Dienstag, 24. Mai 2022

Vertrauen wagen

Gedanken zum Beginn von 2022


Liebe Freundinnen und Freunde der Initiative Kirche von unten,

das alte Jahr liegt hinter uns, das neue hat gerade erst begonnen. Und als ein kleiner Anstoß für einen größeren Denkschritt in das beginnende Jahr mag mal wieder die Jahreslosung dienen (Evangelium nach Johannes 6, 37):

Alle, die mein Vater mir anvertraut, werden zu mir kommen. Und wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.
Oder auch in gerechter Sprache:
Alle, die mir Gott gibt, werden zu mir kommen, und die zu mir Kommenden werde ich nicht hinauswerfen


Wie üblich mag das Fragment auch allein nicht reichen, also der ganze Sinnabschnitt (Johannes 6, 36-40, in gerechter Sprache):

Aber ich habe ›euch‹ gesagt, weil ihr mich gesehen habt und ihr nicht glaubt.
Alle, die mir Gott gibt, werden zu mir kommen, und die zu mir Kommenden werde ich nicht hinauswerfen,
denn ich bin nicht deshalb vom Himmel herabgestiegen, damit ich meinen eigenen Willen tue, sondern den Willen Gottes, die mich gesandt hat.
Dies ist der Wille Gottes, die mich gesandt hat, dass ich von allem, was sie mir gegeben hat, nichts verloren gehen lasse, sondern: ich werde es auferwecken am letzten Tag.
Denn dies ist der Wille Gottes, mir wie Mutter und Vater, dass alle, die den Erwählten sehen und ihm glauben, ewiges Leben haben – und ich werde sie auferwecken am letzten Tag.«


Am letzten Tag werde ich sie auferwecken: ein wenig deutet sich schon das apostolische Glaubensbekenntnis an. Die Nah-Erwartung der Apokalypse ist zweifellos zur Entstehungszeit des Johannes-Evangeliums noch lebendig gewesen. Zugleich hat der „Johannes“ genannte Evangelist die bloße Verkündigung Jesu längst verlassen, rutscht langsam in die Theologie. Es wird dabei eine Nah-Erwartung der Rückkehr Christi vorausgesetzt. Diese ist nun aber bekanntlich bis jetzt nicht eingetreten und – so wir sie denn selber noch erwarten – in eine unendlich ferne Zukunft verschoben.

Wem also sind wir gegeben, oder gar: anvertraut? Der historische Jesus ist lange tot, nach der Überlieferung auferstanden und zum Himmel aufgefahren. Danach käme vielleicht ein vermeintlicher „Stellvertreter“ Gottes auf Erden, ein personaler Platzhalter. Da werden wohl nicht nur Protestant*innen widersprechen. Blieben die Institutionen selbst, die sich „Kirchen“ nennen. Aber wollen wir uns diesen Kirchen und ihrem Personal überhaupt noch (hin-)geben und anvertrauen? Nicht nur im Hinblick auf die Fälle sexualisierter Gewalt und dem falschen Umgang damit ist hier nachhaltig Vertrauen verspielt. Ob es mit gestalteten, „ergebnisoffenen“ Gesprächsrunden wie einem synodalen Prozess wiederhergestellt werden kann?

Es spricht einiges dafür, dass die beiden großen Kirchen derzeit vor allem auf institutionelle, damit auch ökonomische Selbsterhaltung aus sind. Dem folgen aktuelle Sparanstrengungen und Gemeindefusionen, die von oben oftmals als Reform hingestellt werden. In diesem Zusammenhang kann der Appell „vertraut den neuen Wegen“, zumal aus der Feder von Kirchenoberen nach außen und unten gerichtet, kaum anders als leeres Geschwätz klingen [1].

