Dienstag, 14. August 2018

IKvu-Geschichte

Von Büschen und Graswurzeln

Basisgemeinden als "Frischzellenkur" für die Kirchen Europas?


Was fällt Ihnen beim Begriff „Basisgemeinde“ ein? Lateinamerika – Befreiungs­theologie –Kirche der Armen? Hat er einen Hauch des Nostalgischen: 70er-Jahre – Helder Câmara (Alt-Erzbischof von Recife, Brasilien; 1999 verstorben) – Friedensbewegung ? Ist dieser Begriff Ausdruck des Aufbruchs in der Kirche oder des Auszugs aus der Kirche? Verbinden Sie damit Ermutigung – oder Frustration? Oder ist für Sie das Kapitel „Gemeinde“ längst abgeschlossen?

Der Begriff schillert auch heute noch verheissungsvoll. Verheisst er doch eine Kir­che, die lebendig ist und den wichtigen Fragen in meinem Leben offen. Eine Kir­che, wo die Menschen im Mittelpunkt stehen und nicht die Macht, wo Solidarität mit den Armen und Anderen gelebt wird und Frauen und Männer gleichermaßen gelten können.


Treffen in Bahia …

Vom 11. bis 15. Juli 2000 findet in Ilhéus im brasilianischen Bundesstaat Bahia das zehnte überkonfessionelle Treffen der Basisgemeinden statt. Das Einladungsplakat, das auf unzähligen T-Shirts prangt, zeigt einen überdimensionalen Fußabdruck, der in seiner Form den Umrissen Lateinamerikas nahekommt. In der Mitte die aufgeschlagene Bibel unter einem Strohdach; wie die vier Balken eines Kreuzes ein unüberschaubarer PilgerInnenzug, der von vier Seiten auf diese Mitte hin strebt: Menschen aller Rassen und Berufe, Kinder und Alte, Kranke und Gesunde. Die vier Leitbegriffe sind in großen Lettern über diese vier Pilgerwege geschrieben: Caminhada – Compromisso – Memoria — Sonho (Unterwegs Sein – Engagiert Sein – Erinnerung – Vision). Innerhalb des Fußabdrucks die Landkarte Brasiliens als frucht­bares, grünes Land, über dem die Sonne steht und darüber das Kreuz. Eine Dampfeisenbahn schlängelt sich mit zehn Wagen durch das Land, die Lokomotive erreicht gerade den Bundesstaat Bahia, wo sie von einer Frau begrüßt wird. Jedes dieser Wägelchen steht für ein anderes überkonfessionelles Basisgemeindetreffen in Brasili­en; Ilhéus wird das zehnte sein und zugleich das silberne (25-jährige) Jubiläum bedeuten. „Stär­ke unsere Hoffnung und unser Engagement in der Option für die Armen, im Kampf für Gerechtigkeit, im Aufbau einer menschenwürdigen Beteiligung an der Gesellschaft (Cidadania, brasilianisch: Bürgerrecht), in der Sache des Evangeliums. Amen, Axe (Segensgruß der Schwarzen in Brasilien), Aleluia!“, heißt es in einem Gebet zur 10. Basisgemeindeversammlung. Auf Seite 3 des Basistextes wird all derer gedacht, „die mit ihrem eigenen Blut die Erde dieses Brasiliens in diesen 500 Jahren besprengt haben, und all der MitarbeiterInnen, der Weg­gefährtinnen und Weggefährten, die uns unterstützt und uns inspiriert haben, der Geschichte der Kirchlichen Basisgemeinschaften (brasilianisch: CEBs: communidades eclesiales de base) Fortdauer zu geben.“ (10° Encontro Intereclesial, 1999, S.3)


… und Krisensitzung in Bonn

Gemeinde im Oscar-Romero-Haus, Bonn, 1999. Elf Erwachsene mittleren Alters tref­fen sich in einem Privathaus zu Kaffee und Kuchen. Dazu vier Kinder von neugebo­ren bis zwölfjährig. Gemeindeversammlung zum Thema: „Wie soll es weitergehen?“ Zwei sind noch dabei von den Gründungsmitgliedern, als vor fünfzehn Jahren aus einem Konflikt der StudentInnengemeinde mit dem Bischof die „Basisgemeinde“ entstand. Als vor zehn Jahren kein Priester sie mehr begleitete, die Diskussion: Eucharistiefeier ohne Priester? Später: Zwei Kirchenaustritte aus Überzeugung – Basis­kirche als religiöse Heimat. Kindertaufen, Hochzeiten, mit und ohne amtskirchlichen Segen. Gottesdienste zweimal im Monat. Demonstrationen gegen den Golfkrieg. Bosnische Flüchtlinge in den Gemeinderäumen.

