Montag, 25. Juni 2018

IKvu-Geschichte

Von oben  –  von unten

Die IKvu und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken


von Ferdinand Kerstiens, 2000

Hier geht es nicht um eine genaue Analyse des Verhältnisses von Initiative Kirche von unten (IKvu) und Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). Das mag später einmal Gegenstand einer kirchengeschichtlichen Dissertation sein. Hier geht es um Dokumente, Erinnerungen und Wertungen eines Beteiligten an dieser Auseinandersetzung. Ich war von Oktober 1982 bis Januar 1987 Mitglied im Koordinierungs-Kreis der IKvu und habe die Katholikentage von unten in Mün­chen 1984 und in Aachen 1986 mit vorbereitet. Vorher und nachher war ich mehr­fach als Vertreter des Freckenhorster Kreises auf den Delegiertenkonferenzen der IKvu.


Die Vorgeschichte

1968 – der Katholikentag in Essen gab das Startsignal. Es war die Zeit der großen Umbrüche in Gesellschaft und Kirche. Gruppen des „Kritischen Katholizismus" be­reiteten sich auf eine kritische Begleitung des Katholikentages vor. Das Holländische Pastoralkonzil und der ebenfalls in Holland entwickelte Erwachsenenkatechismus (1966) hatten nach dem Konzil den Boden bereitet. Da platzte im August die Veröf­fentlichung der Enzyklika „Humane Vitae" (die sogenannte "Pillen-Enzyklika", die KatholikInnen jede "künstliche" Empfängnisverhütung untersagt) mitten in die Vorbereitungen für den Katholikentag. Sie be­stimmte sein Gesicht, denn viele Veranstaltun­gen wurden von den Teil­nehmerinnen umfunktio­niert in einen Protest ge­gen die päpstliche Erklä­rung. Vielen Menschen wurde endgültig deutlich, dass die Entscheidungen in der Kirche fern von ih­ren Lebenserfahrungen gefällt wurden. Die Forderung nach einer deutschen Synode wurde lautstark von vielen Gruppen vorgetragen. Dem konnten sich die Bischöfe nicht entziehen und beschlossen die Synode der west­deutschen Bistümer, die dann von 1971 bis 1975 stattfand. Zum ersten Mal wurde ein Katholikentag von den TeilnehmerInnen, also von unten her, bestimmt.

1971 – das Ökumenische Pfingsttreffen in Augsburg, organisiert vom ZdK und vom Deutschen Evangelischen Kirchentag. Erstmals nahmen viele Teilnehmerinnen ge­gen die offizielle Planung und Weisung an Abendmahl bzw. Eucharistiefeier der je anderen Konfession teil. Deswegen fand das Ökumenische Pfingsttreffen keine Fort­setzung – bis zur Ankündigung eines Ökumenischen Kirchentages im Jahre 2003. Wiederum ist dabei die Frage nach der gegenseitigen Teilnahme an Abendmahl und Eucharistie zentral.

1978 – der Katholikentag in Freiburg setzte nach Abschluss der Synode neue Signa­le. Auf dem Platz vor dem Freiburger Münster hielt eine Gruppe ihr Transparent hoch: der Arbeitskreis Kirche und Zölibat. Ständig wurden die engagierten Mitglieder die­ses Kreises umlagert, der für die Aufhebung des Zölibats für Priester und für die Priesterweihe von Frauen eintrat und über 5000 Katholikentags-Teilnehmerlnnen für eine Unterschrift unter diese Forderungen gewann. Gleichzeitig tagte jeden Abend nach den Veranstaltungen in einem Restaurant zu Füßen des Münsters eine offene Gruppe, die sich vor allem aus Mitgliedern des Bensberger Kreises und der Arbeits­gemeinschaft von Priester- und Solidaritätsgruppen (AGP) zusammensetzte. Sie waren als einzelne Personen zur Mitwirkung bei Podiumsdiskussionen, Bibelarbeiten und Gottesdiensten eingeladen. Ich erinnere mich noch gut an Karl Rahner, an Hans Werners und Willi Kreiterling, um nur die bereits Verstorbenen zu nennen. Wir spra­chen miteinander über unsere Erfahrungen und stellten immer wieder fest, dass wir unsere Anliegen dank der Auswahl der anderen TeilnehmerInnen und der Katholikentagsstrategie nicht ausreichend einbringen konnten. Wir wurden uns einig, dass dies so nicht weitergehen dürfte und wir neue Initiativen ergreifen müssten. Dar­aus entstanden dann die ersten Kontakte zwischen AGP, dem Bensberger Kreis und anderen Interessierten, die zum Katholikentag von unten 1980 in Berlin führten.


Der erste Katholikentag von unten

Im Laufe des Jahres 1979 fanden dann viele Gespräche statt. Es beteiligten sich ne­ben den eben genannten Gruppen die Leserinitiative Publik, der Kontaktkreis Syn­ode, die Arbeitsgemeinschaft der Studenten- und Hochschulgemeinden (AGG), der Bund der deutschen katholischen Jugend (BdKJ) und die neugegründete Berliner Arbeitsgruppe „Katholikentag von unten". Schnell wurde dies zum bekannten Logo: „Katholikentag von unten", „Kvu".

Wie aus den Vorbereitun­gen zum offiziellen Katho­likentag deutlich wurde, sollten Themenkreise wie Basisgemeinde und Demo­kratisierung der Kirche, Po­litische Theologie, Befrei­ungstheologie, und auch gesellschaftliche Themen wie das Problem der ato­maren Rüstung, der Über­windung von Ausbeutung, der Randgruppen ausge­schlossen bleiben. Das machte es nötig, Veranstal­tungen in eigener Regie durchzuführen. Ausdrück­lich sprach man nicht von einem Gegenkatholikentag, sondern verstand die eige­nen Veranstaltungen als „Ergänzung" zum offiziel­len Programm. Einen zu­sätzlichen Schub bekamen die Vorbereitungen durch den Entzug der kirchlichen Lehrbefugnis für Professor Hans Küng im Dezember 1979 – ein zweiter Schlag gegen die Theologie, nach der Verweigerung der Berufung von Professor Johann Baptist Metz nach München durch Kardinal Ratzinger. Es war klar, dass es eine Veranstaltung mit diesen beiden Professoren geben müsse.