Wenn nun aber der mosaische (und damit auch jesuanische) Monotheismus „die Religion des allumfassenden Vertrauens“ ist [6] – dann ist die Frage umso dringlicher, entscheidender: Wem heute, hier und jetzt vertrauen, wem wollen wir uns hingeben? Es wäre nun zu leicht, Gott allein, direkt zu vertrauen. In einer Zeit, in der Mitmenschen zu potenziellen Krankheits-Überträgern degradiert werden, jede körperliche Begegnung außerhalb des eigenen Haushalts mit dem Risiko tödlicher Ansteckung behaftet: Da mag das als einfacher Ausweg erscheinen. Eine körperlich nicht greifbare, als liebend bekannte Entität kann ja weder anstecken noch anders wirklich enttäuschen.
Und jene, die besonders glaubensfest von Gott zu reden verstehen, vermögen sich bisweilen als Retter darzustellen, sind die geborenen Oppositionsführer gegen den technischen, medizinisch-politischen Komplex, der uns angeblich zu unterjochen droht. Das ist kein Zitat aus einem verschwörungs-ideologischen Forum, mag dort aber sinngemäß so geredet werden. So gesehen, erscheint dann auch das „Eingreifen“ in den vermeintlichen Schöpfer*inwillen, also Covid-Infektion mit potenziell schwerem Verlauf und Tod (wie bei anderen Infektionen) als Störung der Gottesbeziehung. Eine Impfung kann in diesem Denken nur verwerflich sein.

Ich denke, wie wohl die allermeisten Menschen: man kann als Christ*in sehr wohl zu einer anderen Entscheidung kommen. Und tatsächlich ist die Gottesbeziehung ja schon sehr lange anders gestört. So sehr, dass man nicht mit Nietzsche Gott als „tot“ bezeichnen sollte, sondern oftmals die Mensch-Gott-Beziehung, die in der Mensch-Mensch-Beziehungen ansatzweise widerspiegelt sein sollte. Schon vor der Johannes-Theologie geht die jesuanische Verkündigung ja in diese Richtung:

Ihr habt gehört, dass Gott zu früheren Generationen sprach: Du sollst nicht töten. Wer aber tötet, wird vor Gericht als schuldig gelten.
Ich lege euch das heute so aus: Die das Leben ihrer Geschwister im Zorn beschädigen, werden vor Gericht als schuldig gelten. Und die ihre Geschwister durch Herabwürdigung beschädigen, werden in der Ratsversammlung als schuldig gelten. Und wer ihnen das Lebensrecht abspricht, wird im Gottesgericht als schuldig gelten.
Wenn du also im Begriff bist, deine Gabe auf dem Altar darzubringen und dich dort erinnerst, dass eines deiner Geschwister etwas gegen dich hat,
so lass dein Opfer dort vor dem Altar und geh', vertrage dich erst mit deinem Bruder oder deiner Schwester, und dann magst du kommen und dein Opfer darbringen.

(Evangelium nach Matthäus 5, 21-24, in gerechter Sprache)

Die Stelle findet ihre teilweise Entsprechung auch schon bei Markus (11,25). Sie sollte nach historisch-kritischer Sicht eine höhere Authentizität als das weitaus jüngere Johannes-Evangelium beanspruchen können. In jedem Fall wäre es aber ein Anlass, einen Moment innezuhalten. Auch wenn unsere Geduld sich bei manchen Mitmenschen erschöpft, die Wut wächst.  Und wenn das Unverständnis dem Ärger weicht: Über Verschwörungsideolog*innen, oder auch immer noch zögerliche Ungeimpfte, die dann bei einer Covid-Infektion Behandlung bzw. medizinische Kapazitäten (über-)beanspruchen. So einfach können, dürfen wir es uns nun aber auch nicht machen [9].

