Sonntag, 17. November 2019

Denn sie wissen, was sie wählen

Kommentar von Sebastian Dittrich
 

„Ich kann doch im Unterricht den Kindern nicht sagen: Heute erzähle ich euch von Leuten aus der Bibel, die leider keinen Arierpaß hatten.“

Karl Steinbauer


Mit einem gewissen zeitlichen Abstand zu den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg kann ich kaum mehr an mich halten. Ich weiß nicht recht, wohin mit meiner Ratlosigkeit. Und mit dem Unbehagen, dass (rechnerisch) mehr als jeder vierte meiner Nachbar*innen, Kolleg*innen, oder nur Begegnenden in Sachsen eine rechtsextreme Partei gewählt hat. In voller Kenntnis wofür diese Partei und ihr Führungspersonal wirklich stehen.

Damit bin ich nicht allein. Wäre ich allerdings Mitglied der Sächsischen Landeskirche, ich müsste mich mittlerweile auch noch entsetzlich schämen. Wirklich laut, vernehmlich hat sich die Kirchenleitung vor der Wahl kaum geäußert. Nach der Wahl gab es eine sehr allgemeine, ökumenische Erklärung. Was der evangelische Landesbischof Carsten Rentzing darüber hinaus gegenüber der konservativ-evangelikalen Nachrichtenagentur „idea“ geäußert hat, darauf bin ich über einen kritischen Blog [1] gestoßen:

…„Ich glaube, dass wir durch diese Wahlen jetzt an der Stelle angekommen sind, wo wir tatsächlich – ob uns das immer gefällt oder nicht spielt im Grunde genommen keine Rolle – darauf angewiesen sein werden, ins Gespräch miteinander zu kommen“, so der Kirchenleiter. Knapp 30 Prozent der Wählerschaft [der AfD] könnten nicht einfach aus allen politischen Diskursen herausgehalten werden. „Wir müssen uns ihren Fragen stellen und wir müssen versuchen, in dieser Gesellschaft neu so etwas wie eine gemeinsame Sicht auf unsere gemeinsame Zukunft zu entwickeln“, so Rentzing. [2]

„Geistlich verblendet und politisch ignorant“
– so nennt das Christian Wolff, sächsischer Pfarrer im Ruhestand [1]. Eine gemeinsame Sicht – mit Rechtsextremen, mit Radikalen, Faschisten, Rassisten... Was soll das sein? Würde man mit Farben-Blinden darüber streiten, ob der Himmel blau oder rot sei – und sich dann um des lieben Friedens willen auf ein „violett“ einigen?

Während ich diese Zeilen tippe, liegt auf dem Tisch meine aktuellen Lektüre: da sind zum einen die Selbstzeugnisse von Karl Steinbauer (1906-1988), einem der aktivsten Mitglieder der Bekennenden Kirche, KZ- und Kriegs-Überlebender, in der Bayerischen Landeskirche später marginalisiert [3]. In seiner mehrbändigen Materialsammlung, einer Mischung aus Autobiographie und politisch-theologischer Reflektion, kann man nachlesen wie das ist wenn Kirche mit einem totalitär-rassistischen Staat eine gemeinsame Sicht entwickelt und die christliche Liebes-Botschaft verrät. Direkt daneben dann die „Angstprediger“ von Liane Bednarz [4]. Für mich eine erschütternde Reise in ein rechts-christliches Parallel-Universum, dass nur wenigen so präsent sein dürfte. Gehört dieser Landesbischof dazu? Steckt hinter dieser Form der Anbiederung der Wunsch nach Anverwandlung, gar nach reaktionärer Veränderung einer Gesellschaft, mit der dieser – nach eigener Auskunft – „konservative Lutheraner“ selbst nicht umgehen kann?

Man kann schockiert über die Verblendung des Herrn Landesbischofs sein, der die amtskirchliche Floskel „im Gespräch bleiben“ hier anscheinend neu interpretiert. Nicht mehr versuchen zu überzeugen, nicht gegenhalten, nicht kritisieren: Jetzt „müssen“ wir versuchen mit der AfD und ihren Anhänger*innen eine gemeinsame Sicht auf unsere Zukunft zu entwickeln. Mit Rassismus und totalitärer Herrsch-Sucht haben „wir“ aber keine Zukunft. Im 80. Jahr des Gedenkens des Beginns des 2. Weltkrieges sollte man das nicht näher ausführen müssen.

Nun würden die braun-blau gewandeten Wähler*innen wieder beleidigt entgegnen, sie seien ja keine Nazis, sie seien keine Rassisten. Und sie werden sekundiert von den wohlmeinenden Publizist*innen und Expert*innen, die jetzt alle möglichen Begründungen für solches (Wahl-)Verhalten finden, vom diffusen Gefühl des politischen „Verlassen-seins“, von Orientierungslosigkeit und persönlicher Degradation der Nachwende-Zeit. Auch die Psychologie wird bemüht [5] und man fragt sich eigentlich nur, wann die Pfeiffersche „Töpfchen-Theorie“ [6] wieder ausgegraben wird um Gewaltexzesse á la Chemnitz zu erklären – oder zu entschuldigen?

