Sonntag, 24. Oktober 2021

„Großer Zapfenstreich“ am 13.10.2021:

Theolog:innen fordern Kirchenleitung auf, sich nicht am militärischen Ritual zu beteiligen


Für den 13. Oktober plant die Bundesregierung anlässlich der Beendigung des Bundeswehr-Einsatzes in Afghanistan einen „Großen Zapfenstreich“ vor dem Berliner Reichstagsgebäude. Aus diesem Anlass haben sich neun evangelische Theolog:innen*) Ende September an die Präses der EKD-Synode sowie an den Ratsvorsitzenden der EKD gewandt und dringend darum gebeten, darauf hinzuwirken, dass keine Repräsentant:innen der evangelischen Kirche an diesem Ritual teilnehmen.

Dieses höchstrangige staatliche Ritual militärischer Ehrung sei das denkbar ungeeignetste Mittel, den zurückgekehrten Soldat*innen und ihren afghanischen Mitarbeiter*innen in ihrer komplexen Gefühlslage von Scheitern, Trauer und Trauma Respekt zu erweisen und könne in dieser Situation öffentlich nicht anders verstanden werden als Zynismus gegenüber den Opfern einer gescheiterten Politik. Zudem tradiere dieses Ritual eine im preußischen Königtum geschaffene Glorifizierung und gesellschaftliche Sonderstellung des Militärs und sei deshalb mit einer nicht-militaristischen Demokratie unvereinbar.

Die Unterzeichner:innen des Briefes verweisen darauf, dass die Zeremonie auf der religiösen Überhöhung und Weihe militärischer Bereitschaft und militärischer Einsätze aufbaue: „Der zentrale Einsatz des der christlichen Mystik zuzurechnenden Liedes ‚Ich bete an die Macht der Liebe‘ … ist eine blasphemische Funktionalisierung der gewaltlosen Liebesbotschaft Jesu für einen militärischen Festakt.“ Sie grenze zudem Menschen ohne Religions- oder Kirchenzugehörigkeit aus und sei deshalb unvereinbar mit dem religiösen Neutralitätsgebot der Verfassung.

In ihrem Brief beziehen sich die Initiatoren auch auf den früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann, der noch um das Unpassende dieses Ritus in einer demokratischen Gesellschaft gewusst habe. So solle jetzt auch die evangelische Kirche darauf drängen, dass der Staat zu anderen, der Demokratie angemessenen Formen ziviler und zivilisierter Ehrung bzw. öffentlicher Trauer findet, die auch die Opfer in Afghanistan nicht ausschließt.

Statt sich an diesem militärischen Ritual zu beteiligen solle die Kirche diejenigen, die am Krieg in Afghanistan eingesetzt waren, in seelsorglichen und gottesdienstlichen Angeboten begleiten. Hilfreich wäre auch eine „Nach-Denk-Veranstaltung, die die (Vor-) Geschichte der militärischen Einsätze und Kriege in und um Afghanistan, die deutsche Beteiligung, deren Begründung und Auswirkungen kritisch, also auch in dezidiert nicht-militärischer Perspektive thematisiert.“ Die Expertise dafür sei in den zahlreichen kirchlichen oder von der Kirche unterstützen Einrichtungen vorhanden und abzurufen, z.B. der Friedensforschung, Entwicklungszusammenarbeit, und Flüchtlingshilfe.

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Kontakt und Auskunft: Ulrich Hentschel
Mail: UlrichHentschel@t-online.de
Telefon: 040 – 420 21 69 Mobil: 0171-68 68 648
 
*) Prof. Dr. Klara Butting, Uelzen; Theo Christiansen, Hamburg; Propst Thomas Drope, Pinneberg; Prof.em Dr. Hans-Martin Gutmann, Hamburg; Ulrich Hentschel, Hamburg; PD Dr. Jörg Herrmann, Hamburg; Hans-Gerd Klatt, Bremen; Dr. Uwe-Karsten Plisch, Berlin; Andreas Seiverth, Ruhpolding