Donnerstag, 19. September 2019

Laudatio von Britta Baas

Verehrtes Publikum, liebe Jutta Lehnert,

 

das Ökumenische Netzwerk „Initiative Kirche von unten“ verleiht – es ist jetzt schon zu einer kleinen Tradition geworden – auf dem Evangelischen Kirchentag  den „Dorothee Sölle-Preis für “.

 

In diesem Jahr erhält ihn eine Frau, die diesen aufrechten Gang täglich übt, weil sie gar nicht anders kann – und auch gar nicht anders will. Ihr sind junge Menschen anvertraut, Jugendliche und junge Erwachsene, die in der Katholischen Studierenden Jugend (KSJ) im Bistum Trier ein Zuhause gefunden haben. Das gelingt den meisten vermutlich gerade deshalb, weil sie mit Ihnen, liebe Jutta Lehnert, eine Geistliche Leiterin vor sich haben, die nicht fromm vor sich hinsäuselt und die so gar nichts Leisetreterisches und Verschämt-Kirchliches an sich hat. Nein, von Ihnen lernt man stattdessen, dass Priester und Bischöfe nicht einfach qua Amt Respektspersonen sind, sondern nur dann, wenn sie sich respektvoll verhalten. Man lernt von Ihnen, dass man in Konfliktfällen zum Telefonhörer greift und einfach mal ohne Umschweife sagt, was einem stinkt. Und man lernt von Ihnen, dass Karrieremachen in der Kirche nun wirklich kein Ziel sein kann. Schon gar nicht für junge Leute! Und dass es im Übrigen auch nie IHR Ziel war. Falls das Amt der Geistlichen Leiterin also von Ihnen, liebes Publikum, als Karriereposten betrachtet werden sollte, so sei Ihnen versichert: Die Karriere von Jutta Lehnert in ihrer Kirche hat sich gewissermaßen „unfallartig“ ereignet. Wahrscheinlich hatte der Heilige Geist seine Finger im Spiel.

 

Kurz: Liebe Jutta Lehnert, Sie sind das Gegenteil dessen, was sich die meisten machtorientierten Kirchenmänner von einer Frau wünschen. Und natürlich wissen Sie das auch. In einer wunderbar katholischen Volte sind Sie gerade mit Ihrer Unbotmäßigkeit höchst erfolgreich. Worin Ihr Erfolg liegt? Sie haben Standing bei jungen Menschen. Sie haben Standing bei Generalvikaren und Bischöfen. Sie haben Standing in der Welt.

 

Jutta Lehnert ist unbestechlich: Das wissen mittlerweile so ziemlich alle, die es wissen müssen. Sie hat manchmal Angst – aber sie kann die Angst besiegen. Auch das haben schon Gegner zu spüren bekommen, die glaubten, sie könnten sie einschüchtern. Da hatten sie sich aber geschnitten!

 

An dieser Stelle der Laudatio sei noch einmal so ganz nebenbei, aber eindeutig festgestellt: Die diesjährige Preisträgerin ist eine Katholikin! Dorothee Sölle, die aufrechte Protestantin, hätte sich zweifelsfrei sehr darüber gefreut. Denn ihr war es nicht um die Konfession eines Menschen zu tun, sondern um seine Haltung. Vor allem aber zauberte es Dorothee Sölle ein Leuchten in die Augen, wenn sie jemanden vor sich hatte, der sich nicht abfinden wollte mit der Welt und ihrer Ordnung, wie sie nun einmal ist. Jutta Lehnert hat sich nie abgefunden, und sie hat sich nicht ergeben eingerichtet in der Welt, wie sie ist. , die sich nie abfindet und die sich nie abfinden lässt – etwa mit abgeschmackten Antworten und vertuschten Realitäten.

