Dienstag, 23. Mai 2017

Neujahrsgruß der IKvu 2017

Neujahrsgruß 2017 der Initiative Kirche von unten

von Sebastian Dittrich

Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.
Hesekiel 36,26a (EÜ)



Liebe Freundinnen und Freunde der IKvu,
Gedanken zum neuen Jahr können sich 2017 wieder einmal an die Jahreslosung der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen anhängen – wenn dem herausgerissenen Fragment noch etwas hinzugesetzt wird. Und im Jahr des so genannten Reformationsjubiläums sei hier also einerseits die Luther-Übersetzung („Luther 2017“) herangezogen, und zusätzlich noch der zweite Versteil:

Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben / und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. (Hesekiel 36, 26a-b)

Was liegt uns am nächsten: mehr Herz, weniger Kopf? Bloß nicht – mag man mit Blick auf den um sich greifenden, emotionalisierten, übersteuerten Populismus denken. Oder: Gerade jetzt! Mehr Gefühl, weniger Verstand. Das mag Beifall dort finden, wo gefühlig-spirituelle Schonkost mehr geschätzt wird als prophetisches Schwarzbrot. Nun ist das Herz im antiken, orientalischen Kulturraum aber eben nicht der Sitz des Gefühls. Schon eher des Verstandes, der Seele. Die im antiken Denken aber auch gar nicht so scharf getrennt waren wie heute. Dennoch: das zu verwerfende steinerne Herz – ist wohl nicht so sehr Gefühlskälte, sondern Ignoranz. Und „Stein“ – Petrus – so nennt denn auch Jesus den Jünger Simon, der sich immer wieder als ignorant und begriffsstutzig erweist (z.B. Matthäus 21, 17). Da grenzt es schon an Ironie, dass dies nun der „Fels“ sein soll, auf dem seine Kirche (!) erbaut werden sollte (Matthäus 16, 18). So manche Petrus-Nachfolger haben dem gleichwohl recht gut entsprochen.

Ignoranz, dumpfer Populismus, gefühlige Berieselung gehören zu den Grundübeln unserer Zeit – da mag der Prophet Hesekiel, der theologisch wenig Originelles, Neues bringt [4], geradezu modern und aktuell daherkommen. Aktuell werden wir auch Zeugen eines Konflikts von Weltbildern – hier der vermeintlich liberale, multikulturell ausdifferenzierte „Westen“, dort ein populistisch-autoritärer „Osten“ mit seinen westlichen Ablegern, und schließlich religiös bemäntelter Totalitarismus. Nun geht es hier aber kaum um einen apokalyptischen Endkampf zwischen „Gut“ und „Böse“ oder eine Auseinandersetzung zwischen „Weiß“ und Schwarz“. Schon eher hin- und her brandende Grautöne. Steinernes Herz – Ignoranz – wird hier leicht verkennen, dass diese drei Ideologien erschreckende Gemeinsamkeiten zeigen. Sie alle grenzen aus. Der westliche, differenzierte Liberalismus grenzt jene aus, die materiell nicht teilhaben, nicht konsumieren können. Der populistische Autoritarismus grenzt jene aus, die als schädliche, ethnisch, kulturell, sexuell „Abweichende“ definiert werden, und religiöser Totalitarismus entfesselt seinen Furor gegen Andersgläubige, Andersdenkende.

Auch in den Ausgrenzungs- und Abgrenzungs-Mechanismen gibt es erhebliche Gemeinsamkeiten. Einer ideellen Verdrängung Unliebsamer, ihrer Weg-Definierung und der Illegalisierung etwa von Flüchtlingen und materiell Armen folgt tatsächliche Ausgrenzung und Unterdrückung, und in letzter Konsequenz physische Vernichtung (z.B. [1], [2], [6]). So verwundert es gar nicht, dass sich zwischen den Ideologien immer wieder Brückenschläge zeigen. So mag sich mancher die Augen reiben, dass Rassismus sich etwa im Brexit als eine hervorragende ideologische Klammer zwischen rechtskonservativem Geldadel und verängstigt-zornigem Proletariat eignete – die sich gegenseitig eigentlich per se spinnefeind sein müssten. Gleichwohl zeigt sich in Deutschland gerade ähnliches.

