Sonntag, 16. Juni 2019

Neujahrsgruß 2019 der Initiative Kirche von unten


von Sebastian Dittrich

Suche Frieden und jage ihm nach!
Psalm 34,15

Liebe Freundinnen und Freunde der IKvu,

wieder soll uns bei diesen Neujahrsgedanken die Jahreslosung für das neue Jahr 2019 leiten. Schon beim 101. Katholikentag 2018 ist sie uns begegnet, und kritikwürdig ist die Übertragung der Einheitsübersetzung (desgleichen auch Luther) immer noch. Selbst in der längst selbst historischen „Verdeutschung der Schrift“ von Buber & Rosenzweig wird dem Frieden nachgejagt. Aber was soll das „Nachjagen“ sein, was soll damit heute assoziiert werden? Frieden als fernes Ziel, als ewige, unerreichbare Beute? Kein Geschenk Gottes? Nichts zum Annehmen, Anfassen und Gestalten? - Es gibt auch andere Zugänge. Lassen wir die Basisbibel zu Wort kommen, und lesen das Losungs-Fragment im Sinn-Zusammenhang:

Kommt, ihr jungen Leute, und hört mir zu!
Ich will euch beibringen,wie man in Ehrfurcht vor dem HERRN lebt.
Wer möchte sich nicht am Leben freuen und seine Tage im Glück zubringen?
Dann hüte deine Zunge vor böser Nachrede und deine Lippen vor verlogenen Worten.
Halte dich fern vom Bösen und tue Gutes!
Suche den Frieden und setze dich dafür ein!

Psalm 34, 12-15

Damit könnte dieser Text gut enden – ja, es könnte doch so einfach sein. Das „Streben nach Glück“ ? schon hier. Aber nicht einfach so: Nicht rücksichtslos, eigensinnig. Sondern verbunden mit Mitmenschlichkeit. Die rhetorische Frage: „Wer möchte nicht... ?“ kann hier nur verneint werden. Das „Ich“ verneint, und sagt damit Ja. Ja zu der Sehnsucht, dem Anrecht auch aller Anderen auf ein gutes Leben. Ein Leben in Freude und Glück. Große Humanität zeigt sich in den Texten der hebräischen Bibel, Teil der jüdischen Identität, deren vielleicht wichtigste Gaben an die Menschheitsgeschichte das prophetische Streben nach Gerechtigkeit ist, die Anteilnahme am Schicksal auch der (Volks-)Fremden, ja sogar die bewusst gepflegte Erinnerung daran, selbst vor Unterdrückung und Tod geflüchtet zu sein [2]. In solcher Mitmenschlichkeit zeigt sich die Ehrfurcht vor dem einen Gott, meinem, unserem Gegenüber. Kein „Jagen“ nach egoistisch-selbstsüchtigen Zielmarken. Sondern Verpflichtung zum Guten. Einsatz für Frieden, der nicht fern am Horizont steht.

Es passiert aber gegenwärtig ganz Anderes. Die Frage „Wer möchte nicht...?“ - Wer will sie jetzt noch hören? „Willkommenskultur“ ist längst zum Nicht-Wort geworden: Wir benutzen es kaum mehr. Ordnung und Steuerung – das ist die Devise. Echtes Leid wird weg-definiert. Wir fragen nicht mehr: „Wer möchte...?“ sondern: „Wer darf?“ ? und setzen schlicht voraus, dass wir darüber zu bestimmen berechtigt sind. Das Recht des Stärkeren dominiert. Ob wir es wollen oder nicht: Wir sind schon längst in einem darwinistischen, globalen Verteilungskampf. Mit Menschlichkeit hat das schon jetzt wenig zu tun. Wir kommen so nicht mehr weiter; der um sich greifende Nationalismus, Realitäts-verweigernder Populismus – das sind nur noch Rückzugsgefechte. Aggressiver kindlicher Trotz, insbesondere älterer und alt-gewordener Männer. Die Konsequenz ihres Handelns - ganz gleich ob Brexit, Klimawandel-Leugnung, egoistische Besitzstandswahrung auf Kosten der Jüngeren und Ausgeschlossenen – die müssen kommende Generationen tragen. Ist das die letzte Konsequenz: „Wohlstand für wenige, Demokratie für niemand, Nationalismus für alle“ [9]?. ? „Wer möchte nicht...?“

