Donnerstag, 13. Dezember 2018

Theologische Intervention oder: Was sind die Strukturen der Kirche, die sexualisierte Gewalt begünstigen?

von Jutta Lehnert

Vorbemerkung:


Die Vorabveröffentlich der Studie der Deutschen Bischofskonferenz zur sexualisierten Gewalt in der Kirche (veröffentlicht in der ZEIT online am 13.9.2018  und in der Süddt. Zeitung am 19.9.2018) bietet die Chance, einer Deutungshoheit der Auftraggeber zuvor zu kommen. Zugleich ist sie ein guter Anlass, einen kritisch-theologischen Blick auf die Strukturen, die entstandene Amtstheologie und die daraus abgeleitete Pastoral der Kirche zu werfen, die sexualisierte Gewalt begünstigt und das Lügen, das Vertuschen und das Verweigern von Selbstkritik gefördert haben.
 
Die Schieflage wird spätestens dann erkennbar, wenn man die innerkirchliche Ahndung von sog. Verfehlungen nebeneinanderstellt: Wiederverheiratete Geschiedene werden nicht zur Kommunion zugelassen – ein Missbraucher darf aber der Eucharistiefeier weiter vorstehen. Ein wiederverheirateter geschiedener Klinikleiter wird entlassen – Missbraucher werden vor allem in Kliniken als Seelsorger „entsorgt“. Homosexuelle, die nach deutschem Recht eine Ehe eingehen können, verlieren nach kirchlichem Recht ihren Arbeitsplatz, während geweihte Männer, die ein Verbrechen begangen haben, zu Gemeindeleitern berufen werden. Das ist nur eine kleine Auswahl aus den inneren Widersprüchen der Kirche, die zur tiefen Entfremdung der Menschen beitragen.
 
Es verwundert die psychologische Bruchlosigkeit, mit der ein Täter ein Leben leben kann, das die sexuelle Gewalt ebenso enthält wie die Vorbereitung einer Predigt oder die Spendung von Sakramenten als Zeichen des Heiles für die Menschen.
 
Verwundern muss auch, wie wenig eine Institution, die seit Jahrtausenden Menschen mit Schuld und Sünde vor allem im Bereich der gelebten Sexualität belastet haben, nicht fähig ist, diese Begriffe auf Täter in ihren eigenen Reihen anzuwenden. Hier scheint vor allem die Selbstlüge zu greifen und der Wille, sich von Tätern belügen zu lassen und an der Lüge mitzuwirken, statt den unbequemen Weg zur Wahrheitsfindung zu gehen.
Die Frage nach dem Zölibat zu stellen oder einen Klerikalismus zu konstatieren ist richtig, greift aber dennoch zu kurz. Deshalb ist eine theologische Intervention notwendig, die in die Tiefe geht. Das soll im Folgenden versucht werden.

1. Theologische Denkmuster und ihre psychologischen Folgen:

Die verengte Interpretation des Kreuzestodes Jesu als Opfer – nicht Victim, sondern Sacrificium -  (in verschärfter Form: Vom Vater gefordert!) hat im Rahmen einer „imitatio-Christi-Spiritualität“ für Priester eine Opferideologie hervorgebracht, die einen Verzicht auf die Entwicklung des Selbst, eine Grundhaltung der Unterwürfigkeit und psychische Abspaltung produzieren kann.
 
Jesu Kreuzestod als Opfer zu interpretieren ist nur eine Sicht in der Frühzeit der ersten Gemeinden und Zeichen für das Ringen um die Annahme dieser in seiner Konsequenz ihm aufgezwungenen Folter und Hinrichtung. Er ist zudem nur zu verstehen im Rahmen einer jüdischen Märtyrertheologie des 1. Jahrhunderts – aber keinesfalls als Interpretationsmuster für später oder sogar für heute.

Die Fehlübersetzung von Hebr 5,1 „ex anthropon lambanomenos“  als „aus den Menschen auserwählt“ hatte verheerende Wirkung – es bedeutet aber ganz einfach „aus den Menschen genommen“.  Der erste Fehler besteht darin, diesen Text über den Hohenpriester, der die Opfer darbringen soll, auf die jetzigen Priester anzuwenden. Der zweite Fehler besteht in der falschen Übersetzung, die eine Überhöhung des Priesterstandes nahelegt und zu Allmachtsphantasien anregt. Der dritte Fehler ist überhaupt, eine verengte Opfertheologie auf das Brot-Teilen in der Eucharistiefeier zu beziehen und den Priester mit der Idee zu belasten, er könne „Gott/Christus vergegenwärtigen“.

