Donnerstag, 15. November 2018

Für eine Politik aus christlicher Verantwortung – warum die IKvu sich ernst nehmen muss

Referat auf der Delegiertenversammlung der IKvu am 5. April 2003 in Koblenz

 

Publik-Forum versandte um Weihnachten 2002 einen Hilferuf: Finanziell drohte für die Initiative Kirche von unten kurz vor dem Kirchentag in Berlin das definitive Aus - zu selbstverständlich gingen die Menschen davon aus, dass die IKvu einfach da ist wie die Kirche im Dorf; doch die Reichtümer dieser Kirche kommen nicht der Kirche von unten zugute. Nun - der Hilferuf hatte Erfolg: Zahlreiche Menschen zeigten durch Spenden und Briefe, dass sie die Existenz der IKvu als Gegengewicht zu den reichen Kirchen noch immer für wichtig halten. Diese Reaktion bestätigt auch das inhaltliche Profil unserer Arbeit.

Im 23. Jahr ist die IKvu eine andere als in ihrer Gründungsphase Ende der 70er Jahre, und ebenso haben sich die Erwartungen verändert, die an sie herangetragen werden: Von außen und zunehmend auch intern erwarten Menschen, Gemeinden und Medien ein professionelles NGO-Management wie bei den Großen Pro Asyl oder BUND - stets präsent, informiert und aktiv. Wenn diese Erwartungen auf ein kleines Büro mit einem schlecht bezahlten Webmaster, einer studentischen Honorarkraft und einem überstundengepeinigten Bundesgeschäftsführer treffen, ruft das oft Unverständnis hervor. Andererseits - gemessen an den Anfängen und für eine ehrenamtliche Initiative ist das schon sehr viel!

In den Fragen von Menschen, die die IKvu nicht seit 20 Jahren kennen, wie zum Beispiel in dem Fragebogen eines Relikurses einer 10. Klassenstufe an einer Realschule in Mülheim werden die Erwartungen deutlich: Welche Ziele hat "die Kirche von unten"? Was will sie bewirken? Für was engagiert sich die Organisation? Was hätte "die Kirche von unten" von dem wahrscheinlichen Irak-Krieg? Warum sollte man sich für "die Kirche von unten" interessieren? und schließlich: Warum haben Sie sich entschieden, Ihr Leben in den Dienst einer kirchlichen Organisation zu stellen? Bis auf die letzte Frage, mit der ich zugegebenermaßen wenig anfangen konnte - weder mit dem Dienst noch mit der kirchlichen Organisation - zeigen diese Fragen: Das ist alles nicht mehr selbstverständlich. Darin steckt eine Gefahr und eine Chance.

Die Gefahr wird am Weihnachtsmailing deutlich: auf den Aufruf in Publik-Forum hin kamen allein im Januar so viele Spenden wie im gesamten Jahr 2002 zusammen. Schön, denkt Ihr jetzt. Rafaela im Büro hatte das Nachsehen, denn all diese Spenden müssen gebucht werden! Wir wurden von der Anerkennung der Menschen überrollt. Eine Folge dieser Überlastung: Die Spendenbescheinigungen gingen in diesem Jahr noch später raus, und daraufhin wurden wir mit verärgerten Unmutsäußerungen konfrontiert. Wir müssen also sehen: Im Vergleich zu früher erwarten Menschen, die irgendwo spenden, einen gewissen Servicestandard - das schließt eine regelmäßige so genannte Pflege der Spenderinnen und Spender mit ein. Das können wir jedoch beim derzeitigen Stand der Ausstattung keinesfalls leisten.

Nun könnten wir sagen: Was von den bezahlten Kräften nicht geleistet werden kann, muss eben von Ehrenamtlichen in den Gruppen übernommen werden. Kann das gelingen? Ohne zusätzliche Mehrarbeit für die Leute im Büro? Dies zu organisieren wird eine Aufgabe des neuen Leitungskreises sein. Dieses Dilemma zeigt jedenfalls: Die IKvu hat sich offenbar nicht überlebt. Der Rechtstrend in Kirche und Gesellschaft bestätigt die Bedeutung einer Initiative Kirche von unten für viele Menschen einerseits und für bestimmte Themen andererseits, für die der IKvu eine gewisse Zuständigkeit zugesprochen wird. Im Windschatten des Kirchentages berät die Delegiertenversammlung der IKvu nun an diesem Wochenende über einige wesentliche Änderungen, die den veränderten Anforderungen an unsere politische Arbeit geschuldet sind:

