmen zu fallen, wenn ich es kann.
Ich wünsche mir Chancen, nicht Sicherheiten.
 
Ich will kein ausgehaltener Bürger sein, gedemütigt und abgestumpft,
weil der Staat für mich sorgt.
Ich will dem Risiko begegnen, mich nach etwas sehnen und es verwirklichen,
Schiffbruch erleiden und Erfolg haben.
 
Ich lehne es ab, mir den eigenen Antrieb für ein Trinkgeld abkaufen zu lassen.
Lieber will ich den Schwierigkeiten des Lebens entgegentreten,
als ein gesichertes Dasein führen.
Lieber die gespannte Erregung des eigenen Erfolgs, als die dumpfe Ruhe Utopiens.
 
Ich will weder meine Freiheit gegen Wohltaten hergeben,
noch meine Menschenwürde gegen milde Gaben.
 
Ich habe gelernt, selbst für mich zu denken und zu handeln, der Welt gerade ins Gesicht zu sehen und zu bekennen:
 
Dies ist mein Werk.
(Albert Schweitzer)
 
Unser Werk ist die IKvu, die es, ebenso wie so viele Gruppen von und mit euch, allen Widrigkeiten zum Trotz, immer noch gibt. Einige erfahren eine neue hohe Aktualität und starke Ausstrahlung, andere sind stark „in die Jahre gekommen“ und von Selbstzweifeln geplagt. Als Ermutigung für unser aller weitere gemeinsame Arbeit, auch zur Bewältigung resignativer Züge und ambivalenter Existenzgefühle, nehme ich Anleihe beim Propheten Jeremia.
 
Sicherlich gibt es viele in sich gefestigte fromme Menschen, die keine Zweifel am Glauben kennen, aber auch keinen selbstkritischen Blick auf sich selbst haben. Ich gehöre nicht zu Ihnen. Mein gelebter Glauben spielt sich ab im Spannungsfeld zwischen Gottvertrauen und Zweifel an Gott und zwischen Zuversicht und Angst, was die Widrigkeiten des Lebens und den Unfrieden und die Ungerechtigkeit auf unserer Welt angeht. Ein Stück weit finde ich mich damit auch in einigen Propheten wieder, vor allem jenen, die sich zunächst gegen die Berufung durch Gott gesträubt haben.
 
Auch Jeremia will erst nicht so recht. Gottes Wort an ihn „Sag nicht: Ich bin noch zu jung“ war das Motto zur Feier des 30. IKvu-Bestehens während der Delegiertenversammlung 2010 in Bonn. Es stammt aus seinem Berufungsbericht, den Uwe-Karsten Plisch in seiner Predigt zum Abschluss der DV anregend auslegte: „Worte Jeremias, des Sohnes Hiskijas, aus der Priesterschaft zu Anatot im Land Benjamin: Das Wort des Herrn erging an mich. Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt. Da sagte ich: Ach mein Herr und Gott, ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so jung. Aber der Herr erwiderte mir¨ Sag: nicht: Ich bin noch zu jung. Wohin ich dich auch sende, dahin sollst du gehen, und was ich dir auftrage, das sollst du verkünden. Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir, um dich zu retten.“
 
Man kann ja die Bibel durchaus auch als eine kleine Kulturgeschichte der Ausreden lesen, hat Uwe-Karsten Plisch in seiner Predigt aufgezeigt hat: Mose kann nicht reden, Jona kann die Leute von Ninive nicht ausstehen und möchte eigentlich nicht zu ihrer Rettung beitragen, Elija verzweifelt unter dem Wacholderbusch. Und auch der Apostel Paulus wird gegen seinen Willen berufen.
 
Mir, der ich nun im 65. Lebensjahr stehe, hat es Jeremia angetan. Nicht, weil er sich als junger Mann sträubte, nein, wegen seiner späteren Erfahrung als öffentlich wirkenden Prophet und wegen seiner Zweifel: „Gott, so oft ich in deinem Namen rede, muss ich Unrecht anprangern Verbrechen! Muss ich rufen: Unterdrückung! Und das bringt mir nichts als Hohn und Spott ein, Tag für Tag. Aber wenn ich mir sage: Ich will nicht mehr an Gott denken und nicht mehr in seinem Auftrag reden, dann brennt Dein Wort in meinem Inneren wie Feuer. Ich nehme meine ganze Kraft zusammen, um es zurückzuhalten. Doch ich kann nicht.“
 
Möge das Feuer Gottes auch in euch allen und euren Gruppen und Gemeinden weiter brennen. In diesem Sinne grüße ich Euch und Sie ganz herzlich im Namen des IKvu-Leitungsteam und freue mich auf weitere Begegnungen mit Ihnen und Euch - vielleicht bei der nächsten Delegiertenversammlung im  April in Halle.
 
P. S. 1: Wie geht es eigentlich weiter mit der Ökumene? Die Entwicklung mäandert und schwankt zwischen immer noch „Die Zeit ist reif, Ökumene ist überfällig“ und „Kein Bock mehr auf Ökumene“. Wir halten die Fahne der Ökumene weiter hoch und vertrauen trotz vielerorts abflauenden Engagements auch für die Ökumene auf die uns von Jesaja übermittelte Gewissheit: „Den glimmenden Docht löscht er nicht, das geknickte Rohr bricht er nicht.“ Andiamo. Venceremos!
 
P. S. 2: Gewiss werdet ihr, werden Sie unter diesem Neujahrsgruß die Mitunterzeichnung durch Bernd Göhrig vermissen. Das hat diesen Grund: Noch ist Bernd in den letzten Zügen seines Sabbat-Halbjahres. Er ist für uns aber schon wieder in Sicht. Im Laufe des Januar wird er die Arbeit auf seiner IKvu-Planstelle wieder aufnehmen.“
 
Ihr, Euer
 
Wolf Gunter Brügmann-Friedeborn
Sprecher der IKvu