Donnerstag, 13. Dezember 2018

Die .XIII. history sagt wie Vlenspiegel

in der ostern mettin ein spil macht / dz sich der pfarrer vnd sein kellerin mit den buren raufften vnd schlugen.

NVn da es sich nahet den ostern da sprach der pfarer zu Vlenspiegel dem meßner / es ist ein gewonheit hie das die buren alwegen zu den ostern in der nacht ein oster spil machen wie vnser her entstet vß dem grab / vnd so müst er darzu helffen / wann es wer recht also / das die sigristen das zurichtent vnnd regierten Da sprach Vlenspiegel vnd gedacht wie sol das mergen spil zu gon von den buren vnd sprach zu dem pfarrer Nun ist doch [XVIIr] kein buer hie der da glert ist / ir müßen mir euwer magt da zu leihen / die kan[19] wol schreiben vnd lesen. Der pfarer sprach Ja ia / nym nur dazu wer dir helffen kan / auch ist mein magt vor mer darbei gewesen. Es wz der kellerin lieb / vnd sie wolt der engel im grab sein / wann sie kund den reimen vßwendig. Da sucht Vlenspiegel zwen bauren[20] vnd nam sie zu im / vnd wolten die drei marien sein vnd Vlenspiegel leert den einen buren zu latein seinen reimen / vnd der pfarrer wz vnser hergot / der solt vß dem grab erston. Da nun Vlenspiegel für das grab kam mit seinen buren / als die marien angelegt. warn Da sprach die kellerin als der engel im grab den reimen zu latyn. Que queritis. Wen suchen ir hie / da sprach der buer die vorderst merg / als in vlnspiegel gelert het. Wir suchen ein alte eineugige pfaffen hur / da sie dz hort / dz sy verspottet ward mit irem einen aug / da ward sie gifftig auff vlnspiegel / vnd sprang vß dem grab / vnd meint sie wolt ym in dz antlit fallen mit den füsten / vnd schlug her vngewiß vnd traff den einen buren / dz im dz ein aug geschwall / da der ander buer dz sah / der schlug auch dar / vnd traff die kellerin an den kopff dz ir die flügel entpfielen. Da dz der pfarrer sahe / da ließ er dz van fallen / vnd kam seiner kellerin zu hilff / vnd fiel dem einen buren in dz har / vnd zohen sich für dz grab hindan da das die anderen bauren sahen / da luffen sie hinzu vnd ward ein grosses gerühel / vnd lag der pfaff mit der kellerin vnder / vnnd da lagen die bauren / die zwo mergen auch vnder / das sie die buren voneinander musten ziehen / [XVIIv] aber Vlenspiegel / der het der sach acht genümmen vnd thet sich zeitlich daruon / vnd lieff zu der kirchen hinauß vnd gieng vß dem dorff / vnd kam nit wider / gotgeb wa sie ein andern sigristen namen.

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Die 13. Geschichte handelt davon, wie Eulenspiegel in der Ostermette eine Aufführung veranstaltete, in der sich der Pfarrer und seine Haushälterin mit den Bauern stritten und schlugen.

Als es nun kurz vor Ostern war, sprach der Pfarrer zu dem Küster Eulenspiegel: „Es ist bei uns Brauch, dass die Bauern immer in der Osternacht eine Aufführung machen, wie unser Herr aus dem Grabe aufersteht“. Und so solle er sich darum kümmern, denn es war üblich, dass die Küster das organisierten und anleiteten.

Da sorgte sich Eulenspiegel, wie mit den Bauern diese Aufführung gelingen sollte, und fragte also den Pfarrer: „Keiner der Bauern ist gebildet, dazu müsst Ihr mir schon eure Haushälterin ausleihen, die kann ja gut lesen und schreiben“. Der Pfarrer sprach: „Ja, ja, nimm dir nur die Hilfe, die du brauchst. Sie ist auch immer dabei gewesen. Das war der Haushälterin sehr recht. Sie wollte gern der Engel im Grab sein und kannte den Text auswendig.  Dann suchte sich Eulenspiegel zwei Bauern, und mit ihm zusammen wollten sie die drei Frauen am Grab* sein und Eulenspiegel brachte dem einen Bauern seine lateinischen Verse bei. Der Pfarrer sollte Christus darstellen, der aus dem Grabe auferstand.

Als Eulenspiegel nun in der Osternachts-Aufführung an das Grab trat, mit seinen Bauern als Marien verkleidet, sprach die Haushälterin als der Engel im Grab den lateinischen Vers: „Que queritis“? – „Wen sucht ihr hier?“ – Da antwortete der vorderste Bauer, wie es ihm Eulenspiegel beigebracht hatte: „Wir suchen eine alte, einäugige Pfaffenhure“. Als diese nun so verspottet wurde mit ihrem einen Auge, wurde sie wütend auf Eulenspiegel und sprang aus dem Grab. Sie glaubte, ihn mit ihren Fäusten zu treffen, schlug aber daneben und traf einen der Bauern so, dass ihm ein Auge anschwoll. Als das der andere Bauer sah, da schlug er auch zu und traf die Haushälterin am Kopf, dass ihr die Engelsflügel abfielen. Als das nun der Pfarrer sah, da ließ er seine Fahne** fallen und kam der Haushälterin zur Hilfe. Er griff einen Bauern am Haar und zog ihn ins Grab hinein.

Als das nun die anderen Bauern in der Gemeinde sahen, kamen sie dazu und es gab eine große Schlägerei. Zuunterst lagen Pfarrer und Haushälterin, darüber die Bauern mit den zwei Marien, dass sie alle auseinander gebracht werden mussten. Eulenspiegel aber hatte die Gelegenheit genutzt und war rechtzeitig verschwunden, lief aus der Kirche, ging aus dem Dorf und kam nie wieder. Gott weiß, woher sie einen anderen Küster nahmen.


* Original: „Marien“ - gemeint sind Maria Magdalena, Maria Mutter des Jakobus und Salome (nach Markus 16).
** Die in vielen Bild-Darstellungen übliche Siegesfahne des Auferstandenen

Moderne Übertragung: Sebastian Dittrich
Quelle Urtext: de.wikisource.org/wiki/Ein_kurtzweilig_lesen_von_Dyl_Vlenspiegel