Mittwoch, 11. Dezember 2019

Ein Bischof geht – Was wird aus der Landeskirche?

Gedanken nach dem Rücktritt des Sächsischen Landesbischofs Carsten Rentzing

Kommentar von Sebastian Dittrich


Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.

Lukas 15, 21


Hinterher ist man immer schlauer – als ich den letzten Kommentar verfasst habe, habe ich nur gemutmaßt, dass der sächsische Landesbischof vielleicht ein Problem mit der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft habe. Kaum anders konnte ich mir erklären, wie er nach der Landtagswahlwahl dafür plädierte, mit einer rechtsextremen Partei und ihren Wählern „so etwas wie eine gemeinsame Sicht auf unsere gemeinsame Zukunft zu entwickeln“ [1].

Nun, nach Lektüre seiner auszugsweise bekannt gewordenen, elitären und demokratieverachtenden Texte, da kann man sagen: Zumindest vor drei Jahrzehnten hatte er mit der freiheitlichen Gesellschaft sicher ein Problem. Und das äußert sich eben nicht in bedenkenlos dahin Gesagtem, sondern auf einem gewissen intellektuellen Level, sogar als Mitredakteur einer recht-konservativen bis rechtsextrem Kleinst-Zeitschrift. In seinen Texten, ihrer Ablehnung von parlamentarischer Demokratie und Relativierung der universalen Menschenrechte kann man leider wirklich viel wiedererkennen von dem National-Protestantismus der Kaiserzeit und 1920er/1930er Jahre.  Jenes  tendenziell antidemokratische, nationalistische „Luthertum“, das letztlich (mit) zum Totengräber der ersten deutschen Republik wurde, in weiten Teilen die Machtergreifung Hitlers begrüßte, durch Schweigen, Mitlaufen und Mit-Tun eine Mitschuld an Holocaust und Weltkrieg trägt.

Zwar hat der Landesbischof in seiner Rücktrittserklärung kryptisch davon gesprochen, dass er viele seiner Positionen die er vor 30 Jahren gehabt habe, nicht mehr teile. Und ich möchte das glauben wollen. Wer als Christ, als Kirche, die persönliche Umkehr und mögliche Bekehrung eines „Sünders“ grundsätzlich nicht annehmen möchte, hat Jesu Worte, zumal das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15, 11-32) offenbar nicht verstanden. Allerdings hat jener verlorene Sohn zu seinem falschen Handeln gestanden, seinen selbst-verschuldeten Un-Wert eingestanden. Offene Reue, vollständige Transparenz, die zeigte der Bischof in seiner ersten dürren Erklärung nicht. Vielmehr sieht es ja so aus, dass er mit seinem Rückzug die inhaltliche Konfrontation mit einigen seiner Kritiker hat vermeiden wollen. Es ging diesen um ein Gespräch. Kein inquisitorisches Verfahren, kein stalinistischer Schauprozess mit vor-formulierter Selbst-Bezichtigung.

Eine gespaltene Landeskirche?

Rentzing und sein Vorgänger Jochen Bohl wurden jeweils mit sehr knapper Mehrheit gewählt, was auch die Spaltung der Sächsische Landeskirche zeigt. Bohl soll (so sagt man) eher progressiv gewesen sein, Rentzing gilt (zweifelsohne) als konservativ. Bei beiden war das im praktischen, öffentlichen Handeln nur schwach erkennbar, bei Renzing am ehesten noch im Umgang mit Homosexuellen. Eine reaktionäre Agenda kann Rentzing hingegen kaum nachgesagt werden, auch wird ihm durchaus ein gewisses Eintreten gegen Rechts bescheinigt [2]. Geschwiegen hat er nicht.

Aber es blieb unterhalb einer gewissen Schwelle, was man durchaus als „Beißhemmung“ einordnen kann. Vielleicht gar nicht einmal wegen seiner rechtsextremen Vergangenheit. Sondern als Ausdruck eines schwierigen Lavierens zwischen zwei kirchlichen Lagern: Hier erzkonservative, vor allem im Erzgebirge beheimatete „Bekenntnistreue“ die mit rechten Parteien keine großen Berührungsängste haben, dort die progressiven, meist eher urbanen Christ*innen, etwa in Leipzig und Umland (schon weniger in Dresden). Für die einen sind allzu deutliche Ansagen in Richtung AfD und Pegida schon beinah Verrat und „links“ (= pfui), für die Progressiven darf es bei Ansagen nicht bleiben, werden deutliche Grenzziehungen gegen Rechts verlangt. Kein Reden mit Rechts.