Im März gab es schon 20 Gruppen, die gemeinsam den Kvu planten. Das Wachsen der Zahl der Unterstützergruppen macht deutlich, wie groß das Potential in der Kir­che war, das unzufrieden mit der kirchlichen Entwicklung und mit der Programm­planung „von oben" bei den Katholikentagen war und die verdrängten Fragen und Konflikte in eigenen, unzensierten Veranstaltungen zur öffentlichen Sprache bringen wollte. Das Zentralkomitee stellte für die Abrüstungsveranstaltung die Eissporthalle mit 6000 Plätzen zu Verfügung, jedoch keinen Raum für die Veranstaltung mit Metz und Küng, die dann in die Freie Universität verlegt werden mußte. Außerdem stellten zwei evangelische Gemeinden ihre Räume und die Heilig-Kreuz-Gemeinde in Kreuzberg ihre Kirche zur Verfügung – eine ökumenische Gastfreundschaft, ohne die der Kvu nicht hätte stattfinden können.

Das Echo auf den Kvu war überwälti­gend: 5000 TeilnehmerInnen in der Eissporthalle mit der Verabschiedung einer „Erklärung katholischer Christen gegen die Atomrüstung", 3000 bei dem dreistündigen liturgi­schen Fest „Der Gott der kleinen Leu­te", 6000 - 8000 TeilnehmerInnen bei dem Streitgespräch über die Zukunft der Kirche mit Metz und Küng sowie dem Arbeiterpriester Fritz Stahl und Pfarrer Carl-Peter Klusmann von der AGP. Trotz der Übertragung in das Fo­yer und verschiedene andere Hörsäle fanden ca. 2000 keinen Platz mehr. Au­ßerdem gab es 15 Veranstaltungen mit bis zu 500 TeilnehmerInnen, zwei poli­tische Cafés und einen Markt der Mög­lichkeiten in den beiden evangelischen Kirchengemeinden, die ständig überlau­fen waren. Damit hatte keiner gerechnet. Manchmal war die Organisation überfordert. Es standen ja nur ehrenamtliche MitarbeiterInnen und freiwillige Spenden zur Verfügung.

Dieser Zulauf machte deutlich, wie dringend nötig ein alternatives Forum in der Kir­che war. Am 6. / 7.  September 1980 trafen sich die beteiligten Gruppen zur Reflexion und zu neuen Plänen. Klar war, dass alle weiter arbeiten wollten. Das Kürzel „Kvu" hatte einen festen Platz im deutschen Katholizismus und in der Öffentlichkeit gefun­den, so dass alle es weiter benützen wollten. Doch sollten Katholikentage von unten nicht der einzige Zweck des neuen Bündnisses sein. Da kam das Kürzel IKvu ins Gespräch: die „Initiative Kirche von unten" wurde geboren!


„Exkommunikation" durch das ZdK

Natürlich stand bald neben Großgruppentreffen auch die Vorbereitung des Katholi­kentages 1982 in Düsseldorf auf dem Programm. Friedrich Kronenberg, der General­sekretär des ZdK, hatte alle Gruppen und Verbände eingeladen, Vorschläge für eine Gestaltung des Katholikentages zu machen. In einer Presseerklärung der IKvu hieß es dazu am 16. 2. 1981 „Die Initiative Kirche von unten greift diese Einladung auf und wird an den Trägerverein in Düsseldorf mit einem Vorschlag für die Teilnahme der Initiative Kirche von unten herantreten. ... Damit will die Initiative ihrerseits dazu beitragen, das gelegentlich in Berlin beklagte Nebeneinander zu überwinden."

Am 5. 10. 1981 antwortete Herr Kronenberg auf eine detaillierte Programmvorschau der IKvu. Nach einer allgemeinen Einladung zur Teilnahme und dem Hinweis, dass auch Mitglieder der Trägergruppen der IKvu als Referenten, Podiumsteilnehmer etc. gebeten würden, heißt es: „Es wird jedoch davon abgesehen, Sie als Mitveranstalter des Katholikentages zu beteiligen, so wie das bei anderen katholischen Organisatio­nen und bei den Diözesanräten des Laienapostolats geschieht ... Für die Absicht, Sie nicht als Mitveranstalter des Katholikentages zu beteiligen, war folgender Grund aus­schlaggebend: Seit dem Berliner Katholikentag haben Sie eine Entwicklung Ihres Selbstverständnisses zurückgelegt, die es uns zunehmend weniger möglich macht, Sie einfach als einen von den vielen katholischen Zusammenschlüssen anzusehen, die im Laufe der Zeit auf der Basis des innerkirchlichen Koalitionsrechtes entstanden sind. Ihre Benennung in Berlin als ,Katholikentag von unten' war lediglich ein Af­front gegenüber dem Katholikentag; Ihre Benennung heute als ,Kirche von unten' ist eine Anmaßung gegenüber allen, die in Gruppen, Zusammenschlüssen und Gemein­den die Kirche bilden und als solche nicht nur am Katholikentag teilnehmen und an diesem mitwirken, sondern sich darüber hinaus bemühen, die Sendung der Kirche weiterzutragen."

Im Klartext heißt dieser Brief: Die über 30 Gruppen in der IKvu, Priester- und Theologengruppen, der Initiativkreis Laientheologie, die Arbeitsgemeinschaft der Theologen an den Hochschulen, Basisgemeinden, Ortsgemeinden, die Studentenge­meinden, die Gruppen Homosexuelle und Kirche, Christenrechte in der Kirche etc. sind in der Kirche illegitim und nicht bemüht, „die Sendung der Kirche weiterzutragen." Das gleicht einer Exkommunika­tion durch das ZdK, auch wenn einzelne VertreterInnen dieser Gruppen auf Podien etc. eingeladen werden. Das ZdK beansprucht also das Definitionsrecht für Gruppen, die sich kirchlich nennen dürfen.

Damit war die Situation klar, und der Katholikentag von unten 1982 in Düsseldorf wurde geplant. Die IKvu hatte mit denselben Schwierigkeiten zu kämpfen wie in Ber­lin: Räume, Organisation, ReferentInnen, Geld. Wie­derum wurde für eine Friedensveranstaltung ein Saal vom ZdK zur Verfügung gestellt. Wiederum übten zwei evangelische Gemeinden Gastfreundschaft. Auch in einer katholischen Kirche konnte ein Gottesdienst statt­finden. Wiederum war der Zulauf groß.