Wo stehen wir? Welche Alternativen haben wir? Hier eine totalitäre „Volksgemeinschaft“, kulturell und religiös homogen, sozialdarwinistisch, mit dem Anspruch, sich rücksichtslos alles zu nehmen, was sie braucht, im Zweifelsfall von jenen, die als nicht zugehörig definiert wurden. Dort eine sich multikulturell verstehende, hyper-individualisierte Gesellschaft, atomisiert in mehrdimensional zergliederte Milieus. Antriebsfeder ist hier individuelle Selbstverwirklichung. Blind für die Not derer, die materiell nicht teilhaben können. Ob die Kirchen  in ihrer Wunschrolle als überparteiliche Politikberatung solches noch sehen? Oder mag das mit flachem Griff hervorgeholte „Du siehst mich“ (nach 1. Mose 16, 13) als Motto des kommenden Evangelischen Kirchentages ein Umdenken andeuten?

Das fleischerne Herz mag leicht erkennen: Keine der aktuell wütenden Ideologien kann den Weg in  die Zukunft weisen. Aber wo bleibt der neue Weg? Hier ist Phantasie gefragt; und der  gerechte Zorn, das sich-nicht-abfinden-wollen mit den Zeichen der Zeit, die wenig hoffnungsfroh stimmen. Nachdenken ist gefragt. Eine neue Lust zu denken, zu reden, statt zu schreien. Das Reden und Denken muss nicht zwingend neu sein – siehe Hesekiel und die anderen großen und kleinen Propheten. Hier gibt es zahllose Ansätze. Sie ideologisch zu vereinnahmen wird dem sozial engagierten Amos ebenso wenig gerecht wie dem bald zornigen, bald verzweifelten, bald hoffnungsfrohen Autorenkollektiv „Jesaja“. Und erst recht nicht dem im Tempelvorhof tobenden Jesus (Johannes 2, 13-16), der so tief in der prophetischen, biblischen Tradition verwurzelt war.

Viel dogmatische Mühe ist darauf verwendet worden, die Herzen der Anhänger Jesu zu verhärten, abzustumpfen. Und aus realer, höchst gegenwärtiger Befreiungszusage eine jenseitige, entrückte Paradieserwartung zu machen. Ein bisschen hat sich doch bis heute hinüber gerettet. Und wurde auch durch Rückbesinnung auf biblische Texte wieder entdeckt. Bibeltexte wieder in der Breite wirksam werden zu lassen, sie neu zugänglich zu machen und der Kontrolle kirchlicher und weltlicher Autoritäten zu entreißen – das mag vielleicht eines der größten Verdienste der Reformation sein. Dogmatische Machtergreifung kann dieses Erbe nur entwerten und macht die Reformation letztlich überflüssig [5]. Jenseits der Überwindung längst obsoleter Grenzen – wäre eine Aufgabe der Ökumene, sich dieser Machtergreifung dauerhaft zu verweigern, und der extremen Verflachung, Verseifung und Trivialisierung der christlichen Befreiungsbotschaft zu widerstehen. Und sie als gemeinsames Projekt in Handeln umzusetzen und dieses einzufordern.

Hinsichtlich des bevorstehenden Reformationsjubiläums lohnt es sich nun auch, jenseits der sperrigen 95 Thesen andere Texte Martin Luthers und seiner Zeit- und Weg-Begleiter in dieser Hinsicht neu zu entdecken. Und schauen, wo ein „fleischernes Herz“ drinsteckt, wo auch solche Texte „Christum treiben“ (Luther). In einer jüngeren Sammlung [7] findet sich beispielsweise ein bemerkenswerter Text von Martin Luther: „Will man denn zulassen, dass uns lauter Flegel und Grobiane regieren“. Neben modernen Gedanken zur Kindererziehung legt Luther dar:

„Nun besteht des Gedeihen einer Stadt nicht allein darin, dass man große Schätze sammelt, feste Mauern, schöne Häuser, viele Kanonen und Harnische. Vielmehr, wo es viel davon gibt, so ist das um so schlimmer und umso größerer Schaden für diese Stadt. Vielmehr das ist einer Stadt bestes und ihr allerprächtigstes Gedeihen, ihr Wohl und ihre Kraft, dass sie viele, gute, gebildete, vernünftige, ehrbare, wohlerzogene Bürger hat, die dann sehr wohl Schätze und alle Güter sammeln können, sie recht erhalten und recht gebrauchen.
Weil denn eine Stadt Leute haben soll und muss und es überall der größte Missstand, Mangel und Klage ist, dass es an Leuten fehle, so darf man nicht warten, bis sie von selbst aufwachsen. […] Ebenso wird Gott keine Wunder tun, solange man der Sache durch andere von ihm dargebotene Güter aufhelfen kann. Darum müssen wir dazu beitragen und Mühe und Kosten dransetzen, sie selbst erziehen und zu etwas machen […]
Es muss doch weltliches Regiment bleiben. Soll man denn zulassen, dass lauter Flegel und Grobiane regieren, wenn man's sehr wohl besser machen kann?“