Heute: Krisensitzung. Zu manchen Gottesdiensten kamen nur noch zwei, drei oder vier. Vorbereitet waren sie schon lange nicht mehr. Einige denken zurück an die „gu­ten Zeiten“, als zwanzig oder dreißig Gemeindemitglieder sich in der Kapelle im Dachgeschoss des Oscar-Romero-Hauses zum Gottesdienst drängten. Besonders die El­tern machen sich Sorgen: Die Gemeinde ist zu klein, um den Kindern attraktive Ju­gendarbeit oder Kindergottesdienste bieten zu können. „Eure Gottesdienste sind stink­langweilig!“, bekommen die Eltern von ihren Kindern zu hören. Gesellschaftliches Engagement ist in der Gemeinde mit den Jahren leiser geworden. Lebensschwerpunkte ändern sich. „Weihnachten und Ostern zusammen feiern, vier oder fünf Tage im Jahr gemeinsam verbringen“, ist der Beschluss der Gemeinde für die weitere Zukunft.


Basis-Basis-Basis ...

Was hat die eine Realität mit der anderen zu tun? Ein etwas genauerer Blick auf die Begriffe lohnt sich. Was meint „Basisgemeinde“? Wovon reden wir in Lateinamerika, wovon in Europa? In der Auseinandersetzung mit lateinamerikanischen Basis­gemeinden begegnen uns vier verschiedene Begriffe von „Basis“. Diese Differenzie­rung geht auf Leonardo Boff zurück und findet sich in wohl jeder Selbstreflexion von lateinamerikanischen Basisgemeinden wieder.

• Zuerst meint „Basis“ elementar. Das bedeutet eine Besinnung auf das Wesentli­che des Glaubens. „Basisgemeinden sind wie 'Grundschulen' des christlichen Le­bens. In ihnen erlernt die Person die grundlegenden Dinge des Christentums. Nun, die grundlegende Glaubenserziehung wird heute nicht mehr durch die Gebräuche der Familie oder der Gesellschaft garantiert, denn diese begegnen uns weitgehend 'weltlich'.“ (Boff 1999, S. 109) Die christliche Botschaft ist ein befreiender Impuls zur Nachfolge Jesu und will gerade von den Kleinen und Armen verstanden werden. So „baue die Gemeinde auf dem auf, was für den christlichen Glauben grundlegend und wesentlich sei: Jesus Christus, Evangelium und Nachfolge von Leben, Los und Leiden Christi in der Nachfolge des Heiligen Geistes“ (Boff 1983, S. 185). „Die Betonung des fundamentalen Kerns der christlichen Botschaft muß im Kontext der politischen Auseinandersetzungen der Basisgemeinden auch als Kampfansage ge­gen eine zum Geheimwissen kirchlicher und theologischer Eliten gewordene Dogmatik verstanden werden; gegen ein für die einfachen Menschen unüberschaubar ausdifferenziertes System von Glaubenssätzen und Moralvorschriften, das soziolo­gisch als 'Herrschaftswissen' bezeichnet werden muß und entsprechend funktio­niert.“ (Steinkamp 1994, S. 241)

• Dann bezeichnet „Basis“ popular. Dieser Begriff ist erst aus der Perspektive der Bevölkerung eines Landes der sog. Dritten Welt zu verstehen: „Das Wort Volk be­zeichnet in den iberischen Sprachen Lateinamerikas nicht das Gesamt einer Nation, sondern ist ein analytisches Instrument, das die von der Klasse der Mächtigen unter­drückte (mehrheitliche) Klasse der Machtlosen und Ohnmächtigen einer Population benennt.“ (Boff 1987, S. 14) „Eine für Europäer kaum noch zu verstehende gesellschaftliche Wirklichkeit: die 'Armen', das sind 60% der Bevölkerung, nehmen am sozialen Prozeß nicht teil, stehen außerhalb, was Wahlen, Teihabe am demokratischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozess betrifft.“ (Steinkamp 1994, S. 242). „Ohne Zweifel, diese Fest­stellung ist in erster Linie soziologisch. Aber sie ist sehr wichtig, auch von einer theologischen Perspektive. Das bedeutet, die Basisgemeinden repräsentieren die 'Kirche der Armen', mit den Worten von Johannes XXIII.“ (Boff 1999, S. 111)