Aber wollen wir nun alles wiederholen, was uns im letzten Jahr immer wieder, immer gleich, ätzend, vergrämend beschäftigt hat – Populismus, Fremdenhass, … Da kann man fragen: Was soll uns das? Wo passt da Kirche, wo passen Christinnen und Christen da hinein? Dass die großen Kirchen sich (bis jetzt) für Mitmenschlichkeit und gegen erstarkenden Faschismus positionieren, das reicht nicht. Denn es ändert wenig daran, dass sich manche Menschen rassistisch verhalten, aber nicht Rassisten genannt werden wollen, und ebenso eine selbst-gestaltete „christliche“ Identität pflegen [8]. Und so sind es eben auch ChristInnen, christliche Gemeinschaften, die die offene Gesellschaft bedrohen. Historisch Bewusste werden auch Parallelen zum Verhalten der katholischen und evangelischen Kirche nach dem ersten Weltkrieg ziehen. Die Amtskirchen haben sich damals in Teilen als Totengräber der ersten deutschen „gottlosen“ Republik betätigt. Heute tun sie es weitgehend nicht mehr. Doch bei genauem Hinsehen wird man Andere finden: vermeintlich bibeltreue „evangelikale“ Gemeinschaften, so genannte Lebensschützer, traditionalistische katholische Zirkel im Westen, die Brücken zur Orthodoxie im Osten schlagen [10]. Letztere pflegt seit jeher die „Symphonia“ mit dem (autoritären bis totalitären) Territorial-Staat. Romantisch verklärte nationale „Seelentiefe“, verbohrte Bekämpfung vermeintlicher Unmoral, gewalttätiges Patriarchat, vernichtende Homophobie – darin sind Putins Reich und seine Staatskirche Vorbild für die neue Rechte und die christlichen Rechten gleichermaßen.

Was steht auf der anderen Seite: Ein amtskirchlicher „Mainstream“, der das alles zwar nicht (mehr) will, aber doch an der eigenen Erosion leidet, und vielleicht deshalb mit allen „im Gespräch“ bleiben möchte, egal, wie sehr die brüllen, wie menschenfeindlich sie sich geben? Nein: Die Kraftquellen liegen woanders, und sie sind ungleich vielfältiger und bunter als auf der Rechten, so denke ich. Und der offenen Gesellschaft sind diese bunten Christentümer von unten auch nicht Feind. Solche Christentümer sind für Demokratie und Freiheit eine gute Basis. Da finden sich Verbindungen zwischen den Kreisen des Urchristentums, weiblich-intelligenter Mystik,  sozial engagierter Befreiungstheologie, demokratischer Teilhabe und Widerstandsgebot im evangelisch-reformierten Christentum Westeuropas. Wir erinnern uns an die Bekennende Kirche, Kirchen als Schutzraum im DDR-Sozialismus, im besten Sinne katholische Solidarnosc in Polen. Praktizierte, tolerante Nächstenliebe, die das Christentum auch heute nach außen erkennbar und erst respektabel macht [7]. Selbst das Individuum, Schreckensbild aller Totalitären, hat seinen Anhaltspunkt im alten göttlichen Du der Bibel: Der Gott, der zu den Einzelnen spricht; im Gott, der als Christus zum Gegenüber wird. Ist ein freiheitliches Christentum da wirklich „lau“, nur halb, nicht mehr authentisch?

In den letzten Jahren wurde immer wieder gefordert, Kirche müsse ihre „Außenseite“ gegenüber der Gesellschaft wieder stärker betonen [11], sich wieder stärker auf sich selbst besinnen. Der Verfall der vermeintlichen konfessionellen Identität wird laut beklagt, früher war es sowieso besser [6]. Wissenschaftliche Theologie wird zum Feindbild, selbsternannte Verkünder der „Glaubensfreude“ propagieren einen Autoritäts-hörigen, dogmatischen Kinderglauben. Und das Kreuz wird nebenbei als politisches Kampfmittel einer (angeblich) christlichen Leitkultur missbraucht [3]. Aber kann man nicht gut in der Gesellschaft der undogmatischen Christinnen und Christen stehen, nachdenken mit den Kants und Lessings, sich versenken in der politischen, engagierten Theologie der Dorothee Sölle? Oder den eigenen Intellekt weiterbilden mit der Kreativität mittlerweile gescholtener „Kulturchristen“ [6] wie Johann Wolfgang von Goethe, der Mephisto mit Gott streiten lässt:

„Ich sehe nur wie sich die Menschen plagen.
Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,
Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.
Ein wenig besser würd’ er leben,
Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
Er nennt's Vernunft und braucht’s allein
Nur thierischer als jedes Thier zu seyn.“
[5]

