Mittwoch, 27. Mai 2020

„Hilf meinem Unglauben!“

Neujahrsgruß 2020 der Initiative Kirche von unten


Liebe Freundinnen und Freunde der IKvu,

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!” heißt es im Markus-Evangelium (9,24) – Quelle der Jahreslosung für 2020.

Aktuell kann der Losungstext in verschiedener Hinsicht sein: Einmal hinsichtlich der rapide sinkenden Mitgliedszahlen der großen Kirche. Das ist aber nicht zwangsläufig Glaubensverlust oder „Säkularisierung“. Erst in zweiter Linie eine Hinwendung zu anderen Glaubens-Systemen, Weltanschauungen oder Ersatz-Kulten (z.B. gesunde Ernährung, körperliche Selbst-Optimierung, Alles-Haben-Wollen). Natürlich ist der „Unglaube“ in Augen der Traditionalisten und Fundamentalisten trotzdem das Grundübel unserer Zeit, nicht aber himmelschreiende soziale Miss-Stände und die Menschen-gemachte, ökologisch-klimatische Krise.

Aber zurück zur Schrift – wo kommt das Fragment her? – Es steht im Zusammenhang einer besonders dramatischen Wunderheilung, nämlich (so die belehrende Überschrift in den Luther-Übersetzungen): „Der Heilung eines besessenen Knaben“. Da ist also ein Junge, „von einem Geist besessen“ mit Krämpfen und Schaum vorm Mund. Eine „große Volksmenge“ bittet Jesus um Hilfe, nachdem die Jünger versagt hatten. Der ist anfangs unwillig –
»Was seid ihr nur für eine ungläubige Generation? Wie lange soll ich noch bei euch bleiben? Wie lange soll ich euch noch ertragen?“
– lässt sich aber schließlich darauf ein, als ihn der Vater anfleht:
„Wenn du kannst, dann hilf uns! Hab doch Erbarmen mit uns!«
Jesus sagte: »Was heißt hier: ›Wenn du kannst‹? Wer glaubt, kann alles.«
Da schrie der Vater des Jungen auf: »Ich glaube, hilf meinem Unglauben.«
Immer mehr Menschen kamen zu der Volksmenge. Als Jesus das sah, gebot er dem unreinen Geist: »Du stummer und tauber Geist, ich befehle dir: Verlasse den Jungen und kehre nie wieder in ihn zurück!«
Da schrie der Geist auf und schüttelte den Jungen durch Krämpfe hin und her.
Dann verließ er ihn ...“
(Markus 9, 22-26 nach der Basis-Bibel)

Hilf meinem Unglauben – aber welcher Glaube ist hier das positive Gegenstück? Ist jener (Gehorsams-)Glaube, der inhaltliche Widersprüche im Kirchenrecht überwinden [1] und kirchliche Miss-Stände klaglos hinzunehmen vermag, der gleiche, der Berge versetzt? Ich glaube nicht. Glauben ist mehr als als Für-Wahr-Halten verordneter Dogmen, um überkommene Weltanschauungs- und Herrschaftssysteme am Leben zu erhalten.

Einen ganz anderen Zugang zu Glauben und „Wahrheiten“ bietet der Ägyptologe Jan Assmann an [2]. Danach kommt es nicht so sehr auf historische Wahrheiten und „Fakten“ an, sondern eine (höchstwahrscheinlich) konstruierte Identität konsequent zu leben. Dadurch wird die heilige Überlieferung wahr – und Gutes kann darauf aufgebaut werden. So muss das Judentum sich nicht damit aufhalten, Parallelen der Aussetzungs-Geschichte Mosis mit der Legende vom akkadischen König Sargon zu leugnen oder bang darauf warten, einen ertrunkenen Pharao als Nachweis der Teilung des Roten Meeres zu finden (bisher erfolglos). Die Erwählung als Gottes Volk, sein Auszug aus Ägypten, der „Du“-Gott der Psalmen, die Kraft der Propheten, alles wird als Teil gelebter Identität wahr.

Dann auch weiter im Christentum: Es braucht eben keinen „physischen Nachweis“, dass Jesu Grab leer war, keinen Nachweis einer astronomischen Anomalie („Stern über Bethlehem“) an Jesu Geburtstag, keine medizinisch-theologische Ausdeutung seiner vermeintlichen Wundertaten, wie es zuletzt Eduard Lohse redlich versucht hat [3]. Wenn wir die Logik des Todes und des (Un-)Rechts des Stärkeren für uns ablehnen, dann ist Jesus wahrhaft auferstanden. Dann ist der Geschändete und Gekreuzigte Christus. Wenn wir uns selbst auf Nächstenliebe und Solidarität mit Ausgegrenzten einlassen, werden seine Worte und sein Handeln für uns wahr.