• Drittens bezeichnet „Basis“ laical. Das meint, Basisgemeinden werden in er­ster Linie von Laien gebildet, repräsentieren eine „Kirche der Getauften". „In den Basisgemeinden sieht man sehr klar, dass die Kirche nicht eine Kirche der Priester oder Ordensschwestern ist, sondern dass sie in erster Linie von Frauen und Männern, die Laien sind, gebildet wird.“ (Boff 1999, S. 110) Leonardo Boff hat hier aber auch einen pädagogischen Prozess vor Augen: Bewusstseinsbildung und politische Alphabetisierung im Sinne der „Pädagogik der Unterdrückten“ (verbunden mit dem Namen Paulo Freire). Mit Recht können wir einen Begriff wie Basisdemokratie assoziieren, denn schließlich geht es darum, dass Laien – Männer und Frauen – als Subjekte von Kirche auch an Entscheidungsprozessen teilnehmen. „Boff denkt bei dieser Be­deutung von Basis auch an unmittelbar kirchliche Systemprobleme, wenn er an eine alte Regel der frühen Kirche erinnert: 'Was alle angeht, muß auch von allen entschieden werden' (Boff 1983, S. 185).“ (Steinkamp 1994, S. 244)

• Schließlich meint „Basis“ celular. 1968 haben die lateinamerikanischen Bi­schöfe auf ihrer Versammlung in Medellín die Basisgemeinden als „ursprüngli­che Zelle der kirchlichen Struktur“ bezeichnet (Dok. 15, 10). Gleichzeitig seien sie „erstrangiger Faktor der menschlichen und gesellschaftlichen Entwicklung“. Soziale und gesellschaftliche Verantwortung gehen Hand in Hand mit dem Tei­len der Bibel und der Nachfolge Jesu in den Basisgemeinden. Bischof Mauro Montagnioli von Ilhéus schreibt in seinem Einladungsschreiben zum 10. Basisge­meindetreffen in Brasilien: „Es ist unser Wunsch, dass die Schulden erlassen, die Menschenrechte respektiert und die Natur bewahrt werde. Im Gnadenjahr mögen alle Schulden erlassen werden und geschwisterlich alles Land und Eigen­tum neu aufgeteilt werden.“ (Montagnioli 1999, S. 6)


Von Büschen und Graswurzeln

Der Begriff „Basisgemeinden“ hat in den letzten zwanzig Jahren in Westeuropa gro­ßes Interesse geweckt. Allerdings stets unter der Perspektive, ob und wie in die ver­krusteten Amtskirchen und Territorialgemeinden etwas von der Begeisterung und Lebensfreude, aber auch dem politischen Anspruch lateinamerikanischer Basis­gemeinden übertragen werden könne. Gleichsam als Frischzellenkur wurden „Befreiungstheologische Sommerschulen" besucht oder liturgische Elemente aus La­teinamerika gerade in StudentInnengemeinden eingebracht. „In verschiedensten Ver­öffentlichungen – auch auf dem grauen Markt der Broschüren und Mitteilungsblätter christlicher 'Dritte Welt'-Gruppen und anderer links-liberal-christlicher Zusammen­hänge – stößt man immer wieder auf unkommentierte Auszüge aus 'Vamos Caminando', dem Evangelium der Bauern von Solentiname und anderen liturgischen und literarischen Texten lateinamerikanischer Befreiungstheologen und Basis­gemeinden. Gerade dies ist Ausdruck eines bestimmten 'Rezeptionsinteresses', das sieh um die 'Sozialform' Basisgemeinde bewegte. Dies mag auch daher rühren, daß die Basisgemeinden sich literarisch für die Bundesrepublik häufig nur in ihrer liturgi­schen Ausdrucksform darstellten. Denn aus dem reichen Leben der Basisgemeinden wurden in der Bundesrepublik vornehmlich Texte aus gottesdienstlichen Zusammen­hängen und dort vor allem Beispiele der unmittelbaren Bibellektüre veröffentlicht, während die Erfahrungen des politischen Kampfes in ihrer theologisch und liturgisch nicht reflektierten Alltäg­lichkeit undokumentiert und deshalb unsichtbar blieben.“ (Ramminger 1997, S. 125)