Das herausragende Ereignis war die große Friedens­demonstration auf den Rheinwiesen. Dem Aufruf der IKvu hatten sich viele christliche sowie auch nicht­christliche Friedensgruppen und Organisationen (insgesamt 282 Gruppen) angeschlossen. Mitträger waren die Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste und der Interkirchliche Friedensrat der Niederlande. In dem Aufruf heißt es unter anderem: „Wir solidarisieren uns mit der wachsenden Frie­densbewegung in der DDR, die unter dem Prophetenwort ,Schwerter zu Pflug­scharen' in ihrem Bündnis für Abrüstung eintritt." Die Aussagen sind: „Frieden in Europa drückt sich durch drei Fähigkeiten aus: niedriges Niveau der Bewaff­nung – Verwirklichung der Menschenrechte – Selbstbestimmung der Völker." Deswegen auch die Forderung an die Bundesregierung, „ihre Zustimmung zum Beschluß über die Stationierung neuer Mittelstreckenraketen zurückzuziehen." 40.000 bis 50.000 TeilnehmerInnen unterstrichen diese Forderung. Während der Schlußkundgebung landete auf der anderen Rheinseite die Schiffsprozession des offiziellen Katholikentages. Sie wurde von den Teilnehmerinnen der Schlußkundgebung als Friedensdemonstration anderer Art herzlich begrüßt.


Der Kern der Auseinandersetzung 1982/83

Am 15. 10. 1982 beschloss die Delegiertenversammlung der IKvu: „Die IKvu wünscht eine Teilnahme am 88. Deutschen Katholikentag in München und ist zur Mitarbeit bereit, wenn folgende Voraussetzungen erfüllt sind:
- daß keine der Mitgliedsgruppen der IKvu von der Teilnahme ausgeschlossen ist,
- daß keine Eingriffe in das Programm der IKvu erfolgen,
- daß der IKvu für die gesamte Zeit ein Ort zur Verfügung gestellt wird."

Als Antwort auf den Brief der IKvu vom 9. 12. 1982 übersandte der Generalsekretär des ZdK, Friedrich Kronenberg, am 20. 12. 1982 den Text seines Vortrages über „Trägerschaft, Mitträgerschaft, Beteiligung und Teilnahme – strukturelle Fragen bei Katholikentagen", den er bei der Vollversammlung des ZdK am 12. / 13. 11. 1982 ge­halten hatte und der zustimmend zur Kenntnis genommen worden sei. Dieser Text blieb die Grundlage der Auseinandersetzung für viele Jahre. Es geht dabei um zwei Problembereiche: a) die Frage nach den beteiligten Gruppen und b) die Vorausset­zungen für die Mitträgerschaft bei den Katholikentagen.

A) Kronenberg umreißt in seinem Vortrag den Ausgangspunkt der Überlegun­gen im ZdK folgendermaßen: „Die Initiative (= IKvu) hatte in der Öffentlichkeit immer wieder die Sorge geäußert, dass das Zentralkomitee Zensur ausüben wol­le. Wir mussten uns natürlich fragen, was soll dieser ständige Vorwurf ,Zensur'." Nach dieser vorsichtigen Zurückweisung des Vorwurfs folgt unmittelbar anschlie­ßend die Bestätigung der Zensur. Drei Gruppen der IKvu werden namentlich genannt, mit denen das ZdK nicht zusammenarbeiten könne:

„Zur sogenannten Initiative ,Kirche von unten' gehört auch die Gruppe ,Christen für den Sozialismus'. Diese Gruppe ,Christen für den Sozialismus' hat ein eindeutiges ­Verhältnis zur Gewalt. Dieses Verhältnis ist nicht etwa wie bei vielen GRÜNEN ungeklärt, sondern hier ist es eindeutig geklärt, nämlich im Sinne der Bejahung von Gewalt. Die Gruppe ,Christen für den Sozialismus' ist eine Gruppe, mit der wir nicht zusammenarbeiten können."

„Es gibt eine zweite Gruppe: ,Homosexuelle und Kirche', eine Arbeitsgemeinschaft, die nicht konfessionell ausgerichtet ist. ... Es geht dieser Gruppe primär ... darum, den ,kirchlichen Segen' zu bekommen für eine Verhaltensweise, die nach kirchlichem Verständnis nicht in Ordnung ist, zugestanden zu bekommen, dass die Homo­sexualität eine Lebensform ist, gleichberechtigt neben anderen. Auch hier sehe ich keine Möglichkeit, das auf einem Katholikentag zu vertreten."

„Später gab es eine dritte Gruppe, das ist die Gruppe der ,Alternativ-Katholiken', wie sie sich nennen. Dahinter verbergen sich die Altkatholiken unter der Führung eines ehemaligen katholischen Geistlichen, und diese Gruppe hat nur im Sinn, Anhänger zu rekrutieren. ... Irgendwo gibt es Grenzen."

Zusammenfassend heißt es: „Sie sehen, es geht also um objektive Fragen und Schwie­rigkeiten, und wenn das Gegenüber zu uns sagt, nur wir alle gemeinsam oder keiner, dann müssen wir feststellen, dass eine Integrationsbereitschaft der Gruppen, die aus unserer Sicht integrationsfähig sind, nicht besteht. ... Katholikentage sind Veran­staltungen, die nicht in der Lage sind, mit solchen Problemen zu leben, und die nicht in der Lage sind, solche Probleme zu lösen."


Kein Raum für neue Entwicklungen

B) Kronenberg unterscheidet in seinem Vortrag zwischen dem Träger, den Mitträgern, Beteiligten und Teilnehmern von Katholikentagen. Der Träger ist das ZdK zusammen mit dem gastgebenden Bistum. „Die Mitträger eines Katholikentages sind alle Mit­glieder des Zentralkomitees und das, was sie vertreten: also die Verbände, die Räte und die Gemeinschaften, die sie repräsentieren. ... Im Grunde geht es darum, daß diejenigen zu den Mitträgern zählen können und auch sollen, die Mitträger des verfassten Laienapostolats in der Kirche sind, die bereit sind, sich zu integrieren und auch wirklich mitmachen."
Die „Beteiligten" sind Einzelpersonen, die zu bestimmten Foren etc. eingeladen wer­den. „Teilnehmer" können alle werden. Es geht also um die Frage der „Mitträger". Dazu eine eindeutige Folgerung: „Sollte eine Mitträgerschaft im Katholikentag ge­wünscht werden, so müßten wir allerdings auf die dafür erforderliche Integration in die verfaßten Strukturen des Laienapostolats verweisen. Ohne eine Integration in das Laienapostolat der Kirche auf den von Konzil und Synode gewiesenen Wegen ist eine Integration in die Trägerschaft von Katholikentagen nicht möglich."

