Freitag, 25. September 2020

Falsche Prioritäten – Wortmeldungen und Auslassungen der Kirchen in der Corona-Krise

Ein Kommentar von Sebastian Dittrich


Ich sprach: In der Mitte meines Lebens muss ich dahinfahren, zu des Totenreichs Pforten bin ich befohlen für den Rest meiner Jahre. (…) Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe...
Gesang des Hiskia; Jesaja 38, 10.17

Vorweg: Was wir in Deutschland von den Vertreter*innen der großen Kirchen und anderer Religionsgemeinschaften hören und sehen, ist nicht entfernt vergleichbar mit z.B. evangelikalen Massenorganisationen oder ultra-orthodoxen jüdischen Gemeinschaften. Diese haben durch ihr verantwortungsloses Verhalten zur Corona-Ausbreitung in verschiedenen Ländern beigetragen, etwa in den USA, Brasilien, Frankreich oder Israel. Es ist wenig aussichtsreich, mit solchen Menschen darüber zu debattieren, ob Gott durch Anrufung im Gebet vor Corona rettet, oder doch eher mittels jener Menschen, die er (oder sie) mit medizinisch-wissenschaftlichen Fähigkeiten gesegnet hat. Ich halte letzteres für wahrscheinlicher.
Nachdem das festgehalten ist, will ich mich aber manchen Kirchenvertreter*innen und anderen „Gottesmännern“ zuwenden, die doch zeigen, dass sie die aktuelle Lage verkennen oder doch nicht ganz begriffen haben, was vielleicht auch wichtig wäre. Und ich möchte an Zwischentöne erinnern, die mir gut gefallen haben, zu Themen, die ebenso Theolog*innen oder anderen Vertreter*innen meiner Kirche angehen würden.

Fangen wir mal mit einem freien Radikalen an, den geneigte Medien gern als „Klartext-Redner“ beweihräuchern: Peter Hahne. Der im Ruhestand befindliche rechts-evangelikale Pastor und „Bild“-Kolumnist ließ es sich pünktlich zum Osterfest nicht nehmen, entsetzt die „Schließung der Kirchen“ zu beklagen [1]. Das habe selbst die Nazi-Diktatur nicht hinbekommen, und Erich Honecker schon gar nicht: dass Kirchen schließen. Nun würde er, da mit 67 zur Risiko-Gruppe gehörend, selbst nicht zum Gottesdienst gehen. Aber er wünsche sich, dass „junge Menschen“ gemeinsam Gottesdienst feiern könnten und gemeinsam Osterlieder von der Auferstehung singen könnten.
Um es klar zu sagen: das Recht auf freie Religionsausübung ist ein Grundrecht. Es einzufordern ist nicht nur legitim, sondern mit zunehmender Dauer der Krise auch geboten, und kann von Bischöf*innen wie auch anderen Christ*innen erwartet werden. Aber so?
Davon einmal abgesehen, hat Hahne natürlich (wohl wissentlich) unterschlagen, dass viele Kirchen keineswegs geschlossen waren und sind: So sind in vielen Gemeinden die Kirchen wenigstens zu den Gottesdienstzeiten offen, besteht die Möglichkeit zum Gebet, konnten an Ostern Kerzen entzündet werden. Auch hat er damit gleich mal alles vom Tisch gewischt, was Gemeinden, Haupt- und Ehrenamtliche zurzeit alles möglich machen, welche neuen kreativen Lösungen vielerorts gefunden wurden und sich bewährt haben. Laute Bedarfsmeldungen „junger Menschen“ (wen auch immer Hahne damit meint) sind mir auch nicht bekannt. Gerade diese sind doch ganz besonders kreativ, was „digitale“ Lösungen angeht. Was vermutlich außerhalb des Horizontes des Bücher-schreibenden Hahne liegt.
Die von Hahne postulierte „Mitte des christlichen Glaubens“ haben schon vor Corona viele Menschen nicht mehr im Sonntagsgottesdienst gesehen. Die jetzt gefundenen Lösungen für kleine Gottesdienste mit begrenzten Teilnehmer*innen halte ich auch nicht für sinnvoll. Die z.B. in Sachsen angegebene Zahl 15 erscheint mir als bloße Hausnummer (siehe auch Post Scriptum). In manchen Gemeinden dürften es auch in normalen Zeiten kaum mehr sein; in großen Kirchen würde der Anblick so weniger Menschen vielleicht eher noch missmutiger stimmen. Und wenn dann noch Gemeindegesang, wie ein EKD-Papier [2] fordert, unterbleiben soll – was bleibt dann übrig? Offen auch die Frage, wer teilnehmen könnte oder sollte. Risikogruppen scheiden aus – und damit viele Senior*innen, die einen großen, wenn nicht überwiegenden Teil der Sonntags-Gemeinden stellen; dann auch viele Menschen mit gefährdeten Angehörigen. Bleiben dann nur  Konfirmand*innen bzw. Firmlinge, die von ihren Eltern eine Stunde in der Kirche zu Orgelmusik und Ansprache „abgeladen“ werden, um den Lagerkoller zuhause zu minimieren?