Das ist aber etwas anderes, als die Bibel wortwörtlich zu nehmen und historisch-kritische Textanalyse als Angriff auf unseren Glauben oder gar „Entwertung“ der Autorität der heiligen Schrift zu fürchten. Es geht nicht mehr darum, unumstößliche Wahrheiten zu „glauben“, die kirchliche Autoritäten aus den einst vielfältigen Traditionen herausgegriffen und festgesetzt haben. Sondern es geht darum, jene Christen- oder eher: Menschen-Gemeinschaft zu leben, die wir für wahrhaftig, gut und von Liebe erfüllt empfinden – als Kirche von morgen. Und die „alte“ autoritäre Kirche verbleibt als ein bröckelndes, steinernes Gerüst das von „rechtgläubigen“ Untertanen vor dem Zusammenbrechen bewahrt werden muss. Müssen wir da noch mit stützen, wenn wir doch freie Hände für Anderes, Wichtigeres bräuchten?

Aber halt – schon nahen die Bedenken. Ist ein solches wahr machen nicht gefährlich? Zu groß erscheinen die Risiken der Utopien und „radikalen“ Ideen, historisch sicher nicht unbegründet. Und wie kann man mit „Wahrheit“ in Zeiten alternativer Fakten (einfacher: Lügen) oder fake news so lose umgehen? Keine Frage: Die Risiken sind da. Aber können wir so weitermachen, wie bisher? Die angebliche „Kunst des Möglichen“ (= Politik) gerät an ihre Grenzen da, wo Machthaber nichts mehr für möglich halten – und dann auch alles unmöglich machen. Die abgedroschene Floskel, man müsse, gleich ob bei Klimawandel, Migration oder Wohnungsnot, „die Menschen mitnehmen“ – die überdeckt, dass „die Menschen“ schon scharenweise davon laufen und vertrieben werden, auf den Straßen, in den sozialen Medien, hinein in finsterste Echokammern der grundsätzlichen Verweigerung.

Es geht zwar auch um das Reden und wahr Sprechen [4], aber nicht nur um das Philosophieren über Sprache, wenn wir überlegen, „wer wir sein könnten“ [5]. Für uns Christinnen und Christen muss es um mehr gehen: Zu überlegen, wahr zu machen, zu was wir bestimmt sind. Das ist aber nicht das Anerkennen einer als gottgegeben verbrämten Ordnung, die Autoritäts-hörigen Menschen ihren Platz zuweist. Und auch nicht das Befolgen einer angeblichen Schöpfungsordnung, die Geschlechterrollen zementiert und das Leben und Lieben vieler unmöglich macht. Nein – es geht um das Annehmen einer Verantwortung, die eben über das bloße Verwalten unserer Umwelt, das „einfach Leben“ hinausgeht.
Wir müssen uns neu bewusst werden, dass wir nicht allein sind. Dass Gott seine Schöpfung als „sehr gut“ betrachtete (1. Mose 1, 31) und im Wettersturm Hiob seine ökologische All-Macht vor Augen führte (Hiob 38, Hiob 40). Und schließlich Jesus vermitteln ließ, sein Reich sei bereits angebrochen und in der Gemeinschaft der Menschen verwirklicht (Lukas 17, 20-21). In unseren Bedenken und „der Kunst des Möglichen“ könnten wir im Moment kaum weiter davon entfernt sein.

Aber wenn jede und jeder einzelne nun diese Verheißungen wahr machte, ob gläubig oder nicht: so zu leben, als sei da etwas Schönes zu bewahren, der eigenen Beschränkungen bewusst, aber mit Zuversicht doch etwas wirklich Wichtiges beitragen zu können – vielleicht lässt sich die Welt ja doch retten. Ich sehe unsere Welt zurzeit jedenfalls besser bei streikenden Schülerinnen, blauhaarigen Youtubern oder italienischen Sardinen aufgehoben, als bei abgeschliffenen, nichts-sagenden Politprofis. Es braucht eine neue Obrigkeit, die mehr als das „Mögliche“ tut. Eine neue Idee, wie diese Welt ein besserer Ort werden könnte. Für alle Menschen und ihre Mit-Lebewesen.