Damit ist der Preis für die Mitträgerschaft genannt: Die IKvu muss sich von drei ihrer Mitgliedsgruppen trennen und muss sich selbst in die vorhandene Struktur des Laien­apostolats einordnen. Für neue Entwicklungen lässt das ZdK keinen Raum. Diesen Preis konnte die IKvu natürlich nicht zahlen, ohne sich aufzugeben.

Noch eines ist im Brief und in dem Vortrag von Kronenberg bemerkenswert: Er spricht immer von der „sogenannten Initiative ,Kirche von unten'". Ist es nicht ein Gebot der Fairness in allen Auseinandersetzungen, dass man den anderen Partner so anredet, wie er sich nennt?


Die Antwort der IKvu

Wegen der Wichtigkeit dieser Fragen sei auch der Antwortbrief der IKvu vom 7. 4. 1983 hier ausführlich zitiert. Zunächst werden die Vorwürfe an die drei Gruppen widerlegt:

„Die Christen für den Sozialismus haben weder in der Bundesrepublik noch auf internationaler Ebene sich ,im Sinne einer Bejahung von Gewalt' ausgespro­chen. Es ist uns darum unerklärlich, wie Sie Ihre Behauptung begründen wollen. Die Stellungnah­me der Christen für den Sozialismus zu revolutio­närer Gewalt in Ländern wie El Salvador, die un­ter der Gewalt von Unter­drückern leiden, ist im übrigen identisch mit der Wertung Papst Pauls VI. in seiner Enzyklika ,Populorum progressio'."

Zum Arbeitskreis Homosexuelle und Kirche (HuK): „Es geht dem Arbeitskreis nicht darum, eine kirchliche Erlaubnis oder Billigung (etwa durch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken) zu erlangen. Er sucht vielmehr ganz selbstverständlich auch auf Katholikentagen – das Gespräch mit katholischen Mitchristen, um die nicht nur in der Kirche verbreitete Unsicherheit zwischen Heterosexuellen und Homosexuellen abzubauen. Auch (sexuelle) Minderheiten sind durch die Taufe Glieder des ei­nen Leibes Christi, freie Subjekte des Volkes Gottes, und nicht bloß Objekte der Seelsorge."

Zum Arbeitskreis Alternativer Katholizismus: Konflikte mit diesem Arbeitskreis werden zugegeben. Doch: „Demgegenüber ist festzuhalten, dass keine Gruppe in der Initiative Kirche von unten dem Arbeitskreis Alternativer Katholizismus unterstellt, nur Anhänger rekrutieren zu wollen. ... Die Zusammenarbeit mit die­ser Reformgruppe innerhalb des altkatholischen Bistums in Deutschland ist wei­terhin erwünscht." Im übrigen wird die Hoffnung ausgedrückt, dass Rom die bereits 1974 von der deutschen Bischofskonferenz verabschiedete „Vereinba­rung über pastorale Hilfen zwischen der altkatholischen und römisch-katholi­schen Kirche in Deutschland" genehmigt.

Da die Vorwürfe gegen die drei Gruppen unbegründet sind, erwartet die IKvu eine Korrektur der Entscheidung des ZdK.


Dialog und Integration

Längere Ausführungen macht die IKvu in ihrem Brief zur Frage der Integration und zum Dialog: „Sie fragen uns ,Wollt ihr euch integrieren?'. Diese Frage kön­nen wir wie in der Vergangenheit nur bejahen. Strittig ist jedoch, was sachlich mit Integration gemeint ist – und vor allem: wer die den anderen ein- oder aus­schließenden Bedingungen setzt." Soll es eine Integration in die bestehenden Strukturen des Zentralkomitees sein? Dann allerdings sieht sich die IKvu dazu nicht in der Lage. „So gibt es nun einmal auch in der Bundesrepublik katholi­sche Gemeinden und Gruppen, die mit den überkommenen Strukturen nicht er­faßt werden können, die gleichwohl aktive Gliederungen der Kirche sind und offenbar auch an Zahl zunehmen."

Solange das ZdK sich nicht in der Lage sieht, diesen neuen Gruppen auch struk­turell einen Raum zu geben, sieht die IKvu keine Chance zur Integration. Des­wegen fordert sie einen Dialog über diese Fragen, dessen Ergebnis nicht schon im vorhinein vom ZdK festgeschrieben sein kann. Ausführlich wird dazu als Begründung die Botschaft zum Weltfriedenstag 1983 von Papst Johannes Paul II. zitiert. Im Dialog geht es darum, den anderen Partner ernstzunehmen, „und zwar mit seinen Problemen, mit seinen Rechten, mit den Ungerechtigkeiten, die er empfindet, und den vernünftigen Lösungen, die er vorschlägt. ... Dialog setzt also voraus, daß jeder auf dieses Anderssein, diese Besonderheit des anderen eingeht, daß er genau erfaßt, inwieweit er sich vom anderen unterscheidet ... Erst recht darf man den anderen nicht zu einem Objekt machen; vielmehr ist er als ein Subjekt mit Verstand, Freiheit und Verantwortung zu achten." (Nr.6)

Einen solchen Dialog erwartet die IKvu mit dem ZdK. Der Brief schließt: „Wir maßen uns nicht an, ,die Kirche von unten zu sein'. Daß wir andererseits auch einen etwaigen ,Alleinvertretungsanspruch' anderer Teile der Kirche – z.B. der­jenigen, die durch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken repräsentiert werden – nicht akzeptieren, dürfte durch das Bisherige deutlich geworden sein."

Am 28. 4. 1983 antwortet Kronenberg: Er hält an seiner Charakterisierung der drei Gruppen fest und bemängelt, dass „Sie auf die konkrete Frage nach der Integrationsbereitschaft in Ihrem Brief keine konkreten Angaben machen. ... Dagegen machen Sie sehr weitschweifige und lange theoretische Ausführungen über den Dialog." Am Schluss bietet Kronenberg ein Gespräch mit ZdK-Geschäftsführer Vincens Lissek an. Er selbst ist offenbar nicht dazu bereit.


Keine Integration durch Unterordnung

Die Positionen waren klar: Die IKvu kann sich von ihrem Selbstverständnis her nicht von den drei genannten Gruppen trennen, um den Bedingungen des ZdK zu entsprechen. Sie würde sich sonst selbst aufgeben. Deswegen muss sie dem Versuch der Spaltung durch das ZdK entgegentreten. Ferner ist es gerade ihr Charakteristikum, dass sich die ChristInnen und die christlichen Gruppen, die sich in der Initiative zusammenschließen, nicht in den traditionellen Strukturen des Laienapostolats repräsentiert sehen und sich auch dort nicht unter den alten Bedingungen integrieren wollen. Zu einer Reform der eigenen Strukturen, zu einer Öffnung für die vielen neuen Gruppierungen in der Kirche war das ZdK nicht bereit. (Erst 1995 hat das ZdK seine Statuten dahin gehend geändert, dass sie – theoretisch – auch Initiativgruppen einen Beitritt ermöglichen. Die daraufhin gestellten Anträge der IKvu-Mitgliedsgruppen HuK (Homosexuelle und Kirche) und VkPF (Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen) auf Mitgliedschaft im ZdK-,Vorhof' Arbeitsgemein­schaft katholischer Organisationen Deutschlands wurden jedoch auch danach noch aus (vorgeschobenen) formalen Gründen abgelehnt.)

Integration in das ZdK und damit offizielle Beteiligung an den Katholikentagen hätte auch bedeutet, dass sich die IKvu mit ihren Veranstaltungen und ReferentInnen un­ter die Regie der Katholikentags-Programmkommission und deren sehr enge Refe­rentenkommission hätte einordnen müssen. Schon oft war diese Kommission durch die Ablehnung mißliebiger Themen und ReferentInnen aufgefallen. In Ungnade ge­fallene Theologen (wie etwa Hans Küng oder Leonardo Boff) und Politiker der GRÜ­NEN zum Beispiel waren unerwünscht und wurden von der Referentenkommission gestrichen. Fragen der feministischen Theologie und der Homosexualität waren nicht zugelassen. Dem konnte sich die IKvu nicht unterordnen.

Die Forderung an das ZdK nach einer Beteiligung der Initiative bei der Gestal­tung der Katholikentage hätte jedoch zu einem Kompromiss führen können: Kei­ne vollständige Integration in die Strukturen des ZdK, wohl aber eine Mitträger­schaft im Blick auf einzelne Veranstaltungen, ReferentInnen und Räume auf dem Katholikentagsgelände. Das aber wollte das ZdK nicht. So mussten jeweils vor den Katholikentagen Einzelabsprachen getroffen werden. Das war ein mühsames Geschäft. Oft waren da die Lokalkomitees der Katholikentage kooperati­ver als das ZdK. Deswegen blieb es grundsätzlich bei einem Nebeneinander der „Katholikentage von oben" (Kvo), wie man bei der IKvu sagte, und den „Katho­likentagen von unten" (Kvu), wobei „von oben" über viel Geld verfügte, wäh­rend „von unten" alles durch Spenden und freiwillige Beiträge getragen werden musste.


„Die Theologie der Befreiung lebt!"

Die Weichen waren durch die grundsätzliche Klärung der Positionen 1982/83 gestellt. Es sollte also in München 1984 wieder einen „Katholikentag von unten" geben. Sei­ne Schwerpunkte lagen bei Themen, die im Programm des Kvo nicht oder nur sehr unzureichend vorkamen: Entschiedene „Ablehnung der Abschreckungspolitik, die sich auf Massenvernichtungswaffen, Ersteinsatz atomarer Waffen und zunehmend auf offensive Strategiekonzepte stützt", ein „Arbeitslosentribunal mit dem Titel ,Wo gehobelt wird, da fallen Späne' … Darin werden Betroffene und Sachverständige mittels einer Anklageschrift und Zeugenaussagen systembedingte und konjunkturel­le Auswirkungen der Arbeitslosigkeit aufzeigen"; Workshops von Frauengruppen und der Gruppe Homosexuelle und Kirche im Löwenbräukeller, sowie „Einmischaktionen" auf dem offiziellen Katholikentag. (Zitate aus einer Presseerklärung der IKvu vom 15. 3. 1984)

Eine geplante ökumenische Eucharistiefeier mit Hans Küng und Jörg Zink führte noch zu heftigen Auseinandersetzungen mit dem Ortsbischof Kardinal Wetter, der Hans Küng mit kirchlichen Strafen drohte, wenn Jörg Zink Texte des Hochgebetes mitspre­chen würde. Bei der „Nacht der Solidarität" sprach vor 7.000 TeilnehmerInnen unter großem Beifall auch Kardinal Aloísio Lorscheider aus Brasilien. Er sagte mir anschließend: „Warum lassen sich eigentlich die deutschen Bischöfe ein solches Forum entgehen?" Er musste für seine Teilnahme harte Kritik seitens der deutschen Bischöfe und des ZdK hinnehmen. Er sei schließlich Gast der Bischofskonferenz und des ZdK, wurde ihm bedeutet. (Dies hatte zur Folge, dass 1990 beim Katholikentag in Berlin Kardinal Paulo Arns aus Sao Paulo eine Einladung zu einer Veranstaltung des Katholikentages von unten mit dieser Begründung, aber zugleich mit großem Bedauern ablehnte.


"Ihr in Deutschland setzt große Hoffnung in uns, und umgekehrt setzen wir in Lateinamerika große Hoffnung in Euch. Was wir von Euch erwarten? Stellt Euch die Frage: Habt Ihr in Deutschland keine Unterdrückten? Ihr müßt anfangen, denen bei der Befreiung beizustehen, die bei Euch in Deutschland unterdrückt sind. Wenn Ihr die Befreiung bei Euch erfahrt, dann könnt Ihr uns damit die größte Solidarität erweisen. ... Und ein zweites wünschen wir uns von Euch: Stellt Euch die Frage: Unterdrückt Euer Land, Eure Wirtschaft andere Nationen? Das ist die zweite Frage, die die Armen in Lateinamerika an Euch Christen in Deutschland stellen. Es ist eine Aufgabe christlicher Solidarität, die Ausbeutung in Zukunft zu verhindern."
Kardinal Aloísio Lorscheider in der "Nacht der Solidarität" zum Abschluß des Kvu 1984

Als Beispiel für die Einmischaktionen mag die Eröffnungsveranstaltung des Kvo die­nen: Kardinal Ratzinger hielt die Eröffnungsansprache. Als er begann, entfaltete die IKvu ein 30 Meter langes Transparent quer über den Platz: „Trotz Inquisition: die Theologie der Befreiung lebt, Herr Ratzinger". Damit waren die unterschiedlichen Perspektiven von Kvo und Kvu abgesteckt. Insgesamt zählte die IKvu bei ihren Veranstaltungen ca. 50.000 TeilnehmerInnen, ein Zeichen dafür, dass viele sich in den Veranstaltungen des Kvo nicht genügend repräsentiert sahen.


