Sonntag, 16. Juni 2019

Öffentliche Erklärung der VkPF aus Anlass ihres 35jährigen Bestehens

(Jahreshauptversammlung in Wiesbaden Naurod vom 22.-24-03.2019)


Die Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen (VkPF) hat es sich seit 35 Jahren zum Ziel gesetzt dafür zu kämpfen, die im Kirchenrecht verankerte gesetzliche Verpflichtung der unverheirateten Diakone, der Priester und der Bischöfe zur zölibatären Lebensform abzuschaffen. Dies tun wir, weil wir aus unserer eigenen Erfahrung und durch den Dialog mit vielen Betroffenen welcher geschlechtlichen Orientierung auch immer, gelernt haben, dass gelebte Sexualität für weitaus den größten Teil dieser Menschen, von existentieller Bedeutung ist. Sex und Lust stehen dem priesterlichen Dienst nicht entgegen, ganz im Gegenteil, sie sind Teil einer erfüllten, dienenden und kreativen Spiritualität, weil sie dazu beitragen, die Liebesfähigkeit des Menschen zu entwickeln.

Die seit 2018 vorliegende Missbrauchsstudie hat in einem Punkt ein glasklares Ergebnis: Missbrauch ist im Wesentlichen das Resultat von unreifer Sexualität und hierarchisch-klerikalen Machtstrukturen.
Die Problematik der unreifen Sexualität bei Priesteramtskandidaten und Priestern im Dienst stellt deutlich heraus, dass der Zölibat ein Kulminationspunkt der sexualfeindlichen Grundhaltung der katholischen Kirche und einer realitätsfernen und damit, im Sinne der Tradition, völlig unklugen Sexualmoral ist. Wenn Klugheit sachbezogene Wahrnehmung und Beurteilung ist, so geht die Sexualmoral der Kirche an beidem völlig vorbei. Stattdessen sind Mechanismen der Unterdrückung und Verdrängung am Werk, deren Ergebnis in seiner Spitze der monströse sexuelle Missbrauch Minderjähriger und Abhängiger ist. Mit sachbezogener Wahrnehmung und daraus folgender Beurteilung meinen wir das Ernstnehmen der Ergebnisse der Sexualwissenschaften, der Psychologie und der Soziologie zur Realität menschlicher Sexualität. Wann hat die kirchliche Lehre die Grundlagen menschlicher Sexualität, jemals ernsthaft wahrgenommen? Die geradezu fundamentalistische Beharrung des „Lehramtes“ auf Positionen einer Tradition, die der modernen Wissenschaft abhold ist, ist inzwischen nur noch skurril.

Ältere Mitglieder unserer Vereinigung haben es noch erlebt, wie sie im katholischen Milieu diskriminiert und beschimpft wurden, weil sie ihre Liebe nicht mehr geheim halten wollten und den Weg in ein offizielles gemeinschaftliches Leben als Paar und Familie gegangen sind. Wir wurden in diffamierender Weise als die „Abgefallenen“ bezeichnet, während in tausenden von Fällen, Missbrauch und heimliche Beziehungen heterosexueller und homosexueller Priester und Bischöfe von der kirchlichen Hierarchie gedeckt wurden. Als „Ausgestoßene“ hat man viele von uns vor das existentielle Aus gestellt und einen nicht wieder gut zu machenden moralischen, psychologischen und existentiellen Schaden angerichtet. Noch heute werden in verschiedenen deutschen Diözesen, insbesondere in Bayern, ausscheidende Priester in das völlige berufliche Aus gestellt. Welch eine menschenverachtende Haltung kommt hier zum Vorschein? Was glauben sich katholische Hierarchen erlauben zu können im Angesicht Jesu Christi und des Evangeliums?

In ihrer diesjährigen Hauptversammlung hat die VkPF sich intensiv mit dem religiösen, strukturell bedingten Machtmissbrauch in der katholischen Kirche beschäftigt. Es ist festzustellen, dass die menschenverachtende Bestrafung ausscheidender Priester einhergeht mit einer Hierarchie, die keine andere Bezeichnung verdient, als die einer den Menschen erdrückenden autoritären Gehorsamsstruktur. Anstatt Menschen zu einem glücklichen Dasein in Fülle zu befähigen, wird spirituelle Macht immer noch dazu benutzt, um über Menschen zu herrschen oder sie sogar spirituell zu missbrauchen. Dies haben auch die jüngst aufgedeckten Fälle in Organisationen wie das „Werk“ und der „Johannesgemeinschaft“ klar gezeigt. Hierbei hatten diese geistlichen Gemeinschaften die offizielle Deckung der römischen Hierarchie. Niemand wird bis heute dafür wirklich zur Rechenschaft gezogen. Die Trutzburg des Vatikans und sein Handeln ist in jeder Form intransparent. Kirchliche Macht als autoritäre Gehorsamsstruktur, die den Menschen unterdrückt anstatt ihn zu sich selbst zu ermächtigen, hat sich von Oben nach Unten in alle Bereiche des kirchlichen Lebens ausgebreitet. Sie besetzt die Seele und das Herz der Menschen, die der katholischen Kirche gläubig verbunden sind. Nur eine wirkliche Umkehr und Hinwendung zu Strukturen, die den Glaubenssinn des Volkes Gottes ernstnehmen, kann hier eine Erneuerung herbeiführen. Das wäre auch ein Schritt in Richtung auf eine authentische und wirkungsvolle Evangelisierung.

Papst Franziskus hat die Bischöfe aufgefordert, mehr von der Ihnen durch das 2. Vatikanische Konzil verliehenen Autorität Gebrauch zu machen.

Darum appellieren wir an die deutschen Bischöfe

  • Im Sinne unseres Anliegens, die Aussetzung der Zölibatsvorschrift für ihre Diözesen in Rom zu beantragen
  • in einem Akt des Machtverzichts synodale Strukturen einzurichten, die wirklich entscheidungsfähig sind und deren Entscheidungen durch die Ortsbischöfe respektiert werden.



Im Namen des Vorstands
 
Dr. Hans-Jörg Witter
Vorsitzender der Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen