„Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“

Gedanken zum neuen Jahr 2026

Von Sebastian Dittrich

Liebe Freundinnen und Freunde der Initiative Kirche von unten,

Die Jahreslosungen werden nicht einfach ausgelost; sie beruhen auf eingesandten Vorschlägen, über die Auswahl machen sich Menschen Gedanken. Und ebenso können wir uns Gedanken machen: warum dieser überaus passende Vers (Offenbarung 21,5 in der Luther-Übersetzung) erst jetzt? Es könnte doch eine wenigstens heimliche Erwartung von uns allen sein: etwas Neues im neuen Jahr. Und besser noch: von Gott gemacht, ohne eigene Motivationsanstrengung „guter Vorsätze“ für das neue Jahr – die ohnehin absehbar wieder aufgegeben würden.

Und das Textfragment ist so wunderbar eingebettet in eine größere Zukunfts- besser: Endzeit-Vision (nun in gerechter Sprache):

Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde vergingen. Das Meer ist nicht mehr.

Die heilige Stadt Jerusalem, die neue, sah ich aus dem Himmel herabsteigen, von Gott bereitet wie eine Braut, geschmückt für ihren Mann.

Ich hörte eine laute Stimme vom Thron: »Da! die Behausung Gottes bei den Menschen. Gott wird bei ihnen wohnen. Sie werden Gottes Völker sein, und Gott – Gott wird bei ihnen sein.

Gott wird jede Träne von ihren Augen abwischen. Der Tod wird nicht mehr sein. Auch Trauer, Wehgeschrei und Schinderei wird nicht mehr sein. Das Erste ist vergangen

Die Person, die auf dem Thron saß, sagte: »Da! neu mache ich alles!« und fügt hinzu: »Schreib! Ja, diese Worte sind verlässlich und wahr!«

Und sie sagte mir: »Es ist geschehen. Ich bin das Alpha und das O, der Anfang und das Ende. Ich werde den Dürstenden aus der Quelle des Lebenswassers umsonst geben.

Die sich nicht unterkriegen lassen, werden dies erben. Ich werde ihnen Gott sein, und sie werden mir Sohn und Tochter sein.

Die Feigen, Treulosen, Abscheulichen, die morden, huren, Gift mischen, den Götzen dienen und alle, die lügen – sie haben Anteil am See, der mit Feuer und Schwefel brennt. Das ist der zweite Tod.« (Offenbarung 21, 1-8)

Was ließe sich da nicht alles interpretieren oder auch hineinlesen: Ein Ende von Gottes-Ferne und Gottesentfremdung, Trost für alle, die trauern und erschöpft sind. Ansätze einer Gemeinwohl-Ökonomie, Lebenswasser für jede und jeden Bedürftigen. Und am Ende gerechte Strafen für alle vorstellbaren Übeltäter:innen, die zur Zeit der Textentstehung wie heute recht klar erkennbar sein sollten. Und damit könnte ein kurzes Grußwort enden. Jenseits des Bibeltextes käme mir aber auch die Fernsehserien-Figur Barney Stinson („How I met your mother“) in den Sinn – der ist fest davon überzeugt: „Neu ist immer besser“. Womit er vor allem seine häufig wechselnden Sexualpartnerinnen meint [7].

Oder ich werfe einen Blick weiter zurück in die (deutsche) Geschichte: „Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue; es lebe die deutsche Republik!“ – so die redigierte Fassung der Ausrufung der deutschen Republik durch Philipp Scheidemann 1918 [14]. Hieran ist manches zu kritisieren: Zum einen war das Alte und Morsche nicht einfach zusammengebrochen – es wurde zerbrochen. Durch einen kriegstreibenden, idiotischen Kaiser und die militärische Führung, die sich verselbstständigt hatte, militärischen Druck der alliierten Gegner – und beträchtliche Teile der Zivilbevölkerung, die das Elend nicht länger ertragen wollten. Zum anderen war das Neue eben doch nicht ganz neu, gingen Scheidemann & Co. ein Zweckbündnis mit dem morschen, monarchistischen Establishment ein. Denn, so die stenografische Aufzeichnung der Rede von Scheidemann: „Ruhe, Ordnung und Sicherheit ist das, was wir jetzt brauchen!“ [8].