2. Institutionelle Festlegungen und ihre psychologischen Folgen:

Es ist das Bild des idealisierten Priesters, das der Hierarchisierung eines Teils der Kirche zugrunde liegt. Dieses Bild braucht zur Stabilisierung und Weiterführung die Verbindung von Zölibat (Ausblenden der Sexualität), dem Ausschluss der Frauen (Ausblenden eines Teils der Wirklichkeit) und der zentralen Position des männlichen Priesters (Einzigartigkeit, Besonderheit). Den Zusammenhang rigide durchzuhalten kann narzisstische Störungen zur Folge haben. Dieser Zusammenhang zieht schwache Persönlichkeiten an, denn es erspart ihnen die Auseinandersetzung mit sich selbst (auch mit ihren Trieben) und gewährt ihnen im Gegenteil, ihren Narzissmus unhinterfragt auszuleben und die ungute Verbindung von Unterwerfung und Machterhalt. Es ist die geschützte und theologisch legitimierte Machtkonstruktion, die zu Übergriff und Gewalt verleiten kann. Einsamkeit, Mangel an Austausch mit Gleichaltrigen, Arbeitsüberlastung und Alkoholprobleme können das Ihrige dazu beitragen.

Dieses Priesterbild duldet keine Schuldzuweisung, das Ideal muss sogar gegen besseres Wissen durchgehalten werden. In diesem System bekommt ein bekannter Aphorismus von Friedrich Nietzsche eine besondere Schärfe: „Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben- sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach.“ Wer Sklave seines eigenen Beherrschungswillens und seines ihm auferlegten Selbstbildes ist, ist nicht frei. Frei ist einer, der Selbstkritik, Mäßigung und Selbstkontrolle übt. Dass jeder Verdächtige so gut lügt wie er kann, dass es Persönlichkeiten gibt, die hochmanipulativ sind und denen weder ein Bischof noch ein Therapeut gewachsen ist, diese Erfahrung kommt nicht zur Geltung.

Eine Anerkennung der institutionellen und persönlichen Schuldzusammenhänge würde das ganze sakral aufgeladene Machtsystem zusammenbrechen lassen. Die Folgen: Wer zu diesem System gehört und in ihm eine Funktion übernommen hat, muss Mitgefühl in der Tiefe abspalten. Selbst die unmittelbare Begegnung mit traumatisierten Opfern kann gegen diese Immunisierung nicht so an, dass es zu einer echten Infragestellung käme. Jeder Priester, der sexualisierte Gewalt angewendet hat, wird zuerst als Gefahr für dieses System angesehen – und nicht als Gefahr für weitere potentielle Opfer.

3. Das idealisierte Priesterbild und die Folgen für die Gläubigen und Gemeinden

Die Spaltung von Gemeinden in diejenigen, die sich weigern, unbequeme Wahrheiten zu akzeptieren und diejenigen, die die das geschehene Unrecht erkennen wollen,  lässt auf eine vielfältige Abhängigkeitsstruktur schließen, die ebenfalls zu kritisieren ist. Der Priester wird  zur unhinterfragbaren Projektionsfläche von Gläubigen, auf den Sehnsüchte nach Vollkommenheit, spiritueller Tiefe und einem „reinen“ Lebenswandel projiziert werden. Er gilt als absolute Vertrauensperson, ausgestattet mit der Macht, Sünden zu vergeben und einer Unmittelbarkeit zum „lieben Gott“, über die „normale“ Gläubige nicht verfügen. Die schnell vergessene Beschreibung eines anderen Verhältnisses zwischen einem priesterlichen, königlichen und prophetischem Volk Gottes und seiner Kirchenleitung, die sich in den Texten des zweiten vatikanischen Konzils finden lassen, konnte an diese verinnerlichten Denk- und Handlungsmuster der alten Vorstellungen nicht rühren. So blieb bis heute erhalten: Der Solitär im Pfarrhaus, zu dem die Gläubigen aufblicken, und der Sonntag für Sonntag durch die symbolische Sprache der Rollenaufteilung im Gottesdienst diese Sicht immer wieder neu bestätigt. Ihm traut man keine Lüge und keine Gewalttat zu, darf es auch gar nicht, denn das ist im idealisierten Priesterbild nicht vorgesehen. In dieser Atmosphäre gedeihen Gefälligkeitszustimmungen und ein „regressiver Katholizismus“, dem zunehmend die Tiefe abhanden kommt. Dass immer weniger Männer sich weihen lassen, hat ihre empfundene Besonderheit nur verstärkt. Das sind keine guten Voraussetzungen für die kritische Wahrnehmung von Abhängigkeiten und unguten Zusammenhängen. Das ist auch keine Atmosphäre, in der Mut und Zuversicht wachsen können. Ein Mitgefühl mit Opfern sexualisierter Gewalt wir immer wieder überlagert von alten Bildern und droht an der Oberfläche zu bleiben. Dass mit ihrem Schmerz die Herzmitte Jesu getroffen ist, kann nur noch schwer erfasst werden. Hier hat sich die Institution an den Gemeinden versündigt: Spirituelle und pastorale Verdummung sind die Folgen, Abstumpfung der eigenen Wahrnehmung und des Gewissens; schwer nachvollziehbar in einer Institution, der es nach eigenem Bekunden immer auf die Gewissensbildung der Gläubigen ankam. Die moralische Verwirrung einer Gemeinde kann eine schwerwiegende Folge sein die auch Auswirkungen hat in gesellschaftlichen Fragen.