Ich bin diese Erklärungen langsam leid. Ich kann kaum noch ertragen, wie ständig erklärt wird, entschuldigt, verharmlost. Und wie Medien Politik und zunehmend auch die Kirchen  –  seit gefühlt Jahren  –   um das eine bockig-aggressive Kind im Raum rotieren, während sich alle anderen weitgehend produktiv und mitmenschlich betätigen. Die stehen dabei fragen sich: Wer beachtet uns endlich mal wieder? Und es ist ja nicht so, dass es keine anderen Probleme gäbe als Identitäts-Findungs-Störungen, die zu oft (gefühlt fast immer) menschenfeindlich ausgelebt werden.

Kirche muss sich natürlich auch damit beschäftigen. Sie sollte jedoch aufhören, sich als gesamt-gesellschaftlicher Vermittlungsausschuss zu begreifen. Sie ist vielmehr ein gesellschaftlicher Akteur unter anderen, vielleicht sogar eine Partei. Und sie muss als solche erkennbar sein. Die christliche Botschaft verlangt in ihrer Verkündigung klare Standpunkte – und die klare Ansage, wo christliche Grundsätze verletzt werden. Niemand sollte mehr den Rechten auf den Leim gehen mit ihrem Getue als unterdrückte Opfer. Wölfe können nie gleichzeitig Schafe sein. Die Wählerinnen und Wähler der AfD haben sich entschieden. Das ist ihr Recht. Es ist aber keinesfalls unsere Pflicht, uns unendlich nach rechts zu verbiegen, damit für solche Abdriftenden und Abtrünnigen noch ein warmes Plätzchen frei bleibt. Komisch: Ginge es um progressive Reformen, würde das umgehend als „Anbiederung an den Zeitgeist“ gebrandmarkt. Als Christinnen und Christen, als Kirche kommen wir jedenfalls nicht drum herum, uns selbst klar zu entscheiden:

„Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn viele falsche Propheten sind hinausgegangen in die Welt.
Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Ein jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist, der ist von Gott;
und ein jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, der ist nicht von Gott. Und das ist der Geist des Antichrists, von dem ihr gehört habt, dass er kommen werde, und er ist jetzt schon in der Welt.
Kinder, ihr seid von Gott und habt jene überwunden; denn der in euch ist, ist größer als der, der in der Welt ist.
Sie sind von der Welt; darum reden sie, wie die Welt redet, und die Welt hört sie.
Wir sind von Gott, und wer Gott erkennt, der hört uns; wer nicht von Gott ist, der hört uns nicht...“

(1. Brief des Johannes 4, 1-6a).

Was sich da alles als Prophet*in und Verkünder*in angeblich unterdrückter Wahrheiten zeigt, ist mit der christlichen Botschaft schwer in Verbindung zu bringen. Vielleicht wäre es, im Eingeständnis des „nicht gehört Werdens“ eine Maßnahme, auf jene Verschlossenen nicht ständig erzieherisch einzureden oder Gespräche erzwingen zu wollen. Jene Wahlberechtigten, mutmaßlich erwachsenen Menschen will ich als solche ernst nehmen: Ich will keine unbedarften übellaunigen Kinder mehr in euch sehen, erst recht keine jammernden Ossis. Ihr habt gewusst, was ihr wählt. Ihr habt damit nicht nur euren Wählerwillen dokumentiert, nicht nur eure (mutmaßliche) Wut, sondern eben auch eure eigene Menschenfeindlichkeit, die eure gewählten Vertreter*innen tagtäglich vorführen. Sie repräsentieren euch. Die Vertreter*innen der so genannten „Altparteien“, die ihr verachtet und Schimpf, Schande und Mord preisgebt, sie repräsentieren auch uns – die immer noch große Mehrheit, die eure Ansichten nicht teilt. Oft grundsätzlich nicht teilen kann.

Nun müsst ihr als Erwachsene selbst entscheiden, ob ihr euren Weg weiter so gehen wollt. Christlich – sollte das für euch überhaupt noch eine Rolle spielen – könnt ihr ihn jedenfalls nicht nennen.


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Quellenhinweise:

[1]    wolff-christian.de/saechsische-kirchen-im-abseits-geistlich-verblendet-und-politisch-ignorant/ - letzter Zugriff: 6.09.2019
[2]    www.idea.de/politik/detail/landtagswahlen-gemischte-reaktionen-bei-den-kirchen-110292.html - letzter Zugriff: 6.09.2019
[3]    Steinbauer, Karl. 1983-1987. Einander das Zeugnis gönnen Bd. I-IV. Selbstverlag, Erlangen.
[4]    Bednarz, Liane. 2018. Die Angstprediger. Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirchen unterwandern. Droemer, München.
[5]    www.tagesspiegel.de/politik/eine-kleine-psychoanalyse-der-afd-was-die-rechten-in-ostdeutschland-so-erfolgreich-macht/24938936.html - letzter Zugriff: 6.09.2019
[6]    www.tagesspiegel.de/kultur/das-toepfchen-und-der-hass/77844.html - letzter Zugriff: 6.09.2019