 

Ganz besonders war Jutta Lehnerts nötig, als im Jahr 2010, ausgelöst durch die offenen Worte eines mutigen Schulrektors und Paters Klaus Mertes am Canisius-Kolleg in Berlin, die riesigen Dimensionen des sog. „Missbrauchsskandals“ in der römisch-katholischen Kirche offenbar wurden. Soweit wir es heute überblicken können, haben viele hundert Priester in Deutschland über Jahrzehnte Kindern und Jugendlichen sexuelle Gewalt angetan. Wir wissen nicht, wie viele Fälle im Dunkeln geblieben sind und vielleicht für immer im Dunkeln bleiben werden, weil entweder die Betroffenen Zeugen – die sich nur ungern als „Opfer“ bezeichnen – schon gestorben sind und deshalb nicht mehr sprechen können – oder weil sie auf andere Weise mundtot gemacht werden.

 

Jutta Lehnert hat sich schon vor 2010 – ausgelöst durch einen ihr bekannt gewordenen Fall – intensiv mit dem Thema „sexuelle Gewalt in der Kirche“ auseinandergesetzt. Sie hat Bücher über Bücher zum Thema gelesen, mit Menschen gesprochen und radikale Frage gestellt. Vor allem hat sie es laut getan und nicht leise, wie es in der Kirche doch sonst so üblich ist. „Psst!“ Diese Mahnung, die wir vielleicht alle aus Kindertagen von unseren Eltern kennen, wenn wir in der Kirche nicht leise waren – diese Mahnung hat Jutta Lehnert früh in den Wind geschlagen, als sie begriff, was „sexuelle Gewalt“ eigentlich heißt. „Kinder, die diese Gewalt erleben, erleiden Schreckliches. Gewalt, die durch  Kirchenmänner geschieht, hat gemeinhin zusätzlich zu allem Grauen auch noch den Gottesverlust zur Folge“, sagt sie. Denn der Mann, den das Kind da vor sich hat, ist ja angeblich besonders eng mit dem lieben Gott, kennt vermeintlich alle seine Regeln und predigt sie. Wenn dieser Gottesfreund Gewalt ausübt – wie kann da Gott weiter in der  Seele des Kindes wohnen? 

 

Jutta Lehnert hat diese schrecklichen Zusammenhänge früh erkannt. In Ihrer Arbeit mit Jugendlichen spricht sie deshalb offen über das Thema „sexuelle Gewalt“, betreibt Präventionsarbeit – und tritt Kirchenmännern in Leitungsämtern immer wieder auf die Füße. Sie ist oft erstaunt, wie schwer es ihren kirchenamtlichen Gesprächspartnern fällt, wirklich und wahrhaftig zu begreifen, was „sexuelle Gewalt“ eigentlich ist, welche Folgen sie hat – und was die Aufgabe der Kirche wäre: „Die Täter zu Erkenntnis ihrer Schuld zu führen.  Und Priestern zu vermitteln, dass sie nicht mehr weiter Priester sein können, wenn sie Täter wurden.“  „Wenn man in einem Kind Gott zerstört, kann man nicht mehr in diesem Amt bleiben“, sagt Jutta Lehnert.

 

Sie ist in diesem Punkt radikal, wie in so manchen anderen Punkten auch. Sie kann nicht begreifen, warum die Frauenverbände in der Kirche, mit denen sie sich feministisch verbunden fühlt, nicht unisono auf den Plan treten, um die oft leisen Stimmen der betroffenen Zeugen zu verstärken. Sie findet es selbstverständlich, auf Podien – zum Beispiel beim Ökumenischen Kirchentag in München 2010 – nicht nur die Täter anzuklagen, sondern mit betroffenen Zeugen zu reden und ihnen die Kompetenz zuzugestehen, allein zu entscheiden, was jetzt getan werden muss. Sie verlangt das Ende aller juristischen Verjährungsfristen für sexuelle Gewalt – und steht mit dieser Forderung auf der Seite jener, die oft erst nach Jahrzehnten über die Tat sprechen können.

 

Jutta Lehnerts Radikalität trägt ein schönes Kleid, sie ist umhüllt mit Humor und Herzenswärme. Deshalb weiß jeder und jede, dass man vor Jutta Lehnert keine Angst haben muss. Sie ist laut, wenn es sein muss. Sie kann ironisch sein, und listig, wenn es nötig wird. Aber sie gibt jedem eine zweite Chance. Aufrecht gehen muss schließlich gelernt und dafür auch immer wieder geübt werden. Das kann nicht bei jedem gleich auf Anhieb klappen! Das weiß Jutta Lehnert, und deshalb  hört sie einfach nicht auf, an das Gute im Menschen und an seine Wandlungsfähigkeit zu glauben.