  1. Die Einrichtung eines Leitungsteams, das in seiner Zusammensetzung das Themenspektrum der Gruppen widerspiegelt: Entwicklungspolitik, Schwul-lesbisch, Kirchenreform, demokratischer Sozialismus ... und die inhaltliche, finanzielle und rechtliche Verantwortung der IKvu-Arbeit trägt.
  2. Mit dem Aufnahmeantrag der Evangelischen StudentInnengemeinde in der Bundesrepublik Deutschland (ESG) kündigt sich das Entstehen eines dezidiert ökumenischen und politischen Bündnisses der Kirche-von-unten-Gruppen in der BRD an.

Nicht das es diese Art von Bündnis nicht schon geben würde: Doch die zahlreichen ökumenischen Initiativen, Kreise und Netzwerke landauf landab sind in der Regel überaltert, und das ist durchaus personell und thematisch zu verstehen. Über die Altersstruktur lässt sich nicht streiten, auch manche IKvu-Mitgliedsgruppe ist in die Jahre gekommen - eine Erkenntnis, die weder neu ist noch ein Urteil über die von diesen Gruppen vertretenen Anliegen zulässt.

I. Die IKvu vernachlässigte ihre politische Herkunft.

Unbestreitbar ist die IKvu ein Gewächs des römisch-katholischen Milieus der 70er Jahre: Hier waren nach den Hoffnungszeichen des II. Vatikanischen Konzils und der Würzburger Synode die Enttäuschung und das Protestpotential groß, die Differenz zwischen innerkirchlichem Rückschritt einerseits und gesellschaftlichem Reformtrend in den neuen sozialen Bewegungen andererseits nicht mehr vermittelbar. Wegen der politischen und strukturellen Menschenrechtsverletzungen der römischen Kirche verstanden die Herkunftskatholiken der IKvu-Gruppen ihre Kirche als ihr primäres Aktionsfeld. Das ökumenische und das globale Bewusstsein der in den IKvu-Gruppen Aktiven war jedoch groß, beides ist nicht zu trennen, es ging ineinander über und sie verstanden sich als Vorreiter der weltweiten ökumenischen Bewegung, nicht nur innerhalb der römischen Kirche. Es greift deshalb zu kurz, die IKvu als katholische Organisation zu bezeichnen - de facto war ihr von Anfang an ein ökumenischer Impuls zu eigen, der während der römischen Phase der 90er Jahre - Initiierung des KirchenVolksBegehrens und Gründung der KirchenVolksBewegung "Wir sind Kirche", damit verbunden eine medienwirksamere Konzentration auf spezifisch katholische Themen - konfessionell gewendet wurde und in die skandalisierten Abendmahlsfeiern von Mainz und Hamburg mündete.

Leider reflektierte die IKvu nicht, dass sie darin nur dem Rückzug eines politischen Ökumeneverständnisses auf höchster Ebene sekundierte - siehe die Konzentration im Ökumenischen Rat der Kirchen auf Fragen einer formalen Theologie nach Amtsverständnis, Zölibat, Frauenweihe. Ohne Selbstüberschätzung muss gefragt werden, inwieweit die IKvu mit ihren Aktionen die römische Zentrale zu bestimmten Gegenreaktionen wie Dominus Iesus und die bevorstehende Erklärung zum Eucharistieverständnis provozierte, die als traurige Tiefpunkte einer aggressiven anti-ökumenischen Entwicklung gelten können.

In dem soeben umrissenen Zeitraum vernachlässigte die Bewegung einer Kirche von unten-Perspektive ihre Wurzeln und ihre Herkunft aus den linkschristlichen Kreisen und Gruppen der ersten Demokratie in Deutschland, und das durchaus aus nachvollziehbaren Gründen.