Wer in diesem Sinne 1918ff. das „Neue“ konkreter ausgestalten wollte und „Ruhe, Ordnung und Sicherheit“ radikal in Frage stellte, war vielfach zum Abschuss durch Rechtsextreme freigegeben. Und es waren Rechtsextreme, die dann etwas – im negativen Sinne – Neues etablierten. So neu dann aber auch nicht – letztlich wurden der deutsche Revanchismus und Antisemitismus konsequent bis zum nächsten Weltkrieg und Shoa weiterentwickelt. Auch wurde die Habgier alter Eliten, denen die Gewinne im ersten Weltkrieg nicht genügten, eine Zeit lang befriedigt. Das alles wurde nur zum Schein als Neubeginn, als Revolution bemäntelt. Auch neue Medien und Technologien (Krieg als Innovationstreiber) dienten hier nur dem einem alten, barbarischen Zweck: zu töten. Was sollte die „Hitler-Säge“ (das Maschinengewehr MG42) denn anderes tun als der Speer oder Stein eines vorgeschichtlichen Menschen? Waren die Soldaten der Wehrmacht als Kriegshandwerker [11] etwas Neues gegenüber den Söldnern des Kriegsunternehmers Wallenstein im Dreißigjährigen Krieg?

Also besser nicht zu viel „Neu“; auch nicht als propagandistische Figur? Zurück zu den Reformen und Reförmchen eines alternativlosen Systems? Dagegen steht doch die Offenbarung des Johannes, die auch als Erwartung einer Entsicherung und des Zusammenbruchs der bisherigen (menschlichen, irdischen) Ordnung gelesen werden kann. Wie auch als fehlendes Zutrauen, dass menschliches Handeln ungerechte Machtstrukturen jeder Periode beseitigen könnte, das ewige Unrecht überwinden könnte. Es wird aber Unrecht benannt – und das positive Gegenteil davon. Mit diesem Wissen aber auch der Einsicht, dass die Zeit des Gerichts absehbar nicht eintreten dürfte, können wir das Handeln nicht lassen. Womit natürlich auch Kirchenleitungen argumentieren mögen, die mit immer neuen Einsparungen und Strukturreformen die bröselnden Institutionen zu erhalten versuchen.

Wenn nun aber „Welt“ mit Hannah Arendt als mundus (nicht globus), als das Miteinander von Menschen gelten kann [10] – dann mag die „neue Erde“ eben nicht irgendwo ortlos/himmlisch entstehen, sondern hier und jetzt zwischen uns Menschen und unseren Mit-Lebewesen. Und in dieser Interpretation lässt sich der scheinbare Widerspruch zwischen den Zitaten Jesu und der historisch viel jüngeren Offenbarung recht gut auflösen. Immerhin klang es bei Jesus (in der Überlieferung nach Lukas, in gerechter Sprache) ja schon so:

Gefragt von Pharisäern und Pharisäerinnen, wann die Königsmacht Gottes komme, antwortete er ihnen: »Die Königsmacht Gottes kommt nicht auf beobachtbare Weise, noch werden die Leute zu euch sagen: ›Seht, da oder dort drüben.‹ Merkt: die Königsmacht Gottes ist nämlich mitten unter euch!« (Evangelium nach Lukas 17, 20.21)

Dies ist fast weiter gedacht als etwa bei Dietrich Bonhoeffer, der sehr wohl von einer Apokalypse ausging, aber bis dahin die Pflicht zum Handeln sah: „Mag sein, daß der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht“ [2]. Ethisch richtiges, gottgefälliges Handeln wäre aber mit dem Arendtschen Weltverständnis, auch dem Gottes-Reich-Verständnis eines Jesus oder in der Folge Leo Tolstoj [12], eben nicht auf die Etappe bis zu einer fantastischen, so vielleicht nie eintretenden Endzeit ausgerichtet. Sondern das Handeln erschafft erst jenes Reich, jene neue Erde, wird zur „Königsmacht“, macht den Neubeginn als „Revolution“ im Sinne Hannah Arendts [10] möglich und gegenwärtig. 