 

Wie kann eine immer so aufrecht gehen? Hat sie das schon in die Wiege gelegt bekommen? Jutta Lehnert ist als eines von mehreren Kindern auf einem Bauernhof in der Eifel aufgewachsen, in einer Familie, in der drei Generationen zusammen wohnten und vor dem Essen drei Vaterunser gebetet wurden. Katholischer ging es nicht, und doch war dieser Katholizismus nie kirchenergeben. Nach dem Abitur wollte sie eigentlich Lehrerin werden, aber dann erschien der damals neue Beruf der Pastoralreferentin auf der Bildfläche – und dem konnte sie nicht widerstehen. Ihre Mutter war gar nicht begeistert: „Mädchen, geh nicht zur Kirche, die kann die  Frauen nicht leiden“, sagt sie. Doch Tochter Jutta schlug diese Warnung in den Wind. „Mir war das egal“, sagt sie, „ich wollte doch nur gemeinsam mit anderen was durchbringen, etwas bewegen. Und das hat eigentlich bis heute ganz gut geklappt.“

 

Das Studium der Theologie hat in ihr die Feministin verstärkt, die sie schon vorher war. Sie wurde BDKJ-Vorsitzende, dann ein Jahr arbeitslos, weil die Kirche sie als politisch aktive Christin kennengelernt hatte, die gegen den NATO-Doppelbeschluss öffentlich auftrat und auch sonst nicht leise war. Dass sie in den kirchlichen Dienst zurückkehren konnte, wurde erkauft durch ihre Bereitschaft, als Sterbebegleiterin in zwei großen Koblenzer Altenheimen zu arbeiten. Eine schwere Aufgabe war das für Jutta Lehnert, die immer Jugendarbeit machen wollte und nun täglich dem Sterben begegnete. „Es war eine gute, aber schrecklichen Zeit für mich“, fasst sie die Erinnerung an drei Jahre zusammen.  Später konnte sie zurückkehren auf ihr Lieblingsarbeitsfeld, das bis heute „ihres“ geblieben ist: die Jugendarbeit.

 

Ja, wie kann eine so aufrecht gehen? Als wir uns vor etwa drei Wochen in Trier trafen, Jutta Lehnert und ich, wollte ich von ihr wissen, warum sie sich über alle Ärgernisse und Nöte hinweg immer wieder auf Gott verlässt. Warum sie das Leben schön findet und sich nie lange grämt. Nach mehr als zwei Stunden lebhaften Gesprächs dachte sie für einen Moment still nach. Und erzählte dann, dass sie, kurz nach dem Abitur, für ein Jahr nicht laufen konnte. Sie lag – wegen eines Wirbelsäulenschadens, den sie schon als Kind gehabt hatte und der nun massiv wurde – für lange Zeit in Gips. Als der Gips endlich gelöst wurde, sie wieder stehen und laufen konnte, fühlte sie eines: „Dankbarkeit.“

 

Ich lernte daraus: Wer sich den aufrechten Gang ganz wörtlich erkämpfen muss, verinnerlicht ihn wahrscheinlich. Es geht immer um mehr als um die Mechanik einer Wirbelsäule.

 

Heute erhalten Sie einen Preis, der Ihnen sehr entspricht, liebe Jutta Lehnert: den Dorothee Sölle-Preis für aufrechten Gang. Gehen Sie weiter von hier aus, auf Ihrem Weg. Und  finden Sie sich nie ab mit der Welt und ihrer Ordnung, wie sie nun einmal ist.

 

Weil Sie viel und gern Dorothee Sölle gelesen haben, denken Sie sicher manchmal daran, was sie in einem ihrer berühmtesten Gedichte schrieb:

„Und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden

O Gott, der du auftust und offenbar machst

Wann wird es soweit sein?

Wann werden wir sichtbar?

Wann wird die Wahrheit an uns sichtbar?“

 

Ein kleines Stück von der großen und unüberschaubaren Wahrheit liegt in jenem Preis, den Sie heute erhalten. Herzlichen Glückwunsch!