Ist die sächsische Landeskirche nun ebenso zerrissen, gespalten wie der Rest der Gesellschaft? Wenn es so wäre, dann wäre es die unausweichliche aber vielleicht kaum schaffbare Aufgabe des nächsten Bischofs, diese Spaltung zu überwinden. Nun ist „Einheit“ aber kein Wert an sich, was man auch manchen Ökumenikern zum „eins sein“ (Philipper 2, 1-2) immer wieder sagen muss. Denn woran soll sich die Einheit denn orientieren? Die Bibel ist (das lutherische sola scriptura hin oder her) interpretationsfähig. Man kann mit Christus überzeugend gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit argumentieren – und andere werden umso eifriger darauf hinweisen, dass sich das kaum auf Andersgläubige beziehen könne (und so genannte „Wirtschaftsflüchtlinge“ schon mal gar nicht). Man kann, muss, den Holocaust aus christlicher Sicht überzeugend als unvergleichliches Menschheitsverbrechen deuten. Andere setzen legale Abtreibungen mit dem Holocaust gleich. Die jüngeren Bekenntnis-Schriften der Reformation sind auch nicht zwingend als Kampfmittel gegen Rechts geeignet, noch nicht einmal das Bekenntnis von Barmen. Denn hier werden Übergriffe des Staates auf kirchliche Angelegenheiten abgewehrt („verworfen“), das gesellschaftspolitische NS-Unrecht aber nicht. Eine solch unpolitische kirchliche Linie scheint auch Rentzing bei seinem vergangenen Umgang mit dem Rechtsextremismus verfolgt zu haben.

Aus meiner Sicht führt ein „Einschwören“ auf Einheit, auf irgendeine gemeinsame Linie zu nichts. Ich halte es vielmehr schon grundsätzlich für falsch, von Spaltung der Kirche zu reden. Es geht hier um das massive, unchristliche Abweichen von einer grundsätzlich menschenfreundlichen, freiheitlich-demokratischen, tendenziell linksliberalen Grundhaltung, die sich in weiten Teilen der evangelischen Kirchen über Jahrzehnte durchgesetzt hat. Trotzdem bleiben aber alle evangelischen Landeskirchen Gemischtwarenläden, in denen sich auch Konservative heimisch fühlen können. Zumal auch Konservative demokratische Entscheidungen zumeist akzeptieren, zu einem duldenden Pragmatismus fähig sind und (oft) auch ein funktionierendes Sensorium bzgl. Rechts-Extremismus haben [3]. Teile der sächsischen Landeskirche sind aber kaum mehr konservativ, sondern reaktionär, rechts-extrem bis rechts-radikal.

Das ist keine Spaltung, die gekittet werden kann und sollte. Letztlich müssen jene Menschen und Kreise sich schlicht entscheiden, ob sie zu einer Kirche noch dazu gehören wollen, der sie mitunter die Rechtmäßigkeit absprechen und deren demokratischen Synoden-Beschlüssen sie schon mal den „Bekenntnis-Notstand“ entgegenstellen (siehe der Pfarrhaus-Streit von 2012). Es ist aus meiner Sicht heuchlerisch, einerseits gegen andere Teile der Kirche regelrecht zu hetzen, zugleich aber die kirchliche Infrastruktur zu nutzen, Kirchensteuer-Zuweisungen und sonstige Finanzmittel aus einer Hand zu nehmen, die man beißt und bespuckt. Dann soll man doch konsequent sein und gehen. Oder man muss gegangen werden. In der Bibel (Achtung, liebe Bekenntnis-Treue!) nennt man das „Scheidung der Geister“ (1. Brief des Johannes 4, 1-6a). Das betrifft aus meiner Sicht auch jene angeblich 120 sächsischen Kirchenmitglieder, die das des EKD-Engagement bei der Seenot-Rettung im Mittelmeer ablehnen und deshalb mit Austritt drohen [4]. Reisende soll man nicht aufhalten.

Scheiden tut weh, muss aber manchmal sein. Zumindest im Bezug auf die Abgrenzung gegen Rechts – denn entgegen mancher Einschätzung sind Ächtung und Ausgrenzung etwa bzgl. der AfD durchaus wirksam [5]. Und es gäbe auch noch drängendere Arbeitsfelder. So geht besonders auf Aktive der Sächsischen Landeskirche die wirtschaftskritische Initiative „Anders Wachsen“ [6] zurück. In Dresden gibt es dazu inzwischen eine Projektstelle für konkrete Umsetzungen in Modell-Gemeinden. Ein im guten Sinne radikaler Beitrag, gesellschaftliche Probleme an der Wurzel anzugehen, ohne sich von rechten Identitäts-Diskursen ablenken zu lassen. Zu den Erst-Unterstützer*innen zählt übrigens auch Altbischof Jochen Bohl.