Die „Sozialform“ Basisgemeinde aber – so meine Vermutung – ist in ihrer Ent­stehung eher in diktatori­schen Regimen als in pluralistischen Gesellschaften an­gesiedelt. „Gemeinden als primäre soziologische Grup­pe, die auf Grund von geo­graphischer Nachbarschaft entstehen, üben auf eine dik­tatorisch geleitete Gesell­schaft einen oppositionellen Einfluss aus. Innerhalb der Gemeinde kennt sich jeder, man redet und diskutiert über Ideen und Probleme, man spricht sich gegenseitig Mut zu, wenn es darum geht, den politischen Spielraum zur Verbesserung der Le­benslage zu vergrößern.“ (Deelen 1981,S.63)

In der Tat war manche Ju­gendgruppe der brasilia­nischen Landjugendpastoral Ende der 70er-Jahre die Keimzelle, aus der nicht nur Basisgemein­den, sondern auch Neue Soziale Bewegungen, Ge­werkschaften und die da­mit verbundene Arbeiter­partei wurde. Die Amts­kirche, in Zeiten der Dik­tatur gerne – und Gott sei Dank! – Hüterin der Menschenrechte, erkann­te die oppositionelle Wichtigkeit der „Sozialform Basisgemeinde“ und unterstützte sie. „Besonders in Lateinamerika kam es zu einer bewundernswerten Konvergenz: Die Basis fordert die Anwesenheit von Hierarchie und Ordensleuten in ihren kirchli­chen Gemeinden und nimmt sie mit großer Freundschaft und religiöser Hochschät­zung auf, während Hierarchie und Ordensleute ihrerseits akzeptieren, unterstützen und dazu ermutigen, daß solche Basisgemeinden entstehen und sich ausbreiten.“ (Boff 1987, S. 157)

Ähnlich im Ungarn der 50er und 60er Jahre: Mit Wissen und vermutlich Unter­stützung der vatikanischen Geheimdiplomatie entstanden „Busch“-Gruppen (un­garisch: bokor), die als Keimzellen von ca. sechs oder acht Personen den christ­lichen Glauben während des Kommunismus bewahren sollten. Untereinander wie die Zweige eines Busches vernetzt, waren sie für Außenstehende nur schwer greifbar. Diese Untergrund-Struktur überdauerte bis heute in der „Bokor-Bewegung“ und macht es ihr heute schwer, in einer pluralistischen Gesellschaft zu bestehen.

Ob in Lateinamerika oder in Ungarn – man könnte auch die Philippinen (vgl. Ingenlath, Hermann Josef, Bausteine für eine Theologie der Basisgemeinden - Theologische Akzente christlicher Basisgemeinschaften auf den Philippinen, Frankfurt am Main 1996) hier nennen: Die „Sozialform Basisgemeinde“ entstand im Dienst einer gesellschaft­lichen Oppositionsbewegung und wurde von den offiziellen Kirchen offen oder hinter vorgehaltener Hand unterstützt, hatte im Unterschied zu Pfarrgemeinden im herkömmlichen Sinn auch gewisse Freiheiten gegenüber der Hierarchie. Kon­flikte mit der Kirchenhierarchie entstanden jeweils nach Überwindung der Dik­tatur in allen drei Ländern, als wären sie aus Sicht der Kirchen jetzt nicht mehr notwendig und sollten wieder in das Pfarreiprinzip (und Staatsprinzip!) einge­gliedert werden.


Menschenketten und Karawanen

Gibt es Celular-Gemeinden, als „erstrangiger Faktor der menschlichen und gesell­schaftlichen Entwicklung“ (s. o.) in unserem mitteleuropäischen Kontext? Wo sind die Orte religiös inspirierter gesellschaftlicher Gestaltung und politischer Opposition? „Die größte Unterschriftensammlung der Welt“ zu sein war das Ziel der Erlassjahr-Kampagne 2000, zu deren Höhepunkt im Sommer 1999 in Köln eine den Weltwirt­schaftsgipfel umspannende Menschenkette gebildet wurde. Für viele – vor allem kirch­liche – Eine Welt-Gruppen war es tatsächlich ein Höhepunkt, der in einem Medienevent gipfelte.