Ein Schein des Himmelslichts – Vernunft! Könnten wir damit nicht viel mehr anfangen? Befreiung, das könnte es sein; ein neues Nachdenken, wie man die Welt „heil machen könnte“ - und damit auch eine Wiederentdeckung der altisraelischen Prophetie. Christentum nicht als exklusiver Moralismus, der sich mit politischen Symbolen zufrieden gibt und alles andere ins Private einschließt. Befreiende Vernunft als neuer Mut, Veränderungen anzugehen, und gut christlich (!): umzukehren. Es ist ja noch nicht zu spät. Vernunft, nach Lösungen zu suchen, das notwendige tun. Wie schade, dass die Entdeckung der Vernunft im Sinne der Aufklärung oft nur noch als „europäischer Unfall“ hingestellt wird. Aufklärung wäre dann doch ein wirksames Gegenmittel gegen totalitäre Vergiftungen. Ungeeignet ist hingegen eine hilflose Politik der sozialen Beschenkung und intellektuell beleidigenden Symbolik, die gegenwärtig betrieben wird. Mit Wolfgang Benz: „Gegen Demagogen, die jenseits der Realität agieren, hilft nur Vernunft. Notwendig ist Aufklärung mit dem Ziel, Einsicht in schwierige Zusammenhänge zu gewinnen, um rational mit Problemen umzugehen, auf Vernunft und Logik gegründete Politik zu treiben und zu verstehen. Das ist immer-währendes Gebot des Zusammenlebens. Aufklärung ist eine Haltung, kein schnell wirkendes Wundermittel. Gegen den Krakeel Ratloser, Verführter, habituell Unzufriedener, die sich von Populisten gängeln lassen, hilft keine einmalige Anstrengung, kein „Aufstand der Anständigen“, kein Ruck, keine Aufwallung, sondern stetige und alltägliche Aufklärung als demokratisches Prinzip. Das ist mühsam aber erfolgreich, wie die bisherige deutsche Geschichte nach Hitler lehrt. Vernunft muss aber jeden Tag aufs Neue durchgesetzt werden.“ [4]

So vernünftig müssen wir aber nicht orientierungs- und ratlos sein; auch nicht „thierischer als jedes Thier“ oder „so open-minded that your brains fall out“ [1]. Rückgriff auf die Schrift hilft uns bei der Orientierung, mit allen Abstrichen und Redaktionen vom Göttlichen Wort. Und Gott, sie oder er, fragt: „Wer möchte sich nicht am Leben freuen und seine Tage im Glück zubringen?“ Also: Nicht nachjagen, aber für das einsetzen, was wichtig ist. Und da gibt es auch in diesem Jahr, mit drei Landtagswahlen und der Europawahl, nahenden gesellschaftlichen Unwetterwolken eine Menge!

In diesem Sinne wünschen wir ihnen und euch allen ein glückliches Jahr 2019!
 
Sebastian Dittrich




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Quellen

[1] Amerikanisches Sprichwort
 
[2] Assmann, Jan. 2015. Exodus. Die Revolution der Alten Welt, 3. Aufl. C.H. Beck, München.
 
[3] Bednarz, Liane. 2018. “O’naglt is“ – Markus Söder und die Kreuzanbringung. starke-meinungen.de/blog/2018/04/25/onaglt-is-markus-soeder-und-die-kreuzanbringung/ (letzter Zugriff: 12.01.2019)
 
[4] Benz, Wolfgang. 2017. Aufstand der Ratlosen? Vormarsch der Rechten? Krise der Demokratie? Fremdenhass und Wutmenschentum in schwierigen Zeiten. - Wissen schafft Demokratie 1/2017
 
[5] von Goethe, Johann Wolfgang. 1808. Faust. Der Tragödie erster Teil. J. G. Cotta’sche Buchhandlung, Tübingen.
 
[6] Hasselhorn, Benjamin. 2017. Das Ende des Luthertums. EVA, Leipzig.
 
[7] Kermani, Navid. 2015. Ungläubiges Stauen über das Christentum. C.H. Beck, München.
 
[8] Lau, Mariam. 2018. Ellen Kositza. „Nebenbei: knallrechts“. https://www.zeit.de/2018/05/ellen-kositza- neue-rechte-feminismus-rechte-frauenbewegung (letzter Zugriff 12.01.2019)
 
[9] Martin, Hans-Peter. 2018. Game over. Wohlstand für wenige, Demokratie für niemand, Nationalismus für alle und dann? Penguin Verlag, München.
 
[10] Püttmann, Andreas. 2014. Putins nützliche Idioten. Warum eine katholische Subkultur begeistert nach Moskau starrt. www.zeit.de/politik/ausland/2014-09/russland-kirche-putin (letzter Zugriff: 12.01.2019)
 
[11] Wegner, Ulrich. 2014. Religiöse Kommunikation und Kirchenbindung. Ende des liberalen Paradigmas? EVA, Leipzig.