So werden also überlieferte (oder nachträglich zugeschriebene) Jesus-Worte, aus der Jahreslosung wie aus Matthäus 5 zur Mahnung für alle: Für Verschwörungsideolog*innen und jene, die verdiente Wissenschaftler*innen als Lockdown-Macher*innen an den Pranger stellen, Schimpfworte in Online-Medien massenhaft neu erschaffen, aber auch jene, die laut „Covidioten“ schreien. Sicherlich darf man sich auch in kirchlichen Kreisen, deren Leitungen zumeist das Impfen (aus guten Gründen) befürworten, keineswegs zurücklehnen und dem Staat und der Polizei das „Grobe“ allein überlassen. Spätestens wenn Corona irgendwann einmal abgeebbt sein sollte, müssen wir versuchen, aufeinander wieder zuzugehen. Oder doch wenigstens friedlich nebeneinander zu leben, ohne einander herabzusetzen.

Außerdem ist Corona ist ja bereits auf eine zutiefst geschwächte, ja an Misstrauen vor-erkrankte Gesellschaft getroffen. Ein Misstrauen, dass sich beispielsweise gründet in realer (ökonomischer) Ohnmacht und dem Gefühl des (politischen/gesellschaftlichen) Verlassen-Seins [4]. Damit haben jene, die heute grölend „spazieren gehen“ noch lange nicht recht. Aber zu ergründen, woher der Hass, halsstarrige Realitätsverweigerung kommen, bleibt wichtig. Ebenso wie das Verständnis, dass Misstrauen nicht einfach und kurzfristig überwunden werden kann.

Wenn schon für die Kinder-Erziehung gelten kann, dass es schwer ist, junge Menschen aus „selbst erbauten Fluchtburgen des Misstrauens wieder hervorzulocken, solange sie sich dort nur einigermaßen sicher fühlen“ [3] – wie sehr muss das erst für Erwachsene gelten? Auch hier wollen sich viele aus Enttäuschung und Weltfrust „in mein Gehäuse verkriechen/ Schweigend und schwierig im Umgang“ [5]. An solche Gehäuse und brüchige Fluchtburgen kann aber der auch zeitweilig von Höllen- und Todesangst geplagte Martin Luther nicht gedacht haben, als er „Ein feste Burg ist unser Gott“ (EG 362) schmetterte. Und die Verwendung dieses Liedes in den Menschen-Schlachten zweier Weltkriege war vom Urheber so auch nicht eingeplant. Die weitaus passendere Untermalung und Fortführung der Jahreslosung dürfte aber ein ganz anderes, jüngeres Lied sein [8]:

You could say I lost my faith in science and progress
You could say I lost my belief in the holy Church
You could say I lost my sense of direction
You could say all of this and worse, but
If I ever lose my faith in you
There'd be nothing left for me to do

Some would say I was a lost man in a lost world
You could say I lost my faith in the people on TV
You could say I'd lost my belief in our politicians
They all seemed like game show hosts to me
If I ever lose my faith in you
There'd be nothing left for me to do

I could be lost inside their lies without a trace
But every time I close my eyes I see your face

I never saw no miracle of science
That didn't go from a blessing to a curse
I never saw no military solution
That didn't always end up as something worse, but
Let me say this first
If I ever lose my faith in you
There'd be nothing left for me to do

Du könntest sagen Ich habe mein Vertrauen in Wissenschaft und Fortschritt verloren
Du könntest sagen Ich habe meinen Glauben an die heilige Kirche verloren
Du könntest sagen, Ich habe meinen Orientierungssinn verloren
Wenn ich jemals mein Vertrauen in dich verlieren würde
Da bliebe mir nichts anderes mehr übrig tun

Manche würden sagen Ich sei ein verlorener Mensch in einer verlorenen Welt
Du könntest sagen Ich habe mein Vertrauen an die Leute im Fernsehen verloren
Du könntest sagen, Ich habe mein Vertrauen in unsere Politiker verloren
Sie wirkten alle auf mich wie Game Show-Moderatoren
Wenn ich jemals mein Vertrauen in dich verlieren würde
Da bliebe mir nichts anderes mehr übrig tun