4. Was nun diskutiert und bearbeitet werden muss:

Neben der Infragestellung der Amtstheologie und des Selbst- und Fremdbildes von geweihten Amtsträgern und der grundsätzlichen Veränderung der Kirchenstrukturen müssen weitere theologische Fragen diskutiert werden. Daran ist das ganze Kirchenvolk zu beteiligen, denn auch sind Selbstkritik und neue Orientierung unverzichtbar geworden.

Zu wenig sind in der Kirche die Stimmen der betroffenen Zeugen und Zeuginnen zu hören. Die Ursache ist zunächst die Scham, die sie durch Demütigung erfahren haben, aber auch ihr Glaubensverlust, der für viele die Gottesbeziehung getötet hat. Abgrenzung von Kirche und Gemeinden ist Teil der Selbstrettung. Hier eine offene Zuhör- und Gesprächskultur aufzubauen, wird eine sehr schwierige Arbeit sein, der sich die Kirche mit all ihren Kräften zu stellen hat. Der eigenen Schuld stellt man sich indem man sich der Opfer stellt und um Versöhnung und Vergebung ringt: “Wenn  du deine Opfergabe vor den Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe.“ (Mt 6, 23.24)
Jeder Gottesdienst, jede pastorale Arbeit wird schal, wenn die Gemeinden in diesem Bemühen nicht bestärkt und begleitet werden.

Folgen wir den Texten des NT, wird deutlich, dass es neben der grundsätzlichen Sündenvergebung böse Taten gibt, die weder durch menschliches Vergeben noch durch Wiedergutmachung auszugleichen sind, weil sie eine Verletzung der Weltordnung darstellen. Dazu zählt nach Auskunft der synoptischen Evangelien die Verführung von Kleinen und Schwachen: „Wer einen von diesen Kleinen, die auf mich vertrauen, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde.“ (Mk 9, 42). Diese Frage nicht offenzuhalten, sondern durch oberflächliches Vergeben an den Opfern vorbei zu schließen, birgt einen unermesslichen Schaden für die Gemeinschaft: Der Schmerz über das Unvergebbare und die Erinnerung daran verhindert das nächste Böse. Die jesuanische Schärfe darf nicht aufgelöst werden etwa in Therapie oder Nötigung von Betroffenen zur Vergebung.

Wer das Rechte kennt und nicht tut, verliert die Kraft und Fähigkeit das, was Recht ist zu kennen – und wer Kraft und Fähigkeit hat, Recht zu tun, aber unwillig ist, verliert die Kraft, seinem Gewissen zu folgen. Aus diesem Grund darf kein Täter mehr mit Aufgaben in der Seelsorge betraut werden. Gleichzeitig ist das Kirchenrecht zu ändern: Sexualisierte Gewalt muss als besonders schwerwiegendes Verbrechen im CIC aufgeführt und ausgeweitet werden auf abhängige und schutzbefohlene Personen über 16 Jahren (CIC 1395 §2).

Die Kirche steht vor einem Abgrund, der sich über Jahrhunderte vertieft hat. Die Kritik an der sexualisierten Gewalt durch Kleriker ist schon vor Jahrhunderten geäußert worden, beispielsweise von Mechthild von Magdeburg und Thomas Müntzer. Sie hatte aber in unaufgeklärten und undemokratischen Gesellschaften keine Chance durchzudringen. Heute treten die Widersprüche deutlicher zutage und auch der Mut, mit dem Menschen ihre Stimme erheben. Der Niedergang der Kirche scheint unaufhaltsam, wenn sie sich nicht endlich zu den grundlegenden Änderungen durchringt und eine Kirche im Geist Jesu wird: Eine in sich gerechte und solidarische Gemeinschaft an der Seite der Kleinsten und Schwächsten.
Aber dafür müssten die Verantwortlichen nicht länger den Verbrechern in der Kirche mehr glauben, als den Kritikern in der Kirche.

Jutta Lehnert