Nach dem Ende des staatsprotestantisch ausgerichteten Kaiserreichs und der damit wiedererlangten Bewegungsfreiheit römisch-katholischer Vereine und Bünde entwickelte sich in der Weimarer Republik unmittelbar nach 1918 ein interessantes Milieu alternativer christlicher Gruppen, die sich einerseits sozialistisch, andererseits pazifistisch orientierten. Der gerade zurückliegende Weltkrieg mit dem Horror der Schützengräben und der Verlogenheit der gesegneten Waffen führte zur Gründung katholisch-pazifistischer Gruppen wie etwa des Friedensbundes Deutscher Katholiken (1919-33). Die Entstehung christlich-sozialistischer Gruppen und entsprechender Publikationsorgane war eine Reaktion auf die gescheiterte revolutionäre Hoffnung auf eine Überwindung des kapitalistischen Systems. Das waren neben den christlichen Gewerkschaften Heinrich Mertens und Ernst Michel im Bund der katholischen Sozialisten mit dem Roten Blatt der katholischen Sozialisten (1929/30) oder Friedrich Dessauer, Werner Thormann, Heinrich Scharp, Walter Dirks in der Rhein-Mainischen Volkszeitung in Frankfurt am Main.

Auch der linke Flügel der katholischen Jugendbewegung, vor allem im Quickborn und in den Werkheften junger Katholiken (1931-33) verfolgte gesellschafts- und kirchenreformerische u. reformtheologische Ansätze. Genannt sei auch die Sozialismusdiskussion und Marxrezeption von Theodor Steinbüchel sowie der soziologische und wissenstheoretische Einfluss von Ernst Michel und der Akademie der Arbeit und des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main. Dieses vielfach verzweigte und miteinander vernetzte Milieu mit seinem parteipolitischen Arm im linken Reformflügel der Zentrumspartei ist der handlungstheoretische und intellektuelle Humus für eine gesellschafts- und kirchenkritische Von-unten-Perspektive nach 1945.

Die Zeit des Nationalsozialismus schwächte dieses Milieu ungemein: Das rückgratlose Paktieren der Bischöfe und des Vatikans mit der Nazi-Obrigkeit beraubte die kritischen Katholikinnen und Katholiken ihres Identitätsrahmens. Während die andere Verfasstheit der protestantischen Kirchen den Zusammenschluss in der Bekennenden Kirche ermöglichte, blieb der Widerstand katholischer Christinnen und Christen ohne institutionellen Rückhalt. Hier ist der tiefe Riss in der katholischen Identität, der bis heute nicht verheilt ist. Die katholischen Bischöfe, die dem Nationalsozialismus - verstanden als völkisches Glaubenssystem - vor 1933 in einer Konkurrenzsituation kritisch gegenüberstanden hatten, reihten sich nach 1933 fast ohne Ausnahme in den autoritären und hierarchischen Gesellschaftsentwurf der totalen Volksgemeinschaft ein. Der Ruch der vaterlandslosen Gesellen, der vom Kulturkampf im Kaiserreich bis in die Weimarer Republik nachgewirkt hatte, machte gerade Katholiken anfällig für das nationalistische Argument, für die so genannte nationale Revolution. Wäre nicht der antichristliche Affekt der Parteilehre gewesen, hätte diese neue Volksgemeinschaft die Erfüllung der katholischen ständestaatlichen Gesellschaftsvorstellung bedeuten können. Die kritischen Katholikinnen und Katholiken führte dieser Verrat ihrer Kirche in einen existentiellen Zwiespalt, in einen Zweifrontenstellung gegen den totalitären Staat und gegen die eigene Kirche. Für die Widerständigen unter ihnen führte diese Situation in ein "Martyrium ohne Auftrag": Während ihre Kirche sich anpasste, sprach ihr christliches Gewissen eine andere Sprache. Nicht viele wurden zu Widerstandskämpferinnen und -kämpfern. Doch entscheidend ist der Riss im Gefühl der Zugehörigkeit zu einem Milieu.

Carl Amery schreibt dazu im Rückblick 1963:
"Ein harter Kern von kleinen Gemeinden und Gemeinschaften, meist gestärkt aus einzelnen Priestern, machte aus der großen Not eine Tugend, zerschnitt das Tischtuch zwischen sich und der "Obrigkeit" und versuchte, aus den wesentlichen Tiefen christlicher Existenz neu zu erkennen und zu leben. Auch dieser Kern verzichtete auf die Formulierung und Verfolgung eigener gesellschaftlich-politischer Programme; aber er stellte zumindest das Potential für ihre Entwicklung dar. Das erste (und in vielen Fällen das einzige) Kennzeichen für dieses Potential war meist die bewusste oder unbewusste Ablehnung der offiziellen irenischen Politik."