Ich könnte mich spurlos verirren in ihren Lügen
Aber jedes Mal, wenn ich meine Augen schließe, sehe ich dein Gesicht

Ich sah nie ein Wunder der Wissenschaft
Das nicht von einem Segen zu einem Fluch wurde
Ich sah niemals irgendeine militärische Lösung
Die nicht irgendwann als etwas Schlimmeres endete, aber
Lass mich das zuerst sagen
Wenn ich jemals mein Vertrauen in dich verlieren würde
Da bliebe mir nichts anderes mehr übrig tun

Allerdings hat der christlich sozialisierte Sting bewusst offen gelassen, wen er damit adressiert [7]. Es wäre sowohl ein Scheitern, alles Vertrauen in unsere Nächsten, unsere Mitmenschen zu verlieren – als auch, oder gar infolge dessen, auch in Gott. Aber wer würde behaupten, das Vertrauen käme von allein, müsse nicht erarbeitet sein, gelernt, bewahrt, im Miteinander immer wieder neu bestärkt werden. Und bei allen Schwierigkeiten – hatten andere es nicht ungleich schwerer als wir heute? Und ja, da kann durchaus wieder einmal auf Dietrich Bonhoeffer zurückgegriffen werden:

„Mag sein, dass morgen der jüngste Tag anbricht. Dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen – vorher aber nicht“ [2].

Der jüngste Tag ist mindestens noch nicht morgen – Es bleibt in Kirche(n) und Gesellschaft noch viel zu tun! Und so wünschen wir ihnen, euch und uns ein neues Jahr der Taten, der gegenseitigen Hingabe, des neuen Vertrauens.

Ihr/euer Sebastian Dittrich

***

Quellen


[1] Bedford-Strohm, Heinrich. 2021. Vertraut den neuen Wegen. Chrismon 12/2021: 10.

[2] Bonhoeffer, Dietrich. 2005 (1946). Widerstand und Ergebung. 18. Aufl. Gütersloher Verlags-Haus: 234 S.

[3] Gebauer, Karl & Hüther, Gerald. Hg. 2014. Kinder brauchen Vertrauen. Entwicklung fördern durch starke Beziehungen. Patmos Verlag, Ostfildern: 212 S.

[4] Hilje, Johannes. 2018. Rückkehr zu den politisch Verlassenen. Gespräche in rechtspopulistischen Hochburgen in Deutschland und Frankreich. Das Progressive Zentrum e.V., Berlin: 26 S. - download:  https://www.progressives-zentrum.org/wp-content/uploads/2018/03/Ru%CC%88ckkehr-zu-den-politisch-Verlassenen_500-Gespra%CC%88che-in-rechtspopulistischen-Hochburgen-in-Deutschland-und-Frankreich_Studie-von-Johannes-Hillje_Das-Progressive-Zentrum.pdf

[5] Hüsch, Hanns Dieter (Privatarchiv), Ein neues Kapitel - http://www.hüsch.org/html/einneueskapitel.html (letzter Zugriff: 23.12.2021)

[6] Ricken, Friedo. 2008. Nachmetaphysische Vernunft und Religion. In: Reder, M & Schmidt, J. Hg. Ein Bewusstsein von dem, was fehlt. Eine Diskussion mit Jürgen Habermas: 69-78. Suhrkamp, Frankfurt/M.

[7] https://www.sting.com/discography/album/223/Singles (letzter Zugriff: 23.12.2021) : „I've just said if I ever lose my faith in you, and "You" could be my producer, it could be faith in God, it could be faith in myself, or it could be faith in romantic love. It could be all of those things, I don't define it. I think it's important not to define it, because once you can define something it evaporates.“

[8] Sumner, Gordon (songwriter) 1993. „If I Ever Lose My Faith In You“ © Sony/ATV Music Publishing LLC (freie Übersetzung: Sebastian Dittrich)

[9] Die ZEIT Nr. 51/2021, S. 80: „Sind die Ungeimpften an allem schuld?“