Fraglich bleibt bei der Wiederaufnahme der Gottesdienste auch die Gestaltung der Sakramente, im Besonderen der Eucharistie und Abendmahlsfeiern. Nach dem EKD-Papier können sie unterbleiben – im Gottesdienst sei grundsätzlich die volle Anwesenheit Jesu Christi gegeben [2]. Aber wie wäre es dann innerhalb der kleinen Haus- und Familiengemeinschaft? Dazu ließen es sich Vertreter*innen des EKD-Kirchenamtes schon Anfang April nicht nehmen, eine Handreichung zum Thema Abendmahl zu erarbeiten [3]. Abgewogen wurden dabei die Argumente für und wider der Wiederentdeckung des allgemeinen Priestertums der Gläubigen, speziell der Frage, ob nicht in Zeiten von Corona alle Gläubigen in Haus- und Familienkreisen nun Abendmahl ohne Pastor*in feiern könnten. Da ja der Zugang zum normalen Gottesdienst bzw. den lt. Kirchenordnung „berechtigten“ Hauptamtlichen nicht gegeben ist. Die Tendenz: nein, keine solchen Abendmahle im kleinen Kreis. Ordnung muss sein.
Es müssen Menschen ohne Kinder und Risiko-behaftete Angehörige sein, die sich im bequemen Homeoffice solche Gedanken machen können. Besonders ärgerlich auch: wichtiges Gegenargument zum Laien-eingesetzten Abendmahl ist natürlich wieder mal die „ökumenische Verständigung“. Soldaten in den Schützengräben des ersten Weltkrieges, die mit Schwarzbrot und Kaffee Abendmahl feierten, würden sich im Grabe herumdrehen. Sie waren damit viel weiter. Und um es mal klar zu sagen: Würde ich in einer WG wohnen oder hätte Ostern im Familienkreis verbracht, ich hätte bei entsprechendem Wunsch mit JEDER und JEDEM Abendmahl gefeiert. Und würde mir jegliche Kritik der Herrschaften Anke, Gundlach, Gorski und Bosse-Huber verbitten, die das Erbe der Reformation noch in der Krise mit Füßen treten. Was mich auch schon länger umtreibt: Warum ist für solche Schreiberlinge Geld da, nicht aber für die Evangelische Journalisten-Schule?

Der Lage angemessene und wichtige Zwischentöne habe ich aber von zwei anderen Personen wahrgenommen, die mit der Kirche wenig zu tun haben.

Da wäre zum einen die Publizistin Thea Dorn, die angesichts der Sorgen um die Überlastung des Gesundheits-Systems und der Pandemie-bedingten Isolation von Menschen in Pflegeheimen resümiert: „Es gibt schlimmeres als den Tod – den elenden Tod“ [4] Damit gemeint ist das einsame Sterben hoch betagter Menschen, ob nun aufgrund von Corona oder anderer Erkrankungen, in völliger Isolation oder nur umgeben von voll-verhüllten Pflegepersonal. Was für viele im Moment Realität ist, führt sich Dorn für ihre schon länger verstorbene Mutter vor Augen. Und so denke ich in diesen Tagen an meine Großmutter, die 2017 mit 91 Jahren starb. Wie hätte man ihr noch erklären können, dass niemand mehr zu Besuch kommt? Und wie hätte die Begleitung im Sterben ausgesehen? Telefonieren wäre keine Option gewesen. Zumindest aber hatte sie mittels Patientenverfügung vorgesorgt – Eine Verbringung ins Krankenhaus, insbesondere Zwangsbeatmung u.a., was wahrscheinlich wenig Erfolgsaussichten gehabt hätte, wäre ihr erspart geblieben.
Sehr viele Menschen in den Alten- und Pflegeheimen haben solche Verfügungen aber nicht. Darauf hat etwa der Mediziner Matthias Töns in einem Interview hingewiesen [5]: Die Intensivbehandlung sei häufig sehr leidvoll, habe wenig Erfolgsaussichten – vor allem bei sehr alten Menschen. Selbst im Falle einer „erfolgreichen“ Behandlung seien diese (oft noch viel mehr) pflegebedürftig. Aufwand und Nutzen stünden in keinem Verhältnis zueinander. Weiterhin werde das Pflegepersonal dadurch erheblichen Risiken ausgesetzt. Kurzum: Es würden „sehr falsche Prioritäten gesetzt und alle ethischen Prinzipien verletzt“. Aus Patienten, denen man bisher und viel besser palliativmedizinisch geholfen hätte, würden nun Intensivpatienten. Vielfach haben Palliativmediziner auch gar keinen Zugang mehr zu Alten- und Pflegeheimen. Dabei könnten sie sicherstellen, dass bei einer bewussten Nicht-Behandlung von Corona niemand qualvoll ersticken müsste: „Atemnot zu lindern ist für einen Palliativmediziner, wie ich es bin, eben total simpel, das ist einfach möglich“ [5]. Das scheint in der aktuellen Diskussion um Infektionsprävention und Lebensrettung ziemlich untergegangen zu sein.