Die Erfahrung dieses Bruchs ist die Voraussetzung für die Entwicklung nach dem Ende des Faschismus, als sich der Katholizismus bald als einzig unschuldig gebliebene gesellschaftliche Größe präsentierte und den Anspruch erhob, die geistige, geistliche und politische Erneuerung anzuführen.

1945 folgte die kurze Phase der Verunsicherung im obrigkeitlichen Katholizismus, bis sich "mit der Währungsreform, dem ausbleibenden Lastenausgleich, der Verhinderung von Bodenreform und Sozialisierung und der einsetzenden Diskussion über eine Wiederbewaffnung des Westens" die neue alte Gesellschaft abzeichnete und ein linker Katholizismus entstand, im Gegensatz zu einem integralistischen Katholizismus. Der Begriff des Linkskatholizismus taucht nun vor allem im Zusammenhang mit dem fortschrittlichen französischen Katholizismus auf, da besonders im süddeutschen Raum unter der Kontrolle der französischen Besatzungsmacht ein deutsch-französischer Gedankenaustausch entsteht. Ab Anfang der 50er Jahre wird der Begriff zur Kennzeichnung der politisch und kirchlich oppositionellen Katholiken im allgemeinen politischen Sprachgebrauch üblich: Im restaurativen Charakter der Nachkriegspolitik wurden die Differenzen zwischen einem Mehrheits- und einem Minderheitskatholizismus daran geschärft und zum aggressiven Kampfbegriff, da er in Relation zum Antikommunismus der Adenauerzeit zu einem eindeutig negativen Begriff mutiert, er dient der Grenzziehung zum integralistischen Katholizismus, der sich als Bündnis von CDU/CSU und Oberkirche etabliert hat. Als Selbstbezeichnung ist "Linkskatholizismus" bis Anfang der 60er Jahre nicht gebräuchlich - bis dahin ist die Rede von den Nonkonformisten. Erst mit der relativen Anerkennung der alternativen katholischen Positionen durch das II. Vaticanum und - dies ist wichtig - einhergehend mit dem Ende der Adenauer-Ära wird die Selbstbezeichnung als Linkskatholiken üblich.

Martin Stankowski resümiert 1976 in seiner Dissertation Linkskatholizismus nach 1945 - der ersten systematischen wissenschaftlichen Untersuchung überhaupt:
"Als politisch und soziologisch fassbare Gruppe ist der Linkskatholizismus das Pendant zum politischen Katholizismus. "Der 'andere' Katholizismus ist ja stets nur insoweit er selbst gewesen, als er sich von seinem großen Gegner, dem offiziellen Katholizismus, absetzte, sich an ihm maß und auf ihn reagierte, sei es geistig-ideologisch, sei es politisch aktiv. Der 'andere' Katholizismus hat im Grunde keine eigene Geschichte, jedenfalls hat er sie nicht selbst 'gemacht'." (WH 66/254)"


Für Stankowski endet die Zeit des kritischen linken Katholizismus in der Bundesrepublik mit dem Beginn des Konzils, "denn hiermit war das eine Moment des Linkskatholizismus, die Kirchenreform und die Katholizismus- und Theologiekritik in einem bestimmten Rahmen offiziell akzeptiert worden." In der Tat schien sich mit dem Konzil die Notwendigkeit einer kirchenkritischen Öffentlichkeit zu erledigen - doch dies nur, weil das andere und ungleich wichtigere Betätigungsfeld der Linkskatholiken nach dem Ende des Nazistaates schon viel früher verloren gegangen war: Nach der Befreiung waren die Frankfurter Hefte, herausgegeben von Walter Dirks und Eugen Kogon, für einige Jahre das wichtigste Publikationsorgan und Organisationszentrum des Linkskatholizismus in der jungen Adenauer-Republik. Dem Anspruch nach kirchen- und gesellschaftskritisch, überwogen die politischen Seiten und die Frage, welche politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen aus der Katastrophe des Faschismus für den Aufbau der Demokratie zu ziehen seien. Der relativ glatte Wiedereinstieg vom alten nationalsozialistischen in den neuen demokratischen Staat in den klerikalistisch- und CDU-schwarzen 50er Jahren desillusionierte die Herausgeber, die für ein sozialistisches Modell eingetreten waren, auf christlich-humanistischer Basis versteht sich. Nur so ist die euphemistische Beurteilung des Konzils von Walter Dirks zu verstehen, als Bestätigung wenigsten eines, des kirchlichen Reformstrebens:

"Seit dem Konzil ist diese Kritik schließlich nicht nur als erlaubt, sondern als konstitutiv anerkannt: Als Konzil der Reform und der Revisionen beruht es selbst auf viel konkreter Kritik, aber auch auf der Legitimität der innerkirchlichen Kritik überhaupt."