Tischtuch zerschnitten

Die Auseinandersetzungen im Vorfeld des Katholikentags in Aachen 1986 glichen denen vor München. Es gab jedoch einige besondere Akzente: Wichtig war insbe­sondere die Feststellung von Kardinal Höffner, dem Vorsitzenden der Deutschen Bi­schofskonferenz, im Zusammenhang mit der Diskussion um die Abtreibung: „Das Tischtuch zwischen den Grünen und der katholischen Kirche ist zerschnitten." Hans Maier unterstrich als Prä­sident des ZdK diese Tren­nung. Das hatte zur Folge, dass PolitikerInnen der GRÜNEN wie Joschka Fischer und Petra Kelly nur noch beim Kvu auf­treten konnten.

Ein langes Gerangel gab es über eine gemeinsame Veranstaltung zum The­ma: „Katholische Soziallehre und Theologie der Befreiung". Nur mit Mühe gelang es, Kuno Fussel von den ChristInnen für den Sozialismus neben mir als zwei­ten Vertreter der IKvu auf das Podium zu bekommen – bei sechs vom ZdK ausge­wählten Referenten. Außerdem erwartete der Kvo wie selbstverständlich, dass alle TeilnehmerInnen dieser Veranstaltung im Besitz einer Tageskarte des Kvo seien. Nur nach massivem Protest bekamen die Kvu-Teilnehmerlnnen unentgeltlich Zugang zum Kvo.

Hans Maier, der Präsident des ZdK, unterstrich in Aachen vielfach seine Ablehnung der IKvu. Dazu aus der Presseerklärung der IKvu vom 11. 9. 1986: „Der Präsident des ZdK, Hans Maier, signalisierte gestern während der offiziellen Pressekonferenz Kooperationsbereitschaft mit der IKvu: Es gäbe ja eine gemeinsame Veranstaltung, und die Zusammenarbeit sei auszubauen. Ganz im Gegensatz dazu wurde er bei ei­nem Fernsehgespräch mit Mariele Schulze-Berndt von der IKvu ausfällig: Es ginge der IKvu ja nur darum, in die Medien zu kommen; zwischen den Katholikentagen sei die IKvu gar nicht existent; jetzt werde er durch die Medien gezwungen, mit der IKvu zu sprechen. Das Verhalten von Hans Maier unterstreicht die Notwendigkeit der IKvu. Wer mit solcher Arroganz Gruppen in der Kirche an den Rand drängen und nicht mit ihnen sprechen will, ist als Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken ungeeignet."


Emanzipation des ZdK

Es soll hier jetzt nicht weiter darum gehen, das Verhältnis zwischen ZdK und IKvu an Hand der folgenden Katholikentage im einzelnen darzustellen. Die Grundpositionen waren geklärt. Die IKvu veranstaltete weiter ihre Katholikentage von unten (ab 1992 „KatholikInnentage von unten") parallel zu den offiziellen Katholikentagen. Punktuell gab es immer wieder Absprachen, aber mehr nicht. Einzelne Verbände wie der Bund der deutschen katholischen Jugend (BdKJ) und die Katholische Frauen­gemeinschaft Deutschlands (kfd) konnten innerhalb des ZdK und der Katholikenta­ge eine größere Selbständigkeit durchsetzen, zum Teil mit der stillschweigenden Dro­hung, sonst mit der IKvu zu kooperieren. Aber auch sie konnten nicht alle gewünschten ReferentInnen durchsetzen.

Eine neue Entwicklung setzte erst ein, als nach der Wiedervereinigung ostdeutsche KatholikInnen ins ZdK einrückten. Sie hatten aufgrund ihrer anderen Erfahrung in der DDR kein Verständnis für die Konflikte zwischen ZdK und IKvu. Beim Katholi­kentag in Dresden (1994) konnte die IKvu vier Stände auf der Kirchenmeile besetzen, davon einen mit der HuK, die damit zum ersten Mal offiziell auf dem Kvo vertreten war. Insbesondere als 1997 der sächsische Wissenschaftsminister Hans Joachim Meyer zum neuen Präsidenten des ZdK gewählt wurde, änderte sich langsam auch das Ver­hältnis zwischen IKvu und ZdK. Zudem löste sich das ZdK ein wenig aus der engen Umklammerung durch die CDU und durch die Deutsche Bischofskonferenz. Das zeigte sich in einer offeneren Themengestaltung, die auch alte Tabuthemen zuließ, und in einer offeneren ReferentInnen-Auswahl, die auch linke SPD-PolitikerInnen und VertreterInnen der GRÜNEN einbezog.

Das ZdK forderte nun eine Änderung der Zulassungsbedingungen für das Priester­amt und die Zulassung der Frauen und ließ sich diese Forderungen nicht von der Bischofskonferenz verbieten. Die kritische Stellungnahme des ZdK gegen die von Rom erlassene „Instruktion zu einigen Fragen über die Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester" von 1997, die Kritik an den römischen Direktiven zur Schwangerenkonfliktberatung 1998/99 sowie die Gründung einer eigenen Stiftung zur Fortfüh­rung der Beratung sind Zeichen für diese größere Selbständigkeit. Auch die Ökume­ne bekommt einen größeren Raum, wie sich in dem gemeinsamen Beschluss mit dem Evangelischen Kirchentag zeigt, im Jahre 2003 einen Ökumenischen Kirchen­tag zu veranstalten.

Das ZdK hat also eine Reihe von Forderungen übernommen, die die IKvu schon seit vielen Jahren öffentlich vertritt. Dies kann man sicher als einen Erfolg bezeich­nen, an dem auch die IKvu beteiligt war.

