„Schließlich sollen sie den aufrechten Gang einüben …“

Jutta Lehnert wurde am 21. November 1955 in Gillenfeld in der Eifel in einer großen Bauernfamilie geboren. Bereits als Jugendliche beschäftigte sie sich Anfang der 70er Jahre mit Dorothee Sölle. Seit 1978 ist sie in der Katholischen Studierenden Jugend (KSJ) im Bistum Trier engagiert. 1981 beendete sie ihr Theologiestudium mit dem Diplom und begann die Ausbildung zur Pastoralreferentin. Seit 30 Jahren ist sie mit dem Kirchenkabarettisten Heri Lehnert verheiratet.

 

Nach einer dreijährigen Amtszeit als hauptamtliche BDKJ-Vorsitzende verweigerte das Bistum Trier kategorisch die Rückkehr in den pastoralen Dienst: Jutta Lehnert hatte sich zu eindeutig und entgegen der kirchlichen Linie politisch positioniert und etwa über den Nato-Doppelbeschluss – „Doppelbeschiss haben wir das damals genannt“ – Kriegsdienstverweigerung, Atomkraftwerke und die atomare Bewaffnung im Hunsrück gesprochen. Nach einem Jahr erzwungener Arbeitslosigkeit nahm das Bistum sie in den kirchlichen Dienst zurück, als Sterbebegleiterin in zwei großen Koblenzer Altenheimen. „Es war eine gute, aber schreckliche Zeit für mich.“

 

1989 begann ihre Arbeit als Pastoralreferentin im Dekanat Vallendar mit dem Schwerpunkt Jugendarbeit; der Dechant hatte sie ausdrücklich angefordert, dem konnte die Personalabteilung sich nicht verschließen. Hier gründete sie auch sofort eine KSJ-Gruppe.

 

In der Folgezeit geriet sie immer wieder mit der Bistumsleitung aneinander: Anlässe waren öffentliche Äußerungen etwa über das ökumenische Abendmahl oder die Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche.

 

2004 kam Jutta Lehnert zum ersten Mal mit einem Fall von sexuellem Übergriff durch einen Priester konkret in Berührung. Das Schlimmste für sie war es zu erleben, dass weder der Personalchef noch der zuständige Bischof die nötige Sensibiliät für die Schwere des Falls zeigten. Sie sagt dazu: „Mir ist zum ersten Mal klar geworden, wie weit das Böse reicht, das ein Mensch anrichten kann. Es hält auch das Opfer gefangen, auf vielfältige Weise.“

 

Sie las fast alles an Literatur, was zu finden war, vor allem aus Irland und den USA. Daher war sie 2010 auf die Offenlegung der sexualisierten Übergriffe in der deutschen Kirche gut vorbereitet. Die KSJ Trier war so in der Lage, eine theologisch gut fundierte Stellungnahme zu veröffentlichen. Seither wenden sich einzelne Opfer und Opferorganisationen an die KSJ oder an sie persönlich.

 

Die Reaktion der Bistumsleitung blieb nicht aus: Im Frühjahr 2012 wurde sie zum Generalvikar zitiert, nach einem zweistündigen Gespräch erfolgte ein Personaleintrag und das Verbot, öffentlich zu sprechen. „Dagegen habe ich mich verwahrt, ich bin ja Weltbürgerin des 21. Jahrhunderts …“

 

Dass es einen langen Atem braucht, um gegen die Verkrustungen von Strukturen und für eine menschenfreundlichere Kirche zu streiten, ist Jutta Lehnert zutiefst bewußt: „Meine Erfahrung deckt sich mit der des Apostels Paulus, die er in Röm 5 beschreibt: Jede Niederlage macht uns stärker und festigt in uns die Kraft, an der Sache dranzubleiben. Das Wort dafür ist hypomone, das kommt aus der Landwirtschaft und meint die Kraft, die Ochsen aufbringen müssen, um gegen das Joch zu drücken, an dem der Pflug hängt, der Ackerfurchen zieht, in die dann die Saatkörner gelegt werden.“

 

Das Ziel ihrer pädagogischen und politischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hat sie dabei stets vor Augen: „Schließlich sollen sie den aufrechten Gang einüben, den Jesus und viele Christinnen und Christen ihnen vorgelebt haben.“