Hey, alles glänzt so schön neu (yeah, yeah, yeah)
Hey, wenn's dir nicht gefällt, mach neu, wuh
Hier ist die Luft verbraucht, das Atmen fällt mir schwer
Bye-bye, ich muss hier raus, die Wände kommen näher
Die Welt mit Staub bedeckt, doch ich will seh'n, wo's hingeht (yeah, yeah, yeah)
Steig auf den Berg aus Dreck, weil oben frischer Wind weht
Hey, alles glänzt so schön neu (Peter Fox, Alles Neu [3])

Nun mag ein Perspektiv-Wechsel (Besteigen eines Berges – auch ein biblisches Motiv…) ein Anfang sein, ändert aber selbst noch nichts. Wenn aber schon das nicht gelingt, unterbleiben alle weiteren Schritte. Bleiben Ratlosigkeit und Resignation. Und Wut. Eine bei manchen Personen unbändige „Zerstörungslust“ [1] – man:frau hat das herrschende System satt, kann aber nicht immer konkret benennen, was denn nun das Problem sei – und was eine konstruktive Alternative. Eine allgemeine oder auch menschenfeindlich-fehlgeleitete Wut, die lässt sich leicht artikulieren. Wie auch den noch unkonkreten Wunsch, dass „das“ jetzt enden müsse. Auch im progressiv-linken Spektrum, dort z.B. gegen extreme Ungleichheit gerichtet: „Ob Reform oder Revolution – darüber stritten sich schon vor über einhundert Jahren Rosa Luxemburg und Eduard Bernstein. Auf jeden Fall muss der Wahnsinn aufhören. Wir brauchen etwas Neues.“  [6].
 

Wir brauchen etwas Neues…

Nun war es schon der Kabarettist Dieter Hildebrandt (als politisches Kabarett noch die Mächtigen kritisierte, statt auf Minderheiten herumzutrampeln) der einmal bemerkte, dass ein Teppich durch alles, was darunter gekehrt würde, immer höher würde – und die auf ihm Stehenden immer abgehobener. So ein Berg aus Dreck mag aber letztlich instabil werden, umkippen. – Und der Perspektivwechsel wäre erzwungen: Dass das, was wir als bundesrepublikanisch-westlich ansehen, eine lange Phase gewisser Stabilität, ein irgendwie doch ausgleichender Sozialstaat, ein hohes Maß demokratischer Mitbestimmung – eine Ausnahmephase der Geschichte war, und für viele, in Deutschland und außerhalb, ohnehin nie Realität.  Vor allem aber: Nicht gesetzt, als normal vorauszusetzen, sondern schwer erkämpft.

Was eigentlich normal ist – oder: der historische Regelfall – das ist ein himmelschreiendes Unrecht, ist extreme (auch ökonomische) Ungleichheit. Und hier lohnt wiederum der Blick in der Bibel, als Erfahrungserzählung der Menschheit und auch kulturelles Gedächtnis. Ganz besonders eindringlich sind da die Klagen der großen und kleinen Propheten Israels und auf den Punkt die klare Feststellung Jesu:

Ihr wisst, dass die Herrschenden der Völker ihre Herrschaft missbrauchen und die Großen ungerechte Gewalt über die Völker ausüben. (Evangelium nach Matthäus 20, 25)

Darauf antwortet letztlich die Offenbarung des Johannes, wie Thomas More’s „Utopia“ und Karl Marx‘ „Das Kapital“ oder das Werk Hannah Arendts auf die Regime ihrer Zeiten antworten. So wie der frühchristliche Apokalyptiker, ein „altgläubiger“ Humanist und ein letztlich messianisch beeinflusster, agnostischer Theoretiker sowie die jüdische Politologin im Sinn-Zusammenhang stehen, stehen ihnen ein überzeitliches Potentaten-Bündnis gegenüber: das imperiale römische Kaisertum, der brutale Autokrat Heinrich VIII., die kapitalistisch-monarchistische Reaktion, schließlich Totalitarismus verschiedenster Färbung.

Und man mag Linien in verschiedene Richtungen, Personen ziehen – bis sich Ahab & Isebel, Caligula, Adolf Hitler, Stalin, Putin und Tump, Elon Musk und viele andere durch die Zeiten die Hände reichen. Mächtige, die sich nehmen was sie wollen und tun was sie wollen. Es braucht keine Verschwörungsideologien um das festzustellen. Aber auch keine kirchlichen, anbiedernden Schriften zu „Verantwortungseliten“ und „Unternehmern“, die über die letzten Jahre sehr schlecht gealtert sind [9, 13]. Heißt das aber nun: Doch alles beim Alten – nichts Neues, nirgendwo (οὐτόπος)? Werden bei scheinbaren Revolutionen nur Eliten ausgetauscht ohne Machtstrukturen nachhaltig zu ändern? Schlägt das Imperium (wieder) zurück – bis zur nur kurzzeitigen Rückkehr der Guten?