Dieses Ereignis passt wohl noch am ehesten zu dem oben beschriebenen Plakat zur Einladung nach Ilhéus. Besonders aus den Reihen des Instituts für Theologie und Politik (ITP) in Münster erfuhr die Erlassjahr-Kam­pagne jedoch heftige Kritik: „Solche Politik unterwirft sich einer Selbstbeschränkung, die sich mehr oder weniger an die Grenzen des bürgerlich/politisch Legi­timierten hält: der Stimmabgabe. Es werden Politik­formen bevorzugt, die keine Phantasie und Kreativität freisetzen, sondern die die Grenzen und Sachzwänge der Welt akzeptieren und damit verfestigen“, heißt es in einem Thesenpapier zum Treffen des Beirates des ITP im Oktober 1999. „Eine-Welt-Politik steckt nach unseren Erfahrungen in einer Krise, die sich in stagnie­renden Gruppenmitgliedschaften und strategischer Perspektivlosigkeit ausdrückt.“ (ebd.)

Wieder einmal ein Grund nach Lateinamerika zu schauen, wo Karawanen sehr wohl zu den erfolgreichen Mitteln politischer Bewußtseinsbildung und Einflussnahme gehören?  (Karawanen sind in Brasilien ein übliches Mitttel der sozialen Bewegungen, breite Öffentlichkeiten zu erreichen. Im Jahr 2000 gibt es z. B. eine Karawane der Indigenen, um auf 500 Jahre Unterdrückung und Vernichtung ihrer Völker hinzu­weisen.)


Der kleine Unterschied

Bald dreißig Jahre lang gehörte es zum guten Ton linkskirchlicher Gruppen, nach Lateinamerika zu schauen und sich von dort Anregungen zu holen. Auch in der Ka­pelle des Oscar Romero-Hauses in Bonn hängt ein buntbemaltes Kreuz aus Guate­mala, das an einen Besuch von dort erinnert und ungewohnte Farbe in den Raum bringt. Doch beinahe alle neueren theologischen Veröffentlichungen sehen diesen „Import“ sehr kritisch. „Paulo Suess hat die Auseinandersetzung um die Befreiungs­theologie, die direkt oder indirekt auch die Praxis der Basisgemeinden zum Ziel hatte, mit dem in der Nachkonzilszeit häufig bemühten Vergleich aus den synoptischen Evangelien zu charakterisieren versucht: Die 'alten Schläuche' aus Europa, so wird scharfzüngig bemerkt, hätten den jungen Wein aus Lateinamerika durch ein bisschen Chemie, ein bisschen Zucker oder Frostschutzmittel auf ihren Geschmack abgestimmt. 'Diese An- und Einpassung', so fährt Suess mit einem anderen Vergleich fort, 'ist wie das Spiel der Puppe in der Puppe, Man entdeckt den anderen immer wieder in sich selbst, nur ein paar Nummern kleiner. Man walkt den neuen Flicken der Befreiungs­theologie ein bißchen durch, dann kann sie sogar noch das alte Kleid westeuropäi­scher Überheblichkeit zusammenhalten.' “ (Weber 1995, S. 30)  (Franz Weber zitiert hier Paulo Suess 1988, S. 47)

Doch die „Basisgemeinde aus dem befreiungstheologischen Lehrbuch existiert über­haupt nicht.“ (Mautner 1991, S. 200) Aus zwölfjähriger Erfahrung als Begleiter und Trainer in interkulturellen Austauschprogrammen zwischen VertreterInnen sozialer Bewegungen in mitteleuropäischen Ländern und Basisbewegungen in Brasilien (vgl. Müller, Andreas, 1997, S. 160-161 „Gemeinsames Entwicklungspolitisches Seminar“) kann ich bestätigen, dass die europäischen TeilnehmerInnen selten in Brasilien und den brasilianischen TeilnehmerInnen das fanden, was sie erwarteten: Alltäglichkeit ist eben auch in Lateinamerika Alltäglichkeit, und vielfach gibt es überhaupt keine funktionierenden Gemeinde- und Gruppenstrukturen; guter Nährboden für die überall aufkei­menden Pfingstkirchen und Evangelikalen. Der Aufbau von Gruppen und Basis­gemeinden als „primäre soziologische Gruppe“ (s. o.) ist eben auch in Lateinamerika mühsam und braucht gut ausgebildete Pastoralteams.