 
Die Öffnung der römischen Kirche schien wenigstens die kirchenkritische Linie der Linkskatholiken voranzubringen. Doch nach der Würzburger Synode Mitte der 70er Jahre wurde ziemlich bald klar, dass weitergehende Reformen abgeblockt wurden, und das Widerspruchspotential verwandelte sich in Aktion: Beim Berliner Katholikentag 1980 fand erstmals ein Katholikentag von unten statt, im darauf folgenden Herbst wurde eine Initiative Kirche von unten aus der Taufe gehoben, von Gruppen wie den ChristInnen für den Sozialismus, der Basisgemeinde Frankfurt und der HuK.

II. Die IKvu stellt sich ihrer politischen Gegenwart.

Heute - nach 23 Jahren Initiative Kirche von unten - sind wir ein gutes Stück weiter: Die römische Kirche hat sich kaum besonders reformfreudig gezeigt, sie igelt sich in einer teilweise abstrus-theologisch verbrämten und repressiven Identitätspolitik ein, die an der Lebenswirklichkeit der Menschen und an dem befreienden Impetus der Botschaft von Jesus Christus vorbeigeht. Die Entwicklungen in der globalisierten Welt - wirtschaftliche Ausbeutung, militärische Hegemoniepolitik, migrationspolitische Abschottungsstrategien - mit der allumfassenden Katholizität im römisch-konfessionellen Sinn zu beantworten, ist bestenfalls defizitär, daran ändern auch die Friedensaktivitäten im Angesicht des Irakkrieges nichts. Das Bündnis der fundamentalistischen "global players" bei der Weltfrauenkonferenz oder in Fragen der Geburtenpolitik ist eindeutig.

Diese Bündnisse machen deutlich: Mögen die Interessen ihrer Protagonisten auch im einzelnen Konfliktfall wie etwa beim Irak-Krieg kollidieren, stehen sie doch lediglich auf 2 Seiten ein und derselben Medaille. Die Konzentration auf ihre Diskurse führt uns also nicht weiter, sondern verheddert uns im Dickicht der Sprachspiele, die wir eigentlich längst überwunden glauben. Die römischen Probleme sind nicht unsere Probleme. Die Perspektive alter, frustrierter, lebens- und sexängstlicher Männer ist nicht unsere Perspektive. Es gibt für uns wichtigeres zu tun, als die Komplexe dieser Machtclique zu bearbeiten und immer wieder zu bestätigen.

Nach dem 1. Oekumenischen Kirchentag von unten unter dem Motto "teilen statt herrschen" 1994 in Dresden beteiligt sich die IKvu also am 2. Oekumenischen Kirchentag in Berlin mit 3 Zentren und mehreren Einzelveranstaltungen. In der Wahl der Veranstaltungsorte liegt eine Botschaft: Bewusst wählen wir Orte im Osten und in der Mitte Berlins, um dem Westtouch in den Messehallen gegenzusteuern. Die evangelischen Kirchengemeinden Zion und Gethsemane auf dem Prenzlauer Berg mit ihrer politischen Tradition in der DDR sowie die Asylkirche Heilig Kreuz-Passion und die Hector-Peterson-Oberschule in Kreuzberg stehen in Berlin für ein ganz spezifisches inhaltliches Profil. Die Wahl dieser Orte erfolgte tatsächlich nicht zufällig: "Die Friedensfähigkeit der Gesellschaft, die Erneuerung der Kirche und die Fortentwicklung der Demokratie" benennt die Satzung des IKvu-Bildungswerks als Ziele der IKvu-Arbeit. Zugegeben: Die IKvu ist diesbezüglich gegenüber der schwerfälligen Kirchentagsadministration eindeutig im Vorteil, denn die Veranstaltungsorte für Massentreffen sind in der bankrotten und nicht gerade religiös infizierten Hauptstadt rar gesät. Wir legen den Finger auf eine der Sollbruchstellen zwischen den oberkirchlichen Organisationen und - das ist weit wichtiger!: wir agieren diese Sollbruchstelle, indem wir gerade nicht auf die Logik der Masse setzen, sondern auf profilstarke Einzelthemen.

