Mittwoch, 21. April 2021

Freckenhorster Kreis

Erklärung des Freckenhorster Kreises zur Verteilung des Corona-Impfstoffes weltweit

Seit gut einem Jahr verändert die Corona-Pandemie unser Leben in einem Ausmaß, wie die meisten von uns es sich nie hätten vorstellen können. Das gilt für uns im wohlhabenden Deutschland und erst recht in den armen Ländern des Südens. Weltweit sind über 2 Millionen Menschen an Covid-19 gestorben, Millionen Menschen droht der Hungertod, weil sie aufgrund unterbrochener Lieferketten und Lockdowns ihre Familien nicht mehr ernähren können. Menschen auf der Flucht, in Kriegsgebieten und Lagern oder in indigenen Gebieten wie am Amazonas haben kaum Zugang zu Gesundheitsmaßnahmen und können die Maßnahmen zum Schutz vor einer Infektion nicht einhalten.
 
Inzwischen sind die Corona-Schutzimpfungen angelaufen. Es ist bewundernswert, wie schnell es der Wissenschaft gelungen ist, ein wirksames Gegenmittel gegen Covid-19 auf den Markt zu bringen. Leider beobachten Hilfsorganisationen wie Brot für die Welt, Misereor, medico international, ONE, amnesty international, Oxfam u.a. seitdem eine „Mein Land zuerst“-Strategie der Industrieländer bei der Verteilung der Corona-Impfstoffe. Dass „alle Menschen vor dem Virus gleich“ sind, erweist sich auch hier als Fehleinschätzung. Von der viel beschworenen Solidarität kann keine Rede sein:
 
In Exklusivverträgen sichern sich die reichen Länder Millionen Impfstoffdosen, mit denen sie ihre gesamte Bevölkerung bis Ende 2021 fast dreimal impfen können. Dagegen werden fast 70 ärmere Länder in diesem Jahr nur 10 Prozent ihrer Bevölkerung gegen Covid-19 impfen können. Ein Zusammenschluss mehrerer Organisationen warnt, dass 9 von 10 Menschen in ärmeren Ländern in 2021 keinen Zugang zu Covid-19 Impfstoffen haben werden, wenn Regierungen und Pharmaunternehmen nicht schnell Gegenmaßnahmen ergreifen. Mehrere reiche Nationen haben sich bis zu 53 Prozent der wirksamsten Impfstoffdosen gesichert, wobei sie nur etwa 14 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen.
 
Der FRECKENHORSTER KREIS, eine Reformgruppe in der katholischen Kirche, hält eine gerechtere Verteilung der Impfstoffe zu allererst für ein Gebot der Menschenrechte und Menschenwürde. Wir sollten allerdings auch bedenken, dass wir in Deutschland und Europa ebenfalls den Kampf gegen die Pandemie nur gewinnen können, wenn weltweit geimpft wird und dadurch neu entstehende Mutationen eingedämmt werden.


Darum fordern wir:

  1. Covid-19 Arzneimittel müssen als globales Öffentlichkeitsgut allen Menschen zur Verfügung stehen.
  2. Für die Zeit der Pandemie ist der Patentschutz auszusetzen, damit alles Wissen um Behandlung und die Impfstoffe solidarisch über den „Covid-19 Technology Access Pool“ der WHO geteilt werden können.
  3. Impfkontingente, die in reichen Ländern über den eigenen Bedarf bereits käuflich vereinbart sind, sollen der WHO (Weltgesundheitsorganisation) für weltweite Impfungen zur Verfügung gestellt werden.
  4. Bei der Vergabe von Impfstoffen sind vor allem die kleineren und die armen Staaten zu berücksichtigen.
  5. Mittelfristig gilt es, eine eigene pharmazeutische Forschung, Entwicklung und Produktion in den Armutsregionen der Welt aufzubauen.
  6. „...die Covid-19 Pandemie hat für eine gewisse Zeit wirklich das Bewusstsein geweckt, eine weltweite Gemeinschaft in einem Boot zu sein, wo das Übel eines Insassen allen zum Schaden gereicht. Wir haben uns daran erinnert, dass keiner sich allein retten kann…“ (Papst Franziskus, Enzyklika Fratelli tutti)


Dieses Wort muss viel mehr schöpferische Wirklichkeit und ärgerliches Gedächtnis der Kirchen und Christen hierzulande werden.

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Recklinghausen, 10. Februar 2021
Astrid Brückner, Ludger Ernsting, Ludger Funke
(Sprechergruppe des Freckenhorster Kreises)