Das KirchenVolksBegehren

Eine für die IKvu noch wichtigere Entwicklung bahnte sich 1995 an. Ein „Kirchen­volksbegehren" hatte in Österreich großes Aufsehen erregt und in kurzer Zeit trotz mancher Behinderungen über 500.000 Unterschriften gesammelt. Seine Forderun­gen: Aufbau einer geschwisterlichen Kirche, volle Gleichberechtigung der Frauen, freie Wahl zwischen zölibatärer und nicht-zölibatärer Lebensform, positive Bewer­tung der Sexualität, Frohbotschaft statt Drohbotschaft. Damit wurden zentrale Forde­rungen der IKvu aufgenommen.

Nach anfänglichem Zögern bildete sich auch in Deutschland ein Team, um das KirchenVolksBegehren hier fortzusetzen. Die Zeitschrift Publik-Forum un­terstützte das Anliegen ideell und logistisch. Zu dem Team gehörten mehrere Mitglieder des Koordinie­rungskreises der IKvu. Die Gruppen der IKvu bilde­ten auch vielfach das Gerüst der Unterstützergruppen in den einzelnen Diözesen. Ohne die IKvu und ihre Mitglieder wäre ein so großer Erfolg von 1,8 Millionen Unterschriften (davon 1,5 Millionen von Katholik­Innen) nicht möglich gewesen.

Doch warnte die IKvu trotz aller grundsätzlichen Zustimmung vor zwei Gefahren: „Gleichwohl sieht die IKvu im Kirchen VolksBegehren zwei Gefahren: Die Fixierung der Reformdebatte auf rein innerkatholische Themen einerseits und die trügerische Hoffnung andererseits, ein Erfolg des KirchenVolksBegehrens könne rasch tiefgrei­fende Änderungen im System der katholischen Kirche nach sich ziehen." (Presseerklärung der IKvu vom 12. 9. 1995) Die IKvu hat immer auf dem Zusammenhang zwischen Kirchenreform und Gesellschaftsreform bestanden und dies aus dem Glauben heraus begründet. Jetzt brach das eine Bein weg, da das KirchenVolksBegehren die Kirchenreform offensichtlich effektiver vor­anbringen konnte. Wie trotzdem weiterkommen? Wie vor allem den Zusammenhang zwischen den kirchlichen und den politischen Themen und Initiativen im Bewußtsein der Öffentlichkeit und der Gruppen halten?

Der große Erfolg des KirchenVolksBegehrens ermutigte die Initiatoren dazu, die Be­wegung zu konsolidieren und fortzuführen. Deswegen bildeten sich in allen deut­schen Diözesen eigene Gruppen, die zum Teil auch von Mitgliedern der IKvu-Grup­pen getragen wurden. Aus dem KirchenVolksBegehren wurde die Kirchen­volksbewegung, die sich „Wir sind Kirche" nannte und bald mit ähnlichen Bewe­gungen in anderen Ländern international vernetzte. Durch ein gutes Management und gute Presse-Arbeit blieb die KirchenVolksBewegung im öffentlichen Interesse und nahm da den Platz ein, den früher die IKvu eingenommen hatte.

Das ZdK sah in dem Kirchenvolksbegehren wie ehedem in der IKvu die Gefahr, dass der Alleinvertretungsanspruch des ZdK, für den deutschen Laienkatholizismus zu sprechen, nicht mehr aufrecht zu erhalten war. Die Karten im deutschen Katholizis­mus wurden neu gemischt.


Rückgang des Interesses am Kvu

Diese neue Situation wurde beim Katholikentag in Mainz 1998 deutlich. Im Vorfeld hatte sich das ZdK mit der KirchenVolksBewegung arrangiert und ihr einen Status eingeräumt, den es der IKvu immer verwehrt hatte. So wurden ihre VertreterInnen zu Vollversammlungen des ZdK eingeladen, obwohl die Kirchenvolksbewegung nicht Mitglied im ZdK ist oder werden will. Schon im Vorfeld räumte man der KirchenVolksBewegung einen Platz in der Programmkommission ein. Sie wurde „Mitträgerin" bei vielen gemeinsamen Veranstaltungen mit dem Kvo, war als Gesprächspartnerin bei Podiumsdiskussionen gesucht, bekam Räume des Kvo und konnte darin eigene, nicht zensierte Veranstaltungen mit großem Zulauf im Katholikentagsbereich durch­führen, wie beispielsweise mit dem französischen Bischof Jacques Gaillot, der 1995 von Rom faktisch abgesetzt worden war. Gleichzeitige gemeinsame Veranstaltungen mit der IKvu dokumentierten die Unabhängigkeit der KirchenVolksBewegung. Durch die verschiedenartige Beteiligung der KirchenVolksBewegung und die Zulassung von IKvu und HuK (erstmals als eigenständige Gruppe) auf der Kirchenmeile waren die von Kronenberg 1982 genannten Ausschlusskriterien (s.o.) faktisch durch­brochen.

Die IKvu hatte in Mainz wieder ein komplettes Programm vorbereitet. Doch ließ der Zulauf merklich nach. Die Veranstaltungen waren gut, aber zu lang konzi­piert. Die meisten BesucherInnen kamen zu dem ökumenischen Gottesdienst, der in Zusammenarbeit mit „Wir sind Kirche" in Konzelebration von einem katho­lischen und einem anglikanischen Priester, von einer evangelischen Pröpstin und einer altkatholischen Priesterin gehalten wurde. Dieser Gottesdienst wurde auch von der Öffentlichkeit sehr beachtet und kontrovers diskutiert. Das Presse-Echo über den Kvu konzentrierte sich fast ganz auf diesen Gottesdienst. Das ZdK distanzierte sich deutlich davon. Dieser Gottesdienst wurde jedoch von vielen als ein prophetisches Zeichen verstanden und vollzogen. Die Basis der ChristInnen ist vielfach in der Ökumene weiter als ZdK und Bischofskonferenz, denen die Frage nach der Mahlgemeinschaft im Blick auf den Ökumenischen Kirchentag 2003 immer noch Sorgen macht.

Der Rückgang des Interesses am Kvu hatte mehrere Ursachen:
Rückgang des Interesses vor allem auch bei der Jugend an Katholikentagen überhaupt. (In Mainz waren auch beim Kvo viel weniger BesucherInnen als ge­plant.)
Rückgang des Interesses an gesellschaftspolitischen Themen (dies spürte auch der Kvo)
größere Offenheit des ZdK in ReferentInnen- und Themenauswahl (Beim Kvo sprachen mehrere ReferentInnen, die früher nur bei der IKvu auftreten konnten; ein Erfolg der jahrelangen Arbeit der IKvu? Umgekehrt zwei Vizepräsidenten des ZdK als Podiumsteilnehmer beim Kvu – früher undenkbar!)
großer Zuspruch für die Veranstaltungen von „Wir sind Kirche" im Rahmen des Kvo
schlechte Lage des Kvu-Geländes und zeitlich zu anspruchsvolle Programm­gestaltung.
zurückgehende Unterstützung durch die IKvu-Gruppen bei der Durchführung des Kvu.


Kirche auf neuen Wegen

Die Kirche ist auf neuen Wegen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Tore dafür geöffnet. Es hätte nicht eine so große Resonanz gefunden, wenn nicht Gruppen in der Kirche schon vorher neue Erfahrungen gemacht hätten. Sie finden Ermutigung für ihren Weg im Vertrauen auf den Heiligen Geist, der immer noch in der Kirche wirkt und sie nach vorne führen will. Jedem und jeder schenkt der Geist seine Gaben, damit sie anderen nützen, und er schenkt sie, wie er will (vgl. 1 Kor 12), nicht wie es der Papst, die Bischöfe oder Pfarrer zuzulassen bereit sind. Dieses Bewusstsein, dieses gläubige Vertrauen setzt sich immer mehr bei den engagier­ten ChristInnen durch, insbesondere wenn „von oben" menschenferne Regle­mentierungen die Entwicklung wieder zurückschrauben wollen. Die IKvu hat sich nie ausreden lassen, Kirche zu sein. Die Selbstbezeichnung des Kirchen­volksbegehrens „Wir sind Kirche" spricht dieselbe Sprache. Deswegen sollten wir nur von „der Kirche" sprechen, wenn wir uns selber mitmeinen. Sonst sollten wir genauer reden: der Papst oder der Vatikan (obwohl der auch keine Einheit ist), die Bischöfe, die Kirchenleitung oder eben das ZdK.

Sicher ist gegenwärtig auch festzustellen, dass Gruppen in der Kirche, einzelne Bischöfe und maßgebliche Kreise des Vatikans Sicherheit nach rückwärts oder in einer erzwungenen Uniformität suchen. Dann aber wird wieder Angst erzeugt und mit Druck regiert. Damit kann man einzelne mundtot machen, Bewegungen abblocken, aber nicht die Kirche zukunftsfähig machen. Denn es sollte allen, spätestens seit dem Zusammenbruch des sowjetischen Kommunismus, klar ge­worden sein, dass eine Verwaltung der Wahrheit von einem Punkt der Erde aus für die ganze Welt nicht mehr möglich ist. Einheit in der Kirche muss neu ge­dacht werden, damit alle Geistesgaben, auch die religiösen Erfahrungen von gan­zen Kontinenten, Völkern, aber auch einzelnen Gruppen einbezogen und als Reichtum erfahren werden können. Die Globalisierung darf nicht zu einer toten Uniformität führen.

Einheit als lebendiger Prozess

Die Einheit der Kirche ist als lebendiger Prozess zu verstehen, als gläubiges Geben und Nehmen im weltweiten Zusammenhang. Deswegen sind Toleranz und Dialog nötig, wo man einander gelten lässt und aufeinander hört, voneinander lernt und Ge­meinsamkeiten sucht, wo sie möglich sind. Schwierig wird es nur dann, wenn Grup­pen, auch wenn es sich dabei um besondere Amtsträger handelt, sich für die Kirche halten und versuchen, ihre Machtmittel einzusetzen, andere auszuschließen. Dann ist entschlossener Widerstand nötig.

Für das Offenhalten des Prozesses bedarf es immer der entsprechenden Institutio­nen, auch der Institutionen der Weltkirche. Doch da Institutionen immer dazu neigen, sich selber für die Sache zu halten, die sie zu vertreten haben, ist es ständig nötig, kritische Gruppen in der Kirche zu fördern und selber zu bilden, Kirche wieder durch­lässig zu machen für das Evangelium. Manche Ordensgründungen in vergangenen Zeiten sind dafür ein Beispiel. Heute sind es offensichtlich mehr freie Gruppen, Basis­gemeinden und weltweite Bewegungen. Die IKvu ist ein Teil davon. Wenn sie als Institution jetzt in Schwierigkeiten geraten ist, bedeutet das kein Unheil für die Kir­che. Entweder wird sie sich erneuern, oder es werden anderen Gruppen neu aufste­hen und ihre Arbeit „von unten" fortsetzen. So haben wir es in der Nachkriegsge­schichte in Deutschland schon vielfach erlebt. Auch der einstmals starre Block des ZdK ist in diesen Wandel einbezogen.

Wichtig erscheint mir jedoch, dass wir uns bei all diesen Fragen nicht nur auf die Kirche und ihre Erneuerung konzentrieren. Die Konflikte in der Kirche und die Aus­einandersetzungen mit der Kirchenleitung bergen die Gefahr in sich, dass sich die Kräfte darin erschöpfen. Dann geht keine Lebenskraft, keine Freude mehr von der Kirche aus. Die Kirche ist nicht für sich selber da. Sie darf kein Ofen werden, der nur sich selber wärmt (Karl Rahner). Deswegen geht es um eine gerechtere Kirche für eine gerechtere Welt. Die Erneuerung der Kirche muss sie durchlässig machen für die Menschenfreundlichkeit unseres Gottes, der sich in Jesus gezeigt hat. Das ist not­wendiger Dienst der Versöhnung und des Lebens in einer zerrissenen Welt.

Es geht darum „Wege der Befreiung zu gehen" (Motto des Kvu in Aachen), vor allem mit und für die Opfer, die Armgemachten und Ausgegrenzten, die Hungernden und Arbeitslosen, die Opfer der Kriege und Bürgerkriege. Wenn man sieht, wo heute dieser Dienst der Kirche im Kleinen wie im Großen, hier wie weltweit, nötig ist, damit Menschen leben und etwas von dem lebenschaffenden Gott erfahren können, dann schämt man sich der inner­kirchlichen Auseinandersetzungen, die so viel Kraft kosten. Wir werden weiter die beiden Beine der IKvu brauchen, das Bemühen um eine Reform der Kirche aus dem Geist des Evangeliums und das Bemühen um eine menschenfreundlichere Gesell­schaft. Nur so können wir weiterkommen.

aus: Kirche lebt von unten. Erfahrungen aus 20 Jahren, hrsg. von Martin Seidler und Michael Steiner, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2000.