 
Luther konnte wohl kaum ahnen, dass europa- und weltweit die Talente junger Menschen in Erwerbslosigkeit und Elend gleichsam verschwendet und weggeworfen würden. Und dass ein erheblicher, zumeist älterer Teil des souveränen Volkes selbst zum Grobian, zum Flegel mutieren  könnte. Und dumpfer Populismus, realitätsverweigernder und verlogener (verharmlosend: „postfaktischer“) Welt-Trotz so um sich greifen könnten. Da geht selbst deutschtümelnden Irrlichtern leicht über die Lippen: „perception is reality“ – ganz wie Pippi Langstrumpf: „Ich mach' mir die Welt, wie sie mir gefällt“ Und mache sie mir eben rücksichtslos passend, in schlimmster Überhebung meines armseligen Selbst [3]. Luther hatte offenbar die idealistische Erwartung, dem ließe sich durch Bildung vorbeugen, und mittelfristig könnte eine gesellschaftliche Transformation gelingen. So schließt er:

„Wir sind leider allzulange deutsche Bestien gewesen. Lasst uns doch endlich einmal die Vernunft gebrauchen, damit Gott die Dankbarkeit für seine Wohltaten erkenne und andere Länder sähen, dass wir auch Menschen sind und Leute, die etwas Nützliches entweder von ihnen lernen oder sie lehren könnten, damit auch durch uns die Welt gebessert würde. Ich habe das meine getan. Ich wollte wenigstens dem deutschen Lande geraten und geholfen haben, auch wenn mich etliche dafür verachten und solch treuen Rat in den Wind schlagen und es besser wissen wollen – das muss ich geschehen lassen. Ich weiß wohl, dass andere das hätten besser ausführen können, aber weil sie schweigen, führe ich's aus, so gut ich kann.“

Und viel später sollte Voltaire träumen, fast wie eine Botschaft von übermorgen für heute: „Der Menschenverstand erstaunte beim Erwachen aus seiner Trunkenheit über die entsetzlichen Dinge, zu welchen ihn der Fanatismus verleitet hatte [8]“. Ein geschenktes, fleischernes, menschliches Herz kann viel bewirken. Wenn man es lässt und gebraucht. Und Gott wird sich bemerkbar machen:

Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.  (Hesekiel 36, 27).

– Und viel gibt es zu tun. Nicht zuletzt im Jahr der Bundestagswahl. Ihnen und Euch allen ein gutes, engagiertes Jahr 2017!



Quellen – nach wie vor lohnt es sich, mehr als 140 Zeichen zu lesen:
[1] Emcke, Carolin. 2016. Gegen den Hass. S. Fischer, 240 S.
[2] Freeland, Chrystia. 2013. Die Superreichen: Aufstieg und Herrschaft einer neuen globalen Geldelite (Orig.: Plutocrats. The rise of the new global super-rich and the fall of everyone else). Westend, 368 S.
[3] Hoffmann, Sabine. 2016. Die neuen Asozialen. Wie „besorgte Bürger“ Deutschland mit Dummheit und rechtem Hass an den Abgrund bringen. Riva, 206 S.
[4] Kratz, Reinhard Gregor. 2003. Die Propheten Israels. C.H. Beck, 128 S.
[5] Lessing, Gotthold Ephraim. 1778. Anti-Goeze Erster. - Online: http://www.zeno.org/Literatur/M/Lessing,+Gotthold+Ephraim/
Theologiekritische+und+philosophische+Schriften/Anti-Goeze/Anti-Goeze.+Erster

[6] Prantl, Heribert. 2016. Das neue Buch Exodus. Perspektiven einer guten europäischen Flüchtlingspolitik. In: Reschke, Anja. (Hg.) Und das ist erst der Anfang. Deutschland und die Flüchtlinge. 5. Aufl., Rowohlt, 334 S.
[7] Schorlemmer, Friedrich. (Hg.) 2010. Was protestantisch ist. Große Texte aus 500 Jahren. Herder, 319 S.
[8] Voltaire 2016. Über die Toleranz (1763). Mit einem Vorwort von Laurent Joffrin. Suhrkamp Taschenbuch, 197 S.