Nachtrag: Wie der Landesbischof selbst für Klärungen sorgt

In seiner persönlichen Erklärung an die Landes-Synode in Dresden [7] konstruierte Rentzing schließlich von sich das Bild eines neugeborenen Christen, der sich nach politischen Umwegen ausschließlich der Sache Christi verschrieben habe. Es bleiben aber Fragen und Widersprüche. So hat er z.B. in seinen früheren Texte die Demokratie auch deshalb abgelehnt, weil in ihr nicht die geeignetsten Personen in Leitungsämter kämen. Warum aber hat er dann in einer demokratischen Bischofswahl kandidiert, wenn er sich selber als weniger geeignet als der damalige Gegenkandidat hielt? Andere Bischofswahlen (z.B. in Hannover) konnten auch durch Rückzug eines Kandidaten entschieden werden. Anscheinend fühlte er sich selbst aber zu dringend berufen, dass diese Option nicht für ihn in Frage kam. Und dann war es eben eine (unterlegene) Minderheit die das knappe Votum der Synode nicht akzeptiert habe. Jene Kritiker haben ihm demnach seine (behauptete) Wandlung böswillig nicht abgenommen. Und ihn quasi aus dem Amt getrieben. Futter für die rechten Verschwörungstheoretiker von idea & Co. die inzwischen munter die Mär eines links-extremen/politisch korrekten Mobbings verbreiten.

Abgesehen von dieser (sehr typisch rechten) Selbst-Victimisierung von Rentzing sind dann Vergleiche mit anderen Personen sehr ärgerlich: Zum einen ein (halber) Verweis auf Paulus von Tarsus, zum anderen die Anspielung auf einen Ministerpräsidenten mit kommunistischer Vergangenheit, der ja auch im Amt bleiben darf. Nun hat der praktizierende Katholik Winfried Kretschmann daraus nie ein Geheimnis gemacht. Und die Baden-Württemberger haben in demokratischen (Achtung, Herr Rentzing!) Landtagswahlen auch darüber mehrfach befinden können. Die sächsischen Synodalen konnten das nicht. Es ist auch vielsagend, dass Rentzing zuallererst ein grüner Ministerpräsident mit (ferner) linksextremistischer Vergangenheit einfällt. In der Nachkriegs-EKD und speziell in seiner früheren Berliner Landeskirche gab es da ganz andere, rechte, Beispiele: Etwa der scheußliche Antisemit Martin Dibelius. Der hat es immerhin zum Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzenden gebracht.

Ganz besonders perfide und unwürdig sind in der Erklärung jedoch die Zitate seiner beiden Töchter, die (laut Vater Rentzing) „Gerechtigkeit“ für den Vater fordern, und die (nachvollziehbare) Belastung ihrer Familie beklagen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemals Horst Seehofer zitieren würde. Aber zu dem ähnlichen Vorgehen von Sigmar Gabriel im Streit mit Martin Schulz (2018) fand Seehofer sehr klare Worte: „Also eine Tochter zu instrumentalisieren, in einer innerparteilichen Auseinandersetzung ist inakzeptabel. Noch dazu mit mit der ihr in den Mund gelegten Äußerung... Aber überhaupt ein Kind einzubeziehen in die politische Auseindersetzung, das ist völlig daneben. Ich glaub' das hat's auch so noch nie gegeben (...) – Geht nicht“ [8].

Jetzt gibt es das auch in der Kirche. Und Carsten Rentzing schafft das sogar mit zwei Kindern. So hat er schließlich selbst den Beweis erbracht, dass er – ungeachtet seiner (mutmaßlichen) politischen Orientierung – für das Amt des Landesbischofs wirklich ungeeignet war. Womit er seiner Landeskirche am Ende noch einen guten Dienst erwiesen hat.

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[1] https://www.ikvu.de/kontexte/texte-personen/kommentar2019-01-dittrich.html
[2] Ein Bischof flieht aus dem Amt. Die Zeit 43/2019, 17.10.2019
[3] https://www.cicero.de/innenpolitik/politischer-aschermittwoch-afd-andre-poggenburg-alice-weidel-alexander-gauland
[4] https://eulemagazin.de/viel-lob-und-einiges-unverstaendnis-die-ekd-synode-zu-gast-in-sachsen/
[5] https://www.zeit.de/kultur/2019-11/rechtsextremismus-afd-populismus-rassismus-propaganda-rechtsruck
[6] https://www.anders-wachsen.de/
[7] https://engagiert.evlks.de/fileadmin/userfiles/EVLKS_engagiert/B._Landeskirche/Landessynode
/Herbst_2019_Bilder/Freitag/Persoenliches_Wort_an_die_Landessynode_Rentzing.pdf

[8] Im Labyrinth der Macht - Protokoll einer Regierungsbildung, März 2018. - https://www.youtube.com/watch?v=BO8b-VHGVYA