Samstag, 20. Juli 2019

Pressemitteilung HuK, 13. Juni 2019

Vatikan ruft zu Menschenrechtsverletzungen an intersexuellen Kindern auf

Die Bildungskongregation des Vatikans hat das Dokument „Männlich und weiblich schuf er sie“ veröffentlicht. Sie vertritt damit den Anspruch, einen „Dialog mit der Gendertheorie“ zu führen, kommt aber über einen hilflosen Monolog mit sich selbst nicht hinaus. Gefährlich wird diese Borniertheit an der Spitze aller katholischen Bildungseinrichtungen vor allem für trans- und intergeschlechtliche Menschen.
 
Der Vatikan hat erkannt, dass sich in immer mehr Ländern eine Pädagogik durchsetzt, die die Akzeptanz von Lesben und Schwulen, Bisexuellen, Trans*-Menschen und intergeschlechtlichen Personen zum Ziel hat. Durch diese „Pädagogik der Vielfalt“ sieht die bürokratische Spitze der katholischen Kirche ihre eigene heteronormative Metaphysik der Familie gefährdet und greift daher zur Waffe des „Dialogs“.

Das Dokument behauptet, einen Dialog mit der Gendertheorie führen zu wollen, ist jedoch lediglich ein Selbstgespräch des Vatikans. Kein_e einzige_r Vertreter_in der verschiedenen Spielarten von Gendertheorien wird zitiert oder benannt; auf kein einziges Gespräch mit Frauen oder LSBTIQ-Personen wird verwiesen; keine medizinischen, psychologischen oder sozialwissenschaftlichen Studien werden genannt. Die Verweise auf andere Veröffentlichungen haben eine Quote von 100% auf eigene Vatikan-Papiere. Angesichts dessen muss man die Behauptung, dass „Zuhören“ ein Teil der Methode sei, schlicht als Falschaussage zurückweisen.

Hätten die Kurialen z.B. mit transidenten Gläubigen gesprochen, dann hätten sie unweigerlich merken müssen, dass ihre Kritik an der Geschlechtsidentität als „Wahl“ oder einer beliebigen Willensentscheidung an der psychischen Situation von Trans-Personen völlig vorbeigeht. Die anthropologische Vorstellung der Kongregation als Einheit von Körper und Seele mutiert deswegen zu einer zweigeschlechtlichen Zwangsordnung, die das körperliche Geschlecht dem Geschlechtsempfinden überordnet.

Was der mehrfach verwendete Begriff „Sexualitätsidentität“ bedeuten soll, vermag sich durch den Text nicht zu erschließen und signalisiert lediglich die Inkompetenz im Umgang mit den fachlichen Begriffen der Gendertheorie(n).

 

Der absolute Tiefpunkt ist jedoch der Aufruf zur Verletzung der Menschenrechte von intersexuellen Menschen unter der Überschrift „Rationale Argumente“. Nr. 24 lautet:


„Bei Fällen, in denen das körperliche Geschlecht einer Person nicht klar bestimmt ist, sind es professionelle Mediziner, die einen therapeutischen Eingriff vornehmen können. In solchen Situationen können Eltern keine zufällige Wahl in der Sache treffen, geschweige denn die Gesellschaft. Stattdessen sollte die medizinische Wissenschaft mit rein therapeutischen Zielen handeln und auf die am wenigsten invasive Weise, auf der Basis von objektiven Parametern und mit dem Blick darauf, die konstitutive Identität der Person herzustellen.“
Dazu stellt der katholische Theologe Dr. Michael Brinkschröder fest:
 
„Intersexuelle Menschen kämpfen weltweit gegen die Zuweisung eines körperlichen Geschlechts durch Ärzte und brandmarken sie als Körperverletzung und Genitalverstümmelung; Menschenrechtsorganisationen kritisieren solche medizinisch überflüssigen Genitaloperationen als Verstoß gegen das Recht auf körperliche Unversehrtheit ? der Vatikan dagegen zieht das Selbstbestimmungsrecht von intersexuellen Menschen noch nicht einmal in Betracht und fordert unmissverständlich zu diesen Menschenrechtsverletzungen auf. Diese Ignoranz ist eine Schande für die ganze katholische Kirche. Der Präfekt der Bildungskongregation muss zurücktreten!“

HuK-Sprecher Thomas Pöschl sagt dazu:
„An dieser Stelle offenbart sich die ganze Widersprüchlichkeit des vatikanischen Denkens. Obwohl es intergeschlechtliche Menschen von Natur aus gibt und Wissenschaftler_innen dies feststellen, verlangt die Kirche bei ihnen, dass sie auf Gedeih und Verderb in die Schubladen der zwei Geschlechter gepresst werden. Was ist das für eine Schöpfungstheologie, wo doch schon Jesus wusste, dass es 'Eunuchen vom Mutterleib an' gab (Matthäus 19,12) und somit mehr als bloß männlich und weiblich?“

Nach Papst Franziskus ist es ein Merkmal von Gender„ideologien“, dass sie „sich selbst als absolut und unhinterfragbar behaupten und dadurch Dialog ausschließen.“ Nach diesem Kriterium handelt es sich bei dem vorgelegten Dokument selbst um einen lupenreinen Fall einer solchen Ideologie.

Die Vielfalt der Schöpfung Gottes will die Bildungskongregation zu einer Zwangsordnung der Zweigeschlechtlichkeit umgestalten ? nach ihrem eigenen Bilde. Damit stellt sie Gott ins Abseits und beschädigt die Autorität des katholischen Lehramts ein weiteres Mal. Erst wenn das Lehramt zu einem echten Dialog mit Frauen und LSBTI-Personen bereit ist, kann es diese Abwärtsentwicklung wenden.

Das Dokument liegt zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser PM nur auf Englisch vor. Die Übersetzungen stammen von Michael Brinkschröder.

Wer ist die HuK?

Die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e.V. arbeitet seit 1977 daran, dass Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans*-Menschen als gläubige Christinnen und Christen volle Anerkennung und Gleichberechtigung in ihren jeweiligen Kirchen erhalten. Dazu gehört es, dass die Kirchen Sexualität als gute Gabe Gottes begreifen und die Vielfalt der Lebensformen der Schöpfung wertschätzen lernen. Rechtliche und faktische Diskriminierung innerhalb der Kirchen muss ebenso beendet werden wie die kirchliche Unterstützung für Diskriminierung in anderen Bereichen der Gesellschaft.

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Für Rückfragen stehen zur Verfügung:
Thomas Pöschl, Vorstandsmitglied HuK e.V.,
thomas.poeschl@huk.org Mobiltel +49 163 7753581

Dr. Michael Brinkschröder, Katholischer Arbeitskreis HuK e.V.
michael.brinkschroeder@huk.org Tel +49 89 65102063, Mobiltel +49 157 78814399

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