Sicherlich – die Martyrerkirche gibt es in Lateinamerika, und das bringt europäische BesucherInnen oft in eine sprachlose Ehrfurcht vor den dortigen Gemeinden. Her­mann Steinkamp beschreibt seine wichtigste Erfahrung in Brasilien: Sie „war ganz und gar ungeplant, ereignete sich gleichsam jenseits meines Forschungsprogramms. Kurz vor meiner ersten Reise, im Mai 1986, wurde der junge brasilianische Priester Josimo Tavares ermordet, weil er sich im Zusammenhang der brutalen Landkämpfe auf die Seite der armen Landarbeiter geschlagen und für ihre Rechte ge­kämpft hatte. Sein Bild, auf dem ebenso einfachen wie eindrucksvollen Pla­kat, mit einem Gedicht von Pedro Tierra, begeg­nete mir damals auf Schritt und Tritt, in Häusern und Zentren der Kirche, und löste nach und nach, je mehr ich den Text des Ge­dichts verstand, eine Er­schütterung bei mir aus, wie ich sie bis dahin nie erlebt hatte, wie ein explosives Weinen, dessen Bedeutung erst später erkennbar wird. Eine Kirche, die wöchentlich neue Märtyrer bekommt: Das konfrontierte mich mit all den Paradoxien meiner Existenz als europäischer Volkskirchenchrist und beamteter Theologe …“ (Steinkamp 1994, S.17)

Ähnliche Erfahrungen kenne ich selbst auch aus Rumänien, etwa in der Begegnung mit VertreterInnen der griechisch-katholischen Kirche (in Rumänien wurden während der Diktatur Ceausescus die Mitglieder der griechisch-katholischen Kirche gezwungen, sich der orthodoxen (Staats-)Kirche anzuschliessen. Viele Priester, die sich weigerten, gingen in den Kerker) oder den Franziskanern. So wie es keinen Sinn macht, die „Sozialform Basisgemeinde“ aus dem Kontext von Diktaturen in pluralistische (Wohlstands-) Gesellschaften zu übertragen, so wenig können Martyrerkirchen als Bezugspunkte unserer Gemeindeträume herhalten. An­statt „in unserem gesellschaftlichen und kirchlichen Kontext Basisgemeinden zu ko­pieren“, geht es darum, „daraufhinzuarbeiten, daß wir hiesige Christen und Gemein­den uns in der Regel als sekundär und komplementär Betroffene (von der Not und der Armut primär Betroffener hier und in der sog. 'Dritten Welt') begreifen lernen und so unsere christliche Praxis zu gestalten beginnen.“ (Steinkamp 1995, S. 17)


Was bleibt?

Dennoch bin ich dankbar für meine über zehnjährige Zugehörigkeit zu deutschen „Basisgemeinden“, erst der Basisgemeinde Frankfurt am Main und dann der Gemeinde im Oscar Romero-Haus in Bonn. Beide sind Basisgemeinden sicherlich nicht im Sin­ne einer popular-Gemeinde, wo „Basis“ das „Volk“ ist, im Gegensatz zum Bürger­tum (vgl. Deelen 1981, S. 67-68). Eher schon sind sie elementar-Gemeinden, wo mein konkretes Leben – und das der anderen – vorkommt und wo wir die Bibel gemeinsam in die Hand nehmen. Und da gibt es durchaus Parallelen zu brasilianischen Basisgemeinden: „Das Leben ist das erste Buch, das Gott schrieb, die Bibel das zweite. Die Bibel hilft uns, das erste Buch zu erschließen.“ Unter diesem Motto entwickelte der Karmelit Carlos Mesters Bibelkurse, die ausgehend vom Ökumenischen Bibelarbeitszentrum (Centro Ecumênico de Estudos Bíblicos, CEBI) in Brasilien zwischen 1978 und 1982 viele MultiplikatorInnen erreichten, die später ihrerseits viele regionale Teams für Bibelar­beit aufbauten. (vgl. Pohlmann, 1990, S. 69 und 10° Encontro Intereclesial Ilheus - BA, 1999: S. 123. Seit 1991 bietet Carlos Mesters auch im deutschsprachigen Raum solche Bibelkurse an. Bisher sehr im brasilianischen Kontext bleibend, beginnt er 2000 zusammen mit den Liedermachern Klaus-Jürgen und Mea Kauß eine musikalische Inkulturation dieser Methode nach Europa.)