Ist das realistisch? Wer weiß – aber die Sehnsucht nach „unmöglichen“ Alternativen, die besser sind als die Gegenwart hat ihre eigene, auch christliche gefärbte Tradition – von Johannes' Offenbarung über Thomas Moore's Nirgendwo (Utopia) [6] bis zur Science-Fiction. Nun ist es so, dass Science-Fiction immer eine Reflektion der gesellschaftlichen Gegenwart ist. So wie die finale Episode von „Raumschiff Enterprise – die nächste Generation“ („Gestern, heute, morgen“, 1994). Die Zukunftsvision einer vergangenen, optimistischeren Epoche: Hier wird der hochkultivierte, agnostische Captain Jean-Luc Picard (Patrick Stewart) mit seinem eigenen Tod und dem seiner Crew konfrontiert und schließlich in einen Gerichtssaal verfrachtet. Mit dem Richter „Q“ (John de Lancie), mephistophelischer Vertreter eines Kontinuums übernatürlicher Wesen. Eben noch die Menschheit (wieder einmal) gerettet, findet sich Picard dort wieder, wo er sich schon zum Auftakt der Serie befand: Als Repräsentant der barbarischen Spezies Mensch, über deren Auslöschung zu entscheiden ist. Q, gewandet im schwarz-rotem Talar, schwebt in einem opulenten Trohn zum kauernden Picard herunter. Nach einer sarkastischen Overtüre von Q entspannt sich ein Dialog, der um den Kern des fiktionalen, humanistischen Star Trek-Universums kreist, mit dem ich (auch) aufgewachsen bin [7]:

Picard: I sincerely hope that this is the last time, that i find myself here.
Q: You just don't get it, do you, Jean Luc? The trial never ends. We wanted to see, if you have the ability to expand your mind and your horizons. And for one brief moment, you did.
P: When I realized the paradox?
Q: Exactly. For that one fraction of a second you where opened to options you never considered. THAT is the exploration, that awaits you: Not mapping stars and studying nebula, but charting the unknown possibilities of existence.
P: Q, what is it that you're trying to tell me?
Q: You'll find out. In any case, I'll be watching. And if you're very lucky, I'll drop by to say hello from time to time. See you out there.



Picard: Ich hoffe aufrichtig, dass dies das letzte Mal ist, dass ich mich hier wieder finde.
Q: Sie verstehen es einfach nicht, oder, Jean-Luc? Der Prozess endet niemals. Wir wollten sehen, ob Sie die Fähigkeit haben ihren  Geist und ihren Horizont zu erweitern. Und für einen kurzen Moment haben Sie es getan.
P: Als ich das Paradoxon erkannte?
Q: Exakt. Für den einen Bruchteil einer Sekunde waren sie offen für Optionen die Sie niemals erwogen hätten. DAS ist die Erforschung, die Sie erwartet: Nicht die Kartierung von Sternen und das Studieren von Nebeln, sondern die Erkundung unbekannter Möglichkeiten der Existenz.
P: Q, was ist es, das sie mir da versuchen zu sagen?
[Q setzt an, es ihm ins Ohr zu flüstern, zieht sich dann aber schelmisch lächelnd mit einer angedeuteten Segens-Geste zurück]
Q: Sie werden es heraus finden. Auf jedem Fall werde ich Sie beobachten. Und mit sehr viel Glück werde ich von Zeit zu Zeit vorbei schauen, um Hallo zu sagen. Wir sehen uns da draußen.

„Wer glaubt, kann alles“ - „Und die Wahrheit macht euch frei“ (Johannes 8, 32)!
In diesem Sinne wünschen wir Ihnen und Euch ein frohes neues Jahr der unglaublichen Möglichkeiten in 2020. Da draußen, wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist – oder vielleicht immer schon hin gehörte. Irgendwo in der Welt.

Ihr/Euer

Sebastian Dittrich


Verweise

 

  1. Lüdecke, Norbert; Bier, Georg. 2012. Das römisch-katholische Kirchenrecht. Eine Einführung. W. Kohlhammer, Stuttgart.
  2. Assmann, Jan. 2015. Exodus. Die Revolution der Alten Welt, 3. Aufl. C.H. Beck, München.
  3. Lohse, Eduard. 2015. Die Wundertaten Jesu. Die Bedeutung der neutestamentlichen Wunderüberlieferung für Theologie und Kirche. Kohlhammer, Stuttgart.
  4. Emcke, Carolin. 2016. Gegen den Hass. S. Fischer, Frankfurt/M.
  5. Habeck, Robert. 2018. Wer wir sein könnten. Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht. 4. Aufl. Kiepenheuer & Witsch, Köln.
  6. Moore, Thomas. 1516. Utopia. Leuwen.
  7. youtu.be/kBwoEXlTph0 (Transkription/Übersetzung: S. Dittrich). – Das „Paradoxon“ bezieht sich darauf, dass er durch sein Handeln in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einen „antizeitlichen“ Prozess in Gang setzte, der sich in der Vergangenheit stärker auswirkte. Dieser wäre geeignet gewesen, bereits die Entstehung der Menschheit zu verhindern. Allerdings wurde Picard dazu durch das Q-Kontinuum als Teil einer Prüfung angestiftet.