Freitag, 31. März 2017

Gedanken zum Jahr 2015

... Nicht, was uns gefällt …

Gedanken zum Jahr 2015 von Sebastian Dittrich

 
Liebe Schwestern und Brüder, liebe FreundInnen und UnterstützerInen der IKvu,
 
auch diesmal soll uns die Jahreslosung als Aufhänger für ein paar Gedanken zum noch jungen Jahr dienen. Also: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ (Römer 15,7). Wohlklingende Worte, die Anfang dieses Jahres auf vielen Bildkärtchen und in Neujahrspredigten erschienen sind. Aber – wie zu erwarten – dann doch wieder verkürzt. Dabei ist es gerade das 15. Kapitel des Römerbriefs, das ethisch anspruchsvolle Forderungen stellt. Sofern die Übersetzung – mehr als die Jahreslosung – den imperativen Charakter des Textes bewahrt. So klingen in der Basisbibel die ersten Verse von „Römer 15“:
 
1 Wir, die Starken, sind verpflichtet, die Schwächen von denen mitzutragen, die nicht so stark sind. Es geht ja nicht darum, was uns gefällt.
2 Vielmehr soll jeder von uns so handeln, wie es seinem Mitmenschen gefällt.
Das tut diesem gut und hilft, die Gemeinde aufzubauen.
3 Denn auch Christus ging es nicht um das, was ihm selbst gefallen hätte.
In der Heiligen Schrift heißt es vielmehr: "Der Spott, mit dem man dich, Gott, verspottet,
hat mich selbst getroffen."

 
Ebenso, wie uns die Ermordung der Redakteure und Zeichner von „Charlie Hebdo“ alle erschüttert hat, stoßen wir nun ganz unverhofft auf Römer 15,3. „Nehmt einander an“ hat auch im Christentum scheinbar Grenzen – hinsichtlich des „Empörungs-Potenzials“ (siehe Gerd Theißen, Das neue Testament, München 2010, 4. Aufl) der jungen Christenheit wird mindestens auch die Offenbarung des Johannes ihrem Namen gerecht. Nicht umsonst war es jene Schrift, mit der auch Martin Luther seine Schwierigkeit hatte („Mein Geist will sich in dies Buch nicht schicken“) – und ihn auf die Idee brachte, erstmals seit der Antike einen neuen biblischen Kanon ohne die Johannes-Apokalypse zu erdenken. Er hat das Vorhaben nicht weiter verfolgt.
 
Angesichts der Auswüchse religiös bemäntelten Terrors kommen wir an den eigenen dunklen Aspekten unseres Erbes aber nicht vorbei. Wenn auch mitunter bestritten wird, dass die alttestamentlichen Texte mit ihren z.T. blutigen Tendenzen für das Christentum nicht mehr maßgeblich waren, so sind sie doch vielfach absichtlich missverstanden und allzu oft missbraucht worden, um Terror und Gewalt auch im Namen Christi auszuüben. Auch vor diesem Hintergrund wären z.B. Hesekiel 3 oder 5. Mose 32, 40-43 zu lesen. Es ist allzu einfach, sich von religiös verbrämter Gewalt zu distanzieren, und sich selbst zu vergewissern „nicht wie die anderen“ (Lukas 18,11) zu sein. Und doch gibt es auch in Deutschland einen „Blasphemie-Paragraphen“, und fast entschuldigend wird gelegentlich angemerkt, dass „Charlie Hebdo“ sich oft jenseits des guten Geschmacks bewegt habe. Wohlgemerkt: Auch die römisch-katholische Kirche hat öfter gegen „Charlie Hebdo“ geklagt. Und in Deutschland wurde juristisch gegen eine Titanic-Ausgabe vorgegangen, die Benedikt XVI. im Zuge der Vatileaks-Affäre als inkontinent darstellte. Es ist ganz offensichtlich schwierig, sich jene paulinisch-jesuanische Ethik zu eigen zu machen: „Es geht ja nicht darum, was uns gefällt!“
 
Im letzten Jahr haben aber viele Christinnen und Kirchengemeinden die Verpflichtung der Starken wahrgenommen. Haben auch Schwellenängste gegenüber den Fremden überwunden. Sei es mit Kirchenasylen, tatkräftiger Hilfe bei der Aufnahme von Flüchtlingen, und nicht zuletzt in klaren Stellungnahmen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Sie fragen nicht, ob die anderen zu uns „passen“ – sondern danach, was sie brauchen, was diesen, unseren Mitmenschen gefällt und gut tut. Das führt über die kleine, nachbarschaftlich-städtische Welt der frühen Christenheit hinaus – und über sektenähnliche, rechtgläubige Kommunitäten, die sich wie St. Martini in Bremen, noch „Gemeinde“ nennen. Heute geht es vielmehr um das so oft beschriebene „globale Dorf“. Wo aber bleibt die gelebte Gemeinschaft mit den vielen Schwachen? Ist die engagierte Flüchtlingsarbeit unserer Kirchen nicht auch Reparatur, die die Ursachen des globalen Elends, das Flucht und Migration überhaupt erst erzwingt, umgeht? Muss die – oft sicher ebenso wichtige wie intellektuell reizvolle – Auseinandersetzung mit Anders-denken und Anders-Gläubigen nicht dahinter zurückstehen?
 