Neu – anders – und wieder von vorn?

Auch Science Fiction ist immer stärker Allegorie der Gegenwart geworden – bis hin zu Militär- und Gewalt-lastigen Dystopien. So war es auch in dem „Battlestar Galactica“ (Ausstrahlung von 2003-2009). Aber, immerhin, finden sich hier neben einem zyklischen Geschichtsverständnis, das offenbar auf den Prediger (Kohelet) verweist („All dies ist schon einmal passiert und wird wieder passieren“) auch allerlei weitere religiöse und gesellschaftskritische Verweise. Bezeichnenderweise auch schon mit Blick auf die Zwangsläufigkeit gesellschaftlich-technischer Fortschritte und die verheerenden Folgen künstlicher Intelligenz. Besonders interessant ist dabei ein Dialog am Ende des Serienfinales, vielleicht auch ein Funke Hoffnung [5]:

"Let a complex system repeat itself long enough, eventually something surprising might occur. That, too, is in God's plan."
- "You know he doesn't like that name

Wenn ein komplexes System sich selbst lang genug wiederholt, könnte letztlich etwas überraschendes passieren. Auch das gehört zu Gottes Plan.

- Du weißt, er mag diesen Namen nicht.“

 

Machen wir uns also bereit für Überraschungen – und überraschen wir uns vielleicht einmal selbst! Anstatt also auf eine überlieferte Endzeit zu warten, gestalten wir selbst die Zwischenzeiten und Übergänge zwischen den Epochen. Auf das wir diese aktuelle „Zeit der Monster“ [4] überwinden und aus der Zersetzung des alten und morschen etwas wirklich Neues, Besseres, wachsen kann.

In diesem Sinne, nach einer doch länger gewordenen Hinführung, wünsche ich ihnen/euch ein schönes, überraschendes, neues Jahr!

Ihr/Euer Sebastian

 

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Quellen:

  1. Amlinger, Carolin & Nachtwey, Oliver. 2025. Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus. 2. Aufl. Berlin: 453 S.
  2. Bonhoeffer, Dietrich 2005 (1944). Widerstand und Ergebung: Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. Gütersloh: 234 S.
  3. Fox, Peter, Alles Neu; Text (2008): Pierre Baigorry, David Conen, Vincent Graf von Schlippenbach.
  4. Antonio Gramsci zugeschrieben, im Original: „Il vecchio mondo sta morendo. Quello nuovo tarda a comparire. E in questo chiaroscuro nascono i mostri.“ („Die alte Welt stirbt. Die neue entsteht nur langsam. Und in diesem Hell-Dunkel werden Monster geboren.“ – Gefängnishefte)
  5. https://www.douxreviews.com/2009/03/battlestar-galactica-finale-daybreak.html – letzter Zugriff: 20.12.2025 [Übersetzung S. Dittrich, von der Synchronisation abweichend]
  6. https://taz.de/Politologin-ueber-soziale-Ungleichheit/!6127261/ – letzter Zugriff: 20.12.2025
  7. https://youtu.be/TVr3UYwpa5I – letzter Zugriff: 20.12.2025
  8. zit. nach: Jessen-Klingenberg, Manfred. 1968. Die Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann am 9. November 1918 – Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 19/1968: 653–654.
  9. Kirchenamt der EKD (Hg.) 2011. Evangelische Verantwortungseliten. Hannover: 35 S.
  10. Marchart, Oliver. 2005. Neu beginnen. Hannah Arendt, die Revolution und die Globalisierung. Wien: 206 S.
  11. Neitzel, Sönke & Welzer, Harald 2011. Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben. Frankfurt am Main: 520 S.
  12. Tolstoi, Leo N. 2023 (1894). Das Reich Gottes ist in euch. Aschaffenburg: 216 S.
  13. Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (Hg.) 2008. Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive: eine Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. 2. Aufl. Gütersloh: 127 S.
  14. Vossische Zeitung, Nr. 575, Abendausgabe vom 9. November 1918: 1.