Auch die Kirchen, die ja wichtige Betreiber von Krankenhäusern und Pflegeheimen sind, sind hier gefragt. Sie beteiligen sich an dieser Zwangs-Lebensrettung, die letztlich oft in ein nicht mehr lebenswertes Leben führt oder das Sterben verlängert und besonders einsam, grausam und entwürdigend macht. Für die Sterbenden wie auch für ihre Angehörigen. Wäre dieser auch seelsorgerliche Notstand nicht ein viel wichtigeres Thema als die Wiederaufnahme von Gottesdiensten?

Gerade in der jetzt so dringend notwendigen medizin-ethischen Diskussion scheint es sich aus meiner Sicht zu rächen, dass die innerkirchlichen Diskurse bis heute sehr stark von so genannten „Lebens-Schützern“ dominiert werden. Damit wurden Auswege für ein weniger schmerzerfülltes, auch selbstbestimmtes Sterben in Würde verbaut. Diskussion über andere Formen von Heilung, die über das technische „Beheben“ von Krankheiten hinausgehen wurden eingeschränkt. Nicht zuletzt hat uns das massive Lobbying der großen Kirchen einen Praxis-untauglichen Kompromiss zur Sterbehilfe beschert, der mittlerweile vom Bundesverfassungsgericht verworfen wurde. Ich halte es aber nicht für unmöglich, dass die dadurch verursachte Rechtsunsicherheit, zumal für Ärzte und Pflegepersonal, noch immer wirkt. Die Verantwortung aber nun allein auf die Betroffenen und Patientenverfügungen zu verlagern (die akut oft gar nicht mehr verfasst werden können) – das wird nicht funktionieren. Letztlich muss sich jeder Lebensschützer oder sonstige Ethiker*in in unseren Kirchen die Frage stellen, ob es in Ordnung ist, eigene Standpunkte – die man ja haben und begründen kann – über das Wohlergehen anderer zu stellen. Die Gesellschaft ist längst weiter, aber nicht zwangsläufig weiter von Gott und Mit-Menschlichkeit entfernt.

In Nachfolge Jesu (so abgedroschen das klingen mag) gehören Christ*innen und auch unsere christlichen Kirchen als Institution an die Seite der Schwachen, sozial und räumlich Ausgegrenzten. Sie gehören sicher nicht an die Seite jener, die sich gerade im Homeoffice unter vollen Lohnbezügen langweilen, oder jener, die meinen, durch soziale Distanzierung die Krise „technisch“ bewältigen zu können. Und sie gehören nicht an die Seite jener, die meinen, man müsse jetzt besonders große (und rechtlich fragwürdige) Opfer bringen, damit es danach wieder so wird wie vorher. Damit Kapitalismus und Globalisierung einfach so weiterlaufen können. Gelegentlich hatte ich in den letzten Wochen den Eindruck, dass die Kirchen sich mit anderen, teils eher nebensächlichen Fragen beschäftigen. Und damit in der aktuellen Diskussion auch selbstverschuldet in Abseits geraten.

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Post Scriptum:
Zum 20.04. wurde in Dresden wieder eine PEGIDA-Kundgebung unter Auflagen genehmigt. Von den ursprünglich genehmigten 80 Teilnehmer*innen (Dresdner Ordnungsamt!) wurde die zulässige Zahl auf 15 herabgesetzt, mit Verweis auf entsprechende Auflagen für rechte Gruppen in Chemnitz und Leipzig – und jene Teilnehmerzahl für Gottesdienste in sächsischen Kirchen. Man könnte über diese (wohl versehentliche) Gleichsetzung von Faschisten und Religionsgemeinschaften zumindest irritiert sein – die Sächsischen Kirchen waren es bisher nicht.

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Quellen:

[1] https://www.bild.de/video/clip/news-inland/corona-krise-pastor-peter-hahne-entsetzt-ueber-ostern-ohne-gottesdienst-69909322-69916084.bild.html – siehe dazu auch den Kommentar von Andreas Püttmann:
https://www.domradio.de/themen/ostern/2020-04-10/lackmustest-fuer-christen-ein-gastkommentar-ueber-das-osterfest-zeiten-der-pandemie
[2]  Eckpunkte einer verantwortlichen Gestaltung von Gottesdiensten in den Gliedkirchen der
Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) – download: https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/Eckpunkte_verantwortliche_Gestaltung_von_Gottesdiensten.pdf
[3] Hinweise zum Umgang mit dem Abendmahl in der Corona-Krise - Download unter:  
https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/Hinweise%20zum%20Umgang%20mit%20dem%20Abendmahl%20in%20der%20Corona-Krise.pdf
[4] https://www.zeit.de/kultur/2020-04/sterben-coronavirus-krankheit-freiheit-triage
[5] https://www.deutschlandfunk.de/palliativmediziner-zu-covid-19-behandlungen-sehr-falsche.694.de.html?dram:article_id=474488