Freitag, 20. April 2018

Neujahrsgruß der IKvu 2018

Neujahrsgruß 2018 der Initiative Kirche von unten


von Sebastian Dittrich

If you can convince the lowest white man he’s better than the best colored man, he won’t notice you’re picking his pocket. Hell, give him somebody to look down on, and he’ll empty his pockets for you.

Wenn Du den niedrigsten Weißen überzeugen kannst, dass er besser ist als der beste Farbige, dann wird er nicht merken, dass du ihm seine Tasche leerst. Zur Hölle, gib ihm jemanden auf den er herabschauen kann, und er wird seine Taschen für dich leeren.


Dieses Zitat, das ein Stabsmitarbeiter von Lyndon B. Johnson überliefert hat [1], soll während der Kampagne zu den Präsidentschaftswahlen 1964 gefallen sein. Vor allem in den Südstaaten schlug Johnson und seinem Konzept der „Grand Society“ erbitterter Hass entgegen. Letztlich oblag es dem Texaner Johnson, und nicht J.F. Kennedy, die Bürgerrechtsreformen und die Gleichberechtigung der AfroamerikanerInnen gesetzlich durchzusetzen. Auch der Südstaatler Johnson hatte sich dabei zunächst reserviert gezeigt und war von Martin Luther King wenig eingenommen. Er kannte seine Landsleute aber gut – und vermochte wohl zu erkennen, dass die „Rassenfrage“ auch eine soziale war. Für Martin Luther King gehörte das schon länger zusammen: „King war klar geworden, dass die Leute nicht viel davon haben, in jedem Restaurant speisen zu dürfen, wenn sie sich den Burger nicht leisten können“ [2].

In diesen Tagen gewinnt nun Johnsons Zitat neue Aktualität, hat doch mit der „größten Steuerreform aller Zeiten“ (Trump) die seit Jahren laufende Taschenleerung einen neuen Höhepunkt erreicht. Nur ist das Feindbild nicht mehr allein der/die Afroamerikaner, sondern wahlweise: Ausländer, Latinos, Muslime, Transsexuelle, Frauen, Umweltschützer, Linksliberale ... (und die Liste ließe sich beliebig fortsetzen). Dass die gewaltigen Steuergeschenke vor allem für Wohlhabende nicht nur den Staatshaushalt nachhaltig ruinieren, sondern langfristig von der „middle class“ und den Ärmeren bezahlt werden müssen – das wurde bisher weithin übersehen. Gerade die angeblichen kleinen, vornehmlich weißen Leute, deren (teils wohl begründete) Wut abgelenkt wurde, haben ihre Feindbilder bekommen – und lassen sich die Taschen leeren.

Auch in Deutschland kann man sich zu Beginn des Jahres 2018 sehr wundern, warum die Politik über die letzten Jahre derart identitäts-lastig geworden ist. Auffällig leise war die Empörung über die „Paradise-Papers“, die enthüllten, wie Unternehmen und Superreiche ganz legal der Allgemeinheit Geld entzogen. War dieses Thema wirklich so wenig wichtiger als eine vermeintliche deutsche „Leitkultur“? Wie weit ist es mit einer solchen Leitkultur her, wenn zentrale ethische Normen wie Anstand, Solidarität, Verantwortungsbewusstsein von vermeintlichen Eliten mit Füßen getreten werden? Benötigt unsere Kultur nicht auch spezifische ökologische Grundlagen – wäre es dann nicht drängender, den Klimawandel wenigstens abzuschwächen oder sich ernsthaft mit dem Braunkohle-Ausstieg zu befassen?

Das alles hat aber in den vergangenen Monaten kaum eine Rolle gespielt. Stattdessen wurde ein Wahlkampf geführt um „das Land in dem wir gut und gerne leben“. Für viele lebt es sich jedoch hier und global schon lange nicht mehr gut. Wie sich das bessern kann, dazu hat die Rechte leider auch keine wirkliche Antwort. Aber halt: Sündenböcke gibt es genug. Unsere Identität, das Volk, die Heimat ist bedroht. Durch wahlweise: Geflüchtete, Ökologie-Bewegte, Gesellschafts-Liberale ... Und  nun – weil's billig ist, springen alle darauf auf (z.B. [3]). Wenn nun ein überaus unfähiger Verkehrsminister sogar zu einer „konservativen Revolution“ aufruft, lässt das nicht  nur angesichts (von Dobrindt sicher übersehener) historischer Vorbilder erschaudern [4] [5], sondern verdeckt auch ganz hervorragend dessen Versäumnisse im Dieselskandal. Und was haben eigentlich darbende MieterInnen in München davon, dass eine weiß-blaue Staatspartei zum Angriff auf Flüchtlings-rechte und Kirchenasyle bläst?

Der aktuell um sich greifenden Ausgrenzungs- und Ablenkungsrhetorik stellt die Jahreslosung 2018 ein biblisches Wort entgegen:
Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Offenbarung 21,6  

Der Seher Johannes kannte kein Volk, keine Leitkultur. In seiner eigenen Not, seiner Verbannung auf Samos kannte er aber: Durst und Befreiungserwartung. Und hieraus speist sich nun jener Vers, der schon damals ungeheuerlich war. Und auch heute, wo elementare Grundbedürfnisse der Mehrheit der Menschheit immer noch verletzt werden, bleibt er aktuell. Aus bedrückenden Unrechtserfahrungen, unsolidarischen, ausbeuterischen Verhaltensweisen heraus muss eine Umkehr erfolgen. Christi Geburt ist dafür ein Anfang. Es ist ein Widerspruch zur messianischen, teils doch recht autoritären Königserwartung des Alten Testaments (z.B. in Jesaja 9,1-6). Der „geringe König“ in Windeln bewegt die Menschen. Der kindlich-schwache Messias erfordert Mitgefühl und Solidarität. Vielleicht gar ein Anfang imperiales, ausbeuterisches Verhalten zur überwinden? Wenn nun „christdemokratische“ Politikerinnen und konservative Journalisten eine Politisierung von Weihnachtspredigten beklagen [6], dann haben sie offenbar nicht viel verstanden. Den Zauber von Weihnachten völlig unpolitisch – und damit folgenlos – verstehen zu wollen, erscheint mir jedenfalls zutiefst egoistisch.