Das ist einerseits eine taktische Antwort auf das Desaster des Mainzer Kirchentages von unten 1998: Wenn die IKvu nicht in der Lage ist, ein Zelt zu füllen wie in alten Zeiten und trotzdem ihre Themen nicht obsolet geworden sind, können Kooperationen mit Orten, Organisationen, Optionen durchaus Sinn machen. Doch es geht darin um mehr, nämlich um eine Strategie. In den Themen des Berliner Kirchentages greift die IKvu zurück in die Entstehungszeit eines kritischen und christlichen Politikansatzes in Deutschland, und das meint durchaus in West und Ost: Der staatskritische Impuls der 20er Jahre findet sich auch in Gruppen und Kreisen der DDR-Zeit wieder, vielleicht schärfer und profilierter noch als im Weststaat, aus verständlichen Gründen. Die doppelte Frontstellung gegen Staat und Kirche war für kritische christliche Geister im Osten zumindest immer latent, nie ganz von der Hand zu weisen. In der Auseinandersetzung mit Widerstandserinnerungen in der Zionskirche, in aktiver Christinnenpflicht beim Flüchtlingsschutz und Kampf für das Recht auf Asyl wird der Staat selbst zum Thema.

Wenn "Fortentwicklung der Demokratie" zu den Aufgaben der IKvu gehört, verbirgt sich hinter dieser harmlosen Formel die Erkenntnis, dass man Demokratie nie hat, sondern dass sie immer bedroht ist, gerade im "demokratischen Rechtsstaat", und daher immer von neuem gegen Verachtung und gegen ihre Verächter verteidigt werden muss. Hier steckt die thematische Überalterung der Kirche von unten fest und muss schnellstens flott gemacht werden. In den lateinamerikanischen Soligruppen, denen Kaffeekaufen nicht genug war, ist diese Erkenntnis lebendig - sie waren immer wieder in den Hinterhöfen der westlichen Dominanzkultur mit Menschenrechtsverachtung und aussichtloser brutaler Gewalt konfrontiert. Nun kehrt diese Politik zu uns zurück, in Form von Rasterfahndung, Einschränkung des Datenschutzes, Kontrolle und Verdrängung im öffentlichen Raum.

Mit den Veranstaltungen beim Oekumenischen Kirchentag in Berlin, die zu 90 % den Themen Asyl und Flüchtlingsschutz, Entschuldung für Afrika, Widerstand gegen Unrecht und Wirtschaftsgerechtigkeit gewidmet sind, buchstabiert die IKvu deutlich eine Position auf der Grundlage ihres eigenen politischen Alphabets aus christlicher Verantwortung. Sie schöpft da aus den eigenen Quellen des politischen Linkskatholizismus und Linksprotestantismus und der latein-amerikanischen Befreiungstheologie.

Doch das wird nicht ausreichen. Auf welcher Seite stehen wir? Was ist die Position der Kirche-von-unten-Bewegung? Wer sind unsere Bündnispartnerinnen? Wenn wir an diesem Wochenende Strukturfragen geklärt haben werden, müssen wir im kommenden Jahr diese Fragen noch klarer und vor allem selbstkritischer beantworten, wenn wir uns als kritisches und linkschristliches Bündnis ernstnehmen. Es ist eine Sache, aus den Quellen zu schöpfen, wenn dazu Ruhe ist; doch wenn die Zeit so in Bewegung geraten ist, wie wir es derzeit erleben, wird daraus allzu leicht Stillstand und Rückzug.

Deshalb möchte ich mit den Worten eines Spirituals schließen: Hold On.

If you wanna get to heaven, let me tell you how:
Jus' keep yo' han' on de gospel plow,
Keep yo' han' ona de plow - Hold on! Hold on!
 
If dat plow stays in yo' han'
It'll lan' you straight into the promised lan'
Keep yo' han' ona de plow - Hold on! Hold on!
 
Keep on climbin' an' don't you tire
Ev'ry rung goes high'r an' high'r
Keep yo' han' ona de plow - Hold on! Hold on!