Ganz offensichtlich führt auch die Auseinandersetzung mit der rassistischen Pegida um das für und Wider von Einwanderung und Integration an der tatsächlichen, nämlich sozioökonomischen Spaltung der Gesellschaft(en) vorbei. Und auch diese ist global, weil ihre Verursacher global handeln. Armut und Ohnmacht (jene „Schwäche“ der paulinischen Epistel) kennen keine Ethnie, Hautfarbe oder Nation. Auch das paulinische Christentum, gewachsen in der multireligiösen und multiethnischen Welt des römischen Reichs, trägt auch jenes Erbe in sich. Denn trotz all seiner Gewalt war das römische Reich mit seinen hispanischen, syrischen und arabisch-stämmigen Kaisern doch eines nicht: ein völkischer Nationalstaat. Wohl nicht zufällig war es der römische Bürger Paulus, der die Grenzen der Volks- und Stammesreligion Israels überwand (Galater 3, 28). Die Emanzipation von Frauen und SklavInnen vermochte Paulus jedoch nicht zu leisten, und wollte jene dicken Bretter in Erwartung der Wiederkunft Christi wohl nicht mehr anbohren.
 
Umso mehr ist die Überwindung von Ausgrenzung und Diskriminierung bleibender Auftrag für das nun etablierte Christentum in seinen machtvollen Institutionen. Angesichts bischöflicher Verschwendungssucht und immer neuen Ansätzen zur Sicherung kirchlicher Finanzen und fortdauernder Kirchenbindung tut es gut, sich des frühen, radikalen Christentums mit all seinen Widersprüchen neu zuzuwenden. Das Ideal der Gemeinschaft, die wächst im Dienst an den Mitmenschen (Römer 15, 3), mag schon immer unvollkommen verwirklicht gewesen sein. Schon Römer 15 gleitet schließlich ins belehrende Einigkeits-Sprech über und liefert gleichsam Ansätze einer Legitimation kirchlicher Lehrämter:      
 
4 Alles, was in früherer Zeit dort aufgeschrieben wurde, wurde festgehalten, damit wir daraus lernen. Denn wir sollen die Hoffnung nicht aufgeben. Dabei helfen uns die Ausdauer und die Ermutigung, wie wir sie aus den Heiligen Schriften gewinnen können.
5 Diese Ausdauer und diese Ermutigung kommt von Gott. Er gebe auch, dass ihr euch untereinander einig seid – so wie es Christus Jesus angemessen ist.
6 Dann könnt ihr alle miteinander den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus wie aus einem Munde loben.

 
Es bedarf wenig Phantasie, sich vorzustellen, dass auch die kleinen Orts- und Hausgemeinden der frühen ChristInnen sich keineswegs so einig waren, wie es die (vermutlich redigierte) Fassung des Römerbriefs fordert. Nicht zuletzt deuten die Episteln selbst ja manche Streitigkeiten und Unsicherheiten an. Anders als zu Paulus' Zeiten ist die Einigkeit später weniger durch schlichtende und Rat gebende Briefe als vielmehr durch kirchliche und staatliche Gewalt hergestellt worden. So wich die geistige Vielfalt der Anfangszeit bald von oben verordneter geistiger Enge und Vorgabe von Amts- und Machtinhabern (siehe Friedhelm Winkelmann, Geschichte des frühen Christentums, München 2013, 5. Aufl). Einigkeit danach, was jenen gefiel. Genannt sei nur der „Kirchenvater“ Augustinus, der die Kirche(n) im positiven wie negativen so nachhaltig geprägt hat, wie kaum ein anderer.
 
Als IKvu gehören wir heute zu jenen, die nicht immer gefallen – und gleichzeitig das im Blick behalten wollen, was unseren Mitmenschen gut tut. Und uns an die Seite der Schwachen stellen wollen. Auch in diesem 35. Jahr des Bestehens unseres Netzwerks soll es daher weniger um den verträumten Blick zurück gehen, und weniger um Selbstbespiegelung des nicht durchgängig optimistisch stimmenden status quo. Aber es soll um das gehen, was gut tut und dazu beiträgt, die große Menschheits-Gemeinde aufzubauen. Die nie fertig sein wird. Jenseits aller Harmonie-Sucht und von oben verordneter „Glaubensfreude“ kommen wir dann doch nicht an der Jahreslosung vorbei, nach der Basisbibel so wiedergegeben:
 
7 Daher bitte ich euch: Nehmt einander an, so wie Christus euch angenommen hat, damit die Herrlichkeit Gottes noch größer wird.
 
Gleichsam wie ein Echo klingen da jene Zeilen des sächsischen Pastoren-Sohnes Gotthold Ephraim Lessing. Da stellt der Richterspruch der Ringparabel in „Nathan der Weise“ starke Anforderungen an einen guten Umgang mit dem Glaubens-Erbe und die wahre Nachfolge in Mitmenschlichkeit:
 
Mein Rat ist aber der: ihr nehmt
Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von
Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:
So glaube jeder sicher seinen Ring
Den echten. – Möglich; daß der Vater nun
Die Tyrannei des einen Rings nicht länger
In seinem Hause dulden wollen! – Und gewiß;
Daß er euch alle drei geliebt, und gleich
Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,
Um einen zu begünstigen. – Wohlan!
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag
Zu legen! (Nathan der Weise, 23,7)

 
 
Ihnen und euch allen ein frohes neues und erfülltes Jahr 2015!
 
Sebastian Dittrich