„Von der Lektüre des Textes, den das Leben darstellt, zur Lektüre des biblischen Textes zu gelangen“ (Pohlmann, 1990, S. 69): Das erlebe ich persönlich auch im „Ar­beitskreis Biblischer Tanz“ der Bonner Trinitatis-Gemeinde, wo sich seit über zehn Jahren eine Gruppe von sechzehn oder achtzehn Personen wöchentlich trifft, um Bibeltexte in szenischen Tanz umzusetzen. Eine elementar-Gemeinde im vollen Sin­ne des Wortes! Vielleicht hat sie sogar mehr Lebendigkeit und Zugang zum Buch des Lebens als manche Gemeinde, deren Treffen allzu sehr auf die Feier von Gottesdien­sten fixiert ist. Eigenartigerweise sind sogenannte Basisgemeinden hierzulande sehr auf die Feier einer (alternativen?) Liturgie fixiert, was einer wirklichen Arbeit „vom Leben zur Bibel – von der Bibel zum Leben“ möglicherweise entgegen steht.


„Christlich“ oder „kirchlich“?

„Als in den 60er Jahren die kleinen christlichen Gemeinschaften in Lateinamerika auf­tauchten, wurden sie 'Communidades Cristianas de Base' genannt. Unabhängig davon bürgerte sich (...) auf den Philippinen der Begriff 'Basic Christian Community' ein. Auf der Lateinamerikanischen Bischofsversammlung 1979 in Puebla betonte der im Jahr zuvor gewählte Papst Johannes Paul II. die Präferenz der Kirche für die Armen. Daraufhin wurde schon in Puebla die kirchliche Natur der Basisgemeinden bestärkt und die allge­meine Nomenklatur geändert zu 'Communiadades Ecclesiales de Base' oder 'Base-level Ecclesial Communities'.“ (Ingenlath 1996, S. 17)


Wie kirchlich sind sie nun, die Basisgemeinden?

In Lateinamerika, wo Basisgemeinden weitaus am häufigsten anzutreffen sind – über 150.000 allein in Brasilien – gibt es eine „Entscheidung von Teilen der Kirchenleitung (Bischöfe und Kardinale wie Dom Helder Câmara, Fragoso, Arns, Lorscheider), sich an der Seite der Armen an deren Kampf gegen Armut, Ungerechtigkeit und Unter­drückung zu beteiligen.“ (Steinkamp 1994, S. 240) Beim VII. Interkirchlichen Tref­fen der Basisgemeinden 1989 in Duque de Caxias, Brasilien, konnte ich selbst unter den 2.550 Teilnehmenden erleben: 85 katholische Bischöfe, fünf evangelische Bi­schöfe sowie 43 Pastorinnen und Pastoren. Ein eindrückliches Beispiel einer Option auch innerhalb der Hierarchie.

In Mitteleuropa dagegen drückt der Begriff Basisgemeinde auch immer Opposition aus. Opposition zur Hierarchie, zur „Logik der Macht“ (Boff 1987, S. 155) durch den Klerus und zu den Unterwerfungsriten, die von der Kirche gefordert werden. „Hierbei spielt gerade auch in Kreisen von Intellektuellen, aber auch bis weit in die Mittelschicht hinein der Einfluss des Zweiten Vatikanums eine wichtige Rolle: Die neue theologische Sicht der Laien und deren verändertes Selbstbewußtsein führten dazu, dass diese – besonders augenfällig in Franreich, Belgien und den Niederlanden – eine neue, hierarchieunabhängige Laienbewegung gründeten (...). Schließlich muß vor allem im Blick auf die Bundesrepublik, wo der Prozess der Basisgemeinde-Bewegung merkwürdig retardiert einsetzte, der Faktor des Einflusses der lateinamerikanischen Basisgemeindebewegung genannt werden: Eine klassische Form eines spirituellen `Imports´, der über bestimmte Kanäle erfolgte: politische und Befreiungstheologen, Reisen und Kontakte progressiver Priester(-gruppen), Gemeinde-Partnerschaften.“ (Steinkamp 1994, S. 240)

Basisgemeinden in der Bundesrepublik leben weitgehend unbehelligt von der Hierar­chie, solange sie keine finanziellen Mittel aus der Kirchensteuer beanspruchen und nicht offensiv öffentlich auftreten. An manchen Orten stehen Getaufte – auch Frauen – der Eucharistie vor, gibt es ohne Frage die Tischgemeinschaft zwischen den Konfessionen und wird die Bibel geteilt. Wenn Priester sich in solche Gemeinden einrei­hen, ohne automatisch den Vorsitz zu übernehmen, entstehen Situationen wie in Duque de Caxias, wo es in den Kleingruppen über Stunden nicht ersichtlich war, daß einer der vierzehn Teilnehmenden Bischof war. Und ich gehe davon aus, dass es nicht bloß eine Strategie des „Apostolates des Eintauchens“ (Ingenlath 1996, S. 220) ist, die den Bischof bewegte, so unscheinbar zuzuhören. (Hermann Josef Ingenlath ist persönlicher Referent des Erzbischofs von Berlin, Georg Kardinal Sterzinsky, und sieht Basisgemeinden als Mittel des „Apostolates des Eintauchens“, der Annäherung des Klerus an das Volk.) Ich gehe davon aus, dass auch der Bischof zusammen mit allen anderen das Buch des Lebens aufschlug, das Buch, das Gott als erstes schrieb.