Das sollte auch eine Schlussfolgerung aus dem Reformationsjubiläum 2017 sein: Die Kirchen können keine Wellness-Anstalt für das Besitzbürgertum sein, keine Referenz-Maße einer als Kampfmittel gebrauchten christlich-jüdischen Leitkultur. Und auch nicht die „Vereiner“ einer angeblich gespaltenen Gesellschaft. Es gibt wohl immer noch eine Mehrheit, die sich für Humanität einsetzt, über Klimawandel und Ressourcen-Verschwendung besorgt ist. Die empört ist über wirtschaftliche Ungerechtigkeit, und hierfür vor allem Inländer verantwortlich macht. Wenn es da nun eine „schrille Minderheit“ gibt, die sich von den Kirchen gar nicht vertreten sieht, ein selbst-konstruiertes Christentum als Moralkeule gegen „kulturfremde“ Lebensweisen benutzt und insbesondere gegen Andersgläubige, zugleich entleert von übergesetzlichem Mitleid – dann muss hier eine „Scheidung der Geister“ erfolgen (1. Johannes 4,1-6). Man kann mit Intoleranten und Autoritären nicht bis zur Selbstverleugnung im Gespräch bleiben. Vor allem nicht, wenn die Gegenüber nur schreien. Viel wichtiger wäre es, dem Geschrei und autoritärer Sehnsucht nach Beherrschung eine selbstbewusste, solidarische Erzählung von unten gegenüberzustellen, die nicht weniger als überlebenswichtig erscheint [7].

Gott kennt keine Inländer und Ausländer, keine Asylberechtigten, subsidiär Geschützten oder Illegale. Aber Durstige. Alle seine Kinder. Die gemeinsame, transkulturelle Kind-Schaft aller Menschen bewegte auch Martin Luther King Jr., dessen 50. Todestages wir in diesem Jahr gedenken [8]:

Man is a child of God, made in his image, and therefore must be respected as such. Until men see this everywhere, until nations see this everywhere, we will be fighting wars. One day somebody should remind us that, even though there may be political and ideological differences between us, the Vietnamese are our brothers, the Russians are our brothers, the das aber nicht.Chinese are our brothers; and one day we’ve got to sit down together at the table of brotherhood. But in Christ there is neither Jew nor Gentile. In Christ there is neither male nor female. In Christ there is neither Communist nor capitalist. In Christ, somehow, there is neither bound nor free. We are all one in Christ Jesus. And when we truly believe in the sacredness of human personality, we won’t exploit people, we won’t trample over people with the iron feet of oppression, we won’t kill anybody.

Menschen sind die Kinder Gottes, nach seinem Bild erschaffen, und müssen daher als solches respektiert werden. Bis wir das überall sehen, werden wir Kriege führen. Eines Tages sollte uns jemand daran erinnern, dass trotz der politischen und weltanschaulichen Unterschiede zwischen uns die Vietnamesen unsere Brüder sind, die Russen unsere Brüder sind, die Chinesen unsere Brüder sind; und eines Tages müssen wir uns zusammen an den Tisch der Brüderlichkeit setzen. Aber in Christus gibt es weder Jude noch Heide. In Christus gibt es weder männlich noch weiblich. In Christus gibt es weder Kommunist noch Kapitalist. In Christus gibt es, irgendwie, weder gefesselt noch frei. Wir sind alle eins in Christus. Und wenn wir aufrichtig glauben an die Heiligkeit der menschlichen Persönlichkeit, dann werden wir Menschen nicht ausbeuten, wir werden nicht über Menschen trampeln mit den Eisenfüßen der Unterdrückung, wir werden niemanden töten.


Wir wünschen Ihnen und Euch allen ein solidarisches, Durst-stillendes Jahr 2018!



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Quellen

[1] www.snopes.com/lbj-convince-the-lowest-white-man/

[2] Grausame Unlogik. Die vielen Farben der Diskriminierung. Interview mit Ibram X. Kendi, ZEIT Nr. 52, 14.12.2017

[3] Gabriel, Siegmar. Sehnsucht nach Heimat. Wie die SPD auf den Rechtspopulismus reagieren muss. Der Spiegel 51/2017.

[4] Weiß, Volker. 2017. Die Autoritäre Revolte. Die neue Rechte und der Untergang des Abendlandes. Klett-Cotta, 303 S.

[5] Sontheimer, Kurt. 1983. Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. 2. Aufl. dtV, 331 S.

[6] www.welt.de/politik/deutschland/article172142159/Ulf-Poschardt-Im-Gotteshaus-muss-das-Theologische-dominieren.html

[7] Brand, Ulrich & Wissen, Markus 2017. Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. Oekom, 224 S.

[8] onbeing.org/blog/martin-luther-kings-last-christmas-sermon/