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Literatur
 
10° Encontro Intereclesial Ilhéus - BA- 11 a 15 de julho de 2000, CEBs: Povo de Deus, 2000 anos de caminhada - Texto-base, Paulo Afonso 1999

Boff, Clodovis, CEBs: Igreja de comunhão e participação, in: 10° Encontro Intereclesial Ilhéus -BA-11 a 15 de julho de 2000, CEBs: Povo de Deus, 2000 anos de caminhada - Texto-base, Paulo Afonso 1999, S. 103-115

Boff, Leonardo, Basisgemeinden - Neue Kirche für neue Gesellschaft, in: Orientierung 47 (1983) H. 17, S. 184-187, zit. nach: Steinkainp, Hermann, Solidarität und Parteilichkeit: für eine neue Praxis in Kirche und Gemeinde, Mainz 1994

Boff, Leonardo, Zärtlichkeit und Kraft: Franz von Assisi, mit den Augen der Armen gesehen, 4. Aufl. Düsseldorf 1987

Deelen, Godfried, Basisgemeinden: ein Pastoralmodell der brasilianischen Kirche, in: Bertsch, Lud­wig, Schlösser, Felix (Hg.), Evangelisation in der Dritten Welt - Anstöße für Europa, Freiburg 1981

Dirks, Walter (Hg.), Gefahr ist. Wächst das Rettende auch? Befreiende Theologie für Europa, Salzburg 1991

Fornet-Betancourt, Raúl (Hg.), Befreiungstheologie: kritischer Rückblick und Perspektiven für die Zukunft, Mainz 1997

Ingenlath, Hermann Josef, Bausteine für eine Theologie der Basisgemeinden - Theologische Akzente christlicher Basisgemeinschaften auf den Philippinen, Frankfurt am Main 1996

Mautner, Josef P., Von den „Wilden" bekehrt? Schritte zu einer Österreichischen Theologie der Be­freiung, in: Dirks, Walter (Hg.), Gefahr ist. Wächst das Rettende auch? Befreiende Theologie für Europa, Salzburg 1991, S. 197-209

Montagnioli Mauro, Apresentação, in: 10° Encontro Intereclesial Ilhéus - BA-11 a 15 de julho de 2000, CEBs: Povo de Deus, 2000 anos de caminhada - Texto-base, Paulo Afonso 1999, S. 5-6

Müller, Andreas, Beitrag der Missionszentrale der Franziskaner (MZF) zur Rezeption der Befreiungstheologie in Deutschland, in: Fornet-Betancourt, Raúl (Hg.), Befreiungstheologie: Kritischer Rückblick und Perspektiven für die Zukunft, Mainz 1997, S. 145-63

Pohlmann, Constantin, Vom Geist bewegt. Franziskanische Impulse zur Erneuerung der Kirche, München 1990

Ramminger, Michael, Kirchenkritische Bewegungen in der BRD und Theologie der Befreiung, in: Fornet-Betancourt, Raúl (Hg.), Befreiungstheologie: kritischer Rückblick und Perspektiven für die Zukunft; Mainz 1997, S. 113-129

Schillebeeckx, Edward (Hg.), Mystik und Politik. Theologie im Ringen um Geschichte und Gesell­schaft. Johann Baptist Metz zu Ehren, Mainz 1988

Steinkamp, Hermann, Solidarität und Parteilichkeit: für eine neue Praxis in Kirche und Gemeinde, Mainz 1994

Suess, Paulo, Junger Wein und alte Schläuche, Zum Theologietransfer aus und nach Lateinamerika, in: Schillebeeckx, Edward (Hg.), Mystik und Politik. Theologie im Ringen um Geschichte und Ge­sellschaft. Johann Baptist Metz zu Ehren, Mainz 1988, S. 44-56

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aus: Kirche lebt von unten. Erfahrungen aus 20 Jahren, hrsg. von Martin Seidler und Michael